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Was gegen Lampenfieber helfen kann

Quelle: pexels.com

Lampenfieber betrifft viele, die vor Publikum sprechen müssen – auch viele Führungskräfte. Doch dagegen gibt es Hilfe und die Erkenntnis: Die Auftrittsangst kann sogar leistungsfördernd sein.

Drei Tage vorher plagen sie Schlafstörungen, Bauchschmerzen und zittrige Nervosität. "Lampenfieber habe ich wirklich extrem krass", sagt Via Jikeli. In Aufregung vor dem Auftritt zu sein ist bei der 24-Jährigen sozusagen systemimmanent, denn sie studiert Schauspiel an der berühmten Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. "Lampenfieber ist einfach eine Berufskrankheit", findet sie.

"Fièvre de rampe", Rampenfieber, hieß das im 19. Jahrhundert, wenn Bühnenkünstlern unter den Gaslampen heiß wurde. Selbst Superstars sind davor nicht gefeit. So flüchtete die Sängerin Adele zu Beginn ihrer Karriere während eines Konzerts in Amsterdam durch den Notausgang von der Bühne. Auch zehn Jahre später hat sie trotz ihres Könnens und weltweiter Erfolge noch immer Panik, vor Publikum aufzutreten.

Patentrezepte gegen die Angst vor dem Auftritt hat auch 600 Kilometer weiter in Bad Honnef Clara von Sydow nicht. Aber die Businesstrainerin kennt sich mit dem Thema gut aus - denn nicht wenige suchen Rat und Hilfe bei ihr, wenn eine fiepsige Stimme und flacher Atem nicht mehr mit dem Verstand zu bändigen sind. Das ist längst nicht nur für Schauspieler relevant, sondern in vielen Berufen. Führungskräfte müssen oft Reden halten und auch manch einfacher Mitarbeiter mal eine Ergebnispräsentation vor Kollegen und Vorgesetzten.

Mit Lampenfieber ist man nicht allein

Für alle Menschen, die sich vor öffentlichen Auftritten mit Lampenfieber plagen, seien es Künstler, Politiker, Studenten, Mitarbeiter oder Chefs, gibt es einen schalen Trost: Anspannung und Adrenalin helfen, sich zu konzentrieren auf die Rede, den Gesprächsbeitrag, den kleinen oder großen Auftritt. Angenehm ist das Gefühl nicht, das überraschend viele Führungskräfte gut kennen.

In Zusammenarbeit mit der Milton-Erickson-Akademie Wien und der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien hat der Kommunikationstrainer Thomas Klock 274 Führungskräfte verschiedener Ebenen und Branchen befragt: 58 Prozent leiden unter Redeangst und körperlichen wie emotionalen Symptomen, die ihre Sicherheit massiv negativ beeinflussen, 14 Prozent sagen, sich unkontrolliert bis hin zu panischer Angst zu fühlen.

Was der österreichische Coach betont, ist die Tatsache, dass mehr als die Hälfte aller von Redeangst betroffenen Führungskräfte in den beiden obersten Ebenen arbeitet. Auch sie sind gebeutelt vom "Flight or fight"-Impuls, also flüchten oder kämpfen. Das Stresshormon Adrenalin wird ausgeschüttet und macht den Körper blitzschnell hellwach und handlungsfähig. Weglaufen kommt im Berufsleben nicht infrage oder nicht gut an, also bleibt nur - martialisch ausgedrückt - zu kämpfen, sich der Situation zu stellen, rauf auf die Rednerbühne und hinter das Pult.

Was möchte ich meinem Publikum vermitteln?

Auch wenn ihm das Wort Lampenfieber fremd ist - "unter Kollegen reden wir über Anspannung" -, sagt der Schauspieler und Schauspieldozent Alexander Simon: "Grundsätzlich ist das positiv. Wenn ich nicht aufgeregt wäre, würde mir das alles nichts bedeuten. Das ist eigentlich ein total schönes Wort: Lampe an, man ist im Licht, strahlt, und Fieber heißt, man ist bei sich, aber auch außer sich." Simon, der große Theaterbühnen wie Filmsets erlebt, denkt laut: "Es ist eine schöne Aufregung, weil man etwas vertreten kann, etwas zeigen will - so wie ein kleines Kind: Da müsst ihr mal hingucken, das ist toll!"

Konkret zu überlegen, was möchte ich mit meiner Präsentation, meinem Auftritt erreichen? Was soll beim anderen hängen bleiben? Was muss passieren, damit ich persönlich zufrieden bin? Welche Rolle möchte ich heute ausfüllen? Wann fühle ich mich stimmig und authentisch? Diese Fragen rückt Beraterin Clara von Sydow in den Mittelpunkt, wenn Seminarteilnehmer von ihrer Nervosität berichten. So wie die junge Bankangestellte, die sich vor einer wichtigen Präsentation fürchtet und sich entschlossen vornimmt: "Ich gehe da raus und zeige allen, was ich kann."

Netten Kollegen sprechen wir auch Mut zu. Warum also nicht uns selbst? Solche Selbstsuggestion hilft natürlich nur bei leichten Fällen, keinesfalls aber bei Menschen wie etwa Musikern, die ohne Tabletten nicht in den Orchestergraben steigen können. Dafür gibt es professionelle Hilfe, zum Beispiel durch die Lampenfieberambulanz der Universität Bonn. 

Der eigene Anspruch ist der höchste

"Lampenfieber ist reiner Bewertungsstress", erklärt Clara von Sydow ihren Klienten. Angst vor der Bewertung durch Zuhörer und Zuschauer. "Es liegt nun mal nicht in unserem hundertprozentigen Einflussbereich, wie wir und unsere Leistung von anderen bewertet werden. Wir können unser Bestes geben, uns anstrengen, wir werden es aber nie komplett in der Hand haben." Zwei Typen scheinen besonders anfällig für Lampenfieber zu sein: Ängstliche und Perfektionisten. Clara von Sydow erlebt häufig, "dass Menschen, die viel unter Kontrolle haben wollen, die ihren Anspruch an sich selbst sehr hochschrauben, mächtig unter Lampenfieber leiden".

Via Jikeli bestätigt das indirekt. Über die Frage, ob sie eine Erklärung für ihr Lampenfieber hat, denkt sie kurz nach: "Wenn man ganz tief im Thema ist, ist es am schlimmsten, weil man auf alles achtet, darauf achtet, dass alles im Kopf ist. Ich weiß alles über die Figur, ziehe mir noch eine Doku rein. Kurz vorher ist man ziemlich unaushaltbar für alle drum herum." So hat sich Via Jikeli etwa die Klytaimnestra, die Mutter von "Elektra", erschlossen. "Das ist eine schwierige Sprache, in die Texte der griechischen Tragödie muss man sich richtig reinarbeiten, um sie verständlich zu machen.

Nachts konnte ich nicht einschlafen, hatte immer wieder Panikattacken." Die Studentin, die Zusagen von drei Schauspielschulen bekommen hat, möchte die bestmögliche Klytaimnestra abliefern, die sie abzuliefern imstande ist. Die Premiere ist zugleich die Prüfung, eine öffentliche Veranstaltung. "Vor der Vorstellung vergesse ich kurz vorher den ganzen Text. Aber dann werde ich ganz ruhig, und sobald ich auf der Bühne bin, ist er da."

Gute Vorbereitung ist der Schlüssel zum Erfolg

Denn eines hat die wandlungsfähige Frau richtig gemacht, sie hat sich gründlich vorbereitet. Und das hilft enorm. Das ist natürlich keine raketenwissenschaftliche Erkenntnis, wird aber erstaunlicherweise durchaus ignoriert. "Je sicherer Sie sind in dem, was Sie sagen, desto mehr können Sie sich ganz auf das ‘Wie' konzentrieren", betont von Sydow.

Der erste Schritt ist eine akribische Vorbereitung, ein gutes Redemanuskript (in Stichworten, damit es nicht zu steif wird) und Textsicherheit. Und es ist der schmerzliche Abschied von einer bequemen Vermeidungshaltung. Die ist allzu menschlich. Fast jeder Mensch hat sein kleines Desaster erlebt: eine Abiturrede, bei der die Gags verpufften, ein Referat, das gehässige Zwischenfragen zerlegten, einen feuerroten Kopf bei der Vorstellungsrunde im Kollegenkreis - diese schmerzlichen Pleiten und Blamagen sind gut gespeichert.

"Unsere Erinnerung hütet solche Erfahrungen sehr zuverlässig und teilt sie dann wieder bereitwillig mit uns - in den ungelegensten Momenten", sagt Clara von Sydow. Solche Erlebnisse in Endlosschleife zu zergrübeln und künftig schmachvolle Auftritte zu vermeiden hilft keinen Millimeter weiter. Am Tag der Präsentation verzweifelt eine Krankschreibung einzureichen auch nicht. "Schwimmen lernt man nur im Wasser, nur, indem man es tut", ermutigt von Sydow. "Je mehr Präsentationen Sie gehalten haben, desto näher kommen Sie sich selbst und erhalten eine innere Referenz für wichtige Aspekte."

Sie zählt auf: Wie klingt meine Stimme, wenn ich längere Zeit rede? Wie viele Schritte kann ich auf der Bühne gehen, bis das nächste Chart kommt? Wie reagiere ich innerlich, wenn eine Person im Publikum mich nicht anguckt? Blutdrucksenkend ist, falls möglich, eine vorherige Ortsbegehung: Wo steht das Pult, wie sieht der Besprechungsraum aus, wer macht die Mikrofonprobe? "Wenn die Möglichkeit besteht, gucken Sie sich den Raum an, machen Sie den für sich spürbar."

Übung macht den Meister

Ein paar rhetorische Kniffe im Vorfeld sind nicht verkehrt: sich Unterbrechungen freundlich verbitten, penetrante Nachfragen auf später verschieben, sich nicht von Störenfrieden aus dem Konzept bringen lassen. Und sich ins Gedächtnis rufen, dass selbst der römische Redner Cicero unter Lampenfieber litt, mancher Oscarpreisträger den roten Teppich als Spießrutenlauf empfindet und kein Geringerer als Mark Twain schreibt: "Das menschliche Gehirn ist eine großartige Sache. Es funktioniert vom Augenblick der Geburt bis zu dem Zeitpunkt, wo du aufstehst, um eine Rede zu halten."

Je öfter sich jemand seinen Ängsten und einem - oft wohlgesinnten - Publikum stellt, desto einfacher wird es. "Die Aufregung nach all den Jahren wird weniger. Routine ist ein gutes Mittel und zu wissen, wie man in verschiedenen Situationen funktioniert", bekräftigt Alexander Simon und verrät: "Ich habe mich bei ersten Auftritten auf der Schauspielschule vorher übergeben. Es blieb ein anregendes Gefühl, ein Thrill, man ist in einem anderen körperlichen Zustand. Alle Poren offen, die Wahrnehmung ist größer als im normalen Leben."

Allerdings schützt bei seiner Profession die Rolle; so brillieren dort durchaus Schüchterne, eben weil sie in eine andere Rolle schlüpfen. Der 53-Jährige sagt: "Wenn ich vor 50 Menschen im Kollegenkreis rede, bin ich lustigerweise aufgeregter, als wenn ich auf der Bühne vor großem Publikum stehe und in eine Figur, eine Geschichte reingehe. Hamlet hat auch kein Lampenfieber. Das ist ein Schutz."

Individuelle Möglichkeiten der Beruhigung

Andere Berufstätige spielen aber nicht im Shakespeare-Drama mit. So muss zum Beispiel ein Vertriebler eine maue Bilanz vorstellen. Was hilft ihm, wenn er schlechte Zahlen vor schlecht gelaunten Zuhörern referieren soll? Was hilft gegen sein Herzrasen oder ständiges Zur-Toilette-Rennen? Von Sydow zählt die klassischen Tipps auf: tiefe Bauch- und Flankenatmung, die Luft im Stehen durch die Nase einströmen lassen, auf ffff wieder ausatmen, die Hand auf den Bauch legen und sich vorstellen, in diese einzuatmen. Sich bewegen, so wie Menschen, die hinter dem Vorhang hin- und hertigern.

Ob Yoga, tanzen, joggen, progressive Muskelentspannung oder meditative Achtsamkeitsübungen - "entscheidend ist, für sich selbst das Richtige zu finden, was Spaß macht", sagt Clara von Sydow. "Sport und Fitness helfen aber auf jeden Fall gegen Lampenfieber-Blues." Sofort wirkt das, was die amerikanische Sozialpsychologin Amy Cuddy "Power-Posing" nennt, also Kopf hoch, Brust raus, Arme in die Seite gestützt, sich in Jubelpose begeben. Zwei Minuten in einer solchen Position bringen Zuversicht, besagt die Embodiment-Forschung.

Ruhe geben auch Körperkontakt und Vertrauenspersonen

Ernst-Busch-Dozent Simon erlebt bei Proben extrem aufgeregte junge Leute. "Natürlich kriege ich das mit und unterbreche dann auch. Was immer gut ist: sich auf die Atmung zu konzentrieren, ruhig auszuatmen. Ich sage zum Beispiel: Nimm deine Füße auf dem Boden wahr. Was sieht du? Eine schwarze Wand, ein blaues T-Shirt vom Kollegen. Das hilft, um ins Jetzt zu kommen. Natürlich versucht man einen angstfreien Raum herzustellen."

Zur Angstfreiheit kann auch führen, sich im Publikum auf jene zu fokussieren, die freundlich zugetan sind. Von der Methode, sich besonders grimmig blickende, tuschelnde Zuhörer im rosa Tütü vorzustellen, rät Clara von Sydow jedoch ab. "Damit werte ich mein Publikum ab und bringe Negativenergie rein." Nirgendwo steht geschrieben, Lampenfieber allein durchstehen zu müssen. Eine vertrauensvolle Person, die zur Seite steht, die das Probereferat wohlwollend-geduldig zum dritten Mal anhört, dimmt Furcht. So hat eine Freundin Via Jikeli "Bachblüten angedreht", wie sie ironisch sagt. "Jedenfalls war ich in der Nacht danach viel ruhiger. Vielleicht ist das aber nur placebomäßig."

Was zuverlässig guttut, ist Körperkontakt. "Umarmt werden, die Hände drücken hilft mir immer." Coronakonform ist das nicht. Auch wenn es bizarr klingt und aussieht: Sich selbst zu umarmen, erfüllt ebenfalls den Zweck, in Ruhe und Kraft zu gelangen bis hin zum Toi-toi-toi-Ritual. "Alles ist besser, als sich in eine Gedankenwelt reinzureiten, was alles Schlimmes passieren kann. Schön, wenn einer mir spiegelt, alles ist gut", sagt Via Jikeli.

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