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Ein Berater in der Datenwolke

Computer Daten Brille [Quelle: Pexels.com, Autor: Kevin Ku]

Quelle: Pexels.com, Kevin Ku

Frank Riemensperger leitet seit zwölf Jahren das Deutschlandgeschäft von Accenture. Unablässig kauft sein Beratungskonzern Unternehmen. Aus guten Gründen, sagt der Informatiker.

Auch in der vergangenen Woche hat Accenture wieder zugeschlagen. Die Unternehmensberater haben angekündigt, den französischen Cloud-Dienstleister Linkbynet mit rund 900 Mitarbeitern zu übernehmen. Im Durchschnitt hat Accenture in den vergangenen beiden Jahren alle zwei Wochen ein neues Unternehmen geschluckt. Nach einer Auszählung der Nachrichtenagentur Bloomberg waren es 65 Zukäufe innerhalb von 24 Monaten – so viele wie bei keinem anderen Unternehmen (F.A.Z. vom 6. März). Mittlerweile arbeiten fast 540 000 Mitarbeiter rund um den Globus für das größte Beratungsunternehmen der Welt. Die Zahl hat sich innerhalb einer Dekade verdoppelt.

Die Geschäfte in den deutschsprachigen Ländern führt seit 2009 der Informatiker Frank Riemensperger. Der gebürtige Südbadener, aufgewachsen in Weil am Rhein bei Basel, ist im Berliner Politikbetrieb ein gefragter Gesprächspartner, wenn es um die Digitalisierung geht. Accenture berät 29 von 30 Dax-Konzernen, und auch der Staat setzt bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung oft auf die Hilfe von Accenture.

Einige Kratzer am Image hat das Beratungsunternehmen im Zuge der Berateraffäre der Bundeswehr erlitten, nachdem sich ein übereifriger Mitarbeiter mit seinen "guten Kontakten" ins Ministerium gebrüstet hatte. Letztlich kam Accenture aber glimpflich davon. Riemensperger ist der Ärger über das Thema noch immer anzumerken. Öffentlich äußern will sich der sonst so redselige Manager dazu nicht.

Gerade hat der 58 Jahre alte Berater ein Buch über "Deutschlands digitale Zukunft zwischen den USA und China" geschrieben. Es geht um den Wettbewerb um die technologische Vorherrschaft und um die Frage, wie sich Deutschland und seine Industrie "in der Pufferzone zwischen zwei Großmächten" behaupten kann. "Der Erfolg hat träge gemacht", schreibt Riemensperger, viele Traditionsunternehmen seien in kurzer Zeit von digitalen Newcomern überholt worden: Deutschland müsse dringend sein "Technologiedefizit wettmachen", könne das aber auch schaffen.

Das Geschäft der Berater boomt, weil Unternehmen für die digitale Transformation Hilfe suchen. Während McKinsey und die Boston Consulting Group gerne mit Vorständen über neue Strategien sprechen, werden die Berater von Accenture auch für das weniger glanzvolle Geschäft der Umsetzung angeheuert. Auch in Deutschland hat Accenture durch viele Zukäufe dafür aufgerüstet: Schon 2017 übernahm Accenture den Hamburger E-Commerce-Spezialisten Sinner-Schrader, ein Jahr später den Stuttgarter Computeranimations-Designer Mackevision (bekannt für die visuellen Effekte in der Serie "Game of Thrones") und die Hamburger Werbeagentur Kolle Rebbe. Später folgten noch die Münchener Technologieberatung Zielpuls und die Würzburger Technologieberatung SALT Solutions.

