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Bin das wirklich ich?

Zweite Station: Der Ratgeber

"Lebenslauf", sagt Jürgen Hesse, "das Wort finde ich grob fahrlässig." Der Psychologe und Autor amüsiert sich darüber, was Personalchefs von Bewerbern fordern. Einen "lückenlosen Lebenslauf"? Wie albern! "Ihr Leben wird schon ohne Lücken verlaufen sein", sagt Hesse, "Sie wurden ja nicht zwischendurch tiefgefroren." Vor ein paar Jahren hat Jürgen Hesse, 61, aufgehört, an den Lebenslauf zu glauben. Davor war er ein ganz Großer in der Lebenslaufindustrie. Vielleicht sogar der Allergrößte, zusammen mit seinem Partner, Hans Christian Schrader. Seit 25 Jahren schreiben die beiden Studienfreunde Ratgeberbücher, mehr als 200 müssten es mittlerweile sein, sagt Jürgen Hesse. Wie kommt man dazu, so viele Ratgeber zu schreiben? "Unser erstes Buch wurde ein Bestseller", sagt er. "Dann sagte der Verlag: Schreibt, schreibt, schreibt!"

Der Markt für Bewerbungsratgeber ist groß. Jedes Jahr erscheinen Magazine (wie auch der ZEIT CAMPUS Ratgeber) und neue Bücher. Jürgen Hesse und Hans Christian Schrader haben davon nach eigenen Angaben mehr als fünf Millionen Exemplare verkauft. Das sind weniger als "Harry Potter" oder "Shades of Grey". Aber mehr als bei Schriftstellern wie Judith Hermann, Daniel Kehlmann und Charlotte Roche weggehen. Wenn die Zahl stimmt, dann zählt das Team Hesse/Schrader zu den erfolgreichsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Neben dem Schreiben halten die beiden Vorträge, machen Workshops und sogar Fernberatung: Für 69 Euro plus 5 Euro Porto checkt ihre Firma Lebensläufe und gibt Feedback. Einen Tipp gibt es bei Jürgen Hesse kostenlos: Bloß nicht "Lebenslauf" drüberschreiben!

"Wir müssen aufhören, so zu tun, als wäre das eine angemessene Bezeichnung", sagt Jürgen Hesse. "Wenn ich über den Verlauf meines Lebens seit der Geburt schreiben müsste, wäre ich auch total verunsichert." Besser sei "Beruflicher Werdegang". Oder "Profil". Oder "C. V.", obwohl das ausgeschrieben als "Curriculum Vitae" auch Lebenslauf heißt, bloß auf Lateinisch, wie Hesse einräumt. Jedes dieser Worte nehme dem Bewerber den Druck, sein ganzes Wesen auf wenigen Seiten zusammenzufassen. Und den Irrglauben, dass jeder nur einen Lebenslauf hat. Um das zu erklären, erzählt Jürgen Hesse das Gleichnis vom ehrgeizigen Karnevalisten.

Das geht so: Ein Karnevalist wird an einem Tag auf drei verschiedene Kostümpartys eingeladen. Er kann unmöglich im selben Kostüm auf alle drei Partys gehen, das ist gegen die Karnevalistenehre. Was macht er also? Mal als Bär gehen, mal als Mönch und mal als Häuptling Winnetou? "Besser ist", sagt Hesse, "er überlegt sich, welche Tiere ein ähnliches Fell wie der Bär haben." Denn wenn der Karnevalist in sein braunes Fell schlüpft und einen Honigtopf in der Hand hält, erklärt Hesse, wird ihn jeder für einen Bären halten. Wenn er den Honigtopf gegen einen Knochen austauscht, sieht er aus wie ein Hund. Und mit einer Banane in der Hand wie ein Affe. So kann der ehrgeizige Karnevalist auf alle Partys in unterschiedlichen Kostümen gehen, ohne sich jedes Mal komplett neu erfinden zu müssen.

"Das braune Fell ist die Kernkompetenz", sagt Jürgen Hesse, "und die Gegenstände sind die Eigenschaften, die man je nach Stellenprofil hervorhebt." Wer zum Beispiel Betriebswirtschaftslehre studiert hat, kann damit Geschäftsführer werden (Bär), aber auch Bereichsleiter im Rechnungswesen (Hund) oder im Marketing (Affe). Nach über 200 Ratgeberbüchern lautet der Rat von Jürgen Hesse also, den Lebenslauf nicht zu wichtig zu nehmen. Folgt man Hesses Idee, dann ist der Lebenslauf kein Dokument, das eine Person zeigt, wie sie ist. Stattdessen ist er wie ein Kostüm – und jeder sollte davon mehrere haben. "Den einen Lebenslauf, der garantiert zu jedem Traumjob passt, gibt es nicht", sagt Hesse. Er empfiehlt, für jede neue Bewerbung einen neuen Lebenslauf zu schreiben und die Erfahrungen zu betonen, die besonders gut zum Stellenprofil passen. Die Eckdaten bleiben gleich, aber die Akzente verschieben sich. Klingt wie eine gute Idee. Wären da nicht Yee Wah Tsoi und ihre Kollegen von Xing.

