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Respekt ist nicht verhandelbar

Respekt ist nicht verhandelbar

Wir sind so frei, aber nicht taktlos. Auf der Betriebsversammlung zu Fusionsplänen und "harten personellen Schnitten" verbietet sich knallige Freizeitkleidung der Geschäftsführung. Mitarbeiter im Hospiz oder in pflegenden Berufen sollten ihren Hang zu existentiellem Schwarz während der Arbeit unterdrücken. Die Götter in Weiß treten vor Kindern längst nicht mehr in Weiß auf. Kinderärzte lassen den Kittel weg, peppen die weiße Hose mit bunten Hemden oder Blusen auf. So wirkt der Onkel Doktor gleich vertrauenerweckender. In manchen Branchen ist kleidertechnisch erhöhte Sensibilität geboten. Eine Bestattungsunternehmerin im kurzen, farbstarken Flatterkleidchen? Pietät buchstabiert sich anders. Bei gewissen Anlässen sollten auch all jene, die sich modisch gerne unkonventionell austoben, vielleicht einen Schritt zurücktreten, anstatt sich als Rebell zu inszenieren. Manchmal ist Abendkleidung einfach Pflicht – aus Respekt vor dem Anlass, dem Amt und der Erwägung, nicht mit dem optischen Ausbruch aus der Kleiderordnung alle Blicke auf sich zu ziehen und den Hauptakteuren die Schau zu stehlen. Weiß bleibt am Tag ihrer Hochzeit der Braut vorbehalten und damit basta. Edler gewandet zu sein als der Vorgesetzte kommt in der Regel ebenfalls nicht gut an.

Wundersamer Aufstiegswandel

Wenn jemand in der Hierarchie aufsteigt, geht damit oft ein neuer Kleidungsstil einher. Das befremdet Kollegen und kann deren Misstrauen bis hin zum Neid beflügeln: Ist der neue Chef jetzt nicht mehr einer von uns lässigen Indianern, sondern setzt sich auch optisch von uns ab?! Ja, tut er. Schon gezwungenermaßen. Ein neuer Posten und ein "gehobener" Kleidungsstil ist neuen Situationen geschuldet. Unter Abteilungsleitern und auf Geschäftsreisen tragen alle Blazer. Die sitzen zwar nicht immer gut und stehen längst nicht jedem, aber was soll's: andere Kreise, anderer Dresscode. Gerade Neuzugänge möchten dazugehören.

Team Grün für Sie am Start

Beim Firmenlauf tragen alle das gleiche T-Shirt mit Firmenlogo, sieht als Pulk gut aus, erfreut den Pförtner optisch möglicherweise mehr als den Vorstand, der wiederum ein bisschen angestrengt "auf flache Hierarchien macht". Zumindest an einem prestigeträchtigen Tag im Jahr. Auch über Schuluniformen – Harry Potter sei Dank, Mao-Look scheint Lichtjahre entfernt – lässt sich sehr lange diskutieren, nicht nur im Hinblick auf die Markenfixiertheit ab Kindergartenalter aufwärts. Arztpraxen-Teams haben das Thema längst für sich entdeckt: