Soloreisen im Studium: Allein die Welt entdecken

Autor*innen
Caroline Becker
Eine Hand hält einen Papierflieger. Darauf befinden sich eine Kamera, ein Kompass, und der Oberkörper eines Mannes mit Sonnenbrille, der den Daumen hoch hält.

Das Studium bietet Gelegenheit, zu reisen. Aber was, wenn niemand Zeit hat? Drei Soloreisende berichten, was sie fürs Studium und Leben gelernt haben.

e‑fellows.net präsentiert: Das Beste aus der F.A.Z.

Lies bei uns ausgewählte Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und von FAZ.NET.

Allein reisen ist Erstiwochen-Gefühl
Oscar Stübner, 25 Jahre, Master Maschinenbau in Aachen

"Nach meinem Abitur im Jahr 2016 wollte ich unbedingt den John Muir Trail in Kalifornien wandern. Da ich niemanden hatte, der das mit mir machen wollte, bin ich allein für zehn Wochen in die USA geflogen. Ich war auf jeden Fall nervös. Kurz nach meiner Ankunft musste ich mir meine Genehmigung für den Trail abholen, und das schaffte ich tatsächlich nur ganz knapp, denn der Bus zu der Genehmigungsstelle in Lone Pine fuhr nur alle zwei Tage. Als ich die dann hatte, war alles gut. Ich wusste, jetzt geht es in die Berge.

Wenn ich Kommilitonen von meinen Wanderungen berichte, dann denken viele, dass ich allein durch die Wildnis laufe. Das habe ich auch manchmal gemacht, aber meistens habe ich Leute aus aller Welt getroffen. Auf Campingplätzen habe ich mich immer zu anderen ans Lagerfeuer gesetzt. Ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte, wenn ich Freunde dabeigehabt hätte. Ich denke, dass mir das auch den Start ins Studium einfacher gemacht hat, weil es mir nach meiner Reise leichter fiel, auf Fremde zuzugehen, und ich sozialer geworden bin. In den ersten Wochen lernt man an der Universität viele Leute kennen, danach haben die meisten ihre Freunde. Auf Reisen ist das anders. Alle sind in einer ähnlichen Situation und wollen einfach eine gute Zeit haben und neue Leute kennenlernen. Allein reisen ist Erstiwochen-Gefühl – nur ununterbrochen.

Im Studium nahm ich mir deswegen immer wieder ein paar Wochen, um reisen und wandern zu gehen. Mal mit Freunden oder meinem Bruder, aber auch immer wieder allein – zum Beispiel in Spanien. Dort war ich in der Nebensaison, deswegen waren die Hostels recht leer. Normalerweise lernt man in Hostels sehr schnell andere Soloreisende kennen. Bei dieser Reise hat es fast eine Woche gedauert, bis ich einen Engländer traf, mit dem ich gemeinsam in die Stadt etwas trinken bin. Das war aber auch okay. Man lernt beim Alleinreisen auch, mit sich selbst zurechtzukommen.

Dieses Frühjahr bin ich vier Monate lang in den USA den Pacific Crest Trail von der mexikanischen Grenze bis fast zur kanadischen Grenze gewandert. Einmal traf ich dabei in drei Tagen nur zwei Personen. Meistens war ich aber mit Leuten unterwegs, und wenn man fast jeden Abend gemeinsam campt, dann schließt man recht schnell Freundschaften.

Ich mag es auch, per Anhalter zu reisen, weil ich dabei so viele verschiedene Menschen aus dem jeweiligen Land kennenlerne, mit denen ich manchmal noch gemeinsam esse oder in deren Garten ich campen durfte. Bislang habe ich dabei nur positive Erfahrungen gemacht. Generell gibt mir das Reisen Kraft, die Klausurenphasen durchzustehen, weil ich mich auf etwas freue. Und auch nach den Reisen, wenn die Erinnerungen noch frisch sind, bin ich einfach glücklicher und habe richtig Lust, wieder etwas zu lernen."

Allein hat man einfach mehr Freiheiten
Annalena Laurich, 26, Master Politics, Economics and Philosophy, Universität Hamburg

"Ich liebe es, allein zu reisen, weil ich dann einfach machen kann, worauf ich Bock habe. Ich war zum Beispiel schon mehrmals in Rom, aber als ich das erste Mal allein dort war, konnte ich endlich alle Plätze ablaufen, die ich gerne mag. An dem Tag bin ich fast 30.000 Schritte gegangen und war am Ende total kaputt, aber auch sehr glücklich.

Während meines Erasmussemesters 2018 in Litauen machte ich einige Städtetrips im Baltikum. Unter meinen Freunden und Freundinnen gab es niemanden, der Lust hatte mitzukommen oder den ich mitnehmen wollte. Allein hat man einfach mehr Freiheiten, auch wenn es erst mal Überwindung kostet, sich zum Beispiel allein in ein Restaurant zu setzen. Beim ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mich alle beobachten. Deshalb hatte ich mir sogar ein Buch mitgenommen, damit ich beschäftigt bin. Aber diese Unsicherheit muss man einfach ablegen, und dann lässt sich die Zeit allein auch richtig genießen. Das Einzige, was ich auf Soloreisen wirklich vermisse, ist mit Mitreisenden abends darüber reden zu können, was ich erlebt habe. Daher schreibe ich dann Tagebuch, um das Erlebte Revue passieren zu lassen.

Im Sommer 2019 fuhr ich allein mit dem Zug nach Malta. Ich liebe Zugreisen, weil ich so nicht von einem Ort zum anderen katapultiert werde, sondern das Land se­he. Außerdem ist es mir wichtig, klimafreundlich zu reisen. In Siracusa musste ich einmal auf einen Nachtzug warten, und am Bahnhof hatte nichts mehr offen. Das war etwas gruselig. Ich fand dann doch noch ein Restaurant in der Nähe, wo ich richtig langsam eine Pizza aß, um möglichst viel Zeit dort verbringen zu können. Bislang ist bei meinen Soloreisen immer alles gut gegangen, aber wenn ich allein bin, versuche ich Bahnhöfe nachts zu meiden, Frauenzimmer zu buchen und nicht die allerbilligsten Hostels zu nehmen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie bin ich nicht mehr allein gereist, weil ich mich in Mehrbettzimmern nicht wohl gefühlt hätte. Da bin ich dann eher mit meinem Partner und Freunden und Freundinnen weg. Ich möchte aber auf jeden Fall wieder allein reisen, denn ich finde das sehr bereichernd und lerne dabei mehr über Land und Leute, als wenn ich mit Bekannten unterwegs bin. Gerade für mein Studium hat mir das viel gebracht, denn früher oder später sprechen Reisende immer über Politik. In Malta hatte ich eine hitzige Diskussion über Abtreibung, in einer Bar in Riga habe ich im Gespräch gelernt, wie präsent die Sowjetunion dort noch ist. Ich habe einen Einblick in andere Kulturen und Lebensweisen bekommen und da­durch reflektiert, von welchem Standpunkt aus ich die Welt sehe. Mein Ziel ist es, alle Länder in Europa zu sehen. Bislang habe ich 25 geschafft."

Das gibt mir mehr als ein Haus in der Eifel
Stephanie Berners, 31, berufsbegleitender Master Business Consulting & Digital Management in Köln

"Mit Anfang zwanzig habe ich in einer Bank gearbeitet und berufsbegleitend studiert. Ich saß tagsüber im Büro, abends und am Wochenende fürs Studium am Schreibtisch und merkte, dass mich das allein nicht glücklich macht. Daher beantragte ich mein erstes Sabbatical und beschloss, nach Australien zu gehen. Das war meine erste Reise allein, und vorab hatte ich schon Bedenken. Habe ich an alles gedacht? Werde ich Anschluss finden? Am Flughafen waren die Bedenken dann aber wie verflogen, und ich habe mich unfassbar gut und frei gefühlt.

Allein war es für mich viel einfacher, neue Menschen aus anderen Ländern und Kulturen kennenzulernen – insbesondere andere Soloreisende. Teils reiste ich auch mit einer Gruppe und lernte dabei oft Leute kennen, mit denen ich im Anschluss noch gemeinsam weiterreiste. Es gibt einige Anbieter, die speziell Reisen für junge internationale Backpacker anbieten. Ge­rade wenn man länger unterwegs ist, ist es schön, nicht alles planen zu müssen. Bei den Gruppenreisen gibt es einen festen Reiseplan, vor Ort kann jeder schauen, auf was er Lust hat und welche optionalen Aktivitäten man machen möchte – auch ob man mit oder ohne Gruppe was unternehmen will. Das schätze ich, weil ich auch Zeit für mich brauche. Je nach Land fühle ich mich mit einer Gruppe sicherer. In Südamerika etwa war es sehr hilfreich, an abgelegenen Grenzübergängen einen lokalen Reiseleiter dabeizuhaben.

Während meiner Soloreisen konnte ich reflektieren, was mir wichtig ist, und mich in Resilienz üben. Es passieren immer wieder Dinge, die man nicht erwartet und die man allein lösen muss. Das hat mir im Berufsleben und im Studium danach sehr geholfen. Außerdem habe ich mein Englisch verbessert. Inzwischen bin ich 31 Jahre alt. Viele meiner Freundinnen kaufen Häuser, heiraten und gründen Familien. Ich habe Anfang des Jahres meinen be­rufsbegleitenden Master beendet, meinen Job gekündigt und bin los auf Weltreise. Insbesondere mit Blick auf die Familien- und Karriereplanung dachte ich: jetzt oder nie. Die Reaktionen meines Umfelds wa­ren durchwachsen. Was ist mit deiner Beziehung? Findest du danach wieder einen Job? Trotz vieler Bedenken ist mir diese Reise jeden Cent und den ganzen Aufwand wert. Ich lerne so viel über mich und andere Menschen. Das gibt mir mehr als ein Haus in der Eifel. Die Fähigkeiten, die ich beim Alleinreisen festige, wie Resilienz, Selbstorganisation und -verantwortung sind auch in der Berufswelt von Vorteil. Daher bin ich zuversichtlich, dass ich einen neuen adäquaten Job finden werde.

© Alle Rechte vorbehalten. Copyright Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

Bewertung: 4/5 (1 Stimme)

Weitere Artikel zum Studium