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"Ich musste dem Beruf mein ganzes Leben unterordnen"

Frau, Schreibtisch, Arbeit, PC-Bildschirm [Quelle: pexels.com, Autor: Karolina Grabowska]

Quelle: pexels.com, Karolina Grabowska

Viele Menschen steigen im Job immer weiter auf – und stellen sich doch ein anderes Leben vor. 20 Leserinnen und Leser erzählen, warum sie auf Karriere verzichten.

Der Vorstandsposten wäre für Nicole Steiner der nächste logische Karriereschritt gewesen. Steiner, die eigentlich anders heißt, war schnell zur Geschäftsbereichsleiterin in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung aufgestiegen, war zuständig für mehr als 100 Beschäftigte, genoss die Anerkennung und besuchte immer wieder Seminare für Führungskräfte, um noch weiter zu kommen.

Doch als sie über sich, ihre Karriere und ihre Ziele nachdachte, merkte sie: "Der Druck und die Arbeitsbelastung sind zu groß – das will ich gar nicht." Die heute 48-Jährige gab die Führungsverantwortung komplett ab und wechselte auf eine Teilzeitstelle als Referentin. Sie verdient weniger und arbeitet dennoch gern. Und vor allem hat sie: Zeit für sich.

Vielen Menschen geht es so wie Steiner: Sie beginnen einen Job, werden befördert, sind erfolgreich – und merken doch, dass sie sich eigentlich ein anderes Leben vorstellen. Wir haben Leserinnen und Leser gefragt, warum sie auf eine große Karriere verzichtet haben. Etwa 450 haben sich bei uns gemeldet, darunter Ärztinnen, Programmierer, Sozialarbeiter und Personalerinnen.

Welche Gründe dazu führen, die Führungsposition aufzugeben oder die Beförderung auszuschlagen, sind ganz unterschiedlich: Viele merken, dass sie sich mehr Zeit für ihre Kinder oder den Partner wünschen; andere sind krank geworden und haben deshalb ihre Zeit anders eingeteilt; wieder bei anderen war die Pandemie ein Auslöser, zurückzutreten.

Bei einem ehemaligen Assistenzarzt war es der Blick auf ältere Kollegen. Er habe sich gefragt, ob sie neben der vielen Arbeit ein gutes Leben hätten, erzählt er heute. Doch das konnte er bei den Oberärzten und Chefärztinnen nicht erkennen. "Ich habe einfach gemerkt, dass mir beruflicher Erfolg und materielle Dinge nicht so wichtig sind wie ein gutes Leben", sagt der heute 42-Jährige. Jetzt arbeitet er freiberuflich als Notarzt – und nur so viel, wie es für seinen Lebensstil notwendig ist.

Sie versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen

Manche Leserinnen und Leser versuchen lange, den Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden. Eine Journalistin erzählt, dass sie die Erste aus dem Dorf gewesen sei, die an die Uni ging. Ihre Mutter habe ihr immer gesagt: "Lerne, mach was aus dir." Selbst jetzt, nachdem sie sich für Teilzeitarbeit entschieden hat, spüre sie diesen Druck noch jeden Tag, sagt sie.

Die Entscheidung gegen die Karriere bringt oft mehr Zeit, das Leben so zu gestalten, wie man es wirklich möchte. Die ehemalige Geschäftsbereichsleiterin ließ sich zur Supervisorin weiterbilden. Der freiberufliche Notarzt geht viel klettern und trifft sich mit Freunden. Die Journalistin hat endlich Zeit für ihre drei Kinder.

Hier erzählen 20 Leserinnen und Leser, warum sie beruflich einen Schritt zurückgegangen sind – und wie sie ihr Leben heute ausfüllen. Weil manche der Leserinnen und Leser berufliche Nachteile fürchten, sind sie anonymisiert. Wenn es möglich war, haben wir die Einsendungen geprüft und mit den Menschen telefoniert. 

"Ich bin so sozialisiert worden, dass Leistung wichtig ist" 

Mit Mitte 40 hatte ich viel von dem, was man mit Karriere verbindet: Ich hatte eine 60-Stunden-Woche, habe viel verdient und bin mit einem Sportwagen durch die Gegend gefahren. Ironischerweise war das zu der Zeit, als ich als Bildungsreferent für eine Gewerkschaft gearbeitet habe. Ich bin so sozialisiert worden, dass Leistung wichtig ist. Für mich war immer klar, dass alles, was ich anfange, größer werden muss. Es ging mir nicht wirklich ums Geld, obwohl ich auch viel Geld ausgegeben habe, als ich es hatte. Viel wichtiger war für mich die Wertschätzung.

Gleichzeitig hatte ich in meiner Zeit bei der Gewerkschaft und einem kurzen Ausflug in die Politik das Gefühl, dass sich die Arbeit in mein Leben reinfrisst, dass ich das nicht mehr trennen kann. Ich habe mich dann darauf besonnen, dass ich ursprünglich Sozialpädagogik studiert habe, und bin in die Betreuung von psychisch Kranken gewechselt. Auf diese eine Entscheidung gegen die Karriere folgten noch viele kleine. Nach ein paar Jahren habe ich zunächst meine Arbeitszeit auf eine Vier-Tage-Woche reduziert und danach mehrfach die Möglichkeit zum Aufstieg bewusst abgelehnt. Vor drei Jahren hatte ich einen Schlaganfall, der mir noch einmal gezeigt hat, wie kostbar Lebenszeit ist. Meinen letzten Karriererückschritt habe ich im Herbst 2021 gemacht: Seitdem bin ich nur noch ein ganz einfacher Mitarbeiter im öffentlichen Dienst. Ich prüfe den Versorgungsbedarf von Menschen mit Behinderungen. Ich weiß, dass ich das gut mache – und das ist für mich genug. Meine Arbeit ist aber nicht mehr mein Lebenszweck, das sind für mich das Leben mit meiner Partnerin und mein Garten.

Von: Ehemaliger Bildungsreferent, 55, Nürnberg

"Ich hatte Spaß an der Verantwortung, aber der Stress wurde zu groß"

Nach meinem Studium habe ich in der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen gearbeitet. Schon nach kurzer Zeit wurde ich dort zur Gruppenleiterin befördert. Führung hat mir Spaß gemacht und ich bin relativ schnell in die zweite Führungsebene aufgestiegen. Als junge Frau habe ich diese Anerkennung sehr genossen. Mit Anfang 30 habe ich aber auch gemerkt: Das ist wahnsinnig anstrengend, ich weiß nicht, ob ich das bis zur Rente machen will. Ich habe in dieser Zeit viele Fortbildungen für Führungskräfte besucht und war auch in der Supervision, um mir selbst klar zu werden: Wie soll es weitergehen, was ist der nächste Schritt? Als Frau hätte ich vermutlich gute Chancen gehabt, in eine Leitung oder einen Vorstand zu kommen. Doch da habe ich herausgefunden: Das will ich gar nicht.

Auch in meiner damaligen Position hatte ich schon viel Verantwortung. Ich war für 130 Mitarbeitende und weit mehr als 100 Klientinnen und Klienten zuständig. Dazu kam ein Arbeitspensum, dass man nie in der offiziellen Arbeitszeit bewältigen konnte. Außerdem wurde von mir – von oben und von unten – erwartet, dass ich immer bereitstehe. Trotzdem würde ich rückblickend sagen, dass es ein Traumjob war.

Letztlich habe ich mich in der Corona-Krise gegen die Führungsverantwortung entschieden. Es ging darum, die vielen neuen Regeln umzusetzen und auch selbst strikte Vorgaben zu machen. Da habe ich gemerkt, dass ich diesen Führungsstil nicht in mir habe. Zudem sind auch der Druck und die Arbeitsbelastung noch einmal deutlich gestiegen. Deswegen habe ich mich vor zwei Jahren entschlossen, meinen Job aufzugeben und eine Teilzeitstelle als Referentin anzunehmen, bei der ich netto etwa 500 Euro weniger verdiene. Nebenbei mache ich eine Weiterbildung zur Supervisorin.

Ich glaube, wenn ich die Weiterbildung nicht hätte, würde mir etwas fehlen. Nach so langer Zeit nicht mehr Chefin zu sein, sondern in der zweiten Reihe zu stehen, ist nicht so einfach. Andererseits genieße ich es, dass ich nicht direkt morgens im Auto das erste Telefonat führen muss, sondern erst einmal entspannt mit dem Hund eine Runde gehen kann. Eine sinnhafte Tätigkeit zu haben ist mir aber nach wie vor sehr wichtig, einfach nur mehr Zeit für den Hund oder für den Garten würden mich nicht glücklich machen.

Von: Nicole, 48, ehemalige Bereichsleiterin, Baden-Württemberg

"Ich war Assistenzarzt an einer Uniklinik, heute arbeite ich nur so viel wie nötig"

Es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob ich den richtigen Weg gegangen bin. Viele meiner ehemaligen Kollegen sind heute Oberärzte. Ich habe mich gegen die Karriere entschieden und arbeite wenige Tage im Monat freiberuflich als Notarzt. Das reicht, weil ich nur einen geringen Lebensstandard habe. Außerdem habe ich viel mehr Zeit für mich.

Meine Entscheidung gegen die Karriere fiel vor etwa acht Jahren. Damals war ich Assistenzarzt an einer Uniklinik. Das war eine super interessante Zeit, ich habe viel gelernt und hatte tolle Kolleginnen und Kollegen. Nach drei Jahren als Assistenzarzt habe ich mich gefragt, ob ich diesen Karriereweg weitergehen möchte. Doch dann habe ich mir meine älteren Kolleginnen und Kollegen angeschaut und mich gefragt, ob sie ein gutes Leben haben. Viele von ihnen haben extrem viel gearbeitet und viel für die Patientinnen und Patienten getan, aber die Balance mit dem Rest des Lebens hat für mich nicht gepasst.

Die Karriere als Arzt an der Uniklinik aufzugeben, war ein großer Schritt für mich. Ich komme aus einer klassischen Arbeiterfamilie, ich habe erst auf dem zweiten Bildungsweg mein Abitur gemacht, war vorher Bankkaufmann. Ich wollte mich immer gerne für etwas einsetzen, als Student war ich im ASTA aktiv. Doch ich habe gemerkt, dass man als Arzt, selbst wenn man Chefarzt wird, wenig bewegen kann, da die wirtschaftlichen Zwänge im Gesundheitssystem wenig Spielraum für Gestaltung lassen.

Als ich meine Facharztausbildung abgebrochen habe, haben das viele nicht verstanden. Aber ich habe einfach gemerkt, dass mir beruflicher Erfolg und materielle Dinge nicht so wichtig sind, wie ein gutes Leben. Dass mein Vater mit Anfang 60 gestorben ist, hat mein Blick auf Lebenszeit wohl auch verändert.

Heute habe ich eine kleine Mietwohnung und fahre ein Auto, das 25 Jahre alt ist. Sich rückblickend nicht als Verlierer zu fühlen, erfordert Reflexion. Doch ich weiß, dass es mir jetzt besser geht. Ich habe zwischenmenschliche Beziehungen ganz anders zu schätzen gelernt und Zeit, mich für Menschen einzusetzen. So habe ich gerade eine ukrainische Familie bei mir aufgenommen. Das hätte ich als Arzt im Dauerstress und mit dem Fokus auf die nächsten Karriereschritte nicht gekonnt.

Von: Peter, 42, Arzt, Berlin

"Jetzt kann ich die Dinge in meinem Tempo tun und mir auch mal einen Nachmittag frei nehmen."

Direkt nach der Schule habe ich eine kaufmännische Ausbildung bei einem großen Maschinenbauunternehmen begonnen. Weil ich im Betrieb und an der Berufsschule positiv aufgefallen bin, wurde ich praktisch direkt aus der Ausbildung auf eine Stelle als Assistentin der Bereichsleitung befördert. Das ist mir zugeflogen, ohne dass ich viel dafür getan habe. Während meinen Zwanzigern habe ich eigentlich nur für den Job gelebt, ich war das Mädchen für alles und musste ständig Verantwortung für Dinge übernehmen, mit denen ich eigentlich nichts zu tun hatte. Zeitgleich habe ich mich auch noch weitergebildet.

Vor zwei Jahren bin ich dann die Karriereleiter sogar noch eine Stufe heraufgestiegen und wurde Assistentin der Geschäftsführung. Doch dann hat mein Körper mir deutliche Signale gegeben: Kurz hintereinander bin ich zweimal wochenlang ausgefallen. Da habe ich beschlossen, aufzuhören. Ja, die Stelle war nicht schlecht bezahlt, aber für mich stimmte die Relation zum Stresslevel nicht.

