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Die 5.000 Euro, die ich als Praktikant kriege, sind Schmerzensgeld

Business, Zeitung, Rolex, Anzug [Quelle: unsplash.com, Autor: Adeolu Eletu

Quelle: unsplash.com, Adeolu Eletu

In Filmen wie "Bad Banks" oder "The Industry" dealen junge Banker:innen mit Millionen, schieben Allnighter und feiern wilde Partys. Alles nur Klischee? Drei BWL- & VWL-Studierende sagen: Nein.

An manchen Tagen sitze ich bis zum nächsten Morgen um vier Uhr im Büro.

"Vor zwei Jahren hatte ich Krebs und dachte: Fuck, das kann jetzt alles schnell enden. Ich wollte nicht das Gefühl haben: Da wäre schon noch mehr gegangen. Also habe ich angefangen, Gas zu geben, als ich wieder gesund war, und bin in Richtung Investmentbanking gegangen. 

Gerade mache ich ein Praktikum bei einer Investmentbankingboutique. Dort verdiene ich um die 5.000 Euro brutto im Monat. Das Gehalt hat zum Teil mit der Wertschätzung für meine Arbeit zu tun, ist aber auch eine Art Schmerzensgeld für die Arbeitszeiten. An manchen Tagen arbeite ich bis acht oder neun Uhr abends, an anderen sitze ich bis zum nächsten Morgen um vier Uhr im Büro. 

Mein Tag sieht normalerweise so aus: Ich starte gegen zehn Uhr und dann gibt es drei Hauptaufgaben: Das erste Drittel des Tages bin ich in Calls mit Kollegen oder Kunden, wir besprechen Präsentationen und Geschäftsmodelle. Ich bin der Niedrigste in der Nahrungskette und schreibe die Protokolle. Das zweite Drittel verbringe ich damit, Präsentationen zu bauen, darin geht’s zum Beispiel um Unternehmensübernahmen oder Finanzierungsrunden. In der Beratung sind PowerPoint und Excel die Tools Nummer eins, damit baue ich dann ein Infomemorandum oder einen Teaser, das heißt, Dokumente für die Transaktionen mit Informationen, die im Rahmen eines Unternehmensverkaufs potenziellen Investoren zur Verfügung gestellt werden.   

Viel wird auch ad hoc gemacht, wenn der Kunde zum Beispiel sagt, wir haben ein Board-Meeting, wir wollen ein Bewertungsupdate, dann muss ich auch mal kurzfristig ein Dokument basteln, aus dem hervorgeht, was ein Unternehmen in dem Moment ungefähr wert sein könnte. Der dritte Teil ist das Modelling, dabei bilden wir ein ganzes Unternehmen in einem Modell in Excel ab. Das mach ich mit Kollegen zusammen. Im Moment ist es nicht so stressig, ich schlafe mehr als fünf Stunden und habe auch mal Downtime. Aber es kann schnell auch wieder stressig werden, dann stapeln sich die Aufgaben einfach nur noch. 

Wenn man denkt, man kann sich jetzt nicht 18 Stunden am Stück konzentrieren, dann sage ich: Man kann. Stress ist der beste Kaffeeersatz. Wenn mir fünf Leute nonstop schreiben: Wann ist die Präsentation fertig? Wir brauchen die jetzt! Das muss heute noch raus! Und ich weiß, ich habe noch sieben Stunden Arbeit und muss sie in drei Stunden erledigen, dann bin ich wach und fit und kann mich konzentrieren. Das klingt jetzt negativ, aber ich finde dieses Stresslevel cool. Eigentlich habe ich permanent das Gefühl, überfordert zu sein, aber dadurch lerne ich extrem viel. Ich hatte an der Uni nicht mal einen Accounting-Kurs. Banking ist keine rocket science, ich mache nichts krass Mathematisches und auch die anspruchsvollen Aufgaben sind nicht unfassbar komplex.

Ich finde Investmentbanking auch so sexy, weil ich danach alles machen kann. Das ist wie ein Stempel, die Leute wissen, du kannst erstens hart arbeiten und bist zweitens nicht komplett blöd. Außerdem kann man damit viel Geld verdienen. Zurzeit ist Bonusseason, das heißt, alle Festangestellten bekommen ihre Boni fürs Jahr. Mein Chef hat uns Praktis dann in der Mittagspause zu viert zum Sushiessen eingeladen, für mehrere Hundert Euro. Das fand ich wild, aber auch cool. Ich habe Bock irgendwann so viel Geld zu verdienen, dass ich sagen kann: Ich arbeite, wie ich will, wann ich will und wo ich will. Oder auch gar nicht mehr. Den Punkt will ich nicht erst mit 75 Jahren erreichen. Aber erst mal mache ich jetzt meinen Master in Paris. Dafür habe ich einen Kredit von 40.000 Euro aufgenommen und starte danach erst mal für zwei, drei Jahre im Banking."

