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Hat das Leben mehr Sinn, wenn wir weniger arbeiten?

Steintürmchen, Meer, Sinn [Quelle: unsplash.com, Autor: Jeremy Thomas]

Quelle: unsplash.com, Jeremy Thomas

Immer mehr Menschen gehen in Teilzeit, um in der Freizeit Erfüllung zu suchen. Warum wir Arbeit neu denken müssen, erklärt Sinnforscherin Tatjana Schnell.

Dieser Text ist Teil unserer Serie "Besser Leben". Alle zwei Wochen beantwortet Sinnforscherin Tatjana Schnell eine Frage, deren Antwort das Leben zum Guten wenden kann. Zuletzt: "Wann ist Aufgeben sinnvoller als Weitermachen?"

Wenn wir einen Menschen kennenlernen, fragen wir oft zuerst: Was machst du? Und damit meinen wir nicht, ob jemand Klavier spielt, die Mutter pflegt, die Fußballjugend coacht oder sich in einem Gemeinschaftsgarten engagiert. Wir meinen: Was machst du – beruflich?

Wir definieren uns oft über die sogenannte Erwerbstätigkeit. Bei den Älteren unter uns ist dies meist ein Leben lang dieselbe, nicht selten sogar auf derselben Stelle bei demselben Arbeitgeber. Dieses Berufsmodell bietet einen festen Platz – im Leben und in der Gesellschaft. Shared Desks, flexible Arbeitsorte und andere Erscheinungen der modernen Arbeitswelt deuten darauf hin, dass dieser angestammte Ort in Zweifel gezogen wird. Einerseits natürlich, weil Unternehmen versuchen, an der Ausstattung zu sparen, teilweise aber auch, weil Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer es genau so wollen. Studien zeigen, dass der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit in allen Generationen ausgeprägt ist; vor allem die Jüngeren fordern sie ein und arbeiten inzwischen immer öfter in Teilzeit. Wenn sie die Wahl haben, kommen viele für sich zu einem Schluss, den unsere Forschung schon lange bekräftigt: Sinn erlebt, wer vielfältig ins Leben involviert ist.

Neben Selbstverwirklichung und Beziehungspflege wollen Teilzeitbeschäftigte oft auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, ihre Zeit nicht in Büros, sondern an natürlicheren, lebensnäheren Orten verbringen. Das große Ziel, auf die Rente hinzuarbeiten, hat an Attraktivität verloren. Das Leben aufzuschieben auf später, gilt zudem nicht mehr als vernünftige Entscheidung – vor allem, wenn die Zukunft unsicher, komplex und unbeständig erscheint.

Eine freiwillige und langfristige Verringerung der Arbeitszeit wird in der Forschung als Downshifting bezeichnet. Es geht dabei um eine Entscheidung, die die Erwerbsarbeit gegen Lebensqualität und Lebenssinn abwägt. Manchmal sind es keine zeitlichen, sondern inhaltliche Veränderungen: die Abgabe einer Führungsposition, die freiwillige Beschneidung des eigenen Macht- und somit auch Verantwortungsbereichs, um die verbleibenden Stunden des Tages auch wirklich frei im Kopf verbringen zu können.

Wenn wir die Geldfrage außen vor lassen

Forschung zum Downshifting ist noch überraschend rar. Ein kanadisches Forschungsteam fand beispielsweise bei Downshiftern – im Vergleich zu Nicht-Downshiftern – kein höheres subjektives Wohlbefinden und auch keine höhere Zufriedenheit damit, wie sie ihre Zeit nutzten. Eine Masterarbeit in unserem Existential Psychology Lab in Innsbruck fand jedoch deutlich weniger Sinnkrisen bei denjenigen, die ihre Arbeitszeit reduziert hatten. Es ist also vielleicht nicht alles besser, wenn wir mehr Lebenszeit für andere Tätigkeiten als Erwerbsarbeit reklamieren. Aber es könnte weiteren Entfremdungsprozessen entgegenwirken. Wenn ich das Gefühl habe, nur ausgenommen zu werden für den Profit der Eigentümer oder Aktionäre, wird sich mir der Sinn der Arbeit kaum erschließen. In diesem Fall ist es allerdings leichter, dem Unternehmen nur einen Teil der eigenen Lebenszeit zu widmen. Politik und Gesellschaft scheinen jedoch noch nicht ausreichend auf diese Entwicklung vorbereitet zu sein. Wenn immer mehr Menschen weniger arbeiten wollen, verstärkt das den bereits kritischen Fachkräftemangel. Also alle zurück in die Vollzeit? Oder lässt sich Arbeit vielleicht ganz neu denken?