Ich habe dann eine mehrmonatige berufliche Auszeit genommen. Erst seit Anfang März bin ich wieder berufstätig, aber nur mit einer 25-Stunden-Woche und bei einem Arbeitgeber, der Teilzeit sehr unterstützt. Jetzt kann ich die Dinge in meinem Tempo tun und mir auch mal einen Nachmittag frei nehmen, wenn gerade die Sonne rauskommt. Ich merke zudem, dass ich viel offener bin für zwischenmenschliche Beziehungen. Heute denke ich, dass ich diese Entscheidung früher hätte treffen sollen. Für mich ist klar: Ich möchte nicht mehr zu einer Vollzeitstelle zurück.

Von: Ehemalige Assistentin der Geschäftsführung, 31, Ulm

"Manchmal bin ich eifersüchtig auf Kollegen, die Erfolg haben."

Fast zehn Jahre lang bin ich den klassischen Karriereweg für einen Theaterschauspieler gegangen. Das heißt Schauspielschule und dann Stück für Stück ein immer größeres Theater, für das man alle paar Jahre wieder die Stadt wechselt. Ich musste dem Beruf mein ganzes Leben unterordnen. Und selbst wenn man das macht, hat man keine Garantie, dass man irgendwann berühmt wird. Es gab in meiner Zeit als Schauspieler nie den Moment, wo ich dachte, jetzt geht es richtig ab. Es war ein mühsames Reinarbeiten. Als meine damalige Partnerin, die in Berlin lebte, vor sechs Jahren schwanger wurde, war für mich klar, dass das wichtiger ist.

Auch als ich nach Berlin gezogen war, habe ich es eine Zeit lang mit der Karriere versucht, habe genetzwerkt und probiert, im Film unterzukommen. Doch das war so mühsam und hat mich so abhängig gemacht. Heute verdiene ich mein Geld hauptsächlich mit dem Schneiden von Videos. Das sind Tutorials für YouTube, aber zum Teil auch Projekte von Schauspielkollegen. Ich bewerbe mich auch auf Stipendien, um Stoffe für Theater oder Film zu recherchieren. Doch ich arbeite lieber weniger als mehr.

Das kann ich mir leisten, weil ich nach wie vor einen sehr niedrigen Lebensstandard habe. Ich fahre selten in den Urlaub und meine Eltern zahlen mir nach wie vor einen Zuschuss zur Miete. Manche Freundinnen und Freunde von mir müssen arbeiten, das ist ihr Lebenssinn. ich brauche das nicht, ich hole den Sinn aus Beziehungen und Freundschaften. Doch manchmal, wenn ich höre, dass ein Freund von mir anfängt zu drehen, bin ich auch ein bisschen eifersüchtig. Irgendwo in mir gibt es noch diesen Wunsch nach Anerkennung, danach, erfolgreich zu sein mit etwas, das man gerne macht.

Von: Johannes, 36, ehemaliger Schauspieler, Berlin

"Als ich Elternzeit genommen habe, war meine Karriere vorbei."

Meine Karriere in einem Start-up im Bereich Künstliche Intelligenz war in dem Moment vorbei, als ich gesagt habe, dass ich Elternzeit nehmen und in Teilzeit arbeiten will. In der Firma gab es die Einstellung, dass nur derjenige gut arbeitet, der mindestens 60 Stunden die Woche im Büro ist, selbst wenn es eigentlich nicht so viel zu tun gab. Die Chefs hatte kein Leben außerhalb der Firma und andere Kolleginnen und Kollegen standen einfach täglich drei Stunden am Kicker.

Ich war dort nach meiner Promotion Linguist und Business Analyst und hatte zunächst auch wirklich Lust auf Karriere. Doch als mein Kind geboren wurde, war ich erst in Elternzeit und habe dann auf 66 Prozent reduziert. Da wurde mir ganz offen gesagt: "Karriere und Gehaltserhöhung können Sie vergessen." Tatsächlich habe ich nie eine Gehaltserhöhung bekommen und wurde für Projekte, die eigentlich gut zu meinem Profil passten, nicht mehr berücksichtigt. Dabei wollte ich nur ein Leben neben meinem Beruf haben.

Dann habe ich mich entschieden, an die Universität zurückzukehren. Meine Position ist immer noch anspruchsvoll, aber ich kann sie besser mit meiner Familie vereinbaren. Ich habe eine 75-Prozent-Stelle und kann mir die Arbeit selbst einteilen. Ich glaube nicht daran, dass man sich morgens an den Schreibtisch setzen und dann zehn Stunden am Stück Topleistung bringen kann, deshalb schaue ich auch bei meinen Mitarbeitern mehr auf die Ergebnisse als auf ihre Arbeitszeiten.

Rückblickend war meine Zeit in der freien Wirtschaft sicher nicht nur schlecht. Ich hatte nette Kollegen und habe auch viel darüber gelernt, wie Menschen aus anderen Fachbereichen wie Mathematik, Softwareentwicklung oder Physik denken und arbeiten. Das hilft mir auch heute.

Von: Ehemaliger Linguist, 40, Göttingen

"Meine Familie sagt, ich könnte mehr erreichen, aber mir gefällt die Pflegearbeit."

Das Recht, Karriere zu machen, musste ich mir in meinen Zwanzigern erstreiten, vielleicht habe ich mich deshalb erst spät gefragt, ob das etwas ist, was ich selbst überhaupt will. Von meinen Eltern hatte ich mitbekommen: "Wenn du groß bist, heiratest du und der Mann versorgt dich." Ich habe dann einen US-Soldaten geheiratet, bin mit ihm durch Europa gezogen, je nachdem, wo er gerade stationiert war, bis wir schließlich in Texas gelandet sind.

Dort habe ich angefangen, als Data Analyst für ein Unternehmen zu arbeiten, das klinische Studien macht. Ich war ehrgeizig und bin auch aufgestiegen. Doch das Unternehmen wurde in den 17 Jahren, die ich dort war, immer wieder fusioniert, Leute wurden entlassen und ich wurde nicht nur einmal wieder zurückgestuft. Gleichzeitig nahm die Arbeitsbelastung über die Jahre kontinuierlich zu, Studien mussten plötzlich doppelt so schnell fertig werden, und das bei stetig wachsenden Datenmengen. Es gab eine Woche, da bin ich einfach nicht mehr aufgestanden. Rückblickend denke ich, dass ich einen Burn-out hatte.

Einen richtigen Schlussstrich habe ich aber erst nach einer besonderen Begegnung mit einem der Manager gezogen. Ich hatte etwas gesagt, dass ihm nicht gefallen hat, dafür wollte er mich abmahnen und ich sollte das auch noch unterschreiben. Ich saß da vor ihm, den Kugelschreiber in der Hand, und statt zu unterschrieben, schrieb ich "I quit" – ich kündige. Dieser Moment war so unglaublich befreiend für mich.

