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"Liebe ist immer wieder eine Entscheidung"

Pärchen auf dem Dach [Quelle: pexels.com, Autor: cottonbro]

Quelle: pexels.com, cottonbro

Was kann ich aus meiner gescheiterten Beziehung lernen? Wie man seine alten Probleme nicht in die nächste Partnerschaft schleppt, erklärt die Therapeutin Sharon Brehm.

Am Anfang einer neuen Beziehung steht meistens das Ende einer alten. Was sollte man endgültig zurücklassen, und wobei lohnt es sich, es mit in eine neue Beziehung zu nehmen? Die Paartherapeutin Sharon Brehm hat einen Dating-Ratgeber über diese Übergangsphase geschrieben: "Smart Loving – Wie wir echte Liebe finden". Im Interview erzählt sie, wie man sich am besten durch diese Zeit und die Datingwelt navigiert und ob man nicht doch immer wieder bei der gleichen Version Mensch landet.

ZEIT Campus: Ich kenne ein Paar: Er war zuvor mit einer sehr eifersüchtigen Person zusammen und reagiert nun sehr gereizt auf Fragen oder Unsicherheiten seiner neuen Partnerin. Sie hat deswegen das Gefühl, zum Beispiel nicht danach fragen zu können, wen er getroffen oder kennengelernt hat. Wie schafft man es, alte Verletzungen nicht mit in eine neue Beziehung zu nehmen?

Sharon Brehm: Ich kann den Wunsch verstehen, das alles zurücklassen zu wollen, aber die Frage ist eher: Was kann ich in der neuen Beziehung besser machen? Und wie finden die alten Verletzungen einen Platz, ohne die neue Partner:in einzuschränken? Heilung entsteht durch neue Erfahrungen. Wenn man in der alten Beziehung gelernt hat, die Frage "Wo warst du gestern Abend?" führt zu Streit, ist es wichtig, dass die neue Partner:in genau diese Frage wieder stellen darf. Wenn dann alles entspannt bleibt, wird klar: Nicht alle Beziehungen müssen so laufen.

ZEIT Campus: In Ihrem Buch schreiben Sie: "Manchmal werden Menschen zum Kollateralschaden im Krieg gegen unsere Ex-Beziehungen." Was meinen Sie damit?

Sharon Brehm: Manchmal bekommen Wut und Trauer nach einer Trennung nicht genug Raum – weil man sie entweder nicht zulässt oder der anderen Person vieles nicht mehr sagen kann. Die Gefühle suchen sich dann einen anderen Weg, zum Beispiel in sehr hohen Ansprüchen beim Daten. Manche denken, der nächste Mensch muss so perfekt sein, dass man nie wieder verletzt oder enttäuscht wird. Oder er muss besser als der Ex sein, damit man das Gefühl hat zu gewinnen. Wenn man dann eine Person kennenlernt, geht es nicht mehr um die Person, sondern darum, seine letzte Beziehung zu verarbeiten.

ZEIT Campus: Wie kommt man da raus?

Sharon Brehm: Bei Zurückweisung werden in unserem Gehirn Schmerzareale aktiviert – so als hätten wir uns tatsächlich verletzt. Deswegen empfehle ich, sich selbst mit mehr Mitgefühl entgegenzutreten. Man kann sich zum Beispiel positiv zureden und sich erlauben, traurig zu sein anstatt sich selbst zu kritisieren. So würde es auch ein guter Freund oder eine gute Freundin tun. Sonst nimmt man sich selbst die Chance, jemand Neues kennenzulernen und eine neue Beziehungserfahrung zu machen. 

ZEIT Campus: Wie verarbeitet man die guten Erinnerungen an eine vergangene Liebe

Sharon Brehm: Viele Menschen haben das Gefühl, diese schönen Erinnerungen an gemeinsame Urlaube oder Partys nicht haben zu dürfen, weil man vermutet, sonst nie so richtig loszukommen. Aber wenn einem zum Beispiel die Art gefallen hat, wie man gestritten hat oder wie man mit Geld umgegangen ist, kann man das auch mit in die neue Beziehung nehmen. Nicht als Forderung an den neuen Partner, alles genauso zu machen, aber als Vorschlag: "Bei uns hat das gut funktioniert, was waren deine Erfahrungen?"

ZEIT Campus: Wann ist man nach einer Trennung bereit für eine neue Liebe?

Sharon Brehm: Wir wünschen uns immer absolute Klarheit, diesen einen Punkt, an dem man nicht mehr an die oder den Ex denkt, aber gerade bei Beziehung geht es darum, diese Unsicherheit und Gleichzeitigkeit an Gefühlen auszuhalten. Ich war im ersten Lockdown Single und habe mir erlaubt, nicht zu daten. Die Lust, jemand Neues kennenzulernen, kam erst, nachdem ich mich auf meine Trauer, Einsamkeit, Sehnsucht und Schmerz eingelassen hatte.

ZEIT Campus: Brauchen wir überhaupt Liebe und eine Beziehung?

