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"Ich sehe für mich keinen Wert in dem Kontakt"

Junge, allein, schwarz-weiß [Quelle: unsplash.com, Autor: Sasha Freemind]

Quelle: unsplash.com, Sasha Freemind 

Die Eltern waren überfordert, distanziert oder krank. Vier junge Erwachsene erzählen, wie sie heute mit ihren Eltern umgehen, und fragen sich: Was bin ich ihnen schuldig?

Egal wie schwierig die Eltern sind, einmal die Woche anrufen und Weihnachten zu Hause sein muss schon sein – es sind ja deine Eltern, oder? Viele Kinder hadern mit Schuldgefühlen, wenn sie diese Nähe eigentlich nicht wollen. Vier junge Menschen fragen sich: Was schulde ich meinen Eltern?

Früher war ich zu beschäftigt mit meinen eigenen Verletzungen

Ilona, 29

Mein Vater ist auf dem Bauernhof seiner Familie groß geworden. Er wollte immer, dass ich wie meine Brüder den klassischen Weg gehe: Ausbildung, Familie gründen, Haus bauen. Aber als ich nach meiner kaufmännischen Ausbildung Journalismus studieren wollte, konnte er das nicht verstehen. "Warum gibst du deinen sicheren Job auf?", hat er mich gefragt. Freunden und Bekannten hat er stolz von mir erzählt. Aber mir hat er das nie gesagt. Nähe konnte er nie gut zeigen. Es hat mich verletzt, dass er mich so wenig unterstützt hat.

Mit 14 habe ich eine Therapie gemacht. Ich hatte eine Depression und die schlechte Beziehung zu meinem Vater hat mich belastet. Mit 17 bin ich zu meinem Freund gezogen, weil ich weg von meinem Vater wollte. Ich habe überlegt, den Kontakt ganz abzubrechen. Aber mir war schnell klar, dass ich das nicht mit mir vereinen kann – und auch nicht will.

Nach dem Tod meines Opas vor drei Jahren habe ich mit meinem Vater über seine Eltern gesprochen. Dadurch konnte ich ihn besser verstehen: Bei ihm zu Hause ging es immer nur um die Arbeit. Er hat fünf Geschwister und seine Eltern hatten einen Hof. Zeit für eine Gute-Nacht-Geschichte hatten sie nie. Ich habe verstanden, dass er schlecht Nähe zeigen konnte, weil er keine Nähe von seinen Eltern erfahren hatte.

Früher war ich zu beschäftigt mit meinen eigenen Verletzungen, um seine Perspektive zu sehen. Heute sagt er auch, dass er mehr Verständnis für mich hätte zeigen sollen. Wir können jetzt als Erwachsene darüber sprechen.

Dadurch sind wir uns wieder näher. Nach zehn Jahren weg aus der Heimat habe ich mich entschieden, wieder in die Nähe meiner Eltern zu ziehen. Ich wollte schon länger zurück in die Heimat ziehen, weil ich da viele Freunde habe und auch um meiner Familie näher zu sein. Das war vor einem Jahr.

Mit der Zeit habe ich mehr Verständnis für meinen Vater entwickelt, aber auch dafür, was mir nicht guttut. Als ich zurückgezogen bin, musste ich zum Beispiel lernen, Grenzen zu setzen: Meine Mutter würde mich am liebsten jeden Tag sehen. Am Anfang hatte ich noch ein schlechtes Gewissen, sie bremsen zu müssen. Aber ich habe ihr klargemacht: Ich habe eine eigene Wohnung und wir werden uns sehen, aber nicht täglich. Sie fragt mich immer noch, ob ich sonntags zum Essen vorbeikommen will. Aber entweder es passt mir oder eben nicht und beides ist okay. 

Ich schulde meinen leiblichen Eltern nichts

 

Lukas*, 27

Es fühlt sich komisch an, meine Eltern Mutter und Vater zu nennen. Ich habe zu beiden seit über zehn Jahren keinen Kontakt mehr.

