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Schockstarre Weiterbildung

Offenes Buch auf dem Tisch [Quelle: pixabay.com, Autor: Lil Foot]

Quelle: pixabay.com, Lil Foot

Viele Manager wissen nicht, welche Digitalkompetenzen im eigenen Unternehmen fehlen, geschweige denn, wo sie geeignete Schulungsanbieter finden. Diese vier öffentlich geförderten Programme sollen Arbeitgeber und Arbeitnehmer kennen.

Martin Seiler hat ein Problem. Mehr als 3000 offene Stellen hat der Personalvorstand der Deutschen Bahn permanent im Angebot. Doch obwohl Seiler im letzten Jahr rund 25000 neue Mitarbeiter eingestellt hat, findet er am Arbeitsmarkt nicht genügend passende Leute.

Vor allem IT-und Datenspezialisten werden bei der Bahn händeringend gesucht. Vom Programmierer für neue Service-Apps bis zum Instandhaltungsspezialisten, der künftig Streckenabschnitte per Drohne begutachtet, bevor er den Bautrupp losschickt.

Deshalb hat Seiler schon Ende 2018 eine Umschulung im Megamaßstab aufgesetzt. Pro Jahr werden in rund 8000 Qualifizierungsveranstaltungen Bahn-Mitarbeiter fit für die Zukunft gemacht. Es ist eine Wette auf die Zeit, und auch Seiler weiß nicht, ob sie aufgehen wird. "In den nächsten zehn Jahren wird es enorm viele Berufe geben, von denen wir heute noch nichts ahnen."

Im Zukunftslabor der Bahn eruieren Trendforscher, Personaler und Computerspezialisten gemeinsam, wo Know-how in Form von Fähigkeiten oder Personal fehlt. Mit dem Problem ist die Bahn nicht allein, wie eine Umfrage der Online-Jobplattform Stepstone und der Unternehmensberatung Kienbaum zeigt. Danach sieht mehr als die Hälfte (59 Prozent) der Befragten in ihrem Unternehmen eine Kompetenzlücke, wenn es um die Anforderungen der digitalen Arbeitswelt geht.

64 Prozent der befragten Führungskräfte und Personaler erwarten sogar, dass sich die Lage noch verschlimmert. Expertise fehle den Organisationen besonders im Bereich IT und Datenanalyse. Insgesamt haben Stepstone und Kienbaum 3000 Fach- und Führungskräfte befragt. Die Ergebnisse liegen dem Handelsblatt exklusiv vor.

Klarer Plan erforderlich

"Es ist allerhöchste Zeit, dass Arbeitgeber das Thema Weiterbildung ihrer Mitarbeiter priorisieren und mit einem klaren Plan umsetzen", sagt Walter Jochmann, Managing Partner von Kienbaum. Denn so wie beispielsweise bei der Bahn beschleunigt sich die Digitalisierung in vielen Branchen und Unternehmen. Dazu kommt, dass sich in den nächsten zehn Jahren rund fünf Millionen Menschen in den Ruhestand verabschieden werden.

 Es ist allerhöchste Zeit, dass Arbeitgeber das Thema Weiterbildung ihrer Mitarbeiter priorisieren und mit einem klaren Plan umsetzen.  

Walter Jochmann, Managing Partner von Kienbaum

Zwar werden auch Jobs im Zuge von Automatisierung und Co. wegfallen. Aber rund 6,5 Millionen Deutsche werden in ihrem Berufsleben in den nächsten Jahren ganz neue Fähigkeiten lernen oder sogar komplett umschulen müssen, wie die Berater von McKinsey Ende 2020 in einer Analyse feststellten.

Die Hausaufgaben für Unternehmen sind gewaltig. Gerade einmal 40 Prozent haben überhaupt ermittelt, welche Kompetenzen sie für die Digitalära benötigen, wie eine repräsentative Onlineumfrage unter 1500 Entscheidern und Personalmanagern durch das Marktforschungsinstitut Civey belegt.

Danach bildet erst knapp ein Fünftel seine Belegschaft unterhalb des höheren Managements in digitalen Themen weiter. Vor allem Mittelstand und Kleinunternehmen haben der Befragung nach Aufholbedarf. Für die Schockstarre in Sachen Weiterbildung gibt es mehrere Gründe:

Erstens: Der Weiterbildungsmarkt ist ein Dschungel. Vom staatlichen Bildungsträger bis zur Privatakademie, dazu noch Berufsverbände, Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen – rund 18.000 Anbieter sind in dem Bereich tätig. Über 1,7 Millionen Bildungsangebote, vom Onlinekurs bis zum Zertifikatslehrgang listet die Kursnet-Datenbank der Bundesagentur für Arbeit. Hier die richtige Wahl zu treffen, um sich für die Aufgaben der Zukunft zu wappnen – damit sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen überfordert.