"Wir verstärken uns mit Spezialdisziplinen, um unseren Kunden das Komplettpaket anbieten zu können", erklärt Frank Riemensperger im Gespräch mit der F.A.Z. Viele Unternehmen leiden an ihren zersplitterten IT-Systemen, die über Jahre gewachsen sind. Es wurden immer mal wieder hier und mal dort neue Funktionen draufgesattelt – bis sie an immer mehr Grenzen stießen. "Oft werden Hunderte, manchmal sogar Tausende Systeme über Transportschichten und Schnittstellen miteinander verbunden", sagt Riemensperger. "Die heutigen IT-Systeme basieren oft auf jahrzehntealter IT-Architektur", berichtet er: "Das ist die heutige 'Legacy'". Mit diesem Wort bezeichnen Informatiker die historisch gewachsenen – manchmal gewucherten – Altsysteme, also die digitale Hinterlassenschaft der Vorgänger, mit der Unternehmen arbeiten und oft genug auch kämpfen müssen.

"Jetzt kommt die Cloud: Das verändert alles", schwärmt Riemensperger. Das Verlagern der IT in die Datenwolke sei nicht bloß der Einkauf von Rechenleistung in einem Rechenzentrum: "Das ganze Sammelsurium der Anwendungen wird wieder zusammengeführt, all die bislang fragmentierten IT-Systeme." Wer seine IT in die Cloud hebe, könne dort wieder die Fragmente verschmelzen und darauf neue Dinge aufbauen wie das Heben der angehäuften Datenschätze, auch mithilfe Künstlicher Intelligenz. Aus dem Zusammenführen bisher isoliert betrachteter Maschinen- und Prozessdaten aus verschiedenen Fabriken der Industrie und teils auch von Zulieferern könnten neue Geschäftsmodelle entstehen. "Wir heben die Altwelt in die Cloud und bauen sie dort in eine neue Architektur um." Doch dafür brauche es Spezialisten aus ganz unterschiedlichen Feldern, die sich Accenture nach und nach einverleibt: Cloud-Fachleute, Branchenkenner, Designer, Werbefachleute und viele andere.

Wie sich IT-Systeme im Laufe der Zeit wandeln, hat Riemensperger in seinem Berufsleben über Jahrzehnte beobachtet. Zwei Jahre nach seinem Studium der Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Furtwangen im Schwarzwald und in Amerika kam er Ende der achtziger Jahre über eine Stellenanzeige in der F.A.Z zu Accenture. Oder genauer: zu Andersen Consulting, wie sich das Unternehmen damals noch nannte. Es war gerade erst als Beratungsableger der amerikanischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen entstanden. Während die Muttergesellschaft ein paar Jahre später im Zuge des Enron-Skandals insolvent werden sollte, entstand aus dem rechtzeitig abgekapselten Beratungsableger später Accenture. Als Riemensperger dort 1989 anheuerte, wurden gerade Entwickler für eine digitale Plattform gesucht. Die Deutsche Terminbörse baute damals mithilfe von Beratern eine erste elektronische Handelsplattform für Termingeschäfte auf. Die Berater sollten die Plattform bauen, das Rechenzentrum verwalten, die Handelsregeln festlegen und die Banken an das System anschließen. "Ende Januar 1990 gab es die Eröffnungsparty", erinnert sich Riemensperger. Aus dieser Plattform sei später das Xetra-System entstanden, das erste vollständig digitale Geschäftsmodell in Deutschland. "Die heutigen IT-Systeme basieren noch immer auf den Architekturen von damals." Der Leitgedanke sei in diesen frühen Jahren der Digitalisierung aber ein anderer gewesen als heute. Es sei meist darum gegangen, bestehende Arbeitsprozesse zu automatisieren. Der Aufbau ganz neuer Geschäftsmodelle auf Basis von Datenmassen sei noch kein Leitgedanke gewesen.

In der Pandemie ist Accenture weiter gewachsen. Rund 44 Milliarden Dollar Umsatz hat das Unternehmen im vergangenen Geschäftsjahr erzielt, unter dem Strich blieben rund 5 Milliarden Dollar Gewinn übrig. Seither hat sich die Situation nochmals gebessert. Kürzlich hat das Unternehmen seine Prognose angehoben. Die Berater rechnen mit einem Umsatzwachstum von mehr als 8 Prozent in diesem Jahr. Der Aktienkurs hat sich in den vergangenen 10 Jahren mehr als verfünffacht.

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