Sharon Brehm: Wir werden nie so erwachsen und unabhängig, dass wir keine anderen Menschen mehr brauchen. Aber es muss nicht immer die Liebesbeziehung sein, wir können auch tiefe und sichere Freundschaften pflegen. Das Problem beim Erwachsenwerden ist dann eher, dass die meisten irgendwann ihre Aufmerksamkeit auf ihre Partnerschaft legen. Dadurch ist ein Großteil dieser sicheren Freundschaften nicht mehr verfügbar, und es wird schwerer ohne eine:n Partner:in. 

ZEIT Campus: Oft hat man genaue Vorstellungen davon, wie ein Mensch zum Zusammensein sein soll – er muss größer sein, sie jünger, bitte keine Fußballfans und gut in der Kommasetzung. Muss man sich irgendwann damit zufriedengeben, dass man nicht alles haben kann? 

Sharon Brehm: Erwartungen können hilfreich sein, weil man konkreter weiß, wonach man sucht. Aber manchmal vergessen wir, warum uns einige Eigenschaften überhaupt wichtig sind. Die Körpergröße sagt beispielsweise nichts über den Charakter eines Mannes aus oder darüber, wie präsent er ist. Trotzdem wird Größe bei Männern häufig mit Attraktivität assoziiert. Das ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Wenn man diesem entsprechen möchte, geht es darum, Anerkennung von außen zu bekommen. 

ZEIT Campus: Landet man am Ende immer beim gleichen Typ Mensch? 

Sharon Brehm: Häufig wiederholen sich Beziehungsmuster. Unser Gehirn liebt einfach Sachen, die es schon kennt, auch wenn sie eigentlich nicht gut für uns sind. Es gibt den Unterschied zwischen einer attraction of deprivation und einer attraction of inspiration: Manche Leute ziehen uns an, weil sie uns das Gefühl geben, da ist ein Mangel – bei ihnen oder bei uns selbst; andere Menschen ziehen uns an, weil sie uns inspirieren und etwas Neues hinzufügen. Pick-up-Artists arbeiten zum Beispiel mit einer attraction of deprivation, weil sie versuchen, jemanden zu verunsichern und selbst möglichst wenig emotional zu investieren. Wenn eine Person emotional nicht verfügbar ist, kann das bei der anderen zu Selbstzweifel führen. In so einer Beziehung wird man eher verletzt, in inspirierenden Beziehungen wächst man eher über sich hinaus. Es kann total befreiend sein, bewusst mal etwas anderes auszuprobieren und mehr nach einer attraction of inspiration zu suchen.

ZEIT Campus: Wann sollte man sich die Frage "Passen wir überhaupt zusammen?" am besten stellen – beim ersten Date, nach der ersten gemeinsamen Nacht, wenn sowieso schon alle Signale auf Beziehung stehen?

Sharon Brehm: Es gibt darauf zumindest keine endgültige Antwort nach dem ersten Date. Wir finden das erst in vielen kleinen Alltagssituationen heraus. Liebe ist immer wieder eine Entscheidung, und auch langfristig glückliche Paare erzählen, dass man sich diese Frage immer wieder stellt. Nicht so fundamental, dass sie sich direkt trennen würden; es ist eher ein "Ist das noch gut oder müssen wir etwas verändern?".

ZEIT Campus: Sie schreiben "Die Person, die wir auswählen, ist nicht annähernd so wichtig wie die Beziehung, die wir aufbauen." Warum sind Dynamiken entscheidend? 

Sharon Brehm: Mir hat der Blick auf die Dynamiken geholfen, von einem Perfektionismus abzukommen oder mich auf die Erwartungen an die andere Person zu versteifen. Oft glaubt man, wenn man nur ein bisschen perfekter, schlanker, größer oder reicher wäre, würde man die Beziehung und Liebe bekommen, die man sich wünscht. Aber es liegt weniger daran, wie ich bin, sondern viel eher daran, wie ich mit einer anderen Person bin. Und auf diese Dynamik haben wir Einfluss, wir sind ein Teil davon. 

ZEIT Campus: Es gibt diese weitläufige Idee, wir würden uns nur drei Mal in unserem Leben verlieben. Was ist da dran? 

Sharon Brehm: Die Theorie stammt von der Kulturanthropologin Helen Fischer. Sie sagt, wir hätten drei Typen von Beziehungen in unserem Leben: Bei der ersten – meist unsere Jugendliebe – ist alles schön und niedlich und Honeymoon. Die zweite Beziehung ist eine, in der wir viel lernen und uns an einer Person richtig abarbeiten. Die dritte fühlt sich dann unglaublich sicher und nach Ankommen an. Aber es gibt nicht nur drei Menschen, die wir lieben können, und dann ist alles vorbei. Es geht darum, dass sich Beziehungen ganz unterschiedlich anfühlen können, und nichts davon muss schlecht oder falsch sein. 

ZEIT Campus: Wie ist es eigentlich, als Paartherapeutin zu daten? 

Sharon Brehm: Ich glaube, dass es für die andere Person ein bisschen Mut braucht, sich darauf einzulassen. Umso schöner, wenn sie es schafft, mich zu sehen und nicht nur eine klischeehafte Vorstellung einer Paartherapeutin. Das gilt auch für andere Menschen. Wenn wir bereits beim Daten uns selbst zeigen, haben wir auch die Chance, eine Beziehung zu führen, in der Raum für  Bedürfnisse, Kompromisse und Ehrlichkeit ist. 

 © ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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