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Was Macht mit uns macht

Manager, Macht, Mann, Geländer [Quelle: unsplash.com, Autor: Taylor Nicole]

Quelle: unsplash.com, Taylor Nicole

Hebt ein Mensch ab, wenn er Chef wird, oder bewahrt er Bodenhaftung? Das ist nicht nur eine Frage des Charakters.

In den Chefetagen ist die Luft dünn und reicht nur für wenige. Was macht Macht mit einem Menschen? Psychologieprofessor Dacher Keltner forscht dazu in Berkeley. Eines seiner Experimente: Drei zufällig ausgewählte Probanden werden ebenso zufällig in einen "Manager" und zwei "Mitarbeiter" eingeteilt. Das Team soll Uni-Richtlinien erstellen. Nach einer Zeit wird ein Teller mit vier Stücken Schokolade gereicht. Wer nimmt das überzählige Stück? Mit einer deutlichen statistischen Signifikanz genehmigt sich das der "Manager".

Wer bestimmen darf, anderen sagen darf, wo es langgeht, wer Verantwortung übernimmt, der ist nicht mehr derjenige, der er vorher war. Bleibt er moralisch integer, oder wird er gar korrupt? Sicher nicht, wenn er oder sie einen geradlinigen Charakter hat - das liegt doch auf der Hand. So einfach ist die Sache aber nicht. "Natürlich ist es hilfreich, wenn man über eine höhere Selbstreflexion verfügt als andere. Aber ich denke nicht, dass das eine Charakterfrage ist", sagt Marion Schenk. Die Psychologin ist Geschäftsführerin des "Systemischen Instituts für Führung und Beratung" in Berlin und wundert sich darüber, dass die Frage, ob und wie Macht jemanden verändert, nicht konsequenter in klassischen Führungskräfteentwicklungsprogrammen thematisiert wird. "Das ist leider ein Tabu, dabei gibt es das Phänomen des Machtmissbrauchs, es wird aber nicht angesprochen, wie man den verhindert."

Wer aufgestiegen ist, dessen Rolle verändert sich grundlegend, und sein Umfeld verändert sich mit ihm. "Wenn Sie in eine Position mit Macht kommen, dann kommen Sie in eine neue Situation. Sie sind nicht mehr der alte Mensch", schreibt Philip Zimbardo. Der emeritierte Psychologieprofessor aus Stanford ist 1971 mit einem Gefängnisexperiment berühmt geworden, das er im Keller der kalifornischen Universität durchgeführt hat: Probanden, gesund und durchschnittlich intelligent, waren in Wärter und Gefangene eingeteilt worden, wurden sich selbst überlassen und mutierten bis auf wenige Ausnahmen in machtbesessene Aufseher und sich erniedrigende Akteure. Obwohl das Experiment inzwischen wegen seiner manipulativen Konstruktion umstritten ist, hat Zimbardo damit Psychologiegeschichte geschrieben, auch mit seiner verstörenden These: "Jeder kann gut oder böse werden."

Wie man Macht ausdrücken kann

Wie fühlt sich das an, auf einmal über den Auf- und Abstieg anderer zu verfügen? Die meisten verhalten sich anders, wenn sie einem mit Macht ausgestatteten Menschen gegenüberstehen. Grob skizziert: Da sind die Vertrauten, die selbst ein bisschen aufsteigen und solidarisch sind. Nur logisch, dass neu berufene Chefs oder Chefinnen es vorziehen, ihre engsten Vertrauten zu ihren Nachfolgern auf der frei werdenden Position im Team zu machen. Ein Frankfurter Finanzfachmann berichtet von einem weiteren Phänomen: Seitdem er steil aufgestiegen ist, werden ihm von Menschen - die ihm bislang nicht persönlich, sondern "nur" durch sein ehrenvolles Amt begegnet sind – gleich beim ersten Kennenlernen vertrauliche, private Dinge berichtet.

"Mich wundert das", sagt der Volkswirt, der sich trotz seines Karrieresprungs eine bemerkenswerte Unaufgeregtheit bewahrt hat. Auf Insignien der Macht verzichtet er bisher, die da etwa lauten: andere warten und förmlich antreten zu lassen oder sich rar zu machen. Genau in solchen Verhaltensweisen zeigt sich die asymmetrische Interaktionsbeziehung; die Austauschpartner verfügen über unterschiedliche Mittel. Ihre Macht können Mächtige verbal zeigen, etwa durch formale Anrede und lange Redezeit, oder paraverbal durch schnelles Sprachtempo und geringere Lachfrequenz. Es geht auch ganz ohne Worte, etwa durch aufrechten Gang und zugleich entspannte Körperhaltung, dynamische Bewegung, abstützende Hände in den Hüften.

Gegen "Speichellecker" wehren

Wer gerade aufgestiegen ist, sieht sich zuweilen auch mit den Überehrgeizigen konfrontiert, die ihre Chance wittern – neue Führungskraft, neues Glück. Solche Menschen sind ambitioniert unterwegs und teilen die Berufswelt in zwei Hälften: in diejenigen, die ihnen nützen, und diejenigen, die ihnen für ihr Fortkommen "nichts bringen". Die vermeintlich "Nützlichen" werden umworben, bestärkt, ihnen wird nicht mehr widersprochen. Die knallharte Variante firmiert unter dem Stichwort "Speichellecker" im Windschatten der Macht. Solche Typen gibt es in jedem Unternehmen. Es ist immer wieder wundersam, wie wenig Mühe sich solche Menschen geben, ihre Schmeicheleien zu verbergen, geschweige denn, sie in Frage zu stellen.

"Je mehr ich aufsteige, desto mehr bekomme ich Verantwortung, aber auch Privilegien. Meine Agenda ist voll, viele bemühen sich, mir das Leben zu erleichtern", sagt Marion Schenk. "Menschen schreiben mir mehr zu, trauen mir mehr zu." Reiner Neumann hat über "Die Macht der Macht" ein Buch geschrieben, angereichert mit aussagekräftigen Sozialexperimenten. Für den Managementtrainer steht fest, dass Menschen dazu neigen, die formale Macht einer Position mit ihrer Person zu verwechseln. Sie glauben dann, dass es eine ihrer persönlichen Eigenschaften sei, Macht zu besitzen.

Was macht es mit einem frischgebackenen Chef, auf dem Flur von allen, wirklich allen mit erlesener Höflichkeit gegrüßt zu werden? Permanent den roten Teppich vor sich entrollt zu bekommen? Breitet sich in dieser Person nicht das wohlige Gefühl aus, eine herausragende Persönlichkeit zu sein? Der tollste Hecht im Haifischbecken? Wem suggeriert wird, er sei der Überragendste, der hält sich am Ende selbst dafür und verliert den Blick für die Realität. Das nennt sich dann Grandiositätsphantasie.

Rückmeldung aus allen Richtungen

Sich im Glanz seiner Großartigkeit zu sonnen ist manchmal begleitet von einer ebenso fatalen Sicht: Man sieht sich nur von Feinden und Gegnern umgeben und traut niemandem mehr über den Weg. Misstrauen nennt man das auch schlicht. Die Angst vor Machtverlust nagt an misstrauischen Menschen. Entscheidungen treffen sie radikal und allein. Darin enthüllt sich ein Preis, der für Macht bezahlt wird. Mit dem Kontostand wächst die Einsamkeit. "Je weiter ich aufsteige, desto weniger Ansprechpartner habe ich für meine Unsicherheiten", sagt Schenk. Ein Zuwachs an Macht erhöht den Leistungsdruck, der Mächtige wird anfälliger für den Missbrauch von Genussmitteln.

Nach Feierabend hören für mächtige Menschen die Probleme zuweilen nicht auf: Während der Arbeit hört alles auf ihr Wort, zu Hause müssen sie zurück in die Reihe treten. Der Laden läuft auch ohne sie, die Familienmitglieder denken nicht im Traum daran, Untergebene zu spielen. Diesen Rollenwechsel verkraften manche Chefs nicht. "Während bei der Arbeit alle erstarren, ist das zu Hause, wo man viel weniger Zeit verbringt, anders. Manche Probleme erscheinen einem banal. Habe ich es mit Personalabbau zu tun, eine Intrige laufen, dann ist es schwer, umzuschalten, ob gelbe oder rote Blumen gepflanzt werden sollen", skizziert Diplompsychologin Schenk.

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