Danach habe ich mir eine Auszeit genommen und bin dann nach Deutschland gegangen und habe mich vier Jahre lang um die pflegebedürftige Mutter meines Schwagers gekümmert. Ich habe eine Ausbildung zur Pflegehelferin gemacht und mich auch weitergebildet.

Gern wäre ich in Deutschland geblieben, aber mein psychisch-kranker Sohn, der noch in den USA lebt, brauchte meine Hilfe. Hier arbeite ich nach wie vor in der Altenpflege – wenn andere ausfallen auch mal 40 Stunden pro Woche. Ich habe zwar eine kleine Rente, mit der ich auch überleben könnte, aber mir macht die Arbeit so viel Spaß. In meiner Familie heißt es manchmal: Du hättest doch so viel mehr erreichen können. Aber ich fühle mich gut, weil ich das Richtige gemacht habe – für mich, nicht für irgendjemand anders.

Von: Maria Rietz, 67, ehemalige Data Analystin, Texas

"Ich hätte nur noch die Abschlussprüfung machen müssen, aber mir war klar, dass ich das nicht mehr möchte."

Fast zehn Jahre lang bin ich bei einem Autohersteller in Bayern aufgestiegen, in der Pandemie habe ich mich gegen eine weitere Karriere entschieden. Begonnen habe ich als KFZ-Mechatronikerin in der Montage, mit den Jahren wurde meine Arbeit technischer, mein Schwerpunkt war die Softwarefehleranalyse. Ich habe immer neue Aufgaben dazu bekommen und mich auch weitergebildet, hatte auch Spaß an der Arbeit. Gehaltsmäßig bin ich jetzt auf Facharbeiterniveau und kann mit meiner Ausbildung auch nicht weiter aufsteigen. Deshalb habe ich eine Weiterbildung für Führungskräfte begonnen. Die Weiterbildung lief neben meiner Vollzeitstelle, das war extrem stressig. Ich habe jeden freien Tag dafür geopfert.

Als dann mit der Corona-Pandemie die Kurzarbeit kam, habe ich gemerkt, dass die Welt ja auch weiterläuft, wenn man nicht arbeitet. Dass ich auch mal einen ganzen Tag draußen bei meinem Pferd verbringen kann, ohne mich zu langweilen. Kurz darauf habe ich meine Weiterbildung abgebrochen. Ich hätte nur noch die Abschlussprüfungen machen müssen, aber mir war klar, dass ich das nicht mehr möchte.

Erst einmal hat das für mich keine direkten Konsequenzen. Ich arbeite weiter in meinem Job – auch wenn ich mir vorstellen könnte, in Teilzeit zu wechseln. Aber ich weiß, dass ich nicht weiter aufsteigen werde. Meine Eltern konnten meine Entscheidung nicht verstehen, "Denk doch mal an die Rente", haben sie gesagt. Lange hat mich die Frage beschäftigt: Wenn ich keine Karriere mache, was wird dann aus mir? Ich dachte, ich muss bis zur Rente weiterarbeiten. Jetzt denke ich darüber nach, mich als Pferdetrainerin selbstständig zu machen.

Von: Elektrotechnikerin bei Autobauer, 27, Bayern

"Ich musste mich entscheiden: Will ich Karriere machen oder für die Kinder da sein?"

Wenn ich ehrlich bin, kämpfe ich noch immer täglich mit meinem Entschluss, auf die Karriere zu verzichten. Vor zehn Jahren musste mich entscheiden: Will ich weiter Karriere machen oder für meine Kinder da sein. Da habe ich mich für die Kinder entschieden. Doch in mir ist auch immer noch dieser Satz von meiner Mutter: "Lerne, mach was aus dir." Dem bin ich jahrzehntelang gefolgt.

Als Journalistin bin ich praktisch durchmarschiert – von ganz unten nach ganz oben. Ich habe bei Lokalzeitungen begonnen, war dann im Ausland und bin schließlich bei einem privaten Radiosender gelandet, wo ich die Abteilung Außen- und Bundespolitik geleitet habe. Ich denke noch heute gerne daran zurück, wie viele Bundespräsidenten, Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger ich getroffen habe. Gleichzeitig hatte ich einen Chef, der mir den Rücken freigehalten hat, wenn ich Zeit für die Familie brauchte. Nach der Leo-Kirch-Pleite Anfang der Nullerjahre wurde der Sender zerschlagen und ich musste mich neu orientieren. Dann hatte ich die Chance, Chefredakteurin eines Lokalsenders zu werden. Ich hatte ein intelligentes Konzept entworfen, wollte aber nur 30 Stunden die Woche arbeiten, weil ich gerade mit meinem dritten Kind schwanger war und Zeit für die Kinder haben wollte. Doch der Chef des Senders hielt nichts von der Idee einer geteilten Führung. Da wusste ich: Das war es jetzt mit der Karriere.

Seitdem arbeite ich daran, mir ein neues Standing aufzubauen, mir selbst und meiner Familie zu zeigen, dass ich mehr bin als die Hausfrau. In Teilzeit habe ich ein eigenes Medienunternehmen gegründet, podcaste und schreibe für kleinere Auftraggeber und helfe Frauen dabei, sich zu vernetzen. Ich weiß, ich habe mir diesen Verzicht auf die große Karriere selbst aufgezwungen, aber ich habe meinen Kindern versprochen, dass ich sie unterstützen werde, wenn sie mal selber Kinder bekommen. Anders funktioniert Karriere für Frauen leider nicht.

Von: Stefanie Schuster, 52, Journalistin, Potsdam

"Ende 30 habe ich meinen Job als Oberärztin aufgegeben, um für die Kinder da sein zu können."

Ich bin Augenärztin und habe mich eigentlich nie für einen Karrieremenschen gehalten – aber es hat mir schon Spaß gemacht, Karriere zu machen. Ich wollte immer weiterkommen und es ging mühsam, aber stetig voran: Medizinstudium, Assistenzärztin, Facharztausbildung, Augenärztin an mehreren Kliniken, schließlich Oberärztin in Vollzeit. Zwischendurch, mit Anfang 30, meldete sich das erste Mal ein leichter Familienwunsch, aber ich entschied mich für den weiteren Aufstieg. Die Verantwortung und auch die Arbeitsbelastung stiegen immer mit, wurden mir aber selten zu viel. Besonders in meiner letzten Klinik hatte ich sehr viel Freude an der Arbeit und konnte viel operieren, was mir immer das Liebste an dem Job war. Mit etwa 100.000 Euro Jahresgehalt hatte ich auch mehr Geld, als ich ausgeben konnte.

