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In der Republik der Rollkoffer

Bahnhof, Züge, Koffer, Menschen, Gruppe [Quelle: unsplash.com, Autor: Miguel A. Amutio]

Quelle: unsplash.com, Miguel A. Amutio

Millionen Deutsche pendeln Tag für Tag oder am Wochenende. Doch was ist wirklich besser für Karriere und Gesundheit: Pendeln oder Umziehen?

Es sind die Worte, bei denen müde Pendler schlagartig wach werden. "Dieser Zug verkehrt heute in umgekehrter Wagenreihung", schallt es über den Duisburger Hauptbahnhof. Während viele Fahrgäste genervt aufschnaufen, nimmt Christa Stienen es gelassen, greift zum Rimowa-Koffer und eilt zu ihrem Wagen. Pünktlich um 7.07 Uhr fährt der Zug los.

Stienens Reise ist 198 Bahn- und neun Taxi-Kilometer lang. Fahrziel: die Zentrale von DB Schenker in Frankfurt. Bei dem Bahn-Logistikdienstleister ist die 52-Jährige seit Oktober Personalchefin. Sie übernachtet in ihrem Apartment in Frankfurt, ihren Hauptwohnsitz hat sie in Duisburg. Eine weitere dritte Wohnung unterhält Stienen mit ihrem Mann in Berlin. Wann sie an Rhein, Main oder Spree ist, folgt dabei keiner Regel. Auch nicht, wie Stienen zwischen ihren Wohnsitzen hin- und herpendelt: Bahn, Auto, Dienstwagen. "Alles eine Frage der Organisation", sagt die Managerin. "Aber klar, man muss das mögen."

Stienens Beispiel mag extrem sein. Es zeigt aber, welche Strapazen Führungskräfte auf sich nehmen, um Privat- und Berufsleben zu koordinieren. Gerade Manager, so eine Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, legen immer weitere Strecken zwischen Wohn- und Arbeitsort zurück. Die Ursachen: Ein dichtes Autobahnnetz, Billigflüge und ICE-Rennstrecken erleichtern das Pendeln. Umgekehrt drängen hohe Mieten und Kaufpreise viele Familien aus den Innenstädten. Gleichzeitig arbeiten mehr und mehr Paare an unterschiedlichen Orten. Befristete Verträge, flexible Arbeitszeiten, Projektarbeiten – all das spricht dafür, wenigstens mit dem Wohnort eine Konstante im Leben zu haben und nicht für den Job umzuziehen. Das Ergebnis: Deutschland wird zur Pendelrepublik. Fast 1,6 Millionen Menschen brauchen jeden Tag eine Stunde oder mehr, um zur Arbeit zu kommen. Rund elf Millionen sind pro Strecke immerhin eine halbe Stunde unterwegs – mehr als jeder vierte Erwerbstätige.

Aber aus dem eigenen Wohnort wegziehen? Diesen Schritt wagen jedes Jahr gerade einmal drei Prozent der Bevölkerung. Selbst Führungskräfte werden zunehmend unflexibel, wie eine Befragung der Personalberatung Odgers Berndtson unter 2.500 Teilnehmern aus diesem Jahr zeigt. Danach ist nur noch ein Drittel bereit, für eine Topstelle längere Zeit von der Familie getrennt zu leben. Vor fünf Jahren war es noch fast jeder Zweite. Doch was ist besser für Karriere, Privatleben und Gesundheit: Pendeln oder Umziehen? Das Handelsblatt hat vier Führungskräfte auf ihrem Weg zur Arbeit begleitet – und Forscher und Experten nach ihrer Meinung gefragt.

Die Pendlerin

Mit Tempo 180 rauscht Lisa Kitterer über die A4 – vor-bei an Lkw und schneeberieselten Feldern. Kitterer arbeitet in Attendorn im Sauerland, lebt aber in Köln. Ein Spagat, für den sie jeden Tag bis zu zweieinhalb Stunden auf der Straße verbringt. Und nicht nur dort führt sie ein Leben auf der Überholspur: Kitterer leitet beim Autozulieferer Kirchhoff Automotive die globale Personalentwicklung für 30 Standorte in Europa, Asien und Nord-amerika – und das mit gerade einmal 35 Jahren. Um 16 Uhr dreht Kitterer den Zündschlüssel vor der Firmenzentrale um. In 75 Minuten braucht ihr Mann den Wagen und dann der anderthalbjährige Sohn eine Betreuung. Wer ihr zuhört, versteht den Zwiespalt, in dem Fach- und Führungskräfte täglich auf dem Weg zur Arbeit stecken: Einerseits sitze sie gerne hinter dem Steuer, erzählt Kitterer. Andererseits nerve sie die Pendelei. Doch dann ist da wieder der Charme der Großstadt, den die junge Frau nicht missen möchte. 2012 war sie sogar für den Job ins Sauerland gezogen. Ein halbes Jahr ging das gut. "Ich habe dann relativ schnell gemerkt, dass mich das nicht glücklich macht." Und so pendelt sie nun. 193 Kilometer am Tag, 30.000 im Jahr. Wenn die Straßen auf ihrer Navi-App rot-gelb eingefärbt sind, also Stau anzeigen, kann sie schon mal von zu Hause arbeiten. Auch sonst hat sie zwei Tage im Homeoffice. Das nehme zumindest etwas Druck.

