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Arbeit im Urlaub

Urlaub, Home-Office, remote, Arbeitstag [Quelle: pixabay.com, Autor: Engin Akyurt]

Quelle: pixabay.com, Engin Akyurt

Einige Unternehmen erlauben ihren Beschäftigten mehr als bloß Homeoffice: Sie dürfen auch ins Ausland reisen und von dort aus ihre Aufgaben erledigen. Klingt traumhaft – aber birgt auch Risiken.

Das Klischee hält sich hartnäckig: Der typische digitale Nomade sitzt fernab an exotischem Strand in Shorts und Badeschlappen, nippt zur Erfrischung an einem Glas Caipirinha, klappt ab und an sein Notebook zu, um sich in den türkisfarbenen Fluten zu erfrischen, gönnt sich anschließend ein kleines Nickerchen unter schattiger Palme und widmet sich schlussendlich wieder seiner kreativen Kärrnerarbeit.

Mit solchen und ähnlich verlockenden Motiven werden "Remote Worker" beziehungsweise solche, die es werden wollen, in den entsprechenden Internetportalen dargestellt und umworben. Plattformen wie Auslandsjob.de bieten sogar Rundum-Pakete an für dieses mehr oder weniger gängig gewordene, durch die Corona-Pandemie in jedem Fall stark gepuschte Phänomen. Doch was ist überhaupt "Remote Work"? Laut "Cambridge Dictionary" handelt es sich schlicht und einfach um "Telearbeit", also den Zustand, wenn ein Mitarbeiter jenseits der Unternehmenszentrale arbeitet und mit seinem Arbeitgeber mittels E-Mail, Telefon und anderer digitaler Kanäle kommuniziert.

Nun gibt es die Telearbeit schon länger als den Laptop. Während sich "Remote Work" früher weitgehend auf die Arbeit von zu Hause aus beschränkte, meint der Begriff heute eher Fernarbeit. Oder sogar Urlaubsarbeit, die sogenannte "Workation": Dieser Begriff setzt sich zusammen aus "Work" (Arbeit) und "Vacation" (Urlaub). Beides soll man bei "Workation" angeblich gut miteinander verbinden können, "um produktiver und glücklicher bei der Arbeit zu sein", verspricht Auslandsjob.de. "Eine Workation hat das Ziel, dich aus deinem normalen 'Arbeitstrott' herauszuholen und dir neue Impulse zu geben."

Um am Kuchen der schönen neuen Arbeitswelt teilzuhaben, muss man allerdings gar nicht alle Zelte (und Verträge) hinter sich abbrechen. Die Workation-Chance bieten neuerdings auch immer wieder deutsche Unternehmen ihren Festangestellten an. Zum Beispiel der Mittelständler Inform Software. 1969 entstand das Unternehmen als Ausgründung eines Instituts der RWTH Aachen, mittlerweile hat es 900 Mitarbeiter – Softwareingenieure, Datenanalysten und Berater. Inform ist für mehr als 1000 Kunden auf der ganzen Welt im Einsatz und bietet IT- und KI-Lösungen für Industrie, Handel, Flughäfen, Häfen, Telekommunikation, Banken und Versicherungen. Das "Workation"-Angebot soll den Aachenern helfen, im Wettbewerb um Fachkräfte mit den großen Spielern der Branche zusätzlich zu punkten.

"Es war eine naheliegende Weiterentwicklung des Homeoffice", sagt Inform-Geschäftsführer Peter Frerichs. "Wir haben einen Kampf um Talente bei den hoch- und höchstqualifizierten Fachkräften aus verschiedenen Disziplinen. Sie alle sind es gewohnt, autonom und selbstbestimmt Dinge zu entwickeln. Diesen Menschen kann ich keine Arbeitszeitüberwachung und auch keinen festen Arbeitsort mehr vorschreiben. Für logisch denkende Menschen ist dies ein logischer Schritt." Frerichs spricht viel von "Vertrauen" und "ergebnisorientierter Arbeit". Gute Ideen, so Frerichs, würden nicht in ein standardisiertes Zeitfenster passen. "Unsere Mitarbeiter sind universitär geprägt und flache Hierarchien gewöhnt. Einengende Vorschriften würden sie nicht akzeptieren."

Schon seit längerer Zeit können die Inform-Mitarbeiter ihre Tätigkeiten nach Belieben im Büro oder komplett aus der Distanz von überall in Deutschland erbringen. Vorausgesetzt, die betrieblichen Erfordernisse lassen das zu. Künftig dürfen die Aachener Mitarbeiter innerhalb von zwölf Kalendermonaten insgesamt drei Monate im Ausland verbringen. Die Workation – aus rechtlichen Gründen vorerst beschränkt auf das europäische Ausland – sollen sie einfach sechs Wochen vorher beantragen. Sie ist begrenzt auf maximal vier Wochen am Stück, dann muss man erst einmal wieder nach Hause kommen. So wird sichergestellt, dass in dem jeweiligen Land keine Sozialversicherung entrichtet werden muss. Es sei außerdem darauf zu achten, heißt es von Unternehmensseite, dass mit dem Zielland ein gültiges Doppelsteuerabkommen besteht, um doppelte Steuerzahlungen zu vermeiden.