Ich erwarte keine 35-Stunden-Woche, wenn ich auf etwas Lust habe, dann bin ich happy to work more.

"Der Wert der Transaktionen, mit denen ich zu tun habe, hat sich seit meinem ersten Praktikum extrem gesteigert: Am Anfang waren das Millionen, jetzt bin ich bei mehreren Hundert Millionen angekommen. Bei einer der weltweit größten Investmentbanken, wo ich im Sommer 2023 mein Praktikum in London machen werde, werden das dann eher Milliardenbeträge sein. Die Summen, die ich in einem Kaufvertrag lese, beeindrucken mich immer noch.

Mir ist schon klar: Als Investmentbanker zu arbeiten, ist kein 'normaler' Job. Alles ist krass: Die Arbeitszeiten, die Beträge, das Gehalt. Wenn ich nach dem Bachelor direkt als Analyst bei einer Bank einsteigen würde, würde ich mit Bonus wahrscheinlich zwischen 100.000 und 150.000 Euro im Jahr verdienen.  

Gerade bin ich für drei Monate bei einer Beratungsboutique in Frankfurt am Main, welche sich auf Mergers-&-Acquisitions-Prozesse und Deal-Advisory spezialisiert hat. Das heißt: Wir beraten Unternehmen in einem Kaufs- oder Verkaufsprozess.

Meistens komme ich morgens um neun Uhr ins Office, dann checke ich meine E-Mails und Prios für den Tag. Im Investmentbanking ist alles eher hierarchisch geregelt: Als Praktikant machst du die Arbeit für die Leute über dir. Das heißt, die Analysten geben mir eine Aufgabe, ich baue eine Präsentation, der Analyst gibt mir Feedback, dann geht's an den Associate, der kommentiert, und irgendwann landet es beim Vizepräsidenten und beim Kunden. Davon bekomme ich aber nur in den wenigsten Fällen etwas mit. Diese sogenannten Feedback-Loops können manchmal zwei Wochen, manchmal zwei Stunden dauern.

Schon im Praktikum verdiene ich über 1.000 Euro. Das ist für mich viel Geld, besonders wenn ich bedenke, dass ich hier in Frankfurt fast keine zusätzlichen Ausgaben habe. Abendessen gibt's in der Bank, jeder kann für 25 Euro Essen bestellen, jeden Abend. Auch die Heimfahrt mit dem Taxi wird übernommen.

In meinem ersten Praktikum bei einer anderen Investmentbankingboutique habe ich etwa 60 Stunden in der Woche gearbeitet, bei einem Konzern waren es um die 40 Stunden, mittlerweile bin ich bei 75 Stunden angekommen. Es gibt kein Argument der Welt, das diese Arbeitszeiten rechtfertigt. Aber ich erwarte keine 35-Stunden-Woche, wenn ich auf etwas Lust habe, dann bin ich happy to work more. Das war schon an der Frankfurt School so, wo ich im vierten Semester BWL studiere: In der Klausurenphase sitzen meine Kommiliton:innen und ich manchmal bis 23 Uhr in der Bib und lernen. 

Dass ich BWL studieren will, wusste ich schon in der Oberstufe, Wirtschaft hat mich fasziniert, die EZB, der Leitzins. Ich bin der Erste in meiner Familie, der studiert; mein Vater betreibt ein Taxiunternehmen, meine Mutter arbeitet in der Tourismusbranche. Mein Weg wurde mir also nicht in die Wiege gelegt. Und ich habe gelernt: Man kann viel erreichen, wenn man sich reinhängt.

Als ich dann im ersten Semester den Der BWL-Podcast von David Döbele und Jonas Stegh gehört habe, dachte ich erst: Ich versuch's allein, habe um die 20 Bewerbungen geschrieben und nur Absagen bekommen. Mir fehlte ein guter Überblick. Dann habe ich mich fürs Elitecoaching von Pumpkin angemeldet. Das ist zwar teuer und kostet mehrere Tausend Euro, aber hat mich gut vorbereitet. Hier habe ich beispielsweise Listen mit Unternehmen bekommen, bei denen man auch schon ohne große Vorerfahrung Chancen hat, meine Bewerbungsunterlagen auf- und die Interviews vorbereitet. Denn ich wusste: Die Praktika sind begehrt und schwer zu bekommen. Nur mit dem Unibackground an so ein Praktikum in London zu kommen, wäre für mich schwer realisierbar gewesen."

Bei der Investmentbankingboutique habe ich oft zwischen 80 und 90 Stunden in der Woche gearbeitet.

