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Immer noch ein Paar – trotz Homeoffice

Paar Wohnzimmer Homeoffice Arbeit Gemütlich [Quelle: Pexels.com, Autor: cottonbro]

Quelle: Pexels.com, cottonbro

In der Pandemie ist der Partner oft Bürokollege, Kummerkasten und Coach in einem. Idylle sieht anders aus. Wenn noch sensible Daten dazukommen, wird es richtig kompliziert.

"Am Anfang fand ich es befremdlich, den anderen durch die geschlossene Tür in einer Rolle zu erleben, die eigentlich in die Arbeitswelt gehört", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Judith Maier, die mit ihrem Mann in ihrer Mannheimer Wohnung Wand an Wand arbeitet. "Man hört andere Anteile, die mehr zum tragen kommen, anders ausgespielt werden: Ach, da ist er formeller im Umgang. Und so spricht er mit jemandem, den er gut kennt. Das sind Aspekte, die einem unbekannt sind, sonst erlebt man seinen Partner in einem anderen Setting. Dieser Rollenwechsel war spannend zu beobachten." Judith Maier ist persönliche Referentin eines Dezernenten, unter anderem auch für das Gesundheitsamt, und hat mit ihrem Mann Johannes Schuler und zwei kleinen Kindern "so gut wie alle Phasen als Paar im Homeoffice durchlaufen".

Aktuell arbeiten beide komplett von daheim, so wie viele Paare quer durch Deutschland es derzeit pandemiebedingt tun. Im zweiten Lockdown ist es keine gänzlich neue Erfahrung mehr und doch: Je länger die Situation andauert, desto herausfordernder kann die Tatsache werden, dass Beziehung und Arbeitswelt ständig miteinander verschmelzen.

Manchmal verschmelzen sie auch noch mit dem restlichen Familienleben. Bei Familie Schuler/Maier sind vormittags Sohn und Tochter in der Kita-Notbetreuung. Judith Maier sitzt im Wohnzimmer, ihr Mann in der Küche. "Irgendwann schreit einer Übergabe", sagt Schuler belustigt. Während einer die Kinder abholt, arbeitet der andere weiter. Gegen 15 Uhr wird der Staffelstab übergeben. Er zieht ins Wohnzimmer, für die Kinder ist das dann tabu. Um 18 Uhr gibt es Essen, um 20 Uhr geht es weiter bis 22 Uhr. "Mir kommt es schon ein bisschen klostermäßig vor mit dem immer gleichen Rhythmus, das hat etwas völlig Rituelles, jeder Tag läuft gleich ab", sagt der wissenschaftliche Politikberater, der "seit der ersten Welle" nicht mehr ins Fraunhofer Institut für System und Innovationsforschung nach Karlsruhe pendelt.

Eine Härteprüfung für die Beziehung 

Sich nach dem Arbeitstag aufeinander zu freuen, dieser Mechanismus ist ausgesetzt. Das enge Aufeinanderhocken nach einem Jahr voller Unwägbarkeiten und Einschränkungen bedeutet emotionalen Stress. "Das ist eine Härteprüfung für die Beziehung, aber auch eine Frage der Haltung und kann der Impuls sein, gemeinsam etwas Gutes daraus zu machen", findet der Kölner Karrierecoach Bernd Slaghuis. "Die meisten Menschen wissen nicht, wie sich der Partner beruflich verhält, jetzt lernen sie eine andere Seite kennen. Sie können Sparringspartner und Ratgeber sein, wenn Sie zum Beispiel hören, wie der andere mit dem Chef telefoniert", sagt Slaghuis. Natürlich nicht in dem Sinn: Hör' mal Schatz, das geht gar nicht, wie du mit dem sprichst. "Ungebetenes Feedback ist immer schlecht." Für Paare sei es wichtig, auf Augenhöhe zu agieren, so dass keiner das Gefühl hat, zurückzustecken, sagt der Coach. Wenn einer denkt, er bringe mehr Geld nach Hause, habe den wichtigeren Job, nur der andere müsse Rücksicht nehmen, dann gehe das schief. "Da hilft, drüber zu sprechen, Dinge zu klären, einen Plan zu machen und den Tag zu organisieren."