Bürokratie beachten

Während der Workation unterliegt das Arbeitsverhältnis deutschem Recht. Nur ein einziger Antrag muss vorher ausgefüllt werden, der für die sogenannte A1-Bescheinigung. Spätestens zwei Wochen vor Abreise muss dieser beim Arbeitgeber eingehen. Damit ist gesichert, dass der Arbeitnehmer aus dem jeweiligen ausländischen Sozialversicherungssystem herausfällt und stattdessen vollständig im deutschen System bleibt. Ansonsten könnten "Rentenlücken", Nachzahlungen oder sogar strafrechtliche Verfolgung drohen, wie Michael R. Fausel, Partner bei Bluedex Labour Law in Frankfurt, kürzlich in der F.A.Z. schrieb.

Zu den Ersten bei Inform, die die Möglichkeit der Workation für sich in Anspruch nahmen, gehörte Max Steffens. Seit 2015 arbeitet der 34 Jahre alte Systemadministrator in der zentralen IT des Unternehmens und ist damit verantwortlich für die Microsoft-Infrastruktur, also für systemrelevante Funktionen innerhalb des Betriebs. Seine Tätigkeit ist besonders deshalb so wichtig, weil so viele Beschäftigte des Unternehmens mobil arbeiten. Für zweimal je vier Wochen fuhr Steffens mit seinem ausgebauten Camper quer durch Frankreich, teils allein, zu zweit oder zu dritt mit Hund.

"Acht Tage Urlaub für einen Monat reisen", so fasst Steffens seine Erfahrung zusammen. "Ich habe mich für Südfrankreich entschieden, um außerhalb der Saison eine höhere Chance auf gutes Wetter zu haben, und wurde nicht enttäuscht." Als bestes Erlebnis während der Workation nennt er "die Sonnenauf- und -untergänge während der Arbeit". Die Kommunikation und Arbeit mit seinem Team habe "sogar noch besser als erwartet" funktioniert. "Ich würde behaupten, dass einige Kollegen gar nicht gemerkt haben, dass ich nicht in Deutschland bin. Vor allem weil das Internet teilweise schneller war als in Deutschland." Ansonsten habe sein Arbeitsalltag ähnlich ausgesehen wie zu Hause, nur dass er "nach Feierabend auch mal spontan ins Kanu steigen konnte". Er habe motivierter gearbeitet, "da man im Hinterkopf hat, dass man nach Feierabend 'im Urlaub' ist". Als Nachteil nennt er, "im Notfall" nicht mal schnell ins Büro zu können.

Homeoffice für alle

Selbstverständlich eignet sich nicht jeder Beruf für solche Workations. Oder besser: noch nicht? Denn dachte man etwa bis vor Kurzem noch, Ärzte und Anwälte seien nahezu alternativlos an Präsenz gebunden, so zeigen die neuen Ferndiagnose-Checkangebote von Krankenkassen oder Onlinerechtsberatungen, dass es auch hier zum Teil schon Möglichkeiten gibt, aus der Distanz zu arbeiten. Natürlich nicht für alle, und natürlich sind einige Berufe von vornherein besser für die Fernarbeit geeignet als andere. Grob gesagt geht alles gut, das mit Medien und IT zu tun hat. Auch Dienstleistungen rund um Management, Marketing und Finanzen lassen sich aus der Ferne prinzipiell gut regeln.

Auch Guilia Böhler, 31 Jahre alt, findet Remote Work "super". Ihr Arbeitgeber heißt Google und gehört damit zu jenen Unternehmen, die unter jungen Bewerbern ganz weit oben auf der Beliebtheitsskala stehen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie bekannt sind für ihre Experimentierfreude im Bereich New Work. Ob sich diese Beliebtheit hält, wird die Zukunft zeigen: Angetan sollen die Google- und Apple-Beschäftigten jedenfalls nicht gewesen sein, als die Unternehmensleitungen ihnen kürzlich wieder eine regelmäßige Präsenzpflicht im Büro diktierten – bei Google sind es aktuell drei Tage in der Woche.

Böhler hat an der WHU Otto Beisheim School of Management ihren Bachelor abgelegt und ist nach den ersten Berufsjahren in Deutschland zum Google-Hauptquartier nach Dublin gewechselt. Dort betreut sie seit zweieinhalb Jahren einen festen Kundenstamm im Bereich Marketing und Vertrieb; zu ihren Kunden zählen vor allem Nachrichtenportale und Onlineverlage.

