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Auch kleine Tricks können helfen

"Am stärksten ausgeprägt sind solche Selbstblockaden bei denen, die etwas leisten wollen", sagt auch Stefan Grötecke, der die Personalabteilung des Metallbauunternehmens Howden in Deutschland leitet. Neu ist das Phänomen nicht. Schon in der Antike war es so, dass die stärksten Selbstzweifel gerade die Besten befielen. Der griechische Philosoph Platon zitiert seinen Lehrmeister Sokrates mit den Worten: "Jener glaubt, etwas zu wissen, weiß aber nichts. Ich weiß zwar auch nichts, glaube aber auch, nichts zu wissen." Dieses Zitat aus der Verteidigungsrede des Sokrates wird meist verkürzt zu "Ich weiß, dass ich nichts weiß". Die Botschaft bleibt in beiden Fällen gleich: Gerade die Erkenntnis über das eigene Nichtwissen lässt die Zweifel an der eigenen Arbeit steigen. Personalchef Grötecke formuliert es plakativer: "Diejenigen, die nicht so helle sind, haben das Problem nicht. Deshalb sind sie ja nicht so helle."

"Gerade bei den Klugen bleibt das Blatt Papier zu lange weiß"

Das Ergebnis ist damals wie heute ebenfalls gleich: Gerade bei den Klugen bleibt das Blatt Papier zu lange weiß. "Das ist definitiv ein Thema, aber leider keines, wo viel drüber geredet wird", sagt Grötecke. In den vielen Unternehmen, die er als Interimsmanager kennengelernt hat, habe es Anti-Stress-Trainings gegeben, Kreativitäts-Workshops, Entspannungskurse und Führungskräfte-Seminare. "Aber ich habe nie von einem Unternehmen gehört, in dem der Umgang mit dem inneren Kritiker strategisch und auf breiter Basis angegangen wurde."

Wahrscheinlich ist das ein Fehler. In der "Stressstudie 2016" der Techniker Krankenkasse nennen 43 Prozent aller Befragten, die selten oder häufig Druck empfinden, "hohe Ansprüche an sich selbst" als Ursache für ihren Stress. Das sind deutlich mehr, als diejenigen, die "zu viele Termine" (33 Prozent) oder "ständige Erreichbarkeit" (28 Prozent) klagen. Was auch auffällt: Frauen leiden deutlich häufiger unter ihren eigenen Ansprüchen als Männer. Während unter den Gestressten fast jede zweite Frau (48 Prozent) mit einem zu starken inneren Kritiker kämpft, ist es bei den Männern nur etwas mehr als jeder dritte (37 Prozent).

Wenn Architekten zu lange untätig vor ihrem Computer sitzen oder Journalisten vor der Tastatur erstarren, sinkt die Produktivität. Dann ist es nur logisch, dass ein Unternehmen mehr Personal braucht, um die Bauzeichnung fertigzustellen und die Zeitung zu füllen. Gröteckes Tipp, um den Kopf frei zu bekommen: Sport machen - oder, wie er selbst es praktiziert, Motorrad fahren. "Wenn ich mich auf den Punkt konzentrieren muss, voll auf die nächste Kurve, dann bleibt kein Raum für Zweifel."

Auch kleine Tricks können helfen

Tatsächlich lässt sich die Menschheit viel einfallen, um mental runterzukommen. Wer kein Motorrad hat und sich keinen Coach leisten kann, macht vielleicht Yoga. Andere stellen sich unter die Dusche, spazieren eine große Runde um den Block oder sprechen mit ihrer Mama. Manche nutzen kleine Psycho-Tricks. Der eine oder andere stellt sich seinen Chef nackt vor, um die Angst vor ihm zu verlieren. Allerdings hat alles seine Grenzen: "Was nützt ein Yogakurs in der Mittagspause, wenn die Führung oder die Teamarbeit im Unternehmen nicht stimmen?", fragt die Beraterin Ulrike Michels, die sich als Stressexpertin einen Namen gemacht hat.

Ohnehin ist es bisweilen eine ziemlich schlechte Idee, den inneren Kritiker durch ein Bierchen zu betäuben oder durch Yoga zu verdrängen. "Solche Kontrolldinge sind mit Vorsicht zu genießen", warnt der Therapeut Michael Mary. Er ist Autor von mehr als 30 Büchern, darunter auch der "Anleitung zum Erfolg". "Ängste haben ja eine Funktion, sie wollen einen vor Schaden bewahren", gibt Mary zu bedenken. "Wenn Ihr innerer Kritiker sagt: Wenn du das schreibst, wirst du entlassen - und Sie denken darüber nach und geben ihm recht, dann sollten Sie Ihren Text tatsächlich nicht veröffentlichen."

Statt den inneren Kritiker zum Schweigen zu bringen, sollte man sich mit ihm auseinandersetzen, rät Mary. Dazu müsse man seine Ängste bis zum Ende hinterfragen. "Wenn Sie sich unsicher sind, ob Ihre Arbeit gut genug ist, fragen Sie sich: Was passiert denn, wenn sie nicht perfekt ist?" Eine Antwort könnte lauten: Dann meckert der Chef. Dann müsse man weiterfragen: Was passiert, wenn der Chef meckert? Je nachdem, wie die Antwort ausfällt (kleiner Rüffel oder Entlassung), kann man sich dann bewusst dafür entscheiden, das Risiko einzugehen - oder lieber tatsächlich nachzubessern. "Nehmen Sie die Bedenken Ihres inneren Kritikers ernst", empfiehlt Mary. "Setzen Sie sich bewusst mit ihm und den dahinter stehenden Ängsten auseinander. Aber lassen Sie sich nicht von ihm beherrschen."

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