Dritte Station: Das Internet

Schwarzer Pulli, schwarzer Blazer, die Fingernägel perfekt gefeilt: Yee Wah Tsoi sieht aus, als käme sie von einem Bewerbungsgespräch. Damit ist sie ziemlich allein im Hamburger Xing-Büro. Die meisten ihrer Kollegen tragen Turnschuhe und Jeans, sie sehen aus, als kämen sie aus dem Hörsaal. Im Großraumbüro hängt ein SpongeBob-Poster mit dem Aufdruck: "I Hate Mondays". Und ein Schild am Notausgang bittet: Im Falle eines Feuers sofort das Gebäude verlassen und erst danach darüber twittern! Hinter den Kulissen werden bei Xing der Nerd-Humor und die lässigen Umgangsformen eines Internet-Start-ups gepflegt, Kickertisch inklusive.

Pressesprecherin Yee Wah Tsoi, 30, steht für den offiziellen Look des Unternehmens: Xing ist kein soziales, sondern ein "professionelles" Netzwerk – wer sich anmeldet, wird gebeten, seinen Lebenslauf einzutragen. Rund 13 Millionen Menschen haben das getan und zeigen sich auf Xing von ihrer besten Seite, falls sie mal ein Personalchef googelt.

Das lohnt sich, zumindest für Xing: 73 Millionen Euro Umsatz verzeichnete das Unternehmen im Jahr 2012. Wie kann man so viel Geld machen mit einer Website, auf der Leute ihre Lebensläufe veröffentlichen? "Wenn eine Firma qualifizierte Mitarbeiter sucht, musste sie früher einen Headhunter beauftragen", sagt Tsoi. "Bei uns können die Personalchefs selbst suchen und Kosten sparen." Wer einen Ingenieur mit Schwerpunkt Gebäudetechnik und CAD-Kenntnissen braucht, bekommt bei Xing die Lebensläufe aller Mitglieder angezeigt, die diese Schlagwörter in ihr Profil geschrieben haben. Diese Suchfunktion ist kostenpflichtig, so verdient Xing Geld. Für Bewerber lohnt es sich auch, sie können gefunden werden. Zugleich bekommen sie aber vor Augen geführt, dass viele andere genauso qualifiziert sind wie sie. Bei Facebook will jeder die besten Urlaubsbilder posten, bei Xing den besten Lebenslauf. "Xing steht für Transparenz", sagt Tsoi.

Genau das ist der Haken: Anders als es der Ratgeberautor Jürgen Hesse empfiehlt, hat jeder Nutzer exakt einen Lebenslauf, der für jeden Personalchef gleich aussieht. Bei Xing wimmelt es von Bären, Hunden, Affen. Und von ehrgeizigen Karnevalisten, die unter dem einen Arm einen Honigtopf tragen und unter dem anderen einen Knochen und eine Bananenstaude. Braunfellige Multifunktionstiere, die immer in die Rolle schlüpfen, die für einen Job gerade gebraucht wird, sind durch Xing vom Aussterben bedroht.

Was für Xing im Kleinen gilt, gilt für das gesamte Internet. "Digitale Suchtechnologien werden raffinierter", sagt Jennifer Golbeck, "es wäre naiv zu glauben, dass sie von Arbeitgebern nicht genutzt werden." Golbeck ist Informatikerin an der Universität Maryland in den Vereinigten Staaten. Sie erforscht, was Studenten und Bewerber im Internet von sich preisgeben – auf Seiten wie Xing oder dessen internationalem Konkurrenten LinkedIn, aber auch bei Facebook und Twitter.

Eine ihrer Studien zeigt, dass es laxe Privatsphäreneinstellungen bei Facebook erlauben, Rückschlüsse auf die Persönlichkeit eines Bewerbers zu ziehen, die ein Lebenslauf allein nicht zulässt. Wie viele Bands oder Bücher man "liked", was man in der "Über mich"-Spalte schreibt, wie viele Freunde man hat und wie gut die vernetzt sind, zeige demnach, ob man eher introvertiert oder extrovertiert sei, eher umgänglich oder neurotisch. Auch eine automatische Auswertung der Sprache von Twitter-Meldungen verrate solche Charaktereigenschaften. "Das sind Informationen, die Personalchefs interessieren", sagt Golbeck. "Und bei gut bezahlten Jobs werden sie alle Ressourcen nutzen, die ihnen zur Verfügung stehen, um zu prüfen, ob ein Bewerber passt." Ihre Facebook-Studie wurde von der US-Armee finanziert – einem der größten Arbeitgeber der Welt. Jennifer Golbeck empfiehlt strenge Privatsphäreneinstellungen. Aber sie plädiert nicht für Unsichtbarkeit im Netz. Man muss ihren Namen bloß googeln und findet: ihre eigene Website mit Kontaktdaten und Porträtfoto. Ihr Profil bei LinkedIn, ihre Botschaften bei Twitter. Und ein PDF mit ihrem Lebenslauf, der 25 Seiten lang ist – typisch Wissenschaftler. "Der perfekte Lebenslauf", sagt Jennifer Golbeck, "ist ein Lebenslauf, dessen Inhalt ich unter Kontrolle habe."

Schaut man sich die Studien an, mit denen Golbeck und andere Wissenschaftler das Phänomen Lebenslauf zu beschreiben versuchen, dann wird aus dem Curriculum Vitae nichts weiter als eine Sammlung von Daten, die Rückschlüsse auf die Eignung eines Bewerbers zulassen sollen. So gesehen, schreiben alle Internetnutzer mit jedem Status-Update auf Facebook, jedem Tweet und jeder Information, die sie über sich veröffentlichen, am eigenen Lebenslauf, oft ohne es zu merken. Doch ganz egal, ob der Personalchef googelt oder nicht: Fast jedes Auswahlverfahren entscheidet sich im persönlichen Gespräch. Manchmal begegnet man dabei Menschen, die gar nicht viel älter sind als man selbst – und trotzdem Macht haben.

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