Hinter geschlossenen Zimmertüren zu arbeiten, ist für das Ehepaar Jan und Sina Weller eine Selbstverständlichkeit. Die Rheinland-Pfälzer, die ihren wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, finden: Das ist keine Verhandlungssache. Der 37-Jährige ist Patentanwalt und Bürotage gewöhnt, bei denen sich der kollegiale Kontakt auf eine Viertelstunde beschränkt und er "konzentriert an einem Schriftsatz arbeitet". Das zieht er auch jetzt durch. Seine gleichaltrige Frau arbeitet für einen Konzern; in verantwortlicher Position managt sie die digitale Transformation im Unternehmen: "Meine Tage sind mit Videokonferenzen komplett durchgetaktet", sagt sie. Ihr Mann hat ein Arbeitszimmer, sie sitzt im zum Büro umfunktionierten Gästezimmer. Einsam fühle sie sich trotz geschlossener Türen nicht. "Wir haben beide ein Bewusstsein für Betriebsgeheimnisse, lassen nichts auf dem Schreibtisch liegen und meiden entsprechend den Arbeitsplatz des anderen. Das Verhältnis ist wie bei Kollegen, man hat Distanz, platzt nicht einfach rein. Das sind Nuancen, die man sich im Berufsalltag angewöhnt", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin.

Das kinderlose Paar kann sich gut vorstellen, dieses Arbeitsmodell auf Dauer zu leben. Sich Bett, Wohnung, aber bloß keine Geschäftsgeheimnisse zu teilen – diese Konstellation ist aber nichts für jeden. Jegliche Intimität endet in beruflichen Dingen. Das ist fachlich geboten und menschlich – nun ja – herausfordernd. Es gibt klare Regeln, wie sich Arbeitnehmer, die liiert sind, dann zu verhalten haben. Das Problem dürfte in den nächsten Wochen noch zunehmen. Nach den neuen Bund-Länder-Beschlüssen von dieser Woche müssen nun alle Arbeitgeber Homeoffice möglich machen, wo immer es geht. Im Fall von sogenannten Geheimnisträgern wird es aber wohl eine Abwägungssache bleiben, ob der Mitarbeiter seine Aufgaben im Wohnzimmer erledigen und gleichzeitig Diskretion wahren kann. Plaudern mit dem Partner über geheime Projekte sieht jedenfalls kein Arbeitsvertrag vor. 

Schön, den Arbeitstag miteinander zu teilen 

Zwischen Franziska Sprenger und ihrem Mann gibt es nicht so viel Geheimhaltungsbedarf. Das gemeinsame Homeoffice als Dauerzustand wäre allerdings nicht nach ihrem Geschmack. Die Kommunikationsmanagerin in der Gesundheitsbranche teilt derzeit den Heimarbeitsplatz mit ihrem Mann, der als kaufmännischer Angestellter in der Metallindustrie arbeitet. Sie steht um 5 Uhr auf, "um richtig etwas wegzuschaffen und die Morgenstunden zu nutzen". Ihr Mann bringt den Zweijährigen in die Kita-Notbetreuung, nachmittags übernimmt sie. "Das funktioniert nur, weil unsere Arbeitgeber flexibel sind." Im Arbeitszimmer stehen zwei Schreibtische gegenüber. "Mein Mann hat uns schön verkabelt, wir haben eine angenehme, keine krautige Arbeitsatmosphäre. Das Schöne ist, dass man miteinander teilen kann, was einen belastet oder auch etwas Lustiges."

Franziska Sprenger fehlt trotzdem der Austausch mit der Kollegin, mit der sie sich schon seit zehn Jahren ein Büro teilt. Technische Probleme löse ihr Mann. "Aber wir sind kein eingeschworenes Arbeitsteam, wie ich das kenne. Ich sehne mich schon ins Büro zurück in mein Team, das vermisse ich sehr." Ihr Mann Marcus sieht das entspannter. "Momentan finde ich das sehr schön, sonst sieht man sich nur morgens und abends, so hat man den Ehepartner gegenüber sitzen." Zwischendurch könne man mal "Sachen besprechen".

Dafür, dass die Arbeit im Homeoffice klappt, tragen Unternehmen eine gewisse Mitverantwortung. Sie müssen den Mitarbeitern eine IT-Infrastruktur bereitstellen, über die sich verschlüsselt und sicher mit anderen Kollegen kommunizieren lässt. Wird viel mit Akten und Papier gearbeitet, etwa in Architektur- und Planungsbüros oder Anwaltskanzleien, muss ein abschließbarer Aktenschrank in der Privatwohnung vorhanden sein. Die Kosten dafür trägt auch der Arbeitgeber. Das Oberlandesgericht Stuttgart weist in einem aktuellen Urteil darauf hin, dass sensible Dokumente hinreichend gegen den Zutritt unbefugter Personen gesichert sein müssen, dazu gehört auch das Abschließen von Räumen. Wenn es in der gemeinsamen Zweizimmerwohnung kein Arbeitszimmer gibt, kann das nicht als Entschuldigung gelten. Brisante Informationen gehören nicht offen auf den Küchentisch. Denn: Schon die unbefugte Aneignung solcher Unterlagen kann einen Geheimnisverrat darstellen. 

