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Einblicke in die Laufbahn als Aktuar:in

Interview mit Oliver Stoll

Mathematik-, IT- und Physikstudierenden stehen viele Karrierewege offen. Eine attraktive Option: Die Karriere als Aktuar:in. Aber: Wie wird man eigentlich Aktuar:in? Und: Zu wem passt der Beruf? Wir haben einem Aktuar Löcher in den Bauch gefragt – zu den Themen Einstieg, Laufbahn und Berufsalltag. Er hat uns einen ehrlichen Einblick gegeben.

e-fellows.net: Hallo Oliver! Seit über zehn Jahren arbeitest du als Aktuar und das in den verschiedensten Kontexten. Wir freuen uns sehr, dass du dir die Zeit nimmst, Studierenden auf e-fellows.net einen Einblick in die aktuarielle Tätigkeit zu geben! Vielen Dank! Zunächst möchten wir dich gerne kennenlernen. Wer bist du, was hast du studiert, wo hast du bisher gearbeitet und was machst du im Moment?

Oliver Stoll: Ich bin 50 Jahre alt, habe Mathematik und Physik in Tübingen, in den USA und in Australien studiert.

Meine Karriere habe ich bei einer auf die aktuarielle Beratung spezialisierten Unternehmensberatung gestartet. Während meinen ersten drei Berufsjahren habe ich eine berufsbegleitende Weiterbildung als Aktuar (=Versicherungsmathematiker) absolviert. Diese Weiterbildung wird von der Deutschen Aktuarvereinigung e. V. (DAV) organisiert und umfasst Themen der Versicherungsmathematik und einige weitere für Aktuar:innen relevante Aspekte. Danach bin ich in die Schweiz gezogen und war dort für Versicherungsunternehmen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften tätig.

Im Jahr 2014 habe ich meine eigene Firma gegründet und arbeite nun als Unternehmensberater für Versicherungsgesellschaften, mit Fokus auf Themen der Lebensversicherung und des Risikomanagements. Neben der Weiterbildung als Aktuar habe ich auch eine Ausbildung als eidgenössisch diplomierten Finanzanalytiker und Chartered Financial Data Scientist abgeschlossen.

e-fellows.net: Vielen Dank für diesen kurzen Abriss! Zum Studium haben wir noch eine Frage. Du hast zum Thema "Geometric evolution equations in general relativity" promoviert. Das ist sicher ein Thema, das recht weit weg von den Fragestellungen liegt, denen sich Aktuar:innen in ihrer täglichen Arbeit widmen, oder gibt es Parallelen? Inwiefern hat dich das Studium auf deine Tätigkeit als Aktuar vorbereitet?

Oliver Stoll: Interessante Frage – ehrlich gesagt, seitdem ich die Universität verlassen habe, hat sich niemand mehr für mein Promotionsthema interessiert. Ich muss auch betonen, dass ich die Promotion nicht abgeschlossen habe.

Ich war bei der Themenwahl etwas übermotiviert und hatte mir in Abstimmung mit meinem Betreuer ein sehr interessantes und anspruchsvolles Thema ausgesucht. Leider bin ich damit auch in drei Jahren nicht so weit vorangekommen, wie es für eine Dissertation notwendig gewesen wäre. Im Rückblick wäre es also besser gewesen, wenn ich ein Thema gewählt hätte, das vielleicht weniger attraktiv, aber dafür leichter zu bearbeiten gewesen wäre ...

Zurück zur Frage: Ich habe in meinen 20 Berufsjahren tatsächlich keine Differentialgleichungen lösen müssen. Allerdings sind viele Meta-Skills sehr wichtig, die ich im Studium gelernt habe: sich eigenständig (mit nur minimaler Anleitung) in Probleme einzuarbeiten; mathematische Modelle für Probleme zu erstellen und diese dann auch quantitativ lösen zu können; kritisches Hinterfragen von Problemstellungen, -lösungsvorschlägen und Ergebnissen. Nicht zuletzt auch eine gewisse Frustrationstoleranz, wenn manches nicht so schnell oder leicht geht wie erhofft. Und auch meine Englischkenntnisse, die ich in den USA und in Australien perfektioniert habe, waren für internationale Einsätze immer sehr hilfreich.

e-fellows.net: Dann würde uns noch interessieren: Du bist sowohl bei Versicherungen, als auch bei Wirtschaftsprüfungen tätig gewesen. Wie unterscheidet sich die Tätigkeit als Aktuar in Abhängigkeit vom jeweiligen Arbeitgeber?

