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Erholung Sommer Pause (© cirquedespirit - Fotolia.com)

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Führungskräfte leiden unter besonders viel Stress? Von wegen. Eine exklusive Studie zeigt: Je mehr Chef, desto weniger Belastung und Hektik. Die Digitalisierung macht es möglich.

Manchmal, wenn Lars Lehne mit seinen Geschäftspartnern telefoniert, muss er das Gespräch unterbrechen und zum Fenster gehen. Das Arbeitszimmer des Vorstandsvorsitzenden der Digitalmarketinggruppe Syzygy befindet sich im Souterrain seines Privathauses – dort ist der Empfang oft schlecht. Doch Lehne macht das nichts aus. Er arbeitet trotz der Funklöcher so oft wie möglich von zu Hause aus: "Ich muss nicht präsidial residieren." Schon gar nicht, seit er so viele Dinge digital erledigen und entscheiden kann, ganz unabhängig davon, wo er sich gerade befindet.

Ein Manager wie Lars Lehne, der als oberster Stratege einer Holding 60 Millionen Euro Umsatz verantwortet und 620 Mitarbeiter führt, kennt keine Präsenzpflicht. Lehne personifiziert ein neues Verständnis von Führung. Er gehört zu den Chefs, die nicht mehr ständig greifbar sein müssen – und ihre Mitarbeiter dadurch zu mehr Eigenständigkeit anleiten. Chefs, die nicht nur darauf achten, dass die Work-Life-Balance für die Angestellten stimmt, sondern die sich auch selbst regelmäßige Auszeiten nehmen. Kurz: Chefs, die nicht mehr leben, um zu arbeiten. Sondern arbeiten, um zu leben.

Und Lehne ist keine Ausnahme. Das zeigt eine Studie, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt. Erika Regnet, Professorin für Personal und Organisation an der Hochschule Augsburg hat dafür gemeinsam mit der Unternehmensberatung Boris Gloger Consulting die Arbeitsgewohnheiten von deutschen Top-Führungskräften untersucht. Das Ergebnis: Der ewig gestresste Manager gehört der Vergangenheit an. Von den rund 500 Fach- und Führungskräften, die sie für ihre Studie befragt hat, bewerteten 87 Prozent ihre Leistungsfähigkeit als gut oder sehr gut. Überrascht hat Regnet vor allem, dass die Manager, die am höchsten in der Hierarchie standen, am wenigsten gestresst waren.

Je höher man aufsteigt, umso eher hat man das Gefühl, selbstbestimmt zu arbeiten

Boris Gloger, Chef der gleichnamigen Unternehmensberatung

Damit wiederlegt ihre Studie den Mythos der burn-out-gefährdeten Führungskraft, die immer erreichbar ist und das Gleiche auch von ihren Mitarbeitern erwartet. Stattdessen findet offenbar eine entgegengesetzte Entwicklung statt. So sind die Wochenarbeitsstunden unter Führungskräften in den vergangenen Jahren sogar signifikant gesunken, sagt Regnet. Dafür machen die Studienautoren zwei Entwicklungen verantwortlich. Zum einen erführen deutsche Chefs mehr Unterstützung als ihre Kollegen auf den Hierarchiestufen darunter: Im Gegensatz zum Mittelmanagement würden auf der Chefetage weniger Stellen gestrichen. Wer an der Spitze steht, kann sich also weiterhin auf Assistent und Sekretariat verlassen. Was dazu führt, dass die Arbeitsverdichtung für Top-Manager geringer ausfällt als für Mittelmanager. Hinzu kommt: Auch wenn Top-Manager 50- bis 60-Stunden-Wochen auf sich nehmen, belastet sie der Druck nicht so schlimm wie ihre Nachgesetzten – weil sie selbstständiger arbeiten. Sie geben Projekte und Termine vor, setzen Zeitrahmen, erteilen Anweisungen. "Je höher man aufsteigt, umso eher hat man das Gefühl, selbstbestimmt zu arbeiten", sagt Boris Gloger, Chef der gleichnamigen Unternehmensberatung.

Hauptsache mobil

Auf der anderen Seite profitieren Führungskräfte von der modernen Arbeitswelt. Durch Digitalisierung und Kommunikationstools wie Slack oder WhatsApp schaffen – oder delegieren – Manager heute mehr als vor ein paar Jahren. Auch weil sie dabei nicht mehr an einen festen Arbeitsplatz gebunden sind, aus dem Zug oder dem Flugzeug arbeiten können – oder eben von zu Hause. So wie Lars Lehne. Zwischen seinem Wohn- und Arbeitsort liegen 500 Kilometer. Könnte er nicht aus dem Homeoffice arbeiten, würde er seine Frau und die drei Kinder viel seltener sehen. Lehne ist es wichtig, ein erfülltes Privatleben zu haben. Das sei typisch für moderne Führungskräfte, sagt Erika Regnet. Laut ihrer Studie spielt die Work-Life-Balance für rund 55 Prozent der Befragten einen bedeutende Rolle. Davon wiederum profitieren nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Führungskräfte selbst. Lars Lehne zumindest hat gelernt: Um dauerhaft leistungsfähig zu bleiben, muss man manchmal auch nichts tun. Und sei es nur dank eines Funkloches.

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