Arbeit, das ist ja längst nicht nur Erwerbsarbeit. Arbeit kann das sein, was wir darunter verstehen, worauf wir uns verständigen. So gibt es viele Perspektiven auf das, was wir tun, wenn wir die Geldfrage für einen Moment außen vor lassen: Wir erarbeiten uns Bildung, schaffen Kunst, arbeiten an guten Beziehungen, pflegen einander, kümmern uns um andere Lebewesen und die Umwelt. Laut dem jüngsten Deutschen Freiwilligensurvey von 2019 sind ungefähr 40 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren freiwillig tätig. Dabei sind diejenigen noch nicht mitgezählt, für die gegenseitige Unterstützung oder der Einsatz für Mitmenschen, andere Lebewesen und die Natur eine Selbstverständlichkeit darstellt und die ihren Einsatz darum nicht als "freiwillige Tätigkeit" verstehen.

Wer freiwillig unbezahlt arbeitet, erlebt dies nicht als Zumutung oder Opfer. Die Möglichkeit, selbstbestimmt einen Bereich auszuwählen, der mir wichtig ist, in dem ich Handlungsbedarf sehe, und dort tätig zu werden, geht mit einem höheren Lebenssinn einher. Sinnvolle Arbeit beruht auf der Erfahrung, dass meine Tätigkeit positive Konsequenzen für andere hat. Sie ist bedeutsam. Zudem erlebe ich sie als kohärent zu mir und meinem Lebensentwurf, sie passt wie ein liebgewonnenes Kleidungsstück. Mit den Zielen und Werten meiner Arbeitgeber kann ich mich identifizieren, ich erlebe eine Übereinstimmung zu dem, was mir wichtig ist und kann ein Teil davon sein.

Arbeit erfährt eine Umdeutung

Natürlich gibt es immer noch viele, die es sich nicht leisten können oder wollen, ihre Arbeit zu reduzieren. Manche Berufe geben uns viel Gestaltungsspielraum und bieten so die Möglichkeit, sich im Rahmen der Arbeit auf unterschiedlichste Art zu engagieren und zu erleben. Wo dies nicht der Fall ist, ist es besonders wichtig, klare Grenzen zu haben. Wer immer wieder Überstunden macht, sich überfordert oder gestresst fühlt, hat keine Energie mehr für andere Lebensbereiche. Das Ziel kann nicht sein, Beschäftigte immer weiter abzuhärten. Stattdessen müssen die Arbeitsbedingungen verändert und die Strukturen angepasst werden.

Kürzlich dachte Bundesinnenministerin Nancy Faeser öffentlich darüber nach, ehrenamtliche Tätigkeit auf die Lebensarbeitszeit anzurechnen. Darf das als erstes Anzeichen für ein Umdenken wahrgenommen werden? Wir könnten jedenfalls damit längst weiter sein. Das Projekt Grundeinkommen hat bereits überzeugende Belege dafür gesammelt, dass Menschen, die nicht mehr auf Erwerbsarbeit angewiesen sind, Tatkraft verspüren und Verantwortung übernehmen. Sie erleben es als Erleichterung, sich auch Aktivitäten widmen zu können, die außerhalb der Erwerbsarbeit liegen – weil sie durch die finanzielle Absicherung die Freiheit dazu haben. Wie sehr ist es unserer materiellen Abhängigkeit von der Erwerbsarbeit geschuldet, dass wir unseren persönlichen Wert immer wieder an der Berufstätigkeit messen?

Tätigsein in verschiedenen Lebensbereichen ermöglicht, dass wir uns immer wieder neu und anders kennenlernen. Es macht uns bewusst, in welchem Zusammenhang unser persönliches Handeln mit der Umwelt steht, der belebten und der unbelebten. Die Hälfte der deutschen und österreichischen Bevölkerung würde für sinnvollere Arbeit weniger Gehalt akzeptieren. So können die Entwicklungen hin zu Teilzeitarbeit, flexiblen Arbeitsorten und -formen und digitalem Nomadentum gelesen werden als der Beginn einer Umdeutung von Arbeit – weg vom Haben, hin zu einem lebendigeren Sein.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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