Kind und Karriere vereinbaren – das ist im Pendel-Modell von Lisa Kitterer das größte Problem. Wenn der Kleine in der Kölner Kita krank wird, müssen Oma oder Nachbarn einspringen. Oder ihr Mann, der Freiberufler ist. "Das ist schon sehr aufwendig zu organisieren", sagt sie. In ein paar Monaten erwartet die junge Familie das zweite Kind. "Ich ziehe die Reißleine erst, wenn die Familie unter dem Pendeln leidet." Es ist 17.07 Uhr. Kitterer parkt in der Tiefgarage in Köln ein. Sie hat es rechtzeitig geschafft. Wieder einmal.

Der Wochenendpendler

Die Woche beginnt für Oliver Schönleitner an Gleis 13 im Hamburger Hauptbahnhof. Um 6.11 Uhr fährt ihn IC 1099 nach Düsseldorf – eine der wenigen Direktverbindungen in die Rheinmetropole. Dort arbeitet der 52-Jährige als selbstständiger SAP-Berater für Fujifilm. Seine 40 Stunden quetscht Schönleitner in vier Tage. Am Donnerstagabend geht es für den Einzelunternehmer zurück. Seit fast elf Jahren geht das nun schon so. Am Wochenende das Haus im Süden der Hansestadt, unter der Woche 30 Quadratmeter in der Nähe vom Rhein. Umziehen? Für Schönleitner keine Option. Ursprünglich sollte sein Mandat bei Fujifilm nur drei Jahre dauern. Nach und nach kamen "interessante Aufgaben" hinzu. Jetzt sind es eben elf.

Als externer Dienstleister kann ihm Fujifilm zum Monatsende das Engagement kündigen. "Es macht deshalb keinen Sinn, meinem Kunden hinterherzuziehen", erklärt Schönleitner, auch wenn er seit Beratungsbeginn bestimmt 120.000 Euro für Fahrkarten und Miete ausgegeben habe, wie er vorrechnet. Nicht nur finanziell und vom Stresslevel sei das Modell Wochenendpendler "schon belastend", sagt Schönleitner. Am schlimmsten seien die privaten Einschränkungen, mit denen er für seine Karriere bezahle. "Ich kenne manche Ticketkontrolleure im Zug besser als meine Studienfreunde." Auch die Beziehung zu seiner damaligen Lebensgefährtin sei am ständigen Hin und Her zerbrochen. "Man muss sich überlegen, ob man das will." Noch will Schönleitner das. Aber nicht noch einmal für elf Jahre. Eine Festanstellung sei eine Option, am liebsten natürlich in der Nähe seines Wohnortes. Im Jahr 2019 ein fast kühner Wunsch, wie es scheint.

Der Umzieher

Für Dario Cohen war es ei-ne schwierige Entscheidung. 2014 bot ihm der Essener Energiedienstleister Ista einen Job an, mit dem er die Strategie und Ausrichtung der Firma gestalten konnte. Voraussetzung: Er zieht um oder pendelt wochenendweise. Cohen wohnte damals mit Frau und Sohn in Zürich. Nun leben die drei in Deutschland.

"Das war nicht einfach nur ein Jobwechsel", sagt der 43-Jährige. "Das war schon ein Akt, der mit Risiken verbunden war. Sehr viele Faktoren mussten da passen." Die neue Aufgabe hatte ihn gereizt, das passte. Der Sohn war noch nicht eingeschult, der Zeitpunkt war also günstig. Seine Frau arbeitete mit einer halben Stelle als Grafikdesignern. Rein ökonomisch betrachtet erschien der Jobwechsel somit auch sinnvoll. Und die Gattin war flexibel, machte sich am neuen Wohnort als Kinderfotografin selbstständig. "Auch wenn wir viel aufgeben und verändern mussten: Unterm Strich war es eine ziemlich logische Entscheidung." Während der Probezeit pendelte der Elektrotechniker übers Wochenende ein halbes Jahr zwischen Düsseldorf und Zürich. Eine dauerhafte Lösung war das aber nicht: "Das geht an die Substanz." Freitagsabends kam er spät an, samstags war er "kaputt" und sonntags ging es schon wieder zurück. "Da leidet das soziale Umfeld sehr." Immer wieder fragte er sich: "Wo lebe ich eigentlich?" Heute hat der Innovationsmanager eine klare Antwort: in Deutschland. Nach Feierabend macht Cohen Sport, singt oder trifft Freunde. "Ich brauche das, um den Kopf freizubekommen." So will er sich integrieren, "hier wirklich leben", sagt er. Cohen spricht aus Erfahrung: Er lebte schon zweimal in den USA, zog dann in die Schweiz. Jahrelang leitete er internationale Teams und flog durch die ganze Welt. Weil ihm Düsseldorf internationaler erschien als Essen, zog er an den Rhein. Konsequenz: Jeden Tag 60 Kilometer Autofahren. "Aber immer noch besser, als am Wochenende zu pendeln."

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