Doch mit einer Familie ließ sich die Position nur schwer vereinbaren und irgendwann war der Wunsch nach Kindern stärker. Ich habe dann innerhalb von zwei Jahren mit meinem Partner zwei Kinder bekommen und bin erst mal in Teilzeit auf meine alte Position zurückgekehrt. Doch die weiten Arbeitswege, die Wochenend- und die Bereitschaftsdienste, setzten mir und der Familie zu und ich wollte nicht mehr so arbeiten.

Es war kein leichter Schritt, aber vor acht Jahren habe ich deshalb in einer operativen Gemeinschaftspraxis in der Nähe meines Wohnortes als angestellte Ärztin angefangen, vier Tage die Woche, nie am Wochenende. Ich verdiene zwar weniger, habe aber viel mehr Zeit mit der Familie und genieße davon jeden Augenblick – das ist für mich eine andere, mindestens genauso große Art von Erfolg. Trotz aller medizinischen Fortschritte war es für mich keine Selbstverständlichkeit, mit Ende 30 zwei gesunde Kinder zu bekommen. Und dann möchte ich mir auch die Zeit nehmen können, gemeinsam mit dem Vater für sie da zu sein.

Von: Augenärztin, 46, Brandenburg

"Mit 55 will ich nur noch so viel arbeiten, wie ich Lust habe."

Ich leite ein Team mit fünf Personen in einem Unternehmen in der Immobilienbranche. Ich berate andere Firmen dazu, wie sie nachhaltig und energieeffizient bauen können. Führungskraft zu werden konnte ich mir früher nie vorstellen, da bin ich mit der Zeit reingewachsen, weil ich mich in meinem Bereich gut auskenne. Meine Arbeit macht mir viel Spaß. Zwei Jahren nachdem meine Frau und ich unser zweites Kind bekommen haben, haben wir aber entschieden, dass sie wieder in Teilzeit arbeiten wird und ich deshalb meinen Vollzeitjob etwas reduzieren werde. Ich arbeite jetzt nur noch 80 Prozent. Finanziell ist das kein Problem. Wir kommen gut damit zurecht, dass wir etwas weniger Geld haben als früher.

Meine Stelle als Teamleiter habe ich weiterhin, aber ich arbeite nur noch an vier Tagen in der Woche. Das erste Jahr in Teilzeit war anstrengend. Meine Führungsaufgaben sind gleich geblieben, aber ich habe nun einen Tag weniger, um sie zu erledigen. Die Arbeit hat sich dadurch verdichtet. Mich hat aber sehr ermutigt, dass ich so viele positive Reaktionen aus dem Unternehmen erhalten habe. Viele Kollegen waren positiv überrascht: "Was, 80 Prozent als Teamleiter, das geht?" Und inzwischen kann ich sagen: Ja, man kann auch mit 80 Prozent Teamleiter sein.

Freitags habe ich frei und wir können die Zeit als Familie nutzen. Außerdem habe ich nun mehr Zeit, wandern zu gehen, mich um unseren Garten zu kümmern und im Kindergarten meiner Kinder zu engagieren. Zu solchen Dingen bin ich gar nicht gekommen, als ich noch Vollzeit gearbeitet habe. Diese Freiräume zu haben macht mich glücklich. Schon am Dienstagabend denke ich: Noch zwei Tage, dann ist Wochenende. Auch meine Kinder freuen sich: Sie müssen freitags zwar noch in den Kindergarten, aber sie wissen, dass ich schon zu Hause bin und sie abhole.

Meine Führungskraft fände es sicher gut, wenn ich im Unternehmen noch mehr Verantwortung übernehmen würde. Aber sie schätzt mich auch in meiner aktuellen Position. Weiter aufzusteigen, reizt mich nicht. Ich achte auf die Balance zwischen Spaß an der Arbeit, finanzieller Sicherheit und genügend freier Zeit. Und ich will diese Zeit haben, solange die Kinder noch klein sind und ich fit bin, nicht erst mit 67. Meine Frau und ich planen deshalb, mit 55 unsere normale Beschäftigung aufzugeben und nur noch so viel zu arbeiten, wie wir Lust haben. Dann sind unsere Kinder erwachsen, unser Haus wird abbezahlt sein, sodass wir auch mit weniger Geld zurechtkommen.

Von: Teamleiter in Immobilienbranche, 38, Raum Stuttgart

"Wir können in den Tag hineinleben, ohne an die nächste Deadline denken zu müssen."

Ich war 13 Jahre lang beim Film und habe dort gewissermaßen umgedreht Karriere gemacht. Durch meinen damaligen Partner, der Schauspieler war, konnte ich direkt als Szenenbildassistentin einsteigen – normalerweise fängt man in der Requisite an und landet erst später dort. Doch meine Stelle war mir zu aufwendig, da musste man auch mal bis drei Uhr nachts arbeiten. Ich habe dabei viel an meine Eltern gedacht, die eine eigene Gastronomie hatten und dafür Tag und Nacht gearbeitet haben – das wollte ich nicht. Also bin ich doch zur Requisite gegangen, eben weil das weniger lebenszeitraubend war. Ich habe in diesem Bereich sogar eine Festanstellung beim Fernsehen bekommen, doch mit der Zeit fand ich die Arbeit nicht mehr besonders spannend. Es hätte zwar Aufstiegsmöglichkeiten gegeben, aber die waren für mich nicht interessant.

Zu dieser Zeit gab es bei einer Airline die Möglichkeit, ein Jahr als Flugbegleiterin zu arbeiten – beziehungsweise ein halbes Jahr lang zu arbeiten und dann ein halbes Jahr frei zu haben. Die Idee, zu fliegen und die Welt kennenzulernen, fand ich toll. Ich dachte, ich könnte den Film und das Fliegen kombinieren, aber die Filmwelt war dann deutlich weniger flexibel als ich dachte. Weil ich in dem Jahr auch meinen heutigen Mann kennengelernt habe und wir oft zusammen geflogen sind, war ich wenig motiviert, in meinen alten Beruf zurückzukehren.

