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Promotion, Universität, Abschluss, Freude [Quelle: unsplash.com, Autor:  Juan Ramos]

Quelle: unsplash.com, Juan Ramos 

... dauert eine Promotion in Deutschland durchschnittlich. Promovierende erzählen, worauf man sich einlässt.

Entscheiden: Soll ich promovieren?

"Schon als ich meine Bachelorarbeit in Biologie abgegeben habe, hatte ich das Gefühl, dass ich mal promovieren möchte. Für die Arbeit habe ich eine In-vitro-Methode optimiert, um die Interaktionen von Proteinen besser untersuchen zu können. Damals war ich jeden Tag im Labor und habe in meiner Arbeitsgruppe (1) immer wieder mit Doktorand:innen gesprochen, über ihre Projekte, ihre Entscheidung für eine Promotion und manchmal auch über ihre Pläne für danach. Mit meiner Bachelorarbeit habe ich einen kleinen Teil zu einem Forschungsprojekt beigetragen, so läuft das ja oft in den Naturwissenschaften. Den Gedanken ans Promovieren habe ich danach erst mal wieder beiseitegeschoben, das fühlte sich einfach zu weit weg an.

Erst im dritten und vierten Semester meines Masters habe ich mich ernsthaft gefragt, wie es später weitergehen könnte. Eine Kommilitonin, die ihre Masterarbeit in derselben Arbeitsgruppe geschrieben hatte wie ich, schaute sich nach Jobs in der Industrie um. Ich begann, mich auf StepStone und Jobvector ebenfalls nach Stellen umzusehen. Oft wusste ich aber nicht mal, was die Jobbezeichnungen wie Sales Manager oder Sales Engineer genau bedeuten sollten. Stellen in Forschungsgruppen oder bei wissenschaftlichen Journals wie Nature Communications haben mich mehr angesprochen – und dort wird meistens eine Promotion vorausgesetzt. Das bestärkte mich darin, promovieren zu wollen.

Es gab allerdings noch zwei Aber, die mich beschäftigt haben. Erstens: In den Naturwissenschaften haben viele Unis nicht die Mittel, wissenschaftliche Mitarbeitende in Vollzeit anzustellen, deshalb war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich nur eine halbe Stelle bekommen würde. (2) Also fragte ich mich: Würde es mich unzufrieden machen, drei, vier Jahre oder sogar noch länger 40 Stunden in der Woche zu arbeiten, aber nur für die Hälfte bezahlt zu werden?

Das zweite Aber: Es gibt ein gewisses Risiko, dass die Promotion nicht läuft, dass man ein Dreivierteljahr an irgendeinem Experiment arbeitet und am Ende kein Ergebnis hat. Im Kleinen war das schon bei meiner Bachelorarbeit passiert. Der erste Schritt der Experimente hat oft geklappt, dann aber gab es Schwierigkeiten. Einmal habe ich zum Beispiel festgestellt, dass eines der Proteine, die ich untersucht habe, bei Raumtemperatur kaputtgeht und eigentlich nur bei vier Grad Celsius verwendet werden kann. Das war aber mit meiner Messmethode nicht vereinbar. Weil so etwas in der Forschung immer wieder passiert, habe ich mich gefragt: Würde ich mit solchen Frust-Momenten umgehen können?

Ein paar Wochen habe ich gehadert. In dieser Zeit bin ich viel spazieren gegangen. Irgendwann war mir dann klar: Geld ist nicht so entscheidend für mich, und im Bachelor haben mir die Schwierigkeiten ja auch wenig ausgemacht. Da stand endgültig fest: Ich möchte promovieren!

Im Juli habe ich meine Masterarbeit abgegeben, danach bin ich drei Wochen lang mit Interrail durch Dänemark, Schweden und Norwegen gereist – und habe im August mit meiner Promotion an der Uni Bochum angefangen. Ich beschäftige mich mit der Physiologie von Pflanzen, untersuche molekulare Mechanismen beim Transport von Proteinen in Chloroplasten. Mit meiner halben Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin komme ich auf etwa 2.000 Euro brutto im Monat. Ich habe zwar erst vor ein paar Tagen begonnen, aber die Entscheidung fühlt sich richtig an."

Planen: Wie organisiere ich mich?

"Ich will kein Lehrer werden: Das wusste ich, als ich im Sommer 2019 mit meinem Lehramtsstudium in Geschichte, Germanistik und Bildungswissenschaften fertig war. In dieser Zeit habe ich als Hiwi an einem Projekt mitgearbeitet, das sich mit Erinnerungskultur auseinandergesetzt hat. Dabei habe ich bemerkt: Es gibt noch viel zu sagen, etwa zur Perspektive von jüdischen Menschen, die Opfer von Antisemitismus in der Neuen Linken wurden, sobald sie dem herrschenden Narrativ widersprochen haben. Der Betreuer meiner Masterarbeit bot mir an, darüber eine Doktorarbeit zu schreiben.