Flexibles Arbeiten als Privileg

An drei Tagen in der Woche arbeitet die junge Frau nun also im Büro, an zwei Tagen zu Hause. Ihr Partner arbeitet als selbständiger Web-Entwickler sogar rund um die Uhr remote. Die Dreizimmerwohnung teilen sie mit einer Mitbewohnerin, denn Wohnraum ist in Dublin teuer. "Wenn ich zu Hause arbeite, plane ich eine feste Mittagspause ein und koche dann meistens auch selbst. Das finde ich wichtig, denn wenn man mit den Händen etwas schafft, bekommt man neue Energie. Bei einem Spaziergang anschließend tanke ich Kraft für den Rest des Tages." Das "hybride Modell", also die abwechselnde Arbeit im Büro und zu Hause, empfindet Böhler als "große Chance".

Zudem könne jeder festangestellte Google-Mitarbeiter bis zu 20 Arbeitstage im Jahr komplett remote und im Ausland arbeiten. Böhler verbringt diese vier Wochen jetzt im Dezember in ihrer Heimat. "Das machen viele der ausländischen Kollegen so", erklärt sie. Zusätzlich gebe es verschiedene Optionen für bezahlte und auch unbezahlte Beurlaubung. Diese will Böhler im kommenden Frühjahr in Anspruch nehmen, geplant ist ein drei Monate langes Sabbatical. Die Zeit möchte sie nutzen, "um sich einige langersehnte Träume zu erfüllen", für die sie neben ihrer Vollzeitarbeit bisher keine Zeit gefunden habe: die Freiwilligenarbeit mit vom Aussterben bedrohten Tierarten in Südostasien etwa und das Wandern entlang des Jakobswegs. Sie empfinde es als großes Privileg, sich eine mehrmonatige Auszeit nehmen zu können, ohne ihre Festanstellung bei ihrem Arbeitgeber aufgeben zu müssen.

"Klar, die jungen Leute wollen heute mehr Freiheit." Damit beschreibt Böhler auch sich selbst. Die Generation "Work and Travel" lasse sich nicht mehr jahrelang an einen Ort binden. Diese "Alles ist möglich"-Vision berge aber zugleich "die Gefahr, dass es immer schwieriger wird, bei einer Sache zu bleiben". Da Böhler in ihrem Unternehmen auch ein Team zum Thema Inklusion leitet, weiß sie um das Problem: Treue zu einem Betrieb lässt sich nicht erzwingen. "Die Kompromissbereitschaft und Beständigkeit der jungen Leute lassen nach, ihre Prioritäten ändern sich. Dabei muss jedem Arbeitgeber klar sein: Die Arbeitskraft ist austauschbar, die Persönlichkeit nicht. Unternehmen müssen künftig viel mehr in den kulturellen Faktor investieren, wenn sie gute Mitarbeiter halten wollen."

Gemeinsame Events für die Unternehmenskultur

"Soziale Events" wie Weihnachtsfeiern findet deshalb auch der Aachener Geschäftsführer Frerichs jetzt "umso wichtiger". Sie fänden auch "hohen Zulauf". "Außerdem schaffen wir auf unserem Campus neue Angebote wie Übernachtungsmöglichkeiten, einen Marktplatz für Ideen, Spaß und das Feierabendbier." Der größte Effekt neuer Arbeitsformen wie der Workation sei, dass dies als großes Vertrauen in die Mitarbeiter wahrgenommen werde. "Das ist auch ein ganz zentrales Element für die Bindung ans Unternehmen." Denn als größtes Risiko von Remote-Arbeitsformen bezeichnet auch Frerichs, dass der soziale Zusammenhalt im Kollegium "beliebiger" zu werden drohe. Er persönlich komme deshalb jeden Tag in die Firma, um zu sehen, wie die Stimmung ist. "Gerade die zufälligen Begegnungen sind unheimlich wertvoll."

Auch Arbeitnehmervertreter und Gesundheitsfachleute warnen immer wieder davor, die Schattenseiten der mobilen und flexiblen Arbeit völlig auszublenden. Denn statt Work-Life-Balance kann auch "Work-Life-Blending" entstehen, eine Entgrenzung von Arbeit und Freizeit. So hatte eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes im vergangenen Jahr das Ergebnis, dass jeder dritte Beschäftigte angab, auch zwischen 18 und 23 Uhr oft bis sehr häufig zu arbeiten. Vor der Corona-Pandemie seien dies weniger als zehn Prozent gewesen. Studien von Krankenkassen, etwa der Techniker Krankenkasse, zeigen zudem, dass aus der Distanz häufiger gearbeitet wird, obwohl man nicht ganz gesund ist.

Von der Gefahr, dass Beschäftigte sich zu viel zumuten, wenn sie nicht vor Ort arbeiten, weiß auch Frerichs: "Unser Vertrauen in die Mitarbeiter wird eben nicht missbraucht, sondern im Gegenteil, es besteht eher die Gefahr, dass zu viel gearbeitet wird. Wir schulen unsere Führungskräfte deshalb darin, verstärkt das Gespräch mit den Mitarbeitern zu suchen und sensibel zu sein für deren Belange." Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kollegen in Klischeekulisse mit Shorts am Strand, im Camper in Südfrankreich oder in Jogginghose am heimischen Schreibtisch sitzen.

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