Besser nicht darüber reden 

Aber einfach mal darüber reden, vielleicht nur auf anonymer Basis? Keine gute Idee, meinen zumindest Strafrechtler. Sobald der Ehegatte oder Partner aus der Umschreibung konkrete Rückschlüsse auf ein Projekt, Höhe eines Kostenbudgets oder einen Vertragspartner ziehen kann, ist ein "Geheimnis" im Sinne des Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen ausgeplaudert. Wer als Bankberater über die Geldanlagen eines Max Mustermann berichtet, wird sich noch im unbedenklichen Bereich bewegen. Spricht ein Anwalt über die Finanzierung eines komplexen Deals, der "einen Sportwagenhersteller aus Stuttgart-Zuffenhausen" betrifft und fallen Namen beteiligter Banken, ist die Grenze längst überschritten. Jede Information, die dem Partner die Identifikation eines bislang geheimen Projekts, der unbekannten Höhe eines Kostenbudgets oder des namenlosen Vertragspartner aus den Golfstaaten ermöglicht, erfüllt den Tatbestand des Geheimnisverrats nach dem Geschäftsgeheimnisgesetz.

Ein Arbeitnehmer riskiert damit nicht nur seine Kündigung. Denn das Gesetz animiert die Betriebe geradezu offensiv vorzugehen und mindestens eine Unterlassung oder gleich Schadensersatz fordern. Zudem drohen strafrechtliche Konsequenzen, der Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen ist eine Straftat. Im Fall eines Urteils drohen eine Geldstrafe oder bis zu drei Jahre Haft.

Türen in der Wohnung zum Arbeiten zu schließen kann darüber hinaus aber auch helfen, um den Kopf frei zu bekommen. Lieber den Rückzug in ein abgeschottetes Eckchen antreten und sei es ein Klapptisch neben dem Bügelbrett, als sich als Paar irgendwann so auf die Nerven zu gehen, dass es nur noch Streit gibt. Sinnvoll ist eine gemeinsame Mittagspause und ritualisierte Auszeit. "Ein Paar im Homeoffice sollte sich solche Strukturen und eine gute Auszeit schaffen", sagt Coach Slaghuis. Der Mannheimer Psychologe Johannes Schuler fügt hinzu: "Solche Rituale zu schaffen, habe ich früher eher lächerlich gefunden. Jetzt schätze ich das." Ins Schwärmen gerät er auch beim Thema Mittagspause. "Mittags gemeinsam zu essen, ohne die Kinder, das gab es noch nie", sagt er.

Gemeinsame Hobby entwickeln 

Einen zweiten positiven Aspekt eröffnet das Thema Sport. Die Wellers joggen morgens vor Arbeitsbeginn oder spätnachmittags – weil die Pendelei wegfällt und dafür Zeit bleibt. "Vorher hat das nur am Wochenende geklappt. Jetzt kann man das abends präziser auf Zuruf abstimmen und gemeinsam in den Feierabend startet", sagt der Anwalt. Schuler, der Dienstreisen vermisst und dem Abwechslung fehlt, schaut von seiner Frau Übungen ab und macht mit ihr abends Matte an Matte Yoga. "Man sucht sich gemeinsame Hobbys, die man drinnen machen kann."

Weniger erfreulich sind putzen, waschen und spülen. Dass es bei Paaren zu Spannungen komme, liege auch an der vermehrten Hausarbeit, beobachtet Schuler. "Wer mehr wohnt, macht mehr dreckig. Auch hier muss man sich neu organisieren: Wer macht das eigentlich?" Ohne zusätzliche Organisation würde alles komplett kollabieren, sagt Schuler. Und auch wenn man den anderen manchmal zum Mond schießen wolle, dann bitte mit Rückfahrtkarte. Denn die Einsamkeit, unter der aktuell 17 Millionen Singles leiden, ist zu zweit abgemildert. Judith Maier formuliert es so: "Wenn man ein doofes Telefonat hatte, ersetzt es ein wenig die Kollegen, dass noch eine Person im Haus ist, man rüber geht und ein bisschen Psychohygiene betreibt. Das, was man mit Kollegen vielleicht in der Kaffeeküche macht. Es ist einfach nett, eine Face-to-Face-Ansprache zu haben."

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