Das Thema und den Betreuer hatte ich also schon. Das nötige Geld leider nicht. Der Lehrstuhl hatte keine Mittel, um mich anzustellen. Mein Studium hatte ich mit Kindergeld und Nebenjobs finanziert. Bei der Promotion, das war mir klar, würde ich eine stabile Finanzierung brauchen. Also habe ich angefangen, mich auf Stipendien zu bewerben. Das Graduiertenkolleg (3) an meiner Uni hat mir Listen mit Stiftungen gegeben, die zu meinem Vorhaben passen könnten, zum Beispiel die Hans-Böckler-Stiftung oder das Evangelische Studienwerk Villigst. Als mich die erste Stiftung abgelehnt hat, hat mich das härter getroffen, als ich gedacht hätte. Ich habe angefangen, an allem zu zweifeln: an mir, an meinem Thema, an dem ganzen Vorhaben. Zum Glück haben mich meine Freund:innen und mein Doktorvater ermutigt, dranzubleiben.

Die meisten Förderwerke (4) verlangen Motivationsschreiben, Lebenslauf, Promotionsvertrag (5) – und ein Exposé. Das ist am aufwendigsten. Ich habe für meine zehn Seiten vier Monate gebraucht. An einem Wochenende bin ich sogar mit einem befreundeten Fotografen nach Berlin an die HU gefahren. Dort lagern ältere Ausgaben der Zeitschrift konkret, die ich für das Exposé brauchte. Wir haben Tausende Fotos gemacht, ohne zu wissen, ob das was werden würde.

Diese Zeit war anstrengend. Ich hatte oft nur abends Zeit, mich um die Promotionsplanung zu kümmern, weil ich ja Geld verdienen musste. Einmal hatte ich drei Jobs gleichzeitig. Ich habe als Hiwi gearbeitet, Schüler:innen geholfen und bei einem Hornschmied Kuhhörner abgeschliffen.

Etwa fünf Monate nach der Bewerbung bekam ich die Zusage. Die Hans-Böckler-Stiftung förderte mich mit 1.350 Euro monatlich und 100 Euro Büchergeld. Es konnte endlich losgehen. Wenn alles gut läuft, werde ich im Januar 2023 meine Dissertation abgeben."

Durchhalten: Komme ich voran?

"Ans Abbrechen (6) habe ich immer mal wieder gedacht, aber mein Thema war mir einfach zu wichtig. Ich habe zu Hasskriminalität in Deutschland promoviert. Auf die Idee bin ich im neunten Semester gekommen, als es in einem Seminar zu US-amerikanischem Recht um hate crime ging. Dass ich mich für die Promotion entschieden habe, ist jetzt fast sieben Jahre her. Ich hatte gerade mein erstes Staatsexamen in Jura hinter mir und war erschöpft vom ständigen Lernen. Direkt mit dem Referendariat anzufangen, konnte ich mir nicht vorstellen. Dann hat mich der Professor, für den ich damals gearbeitet habe, gefragt, ob ich bei ihm promovieren möchte. Erst hatte ich eine halbe Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin, dann konnte ich auf Vollzeit aufstocken. Einerseits war das gut, denn ich wollte irgendwann nicht mehr, dass mich meine Eltern finanziell unterstützten. Andererseits war ich mit meinen Aufgaben – Vorlesungen halten, Klausuren konzipieren, Hausarbeiten betreuen – so ausgelastet, dass kaum Zeit für meine Diss blieb. Nach eineinhalb Jahren hatte ich erst sechzig Seiten. Das hat mich schockiert. Ich habe dann trotzdem das Referendariat angefangen, weil ich das Gefühl hatte, nach und nach das Wissen aus dem ersten Staatsexamen zu verlieren. Irgendwann hatte ich den Eindruck, dass viele Menschen in meiner Umgebung nicht mehr daran geglaubt haben, dass ich fertig werde.

Am aufwendigsten war die Auswertung eines Fragebogens, mit dem ich untersuchen wollte, ob die Strafen in Deutschland härter ausfallen, wenn die Motive hinter einer Tat rassistisch, fremdenfeindlich oder antisemitisch sind. Nach dem zweiten Staatsexamen habe ich dann einen Cut gemacht und mir ein halbes Jahr Zeit genommen und mich nur um die Promotion gekümmert. Parallel dazu habe ich eine Jobzusage im öffentlichen Dienst bekommen. Als es losging, habe ich noch weitere acht Monate jedes Wochenende an der Doktorarbeit gesessen. Meine Freund:innen habe ich kaum noch gesehen. Auch fürs Boxen hatte ich keine Zeit mehr.

