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"Wichtig ist es, neue Routinen zu entwickeln"

Homeoffice Frau Depression Sitzen  [Quelle: unsplash.com, Kinga Cichewicz]

Quelle: unsplash.com, Kinga Cichewicz

Unsere Psyche als große Unbekannte der Corona-Krise: Ein Gespräch mit der Psychologin Jule Specht über die mentalen Herausforderungen von Home Office und sozialer Distanzierung.

Frau Specht, wir befinden uns seit Anfang der Woche in einer völlig neuen Alltagssituation: Viele Menschen bleiben so viel wie möglich zu Hause, soziale Kontakte werden vermieden. Für viele ist die Umstellung sehr schwierig, andere scherzen, dass sie nur darauf gewartet haben, endlich in Ruhe zu Hause sein zu können. Ist es eine Charakterfrage, wie gut man mit den Einschränkungen klar kommt?

Man könnte davon ausgehen, dass die soziale Distanzierung für introvertierte Menschen leichter zu bewältigen ist, weil sie ohnehin kein so stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Geselligkeit haben. Ich glaube aber, das ist zu kurz gedacht: Das Bedürfnis nach sozialem Austausch ist ein universelles, und fehlender sozialer Austausch wirkt sich bei fast allen Menschen negativ auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit aus. Es wird sich zeigen, ob es extravertierten Menschen nicht vielleicht eher gelingt, in sozialer Isolation auf neuen Wegen Kontakte zu ihren Mitmenschen aufzubauen, während es introvertierten Menschen vielleicht schwerer fällt, neue Varianten sozialer Interaktion aufzubauen. Wichtig ist aber, dass wir aktiv neue Routinen entwickeln, um unser Sozialleben unter den erschwerten Bedingungen zu erhalten.

Tatsächlich hat sich ja innerhalb kurzer Zeit unser Alltag völlig verändert.

Ja, wir müssen zum Beispiel unsere Arbeit und unser Familienleben neu strukturieren, können unseren Hobbys nicht in gleicher Weise nachgehen und müssen Gewohnheiten im Freundeskreis ändern. Ich würde erwarten, dass Personen, die offen für neue Erfahrungen sind, deutlich besser mit dieser Fülle an Veränderungen umgehen können und weniger verunsichert werden als Personen, die das weniger sind. Es wird ihnen möglicherweise auch leichter gelingen, auf kreative Weise mit den neuen Anforderungen umzugehen. Letztendlich können wir hier aber nur spekulieren: Die jetzige Situation ist so ungewöhnlich, dass wir nur Hypothesen dazu aufstellen können, wie sich Menschen im Umgang damit unterscheiden.

Die gegenwärtige Unsicherheit bezüglich der weiteren Entwicklungen und der Folgen der Corona-Krise ist eine weitere psychische Belastung.

Ja, vor allem für Personen, die ein erhöhtes Risiko tragen, schwer zu erkranken, oder unabhängig vom Corona-Virus von einem gut funktionierenden Gesundheitssystem abhängig sind. Im Allgemeinen fällt es außerdem emotional stabilen, also wenig neurotizistischen Menschen leichter, mit Herausforderungen umzugehen. Sie reagieren gelassener auf Stress, sind auch in schwierigen Situationen entspannter und ruhiger.

Sie haben selbst zu der Frage geforscht, wie Menschen auf drastische Veränderungen in ihrem Leben reagieren.

Ja, typischerweise geht es Menschen besser, die das Gefühl haben, ihr Leben unter Kontrolle zu haben, sich also nicht Glück oder Schicksal, Zufall oder mächtigen anderen ausgeliefert fühlen. In einer Studie, in der es um die Bewältigung des Todes des Partners ging, konnten wir zeigen, dass dies in einer solch einschneidenden, negativen, nicht kontrollierbaren Lebenssituation jedoch genau andersherum sein kann: Hier geht es zunächst eher den Menschen besser, die schon vorher eine vergleichsweise geringe Kontrollüberzeugung hatten. Es ist durchaus denkbar, dass Menschen die jetzige Situation zunächst schwerer bewältigen können, die bisher der Auffassung waren, ihr Leben maßgeblich unter Kontrolle zu haben, anstatt äußeren Umständen ausgeliefert zu sein.

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