Zweitens: Oft fehlt die Zeit, sich mit Weiterbildungen zu beschäftigen. Gerade in kleinen und mittelständischen Betrieben fehlt im Tagesgeschäft oft die Zeit und manchmal auch die Lust, sich mit Langfristthemen wie lebenslangem Lernen auseinanderzusetzen. Das Ergebnis: Weiterbildungen werden geschoben – bis es irgendwann zu spät ist.

Drittens: Krisenbedingt sind Weiterbildungsbudgets geschmolzen. "Viele Unternehmen müssen den Gürtel seit Beginn der Pandemie enger schnallen und haben auch Kürzungen der HR-Budgets vorgenommen", sagt Inga Dransfeld-Haase, Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager. Die konjunkturelle Lage hat damit auch Auswirkungen auf die Personalentwicklung und die zur Verfügung stehenden Weiterbildungsbudgets.

Auch fehlt oft das Wissen über Fördertöpfe, wie die Civey-Befragung zeigt: Über die Hälfte der Teilnehmer wäre durchaus bereit, in die Digitalkompetenz ihrer Mitarbeitenden zu investieren – kennt aber die vielen staatlichen Fördermöglichkeiten nicht.

Doch welche Förderprogramme gibt es überhaupt? Und wie schwer oder leicht lässt sich dort herankommen? Das Handelsblatt gibt einen Überblick zu den wichtigsten Weiterbildungsinitiativen des Bundes. Darüber hinaus bieten einzelne Bundesländer noch eigene Fördertöpfe.

Das Qualifizierungschancengesetz

Bereits 2019 hat die Bundesregierung die Weiterbildung von Arbeitnehmern im sogenannten Qualifizierungschancengesetz (QCG) neu geregelt. Dort heißt es: "Wer durch Technologie ersetzt werden kann oder vom Strukturwandel betroffen ist, dem soll die Entwicklung neuer beruflicher Kompetenzen ermöglicht werden."

Also egal, wie alt ein Arbeitnehmer ist, wie viele Mitarbeiter sein Betrieb hat oder welche ursprüngliche Ausbildung er durchlaufen hat, so gut wie jeder hat Anspruch auf eine Beratung durch einen sogenannten "Berufsberater im Erwerbsleben" bei der Arbeitsagentur. Und auf finanzielle Förderung einer Qualifikation für einen Zukunftsjob.

Einzige Einschränkung: Die Berufsausbildung und eine eventuell bereits staatlich geförderte Weiterbildung liegen jeweils mindestens vier Jahre zurück. Der Staat hat in den vergangenen zwei Jahren rund 1,95 Milliarden Euro an Fördermitteln im Rahmen des QCG zur Verfügung gestellt, abgerufen wurde davon gerade mal knapp die Hälfte. Und von den für 2021 eingeplanten 890 Millionen Euro haben die Arbeitsämter in der ersten Jahreshälfte nur 276 Millionen Euro bewilligt.

Das sind die Voraussetzungen: Damit Unternehmen das QCG nicht ausnutzen und jegliche Weiterbildung von der Bundesagentur für Arbeit bezahlen lassen, gibt es Einschränkungen. Die wichtigste: Die beantragte Qualifikation darf sich nicht auf den derzeitigen Arbeitsplatz beziehen. Heißt: Eine Umschulung von der Verwaltungsfachangestellten zur Onlinemarketingkraft würde gefördert. Eine bloße Schulung zur neuesten Office-Software nicht.

"Außerdem sind die Zuschüsse vom Staat gestaffelt", erklärt Nicole Gaiziunas, Chefin des Weiterbildungsanbieters XU. Je nach Betriebsgröße können Unternehmen bis zu 100 Prozent der Weiterbildungskosten erstattet bekommen. Faustregel: Kleinere Betriebe profitieren mehr als Konzerne. Sogar Lohnkosten werden übernommen, wenn Arbeitnehmer bei vollem Gehalt zum Lernen freigestellt werden.

Bildungsgutschein

Damit fördert die Bundesagentur für Arbeit die berufliche Weiterbildung von Arbeitslosen, Beschäftigten und Berufsrückkehrern nach ihrer Elternzeit oder einem Pflegeeinsatz. 