Am 16. März 2022 habe ich dann meine Diss verteidigt, sieben Jahre nachdem ich das Exposé abgegeben hatte. Am nächsten Tag bekam ich Rückenschmerzen, ich hatte einen Bandscheibenvorfall. Im Juli wurde ich operiert. Ich glaube, das hing mit dem vielen Sitzen und der permanenten Anspannung zusammen. Ich bin zwar stolz, dass ich die Promotion durchgezogen habe, rückblickend würde ich aber achtsamer mit mir umgehen."

Fertig werden: Was kommt zum Schluss?

"Die vergangenen drei Monate waren die stressigsten meines Lebens: Ich musste meine Doktorarbeit fertig schreiben, als wissenschaftlicher Mitarbeiter meine Lehrveranstaltungen in Statistik halten, zehn Bachelorarbeiten betreuen und meine Publikationen überarbeiten, die im Review-Verfahren (7) waren. Ohne Maya, meine rumänische Straßenhündin, wäre ich wahrscheinlich nie rausgegangen.

Alle paar Wochen habe ich meine Arbeit unter einem neuen Namen abgespeichert. Am 29. April 2022 bin ich mit Version 'V_15_final' auf dem USB-Stick zur Druckerei gegangen. Einen Tag später habe ich meinen 35. Geburtstag gefeiert. Ich wollte das unbedingt vorher erledigt haben. Viereinhalb Jahre Arbeit in den Händen zu halten war ein irres Gefühl.

So aufgeregt wie in der Druckerei war ich sechs Wochen später bei meiner Verteidigung zum Glück nicht mehr. Der Grund dafür war aber weniger schön. Am Vorabend bekam ich Halsschmerzen und habe einen Schnelltest gemacht. Als ich die zwei roten Striche sah, habe ich mich gefragt: Wie kann das sein? Ich hatte extra eine Woche lang im Homeoffice gearbeitet, um mich nicht mit Corona anzustecken. Zum Glück durfte ich dann online verteidigen. Ich wollte das durchziehen.

An die Verteidigung selbst kann ich mich kaum erinnern. Ich weiß nur, dass die letzten zwanzig Minuten der Befragung durch die Kommission (8) hart waren.

Statt danach mit meiner Familie anzustoßen, saß ich mit meinem Partner im Wohnzimmer und habe ein Glas Sekt getrunken. Das hat mich umgehauen. Ich habe dann bis 22 Uhr geschlafen und erst danach die unzähligen verpassten Anrufe von Freund:innen und Bekannten gesehen, die mir gratulieren wollten.

Ich glaube, Corona hat dazu geführt, dass bis heute nicht so richtig bei mir angekommen ist, dass ich jetzt promoviert bin. Meine geplante Feier hole ich bald nach. Vielleicht fühle ich mich danach promovierter."

164 Seiten rund um die Diss findest du im neuen ZEIT Campus Ratgeber Promotion. Hier kannst du ihn kostenlos downloaden: bit.ly/zc22_prom.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Meine Diss (Elektrotechnik) ist zwar schon 30 Jahre her, aber das Schwierigste war sicher, die unterschiedlichen Phasen zu durchleben, durch die man fast immer kommt. Hat man einmal ein Thema gefunden und sich festgebissen, ist zunächst mal die Euphorie gross. Aber je weiter man sich in das Thema einarbeitet, desto mehr findet man Dinge, die dazu schon gefunden/gemacht wurden. Dann kommt der erste Frust-Cycle: „Ist alles schon mal gemacht worden…“. Dann heist es, die eigene Spezialität zu definieren, mit der man Neuland betritt und sich in diesen schmalen Grat hinein zu verbeissen. Dann findet man immer mehr, was in dem gewählten Kontext noch wichtig sein könnte und erliegt dem Information Overload. Das ist der zweite Berg, über den man drüber muss und gnadenlos fokussieren. Und dann kommt die dritte Hürde: wann höre ich auf, weiter zu suchen und beginne mit dem Zusammenschreiben. Und dann kommt noch die nicht zu unterschätzende Hürde, das Schriftwerk auch zu Ende zu bringen, koste es, was es wolle. Ich habe hervorragende Kollegen erlebt, die den letzten Schritt nicht geschafft haben. Deswegen - es ist nicht nur eine wissenschaftliche Leistung, sondern auch das mentale Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, an den richtigen Stellen eine Entscheidung zu treffen, egal ob sie gefühlt richtig ist oder nicht. Aber letztlich bereitet einen dann genau das auf das weitere Leben vor - diese Fähigkeiten braucht man immer. Das Promotionsthema interessiert - ausser im wissenschaftlichen Bereich - am Ende keinen Menschen mehr. Nur bei Ärzten wird man immer gefragt, was man für ein Doktor ist ????

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