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Wie gelingt das digitale Vorstellungsgespräch?

Männer Vorstellungsgespräch Laptop Zoom [Quelle: Unsplash.com, Autor: Dylan Ferreira]

Quelle: Unsplash.com, Dylan Ferreira

Wer sich in der Pandemie für einen Job vorstellt, muss meist ohne persönliche Begegnungen auskommen. Unsere Autorin weiß, wie man sich dennoch gut präsentiert.

"Das sieht ja furchtbar aus!" Gerade hat Jutta Boenig die neue Kamera an ihrem Computer installiert und ausprobiert, wie sie damit im Zoom aussieht. "Die macht mich ja um zehn Jahre älter." Rasch schraubt sie die Kamera wieder ab und verwendet lieber die vorinstallierte Computerkamera.

"Videogespräche sollte man unbedingt vorher testen", sagt sie. "Perfekte Technik bedeutet Professionalität." Boenig ist Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung und bietet seit 23 Jahren in Überlingen am Bodensee Coaching, Seminare und Schulungen an. Geht es um Bewerbungsgespräche, wollen ihre Kunden neuerdings eines wissen: Wie kann ich mich gut online präsentieren? "Es gibt dafür kein Patentrezept. Man kann aber viel dafür tun, dass man online genauso professionell und authentisch rüberkommt wie im persönlichen Gespräch."

Ein feuchtnasser Händedruck sagt schon einiges aus

Laut dem Online-Karrierenetzwerk e-fellows haben viele Unternehmen ihr Recruiting mittlerweile stark digitalisiert. Die Manager arbeiten überwiegend im Homeoffice. Sie nutzen online-basierte Recruiting-Maßnahmen, wählen das Personal per Telefon oder Video aus, und sogar das Onboarding – Einführung, fachliche Einarbeitung und soziale Integration neuer Mitarbeiter – findet oftmals virtuell statt.

"Mit Online-Gesprächen kann ich natürlich einen Eindruck vom Kandidaten bekommen, aber es fehlt das Gesamtbild", sagt Thomas Becker, Managing Director in der Unternehmensberatung Russell Reynolds und Mitglied der Association of Executive Search and Leadership Consultants (AESC). "In einem persönlichen Treffen sammele ich viele Informationen, die weit über das eigentliche Gespräch hinausgehen."

Geht der Kandidat forsch und selbstbewusst in sein Büro oder mit hängenden Schultern? Begrüßt er die Sekretärin freundlich, oder ignoriert er sie? Gibt er Becker die Hand mit einem festen Händedruck, oder ist die Hand feuchtnass, weil der Kandidat Lampenfieber hat? Verschränkt er die Arme beim Sitzen, oder wendet er sich dem Personaler offen zu? Becker hat Tipps, wie Bewerber auch im Videogespräch einen möglichst professionellen Eindruck hinterlassen.

Als Erstes muss die Technik stimmen. Für stabiles Internet sorgen, Bild und Ton vorab testen. Die Beleuchtung sollte schräg von der Seite kommen, damit das Gesicht nicht im Schatten liegt. Den Bildausschnitt so wählen, dass man weder zu nah noch zu weit weg von der Kamera ist. "Optimalerweise ist der Oberkörper im Bild, damit die Gestik zu erkennen ist", sagt Becker. "So hat man im Gespräch einen größeren Aktionsradius und kann mehr Lebendigkeit vermitteln." Als er das im Zoom-Gespräch vormacht, wirkt es zunächst übertrieben, weil er bei fast jedem Satz mit den Händen gestikuliert. Doch es funktioniert: Der Mann wirkt sichtlich engagiert und interessiert.

Zuschauer gezielt einbinden

Karriereberaterin Boenig rät seit ihrem "Kameraschock" dringend dazu, Videogespräche mit Freund oder Freundin auszuprobieren. "Die können einem nicht nur sagen, ob das Licht zu grell ist und man jede Falte sieht, sondern auch, ob man zu stark geschminkt ist."

Die persönlichen Vertrauten solle man auch gleich mit einer Online-Präsentation beglücken. Eine Powerpoint-Präsentation zu erstellen und vorzutragen kann schon "in echt" eine Herausforderung sein, virtuell ist das aber nochmals schwieriger. Ungewohnt ist nämlich, dass man sein Publikum nicht sieht, das kann einen selbst ziemlich unsicher machen. "Deshalb die Zuschauer gezielt einbinden", rät Boenig. Knapp ankündigen, über was man berichtet, wie lange das dauert und während des Vortrages immer mal wieder sagen: Haben Sie Fragen? Konnten Sie das gut erkennen? Vor allem mit wortkargen Kandidaten übt Boenig, der Sprache mehr Lebendigkeit zu verleihen.

Im echten Gespräch könne man mit Körperhaltung oder mit dem Gesichtsausdruck viel ausgleichen, sagt sie. "Virtuell ist das schwierig." Am besten möglichst konkret und bildlich sprechen. Etwa so: "Das Projekt, was ich in meiner alten Firma gemacht habe, fand ich anfangs so faszinierend, dass ich gerne Überstunden machte. Aber nun spüre ich keine Herausforderung mehr und langweile mich. Die Projekte, die Sie anbieten, finde ich so interessant, dass ich am liebsten gleich anfangen würde."

So banal es klingt: Während des Videogespräches sollte man für Ruhe sorgen, und zwar vorab: Fenster schließen, damit Baustellenlärm oder die kreischenden Nachbarskinder nicht zu hören sind, das Mobiltelefon ausschalten, Mitbewohner und Familie bitten, einen die nächsten zwei Stunden nicht zu stören oder die Tür abschließen. Im Computer lassen sich die Hintergrundgeräusche zusätzlich dämpfen. In Zoom kann man das zum Beispiel automatisch einstellen oder manuell. Mit "mittel" lässt sich die Lüftung des Computers unterdrücken, mit "hoch" Hundegebell.

Beachtung solle man dem Hintergrund schenken, sagt Personalberater Becker. "Das kann mir viel über den Kandidaten verraten, sowohl positiv als auch negativ." Ist im Hintergrund ein Bücherregal zu sehen oder ein billiger Kunstdruck? Ein voller Mülleimer, ein Korb mit Bügelwäsche oder eine dicke Staubschicht auf dem Schrank? Ist das Regal vollgestopft oder aufgeräumt?

Seine Bergliebe zu zeigen ist nie schlecht

Mit persönlichen Gegenständen kann man dem Personalchef die Gelegenheit geben, einen besser kennenzulernen und einen positiven Eindruck zu vermitteln. "Aber bitte nicht extra hinstellen – das kann gekünstelt wirken", sagt Andrew Pride, der den Bereich Talentakquise in Deutschland und Österreich für den Pharmakonzern Novartis leitet. "Man sollte authentisch rüberkommen." So hatte ein Kandidat neulich per Zufall seine Bergschuhe im Regal stehen gelassen, und Pride fand den Mann sofort interessant. Er ist nämlich ebenfalls Bergfan, und man tauschte sich kurz über die Faszination des Bergsteigens aus.

Seine Bergliebe zu zeigen ist nie schlecht, denn Bergsteiger gelten gemeinhin als zielstrebig und stressresistent. Bevor man als Vater oder Mutter die Kinder aussperrt und jegliches Kinderspielzeug wegräumt: Es mache nichts, wenn das zu sehen sei oder wenn Kinder zufällig ins Zimmer kämen und auf den Schoß des Bewerbers kletterten, sagt Pride. "Das mag in vielen Unternehmen nicht gerne gesehen sein. Aber wir sind ein kinderfreundliches Unternehmen und leben das auch."

Bücher bieten sich immer gut als Hintergrund an, sagt Boenig, "Ich würde aber die Tantra-Bücher und die Micky-Maus-Comics aus dem Blickfeld räumen. Und den Kunstband nur dann hinstellen, wenn ich mich mit Kunst auch auskenne." Wie peinlich, wenn einen der künftige Chef über den "Blauen Reiter" ausfragt und man davon noch nie etwas gehört hat. Eine von Boenigs Kundinnen erzählte ihr neulich, sie führe immer im Bad Videogespräche – das sei der einzige Raum in der Wohnung mit einer weißen Wand. Das wirkt langweilig, aber immerhin steht nichts Auffälliges im Hintergrund.

Wen solche Arrangements überfordern: In Videoprogrammen lassen sich auch diverse Hintergrundbilder einblenden. In Zoom kann man zum Beispiel ein vorgegebenes Bild nehmen oder ein eigenes hochladen und Videoeffekte dazu schalten - etwa einen Farbfilter oder rosafarbene Lippen.

Die richtige Kleiderordnung

Einer von Boenigs Kunden saß im Videogespräch vor der Skyline von New York. "Ich fragte ihn sofort, wie er die Stadt findet", erzählt sie. "Als er gestand, er sei noch nie dort gewesen, fühlte ich mich erst etwas vereimert. Aber er sagte dann, das sei sein größter Traum und er wolle gerne hoch hinaus. Das wirkte dann echt und ehrgeizig."

Oft ist zu hören, man solle im Video-Vorstellungsgespräch einen klassischen Anzug oder Kostüm tragen oder zumindest Hemd oder Bluse. Doch Personaler Pride rät auch hier zur Authentizität. "Durch die virtuelle Welt in der Pandemie sind die Menschen informeller und lockerer geworden", sagt er. "Jeder kennt inzwischen die Situation im Homeoffice, und es könnte auch aufgesetzt und unnatürlich wirken, wenn man sich extra einen Anzug oder ein Kostüm anzieht." Man solle natürlich nicht gerade einen Kapuzenpulli oder ein T-Shirt wählen, aber ein dezenter Pullover oder ein einfarbiges, langärmeliges Shirt täten es auch.

Im Internet finden sich Dutzende von Tipps für erfolgreiche Video-Bewerbungsgespräche. Dort würden aber alle Stellen über einen Kamm geschert, sagt Boenig. "Es hängt vom Job ab, was man am besten anzieht oder was sich gut für den Hintergrund eignet." Bewirbt sich jemand als Abteilungsleiter in einer Versicherungsgesellschaft, machen gebügeltes Hemd, Jackett und eine weiße Wand einen seriösen Eindruck.

Dasselbe Setting würde einen Bewerber auf den Chefposten einer Kaffeebar langweilig erscheinen lassen. Vielleicht zieht der lieber ein legeres Hemd an, krempelt die Ärmel hoch und wählt als Hintergrund das Foto einer römischen Piazza – in einem echten Gespräch hätte er die Gelegenheit dazu nicht.

Die Pandemie habe das beschleunigt, was höchste Zeit gewesen sei, sagt Novartis-Personaler Pride. "Nur Präsenz-Vorstellungsgespräche sind nicht mehr zeitgemäß. Der ganze Bewerbungsprozess wird damit unnötig aufwendig und teuer – sowohl für das Unternehmen als auch für den Bewerber". Er sieht die Zukunft daher in "Hybrid-Gesprächen".

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