Mittlerweile arbeite ich in Teilzeit als Flugbegleiterin und habe fast 15 Tage im Monat frei. Eine Beförderung als Purserin, also zur Leiterin der Kabinencrew, habe ich schon mehrfach abgelehnt. Das würde nur weitere Verantwortung und zusätzliche Arbeitszeit mit sich bringen. Das zusätzliche Geld brauche ich nicht – ich lebe mit meinem Mann in einem Tiny House, das wir uns gekauft haben, wir besitzen ein kleines Boot und ein Wohnmobil. Noch wichtiger ist aber, dass wir Zeit haben, das alles zu genießen. Wir haben Spaß daran, an unserem Haus und im Garten zu arbeiten, ich male und bastle. Wir können in den Tag hineinleben, ohne an die nächste Deadline denken zu müssen. Unser Umfeld beneidet uns um unsere Freiheit, trotzdem versteht keiner, wie man Teilzeit arbeiten kann und freiwillig auf so viel Geld verzichtet.

Von: Hannah, 40, ehemalige Szenenbildassistentin, Hessen

"Mein Chef ist froh, dass er Teilzeitkräfte hat."

Mein Vater hat immer viel gearbeitet, oft von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends, dann ist er mit 58 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Für mich war deshalb relativ früh klar, dass ich nicht nur für den Job leben will. Richtig umgedacht habe ich allerdings erst, als unser Sohn mit einer Querschnittslähmung zu Welt gekommen ist.

Ich bin Anästhesist und arbeite in einem Krankenhaus, oft im OP, manchmal auch auf der Intensivstation. Wenn ich es drauf angelegt hätte, könnte ich heute Oberarzt sein. Stattdessen bin ich schon nach meiner Facharztausbildung in Teilzeit gegangen und habe mir auch die Promotion gespart.

Die Freiheit, die ich durch diese Entscheidung gewonnen habe, genieße ich bis heute. Meine Frau und ich arbeiten viel im Garten, haben Hühner und Kaninchen zur Selbstversorgung – und wir haben genügend Zeit für unsere Kinder. Außerdem stelle ich mein eigenes Bier her und mache selber Wurst. Natürlich kann ich mit meinem Gehalt nicht mal eben nach London fliegen, aber das brauche ich auch nicht.

Mein Chef ist froh darüber, dass er auch Teilzeitkräfte hat. Zum einen sind wir deutlich entspannter als die Kollegen, die in Vollzeit arbeiten, und zum anderen können wir leichter mal einspringen, wenn es einen Engpass gibt. In der Pandemie habe ich teilweise auch 60 Stunden die Woche gearbeitet, aber nur vorrübergehend, weil es nötig war. Meine Lebenszeit ist mir zu kostbar, um sie nur mit Arbeit zu füllen.

Von: Jan, 50, Anästhesist, Mecklenburg-Vorpommern

"Meine Vorgesetzten haben mich sogar beim Downshifting unterstützt."

Ich arbeite in einem großen Unternehmen und habe ein klassisches Downshifting vollzogen: Ich habe meinen bei anderen heißbegehrten Senior-Manager-Vertrag gegen einen deutlich niedriger eingestuften Arbeitsvertrag eingetauscht. Vom Thema Führung habe ich mich damit verabschiedet und arbeite jetzt "nur noch" als Projektingenieur an fest definierten Projekten. Toll war, dass meine Vorgesetzten Verständnis hatten und mich bei meiner Entscheidung unterstützt haben. Meine Work-Life-Balance hat sich seitdem deutlich verbessert. Ich fühle mich längst nicht mehr so fremdbestimmt wie früher, nehme den Job nicht mehr mit nach Hause und kann das Wochenende bis zum Sonntagabend komplett entspannen. Spontan erlaube ich mir heute sogar mal, später zur Arbeit zu gehen oder früher Feierabend zu machen – früher wäre das undenkbar gewesen.

Als Krönung habe ich meinen Arbeitsvertrag noch in einen Teilzeitvertrag umgewandelt, sodass ich jetzt nur noch an vier Tagen die Woche arbeite. Natürlich ist das mit finanziellen Einbußen verbunden, aber das Mehr an Frei- und Lebenszeit ist durch kein Geld der Welt zu ersetzen. Ich kann an meinem freien Tag meine Kinder zur Schule bringen, mich ums Mittagessen kümmern und habe viel mehr Zeit für mich, für Sport, für Freunde. Ich genieße mein Leben viel mehr – einfach, weil ich weniger gestresst und dabei viel ausgeruhter, präsenter und ausgeglichener durchs Leben gehe. Nach Jahren als Führungskraft gibt es aber immer noch Momente, in denen ich mich frage, ob ich tatsächlich alles richtig gemacht habe – etwa, wenn jüngere Kollegen, die ich fachlich und charakterlich nicht hoch einschätze, an mir vorbeiziehen und plötzlich Positionen innehaben, die ich früher selbst ausgeübt habe. Doch das geht immer schnell vorbei. Glücklicherweise bin ich von Menschen umgeben, die sich nicht nur über ihre beruflichen Erfolge identifizieren, sondern sich auch für die Dinge links und rechts vom Job interessieren.

Von: Stefan, 49, Ingenieur, Norddeutschland

"Als im Nachbarort eine Buchhandlung geschlossen werden sollte, war mir klar: Das ist es."

Ich gehöre wohl zu den wenigen Menschen, die nach dem Schritt in die Selbstständigkeit weniger arbeiten als vorher. Die Öffnungszeiten meiner kleinen Buchhandlung im ländlichen Raum habe ich der Nachfrage angepasst. Weil ich die meisten Dinge wie Buchhaltung und Bestellungen während der Öffnungszeiten erledigen kann, habe ich praktisch nur eine Teilzeitstelle. Dabei profitiere ich davon, dass ich als Personalerin gelernt habe, effizient zu organisieren.

Bevor ich vor acht Jahren die Buchhandlung übernommen habe, war ich drei Jahre lang stellvertretende Personalleitung eines Elektronikunternehmens mit 700 Mitarbeitern. Ich habe mich bewusst nach oben gearbeitet. Ich dachte, dass ich mit mehr Verantwortung auch mehr Handlungsspielraum bekommen würde. Doch das stimmte nicht. Es ging immer weniger um die Sache an sich und immer mehr um richtiges Taktieren und darum, sich Verbündete zu suchen. Das bin ich einfach nicht.

An einem Freitagabend um 19 Uhr – ich hatte mal wieder eine Über-60-Stunden-Woche hinter mir – stand noch eine Aufgabe für ein Mitglied der Geschäftsleitung aus. Ich war zum Essen verabredet und habe ihn deshalb gefragt, ob er es noch braucht. Die Antwort, ja, möglichst schnell. Ich habe mich hingesetzt, das Essen mit meinem Mann nach hinten verschoben und die Aufgabe noch abends abgeschickt. Als die Lesebestätigung erst am Montagmorgen kam, habe ich mich gefragt, warum ich das überhaupt noch mache, und habe kurz darauf gekündigt.

