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Die Kraft des Ratschlags

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Studien offenbaren eine oft unterschätzte Motivationshilfe: Wer Kollegen Tipps und Hinweise gibt, geht auch seine eigenen Probleme und Herausforderungen engagierter und selbstbewusster an.

Im Sprücherepertoire der Deutschen hat sich auch ein Satz von Dieter Nuhr einen festen Platz erobert: "Wenn man keine Ahnung hat", so der Kabarettist: "Einfach mal die Fresse halten." Der Tipp ist so populär, dass er auf T-Shirts und Tassen prangt. Und selbst in den Sprachgebrauch von Politikern und Managern übergegangen ist. Nur: Er ist falsch.

Das legt zumindest die Studie eines Teams von Psychologinnen um Lauren Eskreis-Winkler (Universität von Pennsylvania) nahe, die gerade im Fachjournal "Psychological Science" veröffentlicht wurde. Knapp zusammengefasst lautet ihre Botschaft: "Keine Ahnung? Mund auf!" Nicht, um nach Rat zu fragen – sondern um andere zu beraten, die mit ähnlichen Problemen kämpfen.

Zugegeben: Intuitiv ist dieser Tipp nicht. Viele Menschen fürchten, als blöder Besserwisser dazustehen, wenn sie anderen ungefragt einen Rat erteilen. Als unerträgliche Oberlehrer, die sich mit ihrem Wissen aufspielen wollen.

Doch beim Thema Ratschläge klaffen Intuition und Empirie weit auseinander. Zum Beispiel zögern immer noch viele Menschen, vor allem im Büro, andere um Rat zu bitten – aus Furcht, unfähig zu wirken. Die Forschung zeigt aber: Die Ängste sind unbegründet. Wer fragt, kommt schlauer rüber, weil er Hilfe sucht; und sympathischer, weil er nicht glaubt, unfehlbar zu sein. Einer Führungskraft kann man sogar schmeicheln, wenn man ihre geschätzte Meinung einholt.

Und auch beim Ratgeben, so zeigt nun die Untersuchung von Lauren Eskreis-Winkler, ist das Unbehagen fehl am Platz, denn: Wer Ratschläge erteilt, fördert seine eigene Motivation.

Für ihr Experiment rekrutierten die Psychologin und ihre Kolleginnen mehr als 300 amerikanische Schüler und unterteilten sie in zwei Gruppen. Die erste las drei Wochen lang regelmäßig Tipps, wie sie sich für ihre Hausaufgaben motivieren können. Die zweite Gruppe bekam Briefe jüngerer Mitschüler vorgelegt. Darin fragten sie die Älteren um Rat, wie es ihnen wohl gelingen könne, mehr Engagement in der Schule zu zeigen: Die Versuchsteilnehmer sollten ihre Tipps aufschreiben.

Was sie nicht wussten: Die Psychologinnen maßen an verschiedenen Zeitpunkten die Lernmotivation der Probanden. Sie stoppten dazu die Zeit, die jene mit einem Computerprogramm zum Vokabellernen verbrachten. Und siehe da: Diejenigen, die anderen Strategien zur Motivation empfehlen mussten, arbeiteten selbst motivierter.

Ähnliche Effekte beobachteten Eskreis-Winkler und ihre Kolleginnen in weiteren Experimenten bei erwachsenen Probanden, die in bestimmten Lebenslagen strauchelten. Egal, ob sie zu viel Geld ausgaben, ob sie sich schlecht ernährten oder vergeblich einen Job suchten: Die Motivation, an ihrer misslichen Lage etwas zu ändern, wurde größer, sobald sie andere Menschen mit ähnlichen Problemen beraten sollten.

Die Erklärung der Psychologinnen: Um ein Ziel zu erreichen, muss man nicht nur um dessen Nutzen wissen. Sondern man muss auch den inneren Antrieb aufbringen, Informationen in Taten umzusetzen. Wer nach Rat sucht, fühlt sich womöglich unbewusst inkompetent, nach dem Motto: Wenn ich es wüsste und könnte, müsste ich nicht fragen. Wer dagegen anderen Rat erteilt, profitiert davon selbst: Er bekommt das Gefühl, etwas zu wissen, was jemand anderes nicht weiß. Und er durchsucht sein Gedächtnis nach Situationen, in denen er ein ähnliches Problem erfolgreich gelöst hat. Das hebt das Selbstvertrauen, führt zu größerer Zielstrebigkeit und höherer Motivation.

Selbstvertrauen finden

Den Effekt, glaubt Eskreis-Winkler, kann sich jeder zunutze machen. Zum einen dürfe man grundsätzlich keine falsche Scheu haben, anderen mit Rat zur Seite zu stehen – selbst wenn man sich selbst nicht allwissend fühlt. Zum anderen weist die Studie Führungskräften einen neuen Weg, lustlose Mitarbeiter anzutreiben. Chefs könnten zum Beispiel diejenigen, die mit einer Aufgabe nicht klarkommen, dazu auffordern, Kollegen bei einem ähnlichen Problem zu helfen – damit sie sich Motivation und Selbstvertrauen für ihre eigentliche Herausforderung holen.

Der Ökonom Michael Schaerer von der Singapur-Management-Universität kommt in einer aktuellen Studie zu ähnlichen Befunden. Und liefert doch gleichzeitig eine wichtige Einschränkung: Ratschläge lassen sich auch als Machtinstrument nutzen. Deswegen müsse man dafür sorgen, dass sich der Empfänger nicht manipuliert fühlt. "Außerdem sollte man immer transparent machen, wenn man von einem Thema nicht viel versteht", sagt Schaerer, "anstatt vorzugeben, dass man alles weiß."

Ansonsten träfen jene, denen man eigentlich helfen wollte, am Ende womöglich die falschen Entscheidungen – und Dieter Nuhr behielte doch recht.

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