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Nicht zu stoppen

Frau im Rollstuhl [Quelle: unsplash.com, Zachary Kyra-Derksen]

Quelle: unsplash.com, Zachary Kyra-Derksen 

Menschen mit Behinderung haben es schwer bei der Stellensuche. Trotzdem machen einige Karriere. Wie sie das schaffen – und warum es sich lohnt, offen mit Handicaps umzugehen.

Saliya Kahawatte hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt: Nach dem Abitur machte er eine Ausbildung im Fünfsternehotel, leitete später ein Gourmetrestaurant, studierte und machte sich dann selbständig. Heute ist er 50 Jahre alt, Vortragsredner, Bestsellerautor und Business-Coach und beschäftigt zehn Mitarbeiter. Zu seinen Kunden gehören Dax-Konzerne und mittelständische Unternehmen. Bei alldem fällt kaum auf, was ihn von anderen erfolgreichen Geschäftsmännern seines Kalibers unterscheidet: Kahawatte ist nahezu vollständig blind.

Er war 15 Jahre alt, als er die Augenkrankheit Morbus Behçet bekam – seine Netzhaut löste sich ab, und er verlor innerhalb weniger Tage 80 Prozent seines Sehvermögens. Von da an glaubte niemand mehr daran, dass er jemals erfolgreich werden könnte: "Ständig versuchten Menschen, mir die Grenzen meiner Fähigkeiten zu erklären", erinnert sich Kahawatte. Viele in seinem Umfeld waren sicher: Ein Blinder könne niemals Abitur machen, eine Ausbildung schaffen oder gar einen "normalen" Job ausüben. Sein Platz sei jetzt auf der Sonderschule und dann in einer Behindertenwerkstatt. Doch Kahawatte ließ sich nicht entmutigen.

Er machte Abitur an einer Regelschule und bewarb sich dann für Lehrstellen. Zuerst kamen Absagen – also beschloss er kurzerhand, so zu tun, als ob er sehen könnte. Er bekam seinen Traum-Ausbildungsplatz und machte in der Spitzengastronomie Karriere. Dass er so gut wie blind ist, konnte Kahawatte mit Tricks 15 Jahre lang geheim halten. Er konnte etwa ertasten, ob ein Tisch richtig eingedeckt war und am Klang eines Weinglases erkennen, ob es nach dem Polieren noch Wasserflecken hatte. Im Jahr 2006 outete er sich dann als sehbehindert, elf Jahre später wurde seine gleichnamige Autobiographie "Mein Blind Date mit dem Leben" verfilmt.

Verbreitete Irrglauben bei Arbeitgeber

Viele Menschen mit Behinderungen verheimlichen ihr Handicap im Berufsleben, sagt die Karriereberaterin Ilonka Lütjen. Erstens hätten sie es sonst schwer, überhaupt einen Job zu finden. Zweitens könnten sie kaum im Unternehmen aufsteigen, wenn ihre Chefs von der Behinderung wüssten. "Vorgesetzte haben Vorurteile, weil ihnen oftmals Wissen und Erfahrung zu dem Thema fehlen", sagt Lütjen, die selbst Multiple Sklerose hat. So denken viele Arbeitgeber, sie könnten Menschen mit Behinderung nicht kündigen, oder diese seien häufiger krank – beides ein Irrglaube, versichert Lütjen. Mit ihrem Unternehmen Busicap bereitet sie Menschen mit verschiedensten körperlichen Einschränkungen auf den Bewerbungsprozess und andere Situationen im Beruf vor.

Auch wenn es verführerisch ist, sein Handicap zu verschleiern, rät Lütjen von Anfang an zu Offenheit: "Ein Handicap zu verstecken kostet auf Dauer enorm viel Energie, die man im Beruf woanders besser einsetzen kann." Lütjen animiert ihre Klienten, sich ihrer Stärken bewusst zu werden und sie gegenüber Personalern und Kollegen selbstbewusst zu vermarkten. Körperlich eingeschränkte Menschen brächten nämlich oft besondere Vorzüge mit: Sie mussten meist schon früh lernen, sich auf unvorhergesehene Situationen vorzubereiten, und können gut planen und organisieren. Sie bringen oft Gelassenheit mit, wenn Dinge ins Stocken geraten. Und sie können lösungsorientiert denken – es geht ja meist nicht anders.

Das ist auch eines der Erfolgsgeheimnisse von Boris Grundl. Der 55-Jährige sitzt im Rollstuhl, weil er seit einem Unfall vor 30 Jahren vom Halswirbel abwärts nahezu vollständig gelähmt ist. Trotz der Behinderung absolvierte er als erster Rollstuhlfahrer ein Studium an der Deutschen Sporthochschule Köln und arbeitete sich später zum Vertriebsleiter einer Kapitalgesellschaft hoch. Im Jahr 2001 gründete er dann mit dem "Grundl Leadership Institut" sein eigenes Unternehmen. Inzwischen hat er 20 Mitarbeiter, hält Vorträge und berät Unternehmen zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung und Führung. Dass Dinge nicht funktionieren wie geplant, ist für Grundl Alltag. Um sich anzuziehen oder in ein Taxi einzusteigen, braucht er zehnmal mehr Energie als jemand ohne Behinderung. Grundl arbeitet aber ständig an sich und macht aus jeder Situation das Beste: "Ich bin ständig auf der Suche nach Lösungen und überlege, wie ich in derselben Zeit noch effektiver sein kann als andere."

Alle an ihrer Leistung messen

Ob ihm auf dem Weg nach oben Steine in den Weg gelegt wurden? Ständig, sagt er. "Viele mögen dich als Rollstuhlfahrer nur, wenn sie dich bemitleiden können." Grundl wollte sich allerdings nie in eine Opferrolle zwängen lassen, zog auf der Karriereleiter schnell an Kollegen vorbei. Dabei wurde er zu einem Chef, der seinen Mitarbeitern einiges abverlangt. Auch als Chef seines eigenen Unternehmens ist er streng, sieht sich als eine Art Trainer. "Ich höre mir ungern Ausreden an", sagt Grundl. "Wer wachsen möchte, sollte sich weniger beschweren und mehr an sich arbeiten." Inklusives Führen bedeutet für ihn deshalb auch, keine Ausnahmen zu machen, sondern alle gleichermaßen an ihrer Leistung zu messen.

Auch für Saliya Kahawatte spielen Lebenslauf und Handicaps keine Rolle. Beim Recruiting zählt für ihn nur das Können. In seinem Team hatte er schon Autisten und Menschen mit einer Zwangsstörung. "Ist doch super", findet der Unternehmer. "Wer Zwänge hat, arbeitet oft sehr genau. Und Autisten können sich besonders gut konzentrieren." In anderen Unternehmen waren die Mitarbeiter mit ihrem Handicap gescheitert. Kahawatte hingegen sah in ihnen vor allem eines: Potential.

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