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"Schreibkompetenz bedeutet, mit Problemen umgehen zu können"

Katastrophe 5: Jemand publiziert zum gleichen Thema

"Ich forsche zur Reitkunst im 16. und 17. Jahrhundert und dazu, wie Pferde handeln. Nach anderthalb Jahren Promotion fuhr ich auf eine Tagung zu meinem Forschungsbereich in Norwegen: den Human-Animal-Studies. Eine der Keynote-Sprecherinnen sprach über modernes Springreiten. Und sie stellte dieselben Gedanken vor, die auch ich erarbeitet hatte: Pferde äußern ihren Willen gegenüber dem Reiter, zum Beispiel wenn sie treten, buckeln oder stehen bleiben, und besitzen dadurch Handlungsmacht. Im ersten Moment fand ich das toll. Ich fühlte mich bestätigt, dass eine so erfahrene Wissenschaftlerin das Gleiche denkt wie ich. Zum Schluss erwähnte sie ihr neues Buch. Da dachte ich: Scheiße. Wenn diese Ideen schon bald veröffentlicht sind, ist das für mich gar nicht gut!

Ich befürchtete, dass mir Plagiarismus vorgeworfen werden könnte. Ich fragte mich: Wofür lohnte es sich überhaupt noch, die Dissertation zu schreiben? Zu dem Zeitpunkt hatte ich den größten Teil der Quellenarbeit abgeschlossen, aber noch nichts veröffentlicht. Ich überlegte abzubrechen. Mein Betreuer ermutigte mich weiterzumachen. Er gab mir Tipps, wie mit alldem umzugehen ist: Ich werde die andere Wissenschaftlerin erwähnen. Ich kann unsere Ideen vergleichen und reflektieren, aus welchen Gründen wir ähnlich denken. Trotzdem war ich ein halbes Jahr lang ziemlich niedergeschlagen. Inzwischen habe ich mich aber berappelt. Ich werde in meiner Promotion noch eine Menge eigener Akzente setzen können."

Mariam Selge, 29, promoviert in Geschichte an der Universität des Saarlandes. Auf ihr Thema kam sie während des Masters.

Katastrophe 6: Schreibblockade

ZEIT Campus: Frau Lerche, warum kann es so schwer sein, anzufangen?

Eva-Maria Lerche: Meist gibt es irgendeine Unsicherheit. Eine Doktorandin kann nicht loslegen, weil sie zweifelt, ob ihr Thema relevant ist. Oder ein Doktorand ist entmutigt, weil er harsche Kritik im Kolloquium bekommen hat. Viele haben auch die Vorstellung, man müsse alles direkt druckfertig schreiben können. Davon sollte man sich verabschieden. Eine Dissertation ist viel zu komplex, als dass man sich den Text im Kopf zurechtlegen könnte. Leider sieht man einem fertigen wissenschaftlichen Text nicht an, wie oft er überarbeitet wurde. Selbst ein Prof holt beim Schreiben viel Feedback ein. Wichtig ist: Schreibkompetenz zu haben, das bedeutet nicht, dass man keine Probleme beim Schreiben hat, sondern dass man weiß, wie man mit den Problemen umgeht, wenn sie auftauchen.

ZEIT Campus: Wann wird so eine Blockade gefährlich?

Lerche: Ich würde erst von einer Schreibblockade sprechen, wenn Leute mehrere Monate, manchmal sogar Jahre mit dem Schreiben nicht weiterkommen. Das ist eine unglaubliche Belastung, weil sie die ganze Zeit das Gefühl haben zu versagen. Wenn man merkt, man hat ein Problem, ist es fatal, sich damit zu verstecken. Das erhöht den Leidensdruck. Man muss sich jemandem anvertrauen. Das kann der Betreuer sein, aber auch eine gute Freundin oder ein Kollege, der mal ähnliche Schwierigkeiten hatte, eine professionelle Schreibberaterin oder ein Coach. Es gibt Strategien, um loszuschreiben – auch wenn die Gedanken noch unfertig sind.

ZEIT Campus: Welche Techniken gibt es?

Lerche: Zum Beispiel: Stift und Papier nehmen, den Timer auf 10 bis 20 Minuten setzen und sich ein Thema vornehmen, etwa ein Kapitel, an dem man gerade arbeitet. Nun schreibt man assoziativ auf, was einem dazu einfällt, möglichst ohne den Stift abzusetzen. Entscheidend ist, dabei nicht auf Struktur und Satzbau zu achten oder darauf, ob das gute Gedanken sind oder nicht. Erst wenn die Zeit abgelaufen ist, gucke ich mir an: Was davon gefällt mir, und was kann ich verwenden? Das übernehme ich dann. Wenn nichts dabei ist, auch okay. Auch wenn man dann an der Dissertation schreibt, kann man im Kopf haben: Es muss nicht sofort perfekt sein! Man kann alles noch einmal überarbeiten, inhaltlich, strukturell und auch stilistisch, Absatz für Absatz.

ZEIT Campus: Oft ist es schon schwer zu überblicken, womit man überhaupt anfangen soll. Haben Sie einen Struktur-Tipp?