Oliver Stoll: Die Versicherungsmathematik ist natürlich universell und damit unabhängig vom Arbeit- oder Auftraggeber. Allerdings denke ich schon, dass es – sehr generalisiert – auch Unterschiede gibt. Bei einem Versicherungsunternehmen hat man oft einen festen Aufgabenbereich, den man über einen längeren Zeitraum betreuen kann. Das bedeutet, dass man viel Zeit hat, sich einzuarbeiten und dann irgendwann zur Spezialistin bzw. zum Spezialist wird, die bzw. der jede Verästelung kennt. Auch hat man meist eher geregelte Arbeitszeiten und weiß oft klar, welche Tätigkeiten innerhalb eines Kalenderjahres wann erledigt werden müssen.

Bei der Wirtschaftsprüfung hat man als Aktuar:in meist zwei Tätigkeitsfelder: zum einen die Unterstützung der Wirtschaftsprüfer:innen beim Audit (hier ist die Arbeitslast klar am Jahresanfang) und darüber hinaus die Durchführung von Beratungsprojekten (natürlich bei anderen Kunden, um die Unabhängigkeit als Prüfer:in zu gewährleisten).

Hier hat man oft weniger geregelte Arbeitszeiten: Manchmal ist etwas weniger los (zum Beispiel im Sommer), oft muss man jedoch kurzfristig und ohne große Vorwarnung viel Arbeitsleistung erbringen und hat dann auch weniger Freizeit. Auch ist der Inhalt der Arbeit nicht langfristig planbar, fast jedes neue Beratungsprojekt bringt auch neue Themen mit sich. Man muss sich direkt im Projekt in die Thematiken und Systeme der Kunden einarbeiten und dabei sehr viel an Flexibilität zeigen. Dafür hat man eine sehr steile Lernkurve und bekommt einen sehr guten Überblick, welche Themen aktuell für die Kunden besonders wichtig sind. Zudem kann man sich ein sehr großes Netzwerk innerhalb der Branche aufbauen. Ich persönlich habe die Abwechslung sehr zu schätzen gewusst.

e-fellows.net: Gibt es neben Versicherern und Wirtschaftsprüfern weitere Unternehmen, Branchen und Tätigkeitsfelder, in denen Aktuar:innen arbeiten?

Oliver Stoll: Neben Wirtschaftsprüfern würde ich auf jeden Fall auch Beratungsunternehmen nennen wollen. Teilweise bieten Wirtschaftsprüfer auch Consulting an. Die Beratungsunternehmen sind bei der Kundenauswahl aber meist flexibler, weil sie nicht auf bestehende Audit-Mandate Rücksicht nehmen müssen.

Darüber hinaus gibt es viele Stellen bei den Aufsichtsbehörden (BaFin in Bonn, EIOPA in Frankfurt) und man kann sich, die geeignete Berufserfahrung vorausgesetzt, auch selbständig machen.

e-fellows.net: Daran anschließend: Welche Karrieremöglichkeiten gibt es für Aktuar:innen? Welche Aufstiegsmöglichkeiten und langfristige Berufsaussichten gibt es?

Oliver Stoll: Zum einen kann man eine klassische Fachkarriere machen, indem man sich in einem Gebiet spezialisiert. Dies bedeutet aber nicht, dass man dem Spezialgebiet ein Leben lang treu bleiben muss. Ich kenne viele Kolleg:innen, die nach einiger Zeit die Aufgabe oder Abteilung gewechselt und sich dann in eine andere Materie neu eingearbeitet haben.

Des Weiteren kann man auch anstreben, als Führungskraft aufzusteigen. Damit hat man dann nicht nur die fachliche Verantwortung für bestimmte Themen, sondern muss auch das Team leiten, sowohl organisatorisch als auch von der Teamführung her (Mitarbeitergespräche etc.). Je höher man dann in einer Organisation aufsteigt, desto größer wird der Anteil der nicht-aktuariellen Aufgaben.

Eine besondere Konstellation hat man in der Unternehmensberatung: Hier bekommt man mit zunehmender Erfahrung und steigender Hierarchie auch Umsatzziele vorgegeben. Das bedeutet, man muss selbst bzw. zusammen mit dem Team neue Projekte oder Kunden akquirieren und man wird sehr stark an den erzielten Umsätzen gemessen.

Wer sich selbständig macht, ist zu Anfang für alles oben genannte zuständig: Akquisition von Projekten, Durchführung von Projekten, Abrechnung und die ganzen administrativen Aufgaben, die in einem Unternehmen anfallen (Abrechnung Mehrwertsteuer, Abschlüsse, gegebenenfalls Abrechnung mit der Sozialversicherung). Plus Mitarbeiterführung, falls man selbst Mitarbeitende einstellt.

Am Ende muss jeder selber schauen, welche Aufgaben einem gefallen und das Schöne ist, dass man auch ausprobieren kann, was einem liegt, weil Aktuar:innen sehr gefragt sind.

e-fellows.net: Das sind ja attraktive Aussichten! Aber wie weiß ich als Student:in jetzt, ob der Beruf auch zu mir passt? Welche Fähigkeiten, welches Vorwissen, welche Neigungen und Interessen sollte ich mitbringen?