Das sind die Voraussetzungen: Der Gutschein wird ausgestellt, wenn das zuständige Arbeitsamt am Wohnort nach einer Beratung eine Weiterbildung für notwendig hält, um eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt wahrscheinlicher zu machen, eine drohende Arbeitslosigkeit abzuwenden oder zu einem fehlenden Berufsabschluss zu verhelfen. Welche Bildungsziele die einzelnen Arbeitsagenturen fördern, legen sie – je nach Entwicklung des Arbeitsmarkts in ihrer Region – jedes Jahr neu fest.

Auf dem Gutschein sind das Bildungsziel, die Inhalte der Qualifizierung und seine Gültigkeitsdauer vermerkt. Dazu noch die jeweilige Region, für die er gilt. Damit sucht sich der Weiterbildungswillige dann selbst einen entsprechenden zugelassenen Kurs aus. Die Arbeitsagentur trägt die Gebühren sowie Fahrt- und Unterbringungskosten und bezahlt, falls nötig, auch die Kinderbetreuung

Aufstiegs-Bafög

Früher auch bekannt als "Meister"-Bafög. Dieses staatliche Darlehen soll dabei helfen, den Fachkräftemangel zu beheben. Es unterstützt Arbeitnehmer, Berufsrückkehrer und Selbstständige, die sich per Aufstiegsfortbildung auf einen von mehr als 700 Fortbildungsabschlüssen vorbereiten, etwa zum Meister, Techniker oder Betriebswirt. Und zwar unabhängig vom Alter. 178.000 Geförderte verzeichnete das Bundesbildungsministerium 2020 – so viele wie nie zuvor.

Das Aufstiegs-Bafög ist ein Mix aus zinsgünstigem Darlehen und Zuschüssen, die nicht zurück gezahlt werden müssen. Für Lehrgangs-und Prüfungsgebühren von bis zu 15.000 Euro erhalten die Teilnehmer zum Beispiel 50 Prozent als Zuschuss. Den Rest können sie per zinsgünstigem Darlehen finanzieren. Auf Antrag werden 50 Prozent des auf die Kurs- und Prüfungsgebühren entfallenden Restdarlehens erlassen – sofern die Abschlussprüfung erfolgreich absolviert wird. Wer einen Voll zeit lehr gang belegt, bekommt zudem Zuschüsse und Darlehen für den Lebensunterhalt.

Das sind die Voraussetzungen: Der angestrebte Abschluss muss über dem Niveau einer Fach - arbeiter-, Gesellen- und Gehilfenprüfung oder eines Berufsfachschulabschlusses liegen. Um zur Fortbildungsprüfung zugelassen zu werden, ist häufig eine abgeschlossene Erstausbildung Voraussetzung. Lehrgänge müssen mindestens 400 Unterrichts stunden umfassen und können in Voll- oder Teil zeit statt finden. Der Antrag für Aufstiegs-Bafög lässt sich online beim jeweiligen Bundesland stellen, in dem der Weiterbildungswillige gemeldet ist.

Aufstiegsstipendium

Besonders talentierte Fachkräfte, die einen ersten akademischen Abschluss anstreben, bietet der Staat einen Studienanreiz. Das Aufstiegsstipendium gibt es für ein Erststudium in Vollzeit, aber auch für ein berufsbegleitendes Studium an einer staatlichen oder staatlich anerkannten Hoch schule. Sie kann sich in Deutschland, einem anderen EU-Land oder auch in der Schweiz befinden. Studierende im Vollzeitstudium erhalten monatlich 861 Euro plus 80 Euro Büchergeld.

Studierende Eltern können zusätzlich eine Betreuungspauschale für Kinder unter 14 Jahren bekommen. Sie liegt bei 150 Euro für jedes Kind. Wer sich für einen berufsbegleitenden Studien gang entscheidet, bekommt monatlich 225 Euro. Die Förderdauer richtet sich jeweils nach der Regelstudienzeit. Stipendiaten können innerhalb eines Jahres nach Stipendienzusage mit dem Studium beginnen.

Das sind die Voraussetzungen: Bewerber müssen eine Berufsausbildung oder Aufstiegsfortbildung absolviert haben. Zudem benötigen sie mindestens zwei Jahre Berufserfahrung und müssen Besonderes geleistet haben, zum Beispiel ihre Berufsausbildung mit der Note 1,9 oder besser absolviert haben. Kandidaten bewerben sich online bei der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung. Diese wählt die künftigen Stipendiaten aus und begleitet sie während des Studiums.

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