Lerche: Ich arbeite gerne mit Post-its. Zum Beispiel nehme ich mir ein Kapitel vor und schreibe jeden Aspekt, der in ein Kapitel muss, auf einen Klebezettel. Dann versuche ich, diesen im zweiten Schritt eine sinnvolle Reihenfolge zu geben. Für solche Sachen kann man auch das Büro verlassen und in der Küche, im Café oder im Park arbeiten. Das ist gerade dann sinnvoll, wenn jemand mit dem Schreibtisch im Moment vor allem Negatives verbindet, weil man dort nicht weiterkommt.

ZEIT Campus: Gibt es noch etwas, worauf man achten kann, wenn man mal im Flow ist?

Lerche: Die Pausen nicht vergessen! Schreiben erfordert eine hohe Konzentration, und die hat man nicht rund um die Uhr.

Eva-Maria Lerche, 44, ist Schreibtrainerin und Coach in Münster. Sie wurde in Europäischer Ethnologie zu westfälischen Armenhäusern im 19. Jahrhundert promoviert.

Katastrophe 7: Der Zeitplan wird gesprengt

ZEIT Campus: Herr Stamm, Experimente floppen, die These platzt, und jetzt kann man den Zeitplan nicht mehr einhalten. Was tun?

Jan Stamm: Das ist normal. Das ist Forschung. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Die Möglichkeit, die den meisten einfällt: alles strecken, nach hinten schieben, Promotionsdauer verlängern. Das würde ich aber nur empfehlen, wenn eine sehr gute Promotion entscheidend für die Karriere ist. Oder wenn die Promotion als Ganze gefährdet wäre, also wenn man das Gefühl hat, man würde nicht bestehen, wenn man die Arbeit in dem Zustand abgibt, in dem sie ist. Man muss überlegen: Habe ich wirklich noch gar keine Erkenntnisse? Und wenn ich noch ein Jahr dranhänge – wäre das wirklich so ein großer Unterschied für die Qualität der Arbeit? In dem Fall gibt es andere, vielleicht bessere Möglichkeiten: priorisieren und pragmatisch werden.

ZEIT Campus: Was ist Ihr Tipp zum Priorisieren?

Stamm: In meinen Workshops arbeiten wir mit der sogenannten Eisenhower-Matrix. Sie hat die Achsen Wichtigkeit und Dringlichkeit. Bei fast allen Doktoranden steht das Promotionsprojekt weit oben auf der Achse der wichtigen Dinge. Dringlich sind andere Aufgaben: etwas für den Chef erledigen, E-Mails beantworten. Viele Doktoranden verbringen einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit Aufgaben, die dringlich, aber nicht wichtig sind. Das ist ungünstig. Wichtigkeit ist das bessere Kriterium, um zu priorisieren. Die wichtigen Dinge für die Promotion müssen als Erstes erledigt werden, andere Leute kann man dann ruhig mal eine Woche vertrösten. Und mit alltäglichen E-Mails sollte man eh weniger Zeit verbringen und sie nur so knapp und schnell wie möglich beantworten. Für ein besseres Zeitmanagement ist es auch gut zu wissen, zu welcher Tageszeit man am produktivsten arbeiten kann. Diese Zeit sollte man für die wichtigen, schwierigen Dinge nutzen. So kommen die meisten schneller voran, als wenn Sie die Hochleistungsphase mit Kleinkram oder E-Mails vertrödeln.

ZEIT Campus: Und wie geht Pragmatismus?

Stamm: Etwas abschließen, obwohl man das Ergebnis theoretisch noch verbessern könnte. Das fällt vielen Doktorandinnen und Doktoranden schwer. Vom Typ her landen in der Wissenschaft eher Perfektionisten. Und sie vergleichen sich mit den großen Namen ihrer Disziplinen. Um eine Promotion zu bestehen, muss man kein Nobelpreiskandidat sein. Ich würde raten: Lesen Sie andere Dissertationen. Oft werden Sie denken: So großartig ist das nun auch nicht. Und wenn das auch für einige Ihrer Kapitel oder am Ende für die ganze Arbeit gilt, geht die Welt nicht unter. Im Gegenteil: Man hat erfolgreich promoviert!

ZEIT Campus: Wie sieht das in der Praxis aus?

Stamm: Sie können sich fragen: Was muss ich unbedingt leisten, um fertig zu werden? Und was wäre nur ein Bonus? Welche Experimente kann ich eventuell weglassen? Viele machen auch den Fehler, gegen Ende der Promotion noch viel Neues lesen zu wollen. Fertig heißt halt nicht perfekt. Fertig heißt für ein Kapitel zum Beispiel: Das ist ein solide geschriebener, wissenschaftlich korrekter Text, den man von vorne bis hinten lesen kann. Das heißt nicht, dass ich in Fußnote 17 noch einen genialen Gedanken unterbringen muss.

Jan Stamm, 42, ist Coach für Projekt- und Zeitmanagement in Dortmund und bietet Workshops für Doktoranden an. Er wurde in Philosophie promoviert.

© ZEIT Campus (Zur Originalversion des Artikels)

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