Oliver Stoll: Einige Universitäten bieten spezielle Studiengänge an, mit denen man schon fast alle Anforderungen an das aktuarielle Wissen abdeckt. Teilweise hat man so schon mit dem Studium einen großen Teil der notwendigen Prüfungen für die Aufnahme in die Deutsche Aktuarvereinigung abgedeckt.

Ansonsten genügt ein Studium der Mathematik oder verwandter Fächer (zum Beispiel Physik). Meiner Ansicht nach sollte man mit mathematischen Konzepten umgehen können, ein Interesse an finanziellen Zusammenhängen haben, keine Berührungsängste mit Programmiersprachen haben (oft muss man auch als Aktuar:in Abfragen in Exoten-Systemen erstellen) und ein Grundinteresse an Versicherungsthemen haben.

Vielleicht wäre es auch hilfreich, wenn man versteht, wie eine Bilanz und Erfolgsrechnung aussieht und entsteht. Dieses Wissen hat mir zum Arbeitsbeginn tatsächlich gefehlt.

Und es ist sicherlich hilfreich, wenn man sich sehr gut in Excel auskennt, weil dieses Programm, trotz aller damit verbundenen Nachteile, immer noch das Arbeitspferd in unserem Bereich ist. Und Englisch ist, gerade bei internationalen Unternehmen, üblicherweise die Firmensprache.

Mein Tipp: Mach ein oder zwei Praktika bei einer Versicherung, dann wirst du schnell sehen, ob dir das Arbeitsumfeld liegt. Ich hatte nämlich während meines Studiums kein einziges Praktikum gemacht, und wusste dann nach meinem Abschluss tatsächlich nicht, in welche Richtung es gehen sollte oder könnte.

e-fellows.net: Das ist ein sehr guter Tipp, vielen Dank!

An dieser Stelle möchten wir die Leserinnen und Leser gerne noch einmal auf das Online-Event Perspektive Aktuarwesen am 28. September 2023 verweisen, das eine exzellente Möglichkeit bietet, sich über offene Praktikumsstellen bei den teilnehmenden Unternehmen zu informieren. 

Zum Abschluss möchten wir dir gerne noch zwei persönliche Fragen stellen. Kannst du dich noch an deine Anfangszeit als Aktuar erinnern? Was waren die Herausforderungen, Freudenmomente und Lessons learned?

Oliver Stoll: Ich habe die Zeit meines Studiums sehr genossen. Damit meine ich nicht Studentenpartys (ich war nie der Partygänger), sondern, dass ich sehr selbstbestimmt arbeiten konnte. Ich fand es spannend, neues Wissen zu erwerben, und damit nach einiger Zeit auch größere Zusammenhänge zwischen den Fachbereichen erkennen zu können. Man konnte auch Vorlesungen belegen, einfach, weil sie einen interessierten. Unabhängig davon, ob man den Schein noch benötigte.

Der Einstieg in das Berufsleben hat daher für mich doch eine gewisse Umstellung gebracht: ein Vorgesetzter, der einem Aufgaben und Ziele vorgibt, ein hoher zeitlicher Druck inklusive Abgabetermine, dadurch bedingt der Fokus auf die direkte Erledigung der Arbeiten und dass ich als Berufseinsteiger erst einmal wieder von ganz vorne anfangen musste.

Besser wurde es, als ich etwas Erfahrung aufbauen konnte und auch meine Kolleg:innen meine Arbeit zu schätzen wussten. Ich konnte dann selbständig zu Kunden gehen und zum Beispiel deren aktuarielles Berechnungsmodell so verbessern, dass sich die Laufzeit deutlich reduziert hatte. Der Kunde war beeindruckt, und ich war stolz auf meinen Beitrag dazu!

e-fellows.net: Und zu guter Letzt: Du arbeitest seit mehr als zehn Jahren als Aktuar. Was sind deine Highlights? Was reizt dich an deiner Tätigkeit? Wieso bist du dabeigeblieben?

Oliver Stoll: Die Arbeit als Aktuar ist intellektuell anspruchsvoll, dadurch wurde es mir nie langweilig. Man kann sich – natürlich in gewissen Grenzen – mit seinen Vorstellungen einbringen und ich habe Kolleg:innen, die wie ich mathematisch vorgebildet sind, daher oft ein ähnliches Mindset haben und unzureichende Argumentationen sehr schnell durchschauen können.

Die Berufsaussichten sind sehr gut, es gibt immer wieder neue berufsbegleitende Weiterbildungen, mit denen man sich neue Kenntnisse aneignen kann und der Bedarf an Aktuar:innen ist weiterhin hoch.

e-fellows.net: Vielen herzlichen Dank für deine Zeit und die spannenden Einblicke!

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