Weil ich gut vernetzt war, wusste ich auch, dass es in einem anderen Unternehmen ganz ähnlich sein würde, deshalb habe ich mich entschieden, mich selbstständig zu machen. Vor meiner Zeit als Personalerin hatte ich eine Ausbildung als Buchhändlerin gemacht. Als im Nachbarort eine Buchhandlung geschlossen werden sollte, war mir klar: Das ist es. Natürlich ist es verrückt in diesen Zeiten eine Buchhandlung zu führen, auch mein Mann war skeptisch. Aber ich habe einen Businessplan geschrieben und die Vor- und Nachteile gründlich abgewogen. Das Geschäft trägt sich längst finanziell. Gleichzeitig habe ich auch mehr Zeit für Freunde und Hobbys. Die Buchhandlung ist vermutlich nicht mein letzter Schritt, aber ich habe jetzt die Freiheit im Kopf, um nachzudenken, was ich wirklich möchte.

Von: Alexandra, 48, ehemals in der Personalleitung, Südbaden

"Ich wollte für den Job nicht meine Heimatstadt verlassen."

Mit Anfang 30 musste ich mich entscheiden, ob ich für meinen Job umziehen möchte. Ich hatte ein duales Studium bei einem großen Lebensmitteleinzelhändler gemacht und danach dort weitergearbeitet – erst als Assistentin im Einkauf, danach als Expertin in einem Projekt, in dem Filialen umgestaltet werden sollten. Dann wurde die Zentrale des Unternehmens ins Ruhrgebiet verlagert. Das hätte meine Chance sein können aufzusteigen. Mein Chef hat mir immer signalisiert, dass er sehr zufrieden mit mir ist. Wenn ich ihn gefragt hätte, hätte ich sicher eine verantwortliche Position im Unternehmen übernehmen können. Aber ich wollte für den Job nicht meine Heimatstadt verlassen. Und ich konnte mir auch nicht vorstellen, der Arbeit alles unterzuordnen. Sich ständig beweisen zu müssen, war nicht mein Ding. Ich wollte Zeit haben für andere Dinge, zum Beispiel meine Freunde zu treffen und nach Feierabend nicht ständig an die Arbeit denken müssen.

Ich bin dann in die IT-Branche gegangen, habe als Assistentin eines technischen Leiters gearbeitet und später Aufgaben im Controlling übernommen. Den Arbeitgeber habe ich mehrmals gewechselt. Zwischendurch war ich auch mal zwei Jahre selbstständig als Controlling-Dienstleisterin und habe nur genau so viel gearbeitet, dass ich genug Geld hatte, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Aktuell arbeite ich im Controlling eines Unternehmens, 20 Stunden in Teilzeit. Mein Wissen wird geschätzt. Sobald das nicht mehr so wäre oder der Job mich nicht mehr herausfordern würde, würde ich mir etwas Neues suchen.

Ich habe einige Menschen erlebt, die sich beruflich zu viel zugemutet haben. Ich denke nicht, dass das gut ist. Ich würde jedem raten, sich gut zu überlegen, ob man der Karriere so viel unterordnen will und was man davon hat.

Von: Ehemalige Expertin Sortimentgestaltung, 55, Norddeutschland

"Ich nehme sieben Wochen Extraurlaub, um Radtouren machen zu können."

Mit Anfang 40 hatte ich einige berufliche Wechsel als Informatiker hinter mir. Es war mir klar, dass ich nicht immer höher und weiter aufsteigen will. Mein Gehalt war gut – mehr hätte mich nicht glücklicher gemacht. Am wichtigsten war mir, Freude an der Arbeit zu haben. Wenn das der Fall ist, erzielt man automatisch gute Leistungen. Ich wollte aber auch genug Zeit haben, um andere Dinge machen zu können, die mir Freude bereiten – vor allem Fahrrad fahren.

Mit 44 Jahren genehmigte mein Arbeitgeber mein erstes Sabbatical von sechs Monaten. Das habe ich genutzt, um mit dem Rad nach Santiago de Compostela zu radeln. Sechs Jahre später habe ich mir eine zweite Auszeit von sechs Monaten gegönnt und fuhr wieder mit dem Fahrrad: meine bis dahin längste Tour durch Europa. Der Endpunkt meiner ersten Tour war nun mein Startpunkt: Santiago de Compostela. Die Route verlief durch Portugal, Spanien, Frankreich, Italien und die Schweiz. Das war fantastisch, aber auch sehr anstrengend. Die Reiselust hat mich danach vollends gepackt. Weitere Sabbaticals waren mir aber zu teuer, da ich während dieser Zeit kein Einkommen habe, meine Krankversicherung selber zahlen muss und die Rentenbeiträge vom Arbeitgeber gestoppt werden.

Mir ist dann die Idee gekommen, Freizeit anzusparen: Ich reduzierte die Arbeitszeit auf 32 Stunden pro Woche und arbeitete dennoch 40 Stunden. Die Mehrarbeit von acht Stunden pro Woche wird mir auf meinem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben – so habe ich im Jahr sieben Wochen Urlaub mehr. Die angesparte Zeit nehme ich dann für weitere Radtouren frei. Somit tausche ich Gehalt gegen Freizeit. Das ist ein cooles Modell. Und ich habe immer noch meinen regulären Urlaub von sechs Wochen, den ich mit meiner Freundin verbringen kann.

Bisher habe ich nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Im Gegenteil: Viele Kollegen beneiden mich, dass ich so lange unterwegs sein kann, ohne meinen kompletten Urlaub zu verbrauchen. In ein paar Wochen geht es wieder los: Mein Ziel ist Sardinien. Fliegen möchte ich inzwischen vermeiden, deshalb fahre ich mit dem Zug bis Bologna und starte dort die Tour. In den sieben Wochen werde ich 2.200 Kilometer radeln, dabei bleibt noch genug Zeit für Erkundungen vor Ort. Darauf freue ich mich schon sehr.

Von: Dirk Strothmann, 57, Informatiker, Region Hannover

"Ein Schlaganfall hat mir gezeigt, dass es so nicht weitergeht."

Ich habe über 20 Jahre als Statiker in einem Ingenieurbüro gearbeitet. Dort hatte ich sehr viel Verantwortung, ohne meine Unterschrift konnte kein Projekt angenommen werden. Wenn etwas schieflief, hatte ich immer das Bedürfnis, es richten zu müssen. Ich hatte das Gefühl, alles für das Wohl des Unternehmens und der 40 Mitarbeiter tun zu müssen.