"Am Anfang des Praktikums ist es, als würde man gegen eine Wand rennen, die neuen Aufgaben, das Tempo, der Druck. Man wird mit der Realität des Investmentbankings konfrontiert und wenn man dafür nicht geschaffen ist, fliegt man schnell raus. Einige Praktikant:innen kündigen schon nach ein paar Wochen – oder werden gekündigt. Ich bin geblieben. Ich will Investmentbanker werden. 

Als ich mich im ersten Semester für BWL eingeschrieben habe, hatte ich keine Ahnung, was ich genau machen will. Aber man entscheidet sich ja für einen Weg: Will ich den klassischen Nine-to-five-Job? Oder will ich was mit Verantwortung und Lernkurven? Mir gefällt das Letzte besser. 

Also habe ich meinen Fokus im Studium auf Business Administration gelegt. Fürs Auslandssemester war ich in China, danach bei einem Hedgefonds in Hongkong im Praktikum, im Anschluss daran war ich in der Mergers-&-Acquisitions-Abteilung eines großen Unternehmens. Im Sommer 2021 habe ich ein Praktikum bei einer der führenden Investmentbankingboutiquen im Immobilienbereich gemacht. Da habe ich oft zwischen 80 und 90 Stunden in der Woche gearbeitet.

Innerhalb des Teams war der Zusammenhalt groß: Wenn ich um 2 Uhr fertig war, habe ich den anderen Praktis geholfen, sodass wir alle um drei Uhr nachts gehen konnten. Das schweißt zusammen. Insgesamt ist der Zusammenhalt auf der Juniorebene groß, das sind die Geknechteten. Da ist wenig Konkurrenz, weil die Beförderungen klar strukturiert sind. Man arbeitet zwei, drei Jahre als Analyst, dann wird man Associate, und so weiter. Konkurrenz innerhalb des Teams wäre toxisch, das ist wie früher in der Schule bei der Gruppenarbeit, wenn einer herausstechen möchte, dann wird das nichts. 

Einmal habe ich auch einen Allnighter gemacht, das heißt, ich habe durchgearbeitet. Ich war bis sieben Uhr morgens in der Bank, bin dann mit dem Taxi nach Hause gefahren, hab geduscht und bin wieder ins Office. Das hatte ich aber selbst verschuldet, ich hatte in der Präsentation einen Fehler gemacht. Normalerweise arbeitet man nicht 18 Stunden lang durch. Man macht auch mal Pausen und geht einen Kaffee trinken. 

Wenn ich morgens den Kopf freibekommen wollte, bin ich mit dem E-Scooter ins Office gefahren oder abends mal zu Fuß nach Hause gegangen, statt mit dem Taxi zu fahren. Beim Einschlafen hilft mir eine Gewichtsdecke, die ist so acht, neun Kilo schwer. Sie fühlt sich an wie eine Umarmung. An den Wochenenden habe ich den Schlaf aus der Woche nachgeholt, und am Sonntag mit Freund:innen gekocht, zum Beispiel chinesisch. Nach einem Geschäftsabschluss werden die Geschäftspartner und die Praktis von den Analysten meistens zum Feiern eingeladen, zum Beispiel ins Gibson in Frankfurt am Main. Solche Partys kenne ich aber nur aus Geschichten von Kolleg:innen, ich habe die verpasst, weil Corona war. 

Vor meinem Praktikum im Winter 2020 hatte ich eine Depression. Da habe ich mich schon gefragt: Mach ich alles richtig? Was will ich in meinem Leben erreichen? Und mir ist dann klar geworden, dass mir Ausgleich und meine Freunde auch sehr wichtig sind. 

Gerade mache ich ein Praktikum bei einem Start-up in Berlin in der Finanzabteilung und bin auf der Kundenseite der Banken, das heißt, Banken beraten uns. Da verdiene ich um die 2.000 Euro brutto, arbeite nur 40,5 Stunden die Woche, das kriege ich gut hin.

Viel zu arbeiten ist heute in der Gesellschaft kaum noch akzeptiert. Viele sagen, bei 40 Stunden, da bin ich doch voll ausgelastet. Zwar arbeitet man bei einer Investmentbank als Analyst 80 bis 100 Stunden, aber man verdient entsprechend. Ein Basisgehalt kann zwischen 75.000 und 85.000 Euro liegen, plus Bonuszahlungen, die auch mal ein Jahresgehalt sein können.

Meine Eltern haben mich nicht mit der Rolex am Arm erzogen und mit Champagnerpartys kann ich nichts anfangen. Ich muss kein Einkommensmillionär sein, ich möchte aber so viel Geld zur Seite legen, dass ich mir eine Wohnung kaufen kann und mir keine Sorgen machen muss."

*Der Name von Paul ist geändert, aber der Redaktion bekannt.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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