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Bin das wirklich ich?

Vierte Station: Das Eliteprogramm

Wer eine "hoch qualifizierte und verantwortungsbewusste Persönlichkeit" werden will, muss an Henriette Hättich vorbei. Die 28-Jährige wählt bei der Friedrich-Ebert-Stiftung die Stipendiaten aus, "künftige Leistungs- und Verantwortungsträger" So zumindest heißt es auf der Website des Bildungsministeriums, das die Begabtenförderung der Stiftung finanziert. Die Friedrich-Ebert-Stiftung steht der SPD nahe, alle größeren Parteien in Deutschland haben solche Stiftungen, ebenso wie die Kirchen und Gewerkschaften. Sie sollen die Elite von morgen heranziehen, auch wenn Henriette Hättich eine sozialdemokratischere Sprache bevorzugt: "Wir möchten mündige Bürger fördern", sagt sie. "Es gibt nicht einen Standard, an dem wir alle messen, weil wir darauf Rücksicht nehmen, dass nicht alle Bewerber die gleichen Chancen hatten."

Trotzdem: Wer Geld von der Stiftung will, braucht einen Abi-Schnitt von 2,0 oder besser. Außerdem ist ehrenamtliches Engagement Pflicht, egal, ob man das schon lange macht oder erst für die Bewerbung damit angefangen hat. Das gilt bei der Friedrich-Ebert-Stiftung genauso wie bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung oder der Heinrich-Böll-Stiftung von den Grünen. Rund 25.400 Studenten bekamen im vergangenen Jahr ein Stipendium. Das entspricht zwar nur einem Prozent aller Studenten. Aber sie setzen die Standards für alle: Unis und Unternehmen orientieren sich daran. "Es kann sein, dass wir zur Angleichung der Lebensläufe beitragen, so selbstkritisch müssen wir sein", sagt Henriette Hättich, "wir haben ein Interesse daran, dass unsere Stipendiaten zielstrebig studieren und in der Regelstudienzeit bleiben." Die Stiftungen sind nicht die Einzigen, die eigentlich helfen wollen – dabei aber womöglich den Druck für alle erhöhen. Druck, der vielleicht gar nicht nötig ist, wenn man Vanessa Boysen glauben kann.

Fünfte Station: Der Coach

Als Vanessa Boysen klein war, hatten ihre Eltern einen Satz, um sie anzuspornen, um ihr ein bisschen Angst zu machen: "Kind, wenn du nicht fleißig bist, wirst du später Müllmann." Das war in den Achtzigern. Deutschland war damals noch geteilt, das Telefax galt als Zukunftstechnologie. Wer sich bewerben wollte, schrieb seinen Lebenslauf mit einer Schreibmaschine. Die Welt war übersichtlicher und die Zukunft vielleicht ein bisschen rosiger. "Meine Eltern haben noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt", sagt Boysen, "es war völlig klar, dass ich es mal besser haben würde als sie."

Heute steht Vanessa Boysen, 38, vor Leuten, für die das nicht mehr so selbstverständlich ist. Boysen ist nicht Müllmann geworden, sondern zuerst Personalchefin bei einer Internetfirma und dann Bewerbungscoach. Statt anzuspornen, ist es vor allem ihre Aufgabe, Menschen die Angst zu nehmen. In einem Raum mit hohen Decken und einem weinroten Teppich steht Boysen vor einem Stuhlkreis im CareerCenter der Uni Hamburg. Trotz Semesterferien ist ihr Workshop ausgebucht. Das Thema: Bewerben in Zeiten des Web 2.0. Boysen sagt, das Netzwerken lohne sich, im Internet und in der echten Welt, solange man kein Schleimer sei, sondern mit Leuten Kontakt halte, deren Arbeit man tatsächlich interessant finde. Und sie sagt, es sei eine Chance, dass alles im Umbruch ist. "Wer versucht, mit einem perfekten Lebenslauf auf einen Traumjob zu zielen", sagt sie, "der übersieht, dass es manche Jobs heute noch gar nicht gibt, in denen wir morgen schon arbeiten könnten." Boysen konnte ihren Eltern früher nicht sagen: "Keine Sorge, Mama, ich mache was mit Internet – sobald es erfunden ist." Das größte Problem mit dem Druck, den perfekten Lebenslauf haben zu wollen, sei die Angst, gar keinen Job zu bekommen, sagt Vanessa Boysen. Und die sei für viele Studenten unbegründet. Boysen sagt, dass wegen des demografischen Wandels gut ausgebildete Absolventen bald ihren Chefs die Vorgaben machen – und dass immer wieder neue Berufe entstehen, für die es Ansprüche für so etwas wie den perfekten Lebenslauf noch gar nicht gibt. "Grundsätzlich kann man sagen, dass der Lebenslauf vor allem dann plötzlich egal ist, wenn es um einen neuen Beruf geht", sagt sie. "Zum Beispiel vor einiger Zeit der Social Media Consultant. Da sind dann Quereinsteiger höchst willkommen, zumindest so lange, bis sich das Gebiet professionalisiert hat."

Das ist noch nicht alles: "Wer sich als Softwareentwickler bewirbt, der kann ruhig Rechtschreibfehler in seinem Lebenslauf haben", sagt sie, "viel wichtiger ist, dass der Code fehlerfrei ist." Allerdings sind in vielen anderen Branchen die Bewerber noch immer in der Überzahl, müssen viele Kandidaten um wenige besonders attraktive Posten, Praktika und Stipendien konkurrieren.

Sechste Station: Zurück im Personalbüro

Hätten im Büro von Julia Rohleder, der Personalfrau bei Otto, nur die Bewerber eine Chance, die jeden Rat befolgen, dann würde ihre Software anzeigen: null Lebensläufe im System. Allen Tipps gerecht zu werden geht nicht – dafür sind sie viel zu widersprüchlich. Der perfekte Lebenslauf ist eine Fiktion.

"Schnell durchs Studium und rein in die Arbeitswelt? Da bin ich nicht unbedingt Fan von", sagt Rohleder. "Natürlich hätten wir gern einen stetigen Fluss von qualifizierten Leuten. Aber wenn diese nach anderthalb Jahren feststellen, dass sie eigentlich noch eine Weltreise machen wollten und uns dann wieder verlassen, sind wir auch nicht glücklich."

Ähnlich sehen es auch andere große Unternehmen: Unter vier Augen klagen die ersten Personalchefs bereits darüber, dass die Lebensläufe, die sie bekommen, nicht nur perfektionistischer werden, sondern auch ähnlicher. Wer sein Leben danach ausrichtet, den perfekten Lebenslauf zu haben, der schadet womöglich sich selbst. Weil er nicht tut, worauf er am meisten Lust hat. Und weil er am Ende unter all den perfekt genormten Bewerbern nicht mal mehr auffällt.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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