Doch mit 46 Jahren war das plötzlich vorbei: Ich bekam einen Schlaganfall. Ich hatte ein paar motorische Ausfälle, auch beim Sprechen. Nach eineinhalb Monaten Reha konnte ich das wieder kompensieren. Danach war mir aber klar, dass es so nicht weitergeht. Ich suchte mir einen ruhigeren Job, als Angestellter in einer Behörde. Dort habe ich immer wieder das Gefühl, dass mir diese Arbeit nicht reicht – es steckt in mir drin, mehr zu wollen und aufzusteigen. Aber um in der Behörde in eine höhere Stellung zu kommen, müsste ich zu viele Hürden nehmen. Also muss ich mich damit abfinden, dass ich keine Führungsposition mehr übernehmen werde. Das fällt mir schwer, denn meine Vorgesetzten wechseln oft und haben wenig inhaltliches Wissen und auch nicht viel Erfahrung damit, Mitarbeiter zu führen.

Trotzdem bin ich froh, dass ich mich entschieden habe, in den öffentlichen Dienst zu wechseln. In der freien Wirtschaft wird so viel von einem erwartet, dass man sich schnell ausgelaugt fühlen kann, wenn man nicht aufpasst. Der Schlaganfall hat mich verändert und ich wusste: Mit diesem Leistungsdruck schaffe ich es nicht bis zur Rente.

Von: Statiker, 50, Sachsen

"Ich möchte eine ruhige Praxis, die ich im Sommer zumachen kann."

Lange habe ich alle Erwartungen erfüllt: 1,1 Abitur, ich habe mich tatsächlich geärgert, dass hinter dem Komma diese 1 steht und keine 0. Dann sofort in das Medizinstudium gestartet. Praktikum in Asien, Doktorarbeit, Tutorien geben und gute Noten schreiben. Dann stand ich an einem Freitagabend in einer Klinik, in der ich ein Praktikum machte, und beobachtete den Chefarzt, wie er durch die Gänge schlich, graue Haare, müde Augen. Ich wusste, dass er auch am Wochenende seine Privatpatienten in dem Krankenhaus behandelte und die letzten zwanzig Jahre durch das Leben gerannt war und auch sonst Raubbau an seinem Körper betrieb. Abitur, Promotion, Habilitation, Chefarztstelle und plötzlich ist man 55, ergraut und in seinem Leben siebenmal umgezogen – mir wurde klar, dass ich das für kein Gehalt der Welt machen möchte. Man muss nicht Chefarzt sein, um Patientinnen und Patienten weiterzuhelfen.

Ich möchte mich in einer Allgemeinmedizinpraxis niederlassen und mittags mit meiner zukünftigen Familie essen können. Und die Praxis im Sommer einen Monat zumachen. In meiner Freizeit lese ich wieder mehr Romane und weniger Sachbücher und ich habe wieder angefangen, Badminton zu spielen. Außerdem träume ich davon, eine kleine Galerie zu eröffnen. Mir fehlt es kein bisschen, über berufliche Erfolge oder die Karriere zu sprechen. Mir reicht das Feedback meiner Patienten und ich kann fast nicht glauben, dass ich 18 Jahre während der Schule und im Studium nach Noten, Feedback und Anerkennung von mir fremden Menschen gelechzt habe. Es war schwer, mir diese Bewertungssucht abzutrainieren. Oft habe ich mich gefragt, ob ich zu weich bin. Vielleicht gehöre ich aber auch zu einer anderen Generation mit einem anderen Arbeitsverständnis als die 60, 70-jährigen Chefs der Unikliniken. Die haben schon als Assistenzärzte 80 Stunden pro Woche gearbeitet und das machen sie auch heute noch. Aber die Kohlebergwerkgeneration hat auch 100 Stunden in der Woche gearbeitet und dahin will ja auch keiner zurück.

Ich habe mich nun nach dem Studium bewusst für eine ruhigere Stelle in einem kleineren Krankenhaus entschieden. Ich würde jedem Menschen raten, der das Gefühl hat, in einen Burn-out zu schlittern, sich die Frage zu stellen, was ihn motiviert. Wenn es Geld ist, würde ich mir die Frage stellen, was man damit kaufen will. Und dann, ob man diese Dinge wirklich gerne besitzen will, oder ob es die Dinge sind, die einen dann besitzen. Die Immobilie macht einen immobil und ein großes Auto schadet der Umwelt. Was bleibt dann noch übrig? Es ist leichter, seine Träume neu zu definieren, als den Traum vom Einfamilienhaus zu finanzieren.

Von: Arzt, 25, Bayern

"Ich habe gelernt, mich für andere zu freuen."

Früher war mein Berufsethos: Wer nicht oben ist, hat was falsch gemacht. Was für ein Quatsch! Ich war angestellter Unternehmensberater und in der Branche geht es immer nur nach oben. Auch für mich: Ich habe stets alle vereinbarten Ziele erreicht, das Feedback der Kundinnen und Kunden war gut und die Partner haben mich unterstützt. Doch nach der Geburt unseres Sohnes hat dieses "Höher! Schneller! Weiter! Mehr!" schnell an Bedeutung verloren. Meine Rolle in unserer Familie war auf einmal wichtiger als die nächste Position in der Projektleitung. Also habe ich das Unternehmen gewechselt – zwar auf eine höhere Position, aber mit entspannteren Arbeitszeiten.

Doch auch dieser Job hat mich psychisch belastet und es gab immer wieder Reibungen mit Vorgesetzten. Ich bin in Elternzeit gegangen und habe danach in Teilzeit bewusst in einer kleineren Firma angefangen. Für die übernehme ich heute als Selbstständiger immer noch Aufträge – doch wie ich meinen Tag einteile, entscheide ich nun in erster Linie nach den Kitazeiten und meinen sozialen Verpflichtungen und nicht mehr nach irgendeinem finalen Projektbericht. Bei der Neuorientierung hat mir ein Coach geholfen. Ich habe gelernt, mich für andere zu freuen. Heute gibt es für mich kaum etwas Größeres, als zu erkennen, was einen treibt und was einen ruhen lässt. Das muss sich nicht in Titeln, Gehalt und Beförderungen ausdrücken.

Mein Leben seit meinem Karriereverzicht ist erfüllter geworden: Ich kann viel Zeit mit unserem Sohn verbringen, meiner berufstätigen Frau den Rücken freihalten, gärtnern, kochen und selbstgebackene Brote verschenken. Das Leben fühlt sich intensiver an als jemals zuvor.

Von: Marius, 39, Unternehmensberater, Niedersachsen

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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