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"Lebenszeit muss man auch genießen"

Das Bachelor-Master-System hat den Druck auf die Studierenden massiv erhöht – diese Erfahrung macht Hans-Werner Rückert, Leiter der Studienberatung und der Psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin, in seinen Sprechstunden. Im Interview spricht er über Lebenslaufkosmetik, symbolisch fliegende Eier und die heilsame Wirkung des Wortes "Nein".

Herr Rückert, man hört in den Medien in letzter Zeit oft, den Studenten ginge es psychisch so schlecht. Stimmt das?

Elf Prozent sind psychisch krank, 20 Prozent brauchen mal Beratung oder Betreuung. Fünf Prozent sind in Therapie. Damit sind die Zahlen deutlich besser als in der Allgemeinbevölkerung. Aber junge Menschen in Europa werden immer kränker. 

Erhöht das Bachelor-System den Druck?

 Ja. Im alten System hat man immer gesagt: Vergiss das erste Semester, da musst du dich orientieren. Heute wollen alle schnell fertig werden. Wo Studiengebühren gezahlt werden, gibt es zusätzlich den Druck der Familien. Wenn dann einer kommt und sagt: Lebenszeit muss man auch genießen, es ist nicht alles nur Lebenslaufkosmetik, und deswegen: Go slow! – da fliegen symbolisch schon mal Eier. 

Wie haben sich denn die Probleme der Studierenden verändert?

Früher schoben die Leute ihre Scheine ewig vor sich her und gerieten dann am Ende des Studiums unter Druck. Das sind sie jetzt schon von Anfang an. Die kommen hier an, und es geht gleich los. Es wird erwartet, dass man Lese- und Arbeitstechniken kann, ein vernünftiges Zeitmanagement und Sozialkompetenz hat. Und dann kommen die strukturellen Probleme dazu. 

Aber das sind doch erst mal nur Organisations- schwierigkeiten, die nicht gleich zu psychischen Problemen führen müssen.

Das führt nicht direkt zu psychischen Problemen, aber zu Stress. Weil der Angstpegel durch Zeitgeist und sozialen Druck höher liegt. Stichwort Prekariat: Ich krieg keinen Job, der Lebenslauf muss stimmen. Da werden Verzögerungen und Irritationen sehr schnell als Krise erlebt. Alle signalisieren: Immer straight vorwärts. 

Unsere Generation scheint nicht auf den Gedanken zu kommen, das zu hinterfragen oder gegen diesen gesellschaftlichen Druck zu rebellieren. Ist das ungesund?

Ja, das ist ungesund. Soziologische Studien zeigen, dass die 68er-Generation der Studierenden weltweit ziemlich homogen war. Das war dasselbe Milieu, dieselbe Abrechnung mit der Vergangenheit, alle wollten die Welt verändern. Jetzt, sagen uns die Hochschulsoziologen, haben wir es mit einer segmentierten Studierendenschaft zu tun, die in sechs bis acht verschiedene Milieus zerfallen ist, und die sind vollkommen unterschiedlich. Bei nur zwei Millionen Studierenden ist es dadurch schwer, eine Massenbewegung zustande zu bringen. Früher war ein Streiksemester der Wunschtraum der Studierenden, heute ist das die Horrorvorstellung schlechthin, dass irgendwelche Irren streiken und alles lahmlegen. 

Was hat meine Psyche damit zu tun, dass ich nicht streiken möchte?

Die Auflehnung in der Generation vor Ihnen war identitätsstiftend. Jetzt gehen wir alle freundlicher miteinander um, die Studierenden sind fleißig, sozial kompetent, machen niemandem das Leben zur Hölle und stören den Betrieb nicht. Aber welchen Beitrag zur Charakterbildung leistet Freundlichkeit? Das Nein stiftet mehr Identität als das Ja. Bei vielen regiert sehr schnell die Angst, aus der Kohorte rauszufliegen, die Anforderungen nicht zu schaffen, kein so schönes Ergebnis in den Lebenslauf reinschreiben zu können. So banale Dinge, dass die Leute glauben, wenn sie vier Jahre statt dreien studieren, dann sehen sie schon alt aus und haben schlechte Karten. 

Zu sagen, "ich habe wahnsinnig viel zu tun", ist auch ein bisschen schick. Man kokettiert mit seiner Überlastung.

Das gibt es sicher auch. Die Ergebnisse zeigen allerdings, dass die Studierenden zwar "nur" auf eine Arbeitsbelastung von 38 Stunden die Woche kommen, aber subjektiv scheinen die Befragten die Belastung als höher zu empfinden, als sie rein zeitlich ist. Also muss irgendwas dazukommen. Wir vermuten schon, dass das die Message ist, die überall rüberkommt: die Angst, zu den Globalisierungsverlierern zu gehören, abgehängt zu werden. 

Was wäre denn eine Lösung?

Dieses System ist nur studierbar, wenn die Hochschulen entsprechenden Support und flankierende Unterstützung anbieten, so wie in Amerika. Für die Lehrenden ist es karriereschädlich, Zeit mit Studierenden zu verbringen. Zwei Drittel der befragten Bachelors an der FU sagten bei einer Befragung: Ich bin mit meinen Lern- und Arbeitsschwierig- keiten allein.

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