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Verschwendete Lebenszeit

Wie sehr Teamarbeit zur Verschwendung von Lebenszeit beiträgt, zeigt auch eine aktuelle Studie des Cloud-Speicherdienstes Dropbox. Gemeinsam mit der Londoner School of Life, die Kurse zur persönlichen Weiterentwicklung anbietet, befragte das Unternehmen mehr als 2000 Angestellte in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden. Im europäischen Durchschnitt bevorzugten 54 Prozent die Zusammenarbeit mit Kollegen – in Deutschland waren es 62 Prozent. Gleichzeitig ging in deutschen Unternehmen ein Drittel der Arbeitszeit mit E-Mails, Meetings oder Telefonaten verloren.

Dieser bisweilen absurde Abstimmungsprozess wird durch die Kultur der Kooperation erheblich gefördert. Der US-Psychologe Adam Grant stellte fest: Die Zeit, die Büroarbeiter in Besprechungen oder mit anderen Teamaktivitäten verbringen, ist seit den Neunzigerjahren um 50 Prozent gestiegen. Viele Büroarbeiter würden ständig von Kollegen um Rat gefragt, müssten ihre Meinung zu Vorschlägen abgeben oder in Meetings sitzen. Die eigentliche Arbeit müssten sie inzwischen nach Hause mitnehmen. Grants Diagnose: "collaborative overload", Überforderung durch Teamarbeit.

Umso entscheidender ist, dass Führungskräfte die Tücken der Teamarbeit im Blick haben. Philipp Hartmann zum Beispiel merkt manchmal schon nach 15 Minuten, dass die anberaumte Sitzung Zeitverschwendung ist. Doch anstatt das Prozedere über sich ergehen zu lassen, verlässt er den Konferenzraum. Natürlich nicht wortlos, dafür ist er zu höflich. Stattdessen hat er sich für diesen Moment ein paar hübsche Euphemismen zurechtgelegt. "Ich glaube, da besteht noch Nachbesserungsbedarf vonseiten der Experten", sagt er dann zum Beispiel und verschiebt das Treffen um ein paar Tage – in der Hoffnung, dass die Beteiligten bis dahin eine bessere Lösung finden.

Hartmann ist Start-up-Investor in Berlin, vor knapp neun Jahren gründete er mit zwei ehemaligen Kommilitonen die VentureCapital-Firma Rheingau Founders. Ihr bislang größter Deal war der Verkauf des Bestelldienstes Lieferando 2014 für rund 100 Millionen Dollar. Aktuell ist Rheingau Founders an 40 Start-ups beteiligt. Die Investoren unterstützen junge Unternehmen bei juristischen Fragen, verhandeln mit Geldgebern oder stehen ihnen als Mentoren zur Seite. "Um trotzdem effizient zu arbeiten, versuchen wir Besprechungen in großer Runde zu reduzieren", sagt Hartmann.

Dazu gibt es eine feste Regel: Nur wenn alle Seiten vorbereitet sind und tatsächlich Lösungsvorschläge präsentieren können, kommt es zu einem Treffen. Andernfalls lässt Hartmann das Meeting platzen. "Da muss ich konsequent sein", sagt der 34-Jährige. Nur so lasse sich eine effektive Konferenzkultur etablieren. "Ich sitze doch nicht eine Stunde in einer Besprechung, nur weil es so in meinem Terminkalender steht."

Außerdem propagieren Hartmann und seine vier Geschäftsführerkollegen eine Politik der offenen Tür. Ihr gemeinsames Büro hat eine Glastür. Wer eine Frage hat, kann vorbeikommen. Dann wird er hineingebeten oder auf später vertröstet. "Die meisten Fragen lassen sich auf diesem informellen Weg klären", sagt Hartmann, "damit vermeiden wir unnötige Teamzusammenkünfte."

Das heißt natürlich nicht, dass alle lieber wieder alleine arbeiten sollten. Sosehr zum Beispiel Namenserfinder Jeremy Faro die Vorteile seines solitären Arbeitsalltags schätzt, manchmal vermisst er die Zusammenarbeit mit anderen Menschen – etwa wenn er mit einer Idee nicht mehr weiterkommt. Dann ruft er einen befreundeten Namenexperten in London an. "Er tickt völlig anders als ich, und wir sind uns selten einig", sagt Faro. "Aber es hilft manchmal, wenn zwei unterschiedliche Köpfe über das gleiche Problem nachdenken."

Zusammen haben die beiden etwa den Namen Ocado erfunden, mittlerweile einer der größten Onlinesupermärkte Großbritanniens mit mehr als 1,2 Milliarden Pfund Umsatz. Und so vereint Faro immer wieder das Beste aus zwei Welten: die Ruhe und Konzentration der Einsamkeit mit dem Austausch und Diskurs der Gemeinsamkeit.

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