Meine Eltern haben sich getrennt, als ich zehn Jahre alt war. Mein Vater ist einfach abgehauen. Erst als ich 20 war, hat er noch mal Kontakt zu mir gesucht. Er ist zu uns nach Hause gekommen, aber ich war nicht da. Danach hat er es nicht mehr probiert und ich auch nicht. Da brauchte ich ihn nicht mehr.

Meine Mutter hat mich alleine aufgezogen, aber sie war überfordert. Als Kind habe ich mich gewundert, warum bei uns nie was funktionierte wie bei meinen Freunden: Ich musste den Haushalt alleine machen, einkaufen und kochen. Es war immer chaotisch. Im Briefkasten waren ständig Rechnungen und Mahnungen. Einmal musste ich meiner Mutter mein ganzes Erspartes leihen. Irgendwann war ich nur noch wütend.

Als ich 14 war, hat mir meine Tante angeboten, dass ich zu ihr ziehen kann. Da war ich mega dankbar. Ich habe das als Möglichkeit gesehen zu lernen, wie man normal lebt, wie man einen festen Tagesablauf hat. Wenn ich verschlafen habe, hat sie mich geweckt, wenn ich nach der Schule nach Hause gekommen bin, war Essen da. Mir hat das gutgetan. Wie meine Mutter reagiert hat, weiß ich nicht. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen.

"Ich achte mehr darauf, wie es mir selbst geht" 

Heute mache ich meiner Mutter keinen Vorwurf mehr. Sie hat versucht, ihr Bestes zu geben. Es klingt hart, aber ich sehe keinen Wert für mich, mit ihr weiter Kontakt zu haben. Es kostet mich Zeit und Energie. Ich achte darauf, wer mir guttut und wer nicht. Ich höre öfter: Das kannst du doch nicht machen, das sind doch deine Eltern.

Aus meiner Sicht sind Eltern diejenigen, die sich für dein Leben interessieren und sich um dich kümmern. Das waren meine Tante und meine Großmutter. Das ist meine Familie. Sie haben inzwischen akzeptiert, dass ich keinen Kontakt mehr zu meinem Vater und meiner Mutter haben will. Sie reden auch nicht über die beiden in meiner Anwesenheit, weil ich nichts von ihnen wissen will.

Meine leiblichen Eltern haben sich dafür entschieden, ein Kind zu haben. Ich schulde ihnen nichts. Wenn meine Freunde von Konflikten mit ihren Eltern erzählen, sage ich ihnen: Du musst dir nicht alles gefallen lassen und du darfst dich als 30-Jähriger nicht wie ein Zwölfjähriger behandeln lassen. Aber das heißt nicht, dass sie gleich den Kontakt abbrechen sollten. Bis dahin ist es ein langer Weg.

Mein Vater lädt sein Lebensleid bei meinem Bruder und mir ab 

Philipp*, 26

Als ich meinen Vater einmal besucht und ihn so gesehen habe – körperlich und psychisch krank –, musste ich weinen. Ich hab ihm gesagt: "Es tut mir so weh, dich so zu sehen." Er hat nur gesagt: "Ich weiß." Ich glaube nicht, dass wirklich etwas bei ihm ankommt. Seit der Trennung meiner Eltern vor 18 Jahren hat er meistens alleine in dem Haus gelebt, das er für uns gebaut hat. Er hat Depressionen, aber das konnte er sich jahrelang nicht eingestehen.

Ich habe schon überlegt, den Kontakt zu meinem Vater abzubrechen. Besonders in Phasen, wenn es mir selbst nicht gut geht, kann ich mir nicht lange anhören, wie er nur negativ ist. Immer jammert er: Kein Geld, blöder Job, alles scheiße. Unsere Gespräche sind nie konstruktiv. Er ändert nichts an seinem Leben.

Manchmal bin ich wütend auf ihn. Er lädt sein Lebensleid bei meinem Bruder und mir ab – und fragt nur selten: Wie geht es denn dir? Ich finde das egoistisch.

Mein Bruder war immer geduldiger mit meinem Vater und hat mich an seine guten Seiten erinnert: Er ist liebevoll und versucht für uns da zu sein – auch wenn er es nicht immer hinbekommt. Heute ist mein Bruder manchmal genauso frustriert von ihm wie ich. Aber wir sind uns einig, dass wir den Kontakt nicht abbrechen wollen. Ich weiß nicht, was mein Vater tun würde, wenn mein Bruder und ich nicht für ihn da wären. Wir sind das, worauf er stolz ist. Abgesehen davon würde ich ihn sehr vermissen.

Selbst wenn es frustrierend ist, wie wenig er sich ändert, hilft es mir, offen mit ihm zu sprechen. Ich achte mehr darauf, wie es mir selbst geht. Ich habe die Hoffnung, dass sich sein Leben verbessern kann. Immerhin nimmt er seit einigen Jahren Antidepressiva und geht zumindest sporadisch zur Therapie.

Ich habe nicht mehr die Brille des Sohnes auf. Ich sehe in ihm nicht mehr den starken, liebevollen Papa. Ich sehe ihn durch die Brille eines Erwachsenen.

Ich kann keine andere Kindheit herzaubern 

Vicky, 28

Meine Mutter war alleinerziehend und brauchte immer zwei, drei Jobs, um mich und meine Schwester durchzubringen. Als Kind fiel es mir schwer zu verstehen, warum ich nicht haben konnte, was meine Freunde hatten: Warum muss man um 50 Cent feilschen, warum müssen wir am Wochenende immer auf dem Flohmarkt stehen, warum essen wir so oft Nudeln mit Ketchup?

Auch später war es bei uns anders als bei den Familien meiner Freunde: Wenn meine Kommiliton:innen genervt sind, weil ihre Mütter so oft anrufen, denke ich mir: Ich habe seit drei Monaten nichts von meiner Mutter gehört. Sie weiß fast nichts von meinem Leben. Am I a joke to her? Manchmal wäre ich wirklich gerne wütend. Aber die Wut hilft nicht. Sie bringt sie mir nicht näher und ändert nicht, wie sie tickt.

Ich war zehn Jahre alt, als meine Mutter einen neuen Mann kennenlernte. Sie bekamen zusammen noch ein Kind. Meine ältere Schwester und ich litten unter ihrem neuen Mann. Wenn nur wir beide zu Hause waren, drehte er zum Beispiel die Heizung ab. Wenn er Essen bestellte, dann nur für sich selbst und für meine Mutter und ihre gemeinsame Tochter, nicht aber für meine Schwester und mich. Aus Angst vor Konflikten hat meine Mutter uns selten offen verteidigt.

Wenn ich versuche, mit ihr darüber zu sprechen, fängt sie an zu weinen und verlässt den Raum. Sie erträgt diese Konfrontation nicht. Auch mich wühlen diese emotionalen Gespräche sehr auf.

Ich will mich nicht über meine Mutter stellen, aber ich denke: Vielleicht bekomme ich mein Leben besser hin als sie. Manchmal hilft mir dieser Gedanke, mit ihr umzugehen. Aber es ist kein schönes Gefühl. Es steht mir nicht zu, über ihr Leben zu urteilen, bloß weil sie mich in die Welt gesetzt hat.

Mir hat geholfen, keine Erwartungen mehr an sie als Mutter zu haben. Ich sehe sie als Frau an, die es schwer hatte. Ihr ist viel Scheiß passiert: Sie hatte immer die falschen Männer, schon früh einen Schlaganfall und musste teilweise in drei Jobs gleichzeitig arbeiten, um genug Geld für uns Kinder zu haben. Sie hat sich bemüht, eine gute Mutter zu sein. Aber es war so schwer zu überleben, dass sie gar nicht so sehr Mutter sein konnte. Ihr geht es immer noch nicht gut, aber wir haben heute ein besseres Verhältnis. 

Ich habe verstanden: Ich kann keine andere Kindheit herzaubern. Ich kann meiner Mutter nicht aus ihrer Situation heraushelfen. Ich muss es mir selbst passend machen.

*Hinweis: Zwei der Protagonisten möchten anonym bleiben, um ihre und die Privatsphäre ihrer Familie zu schützen. Die Namen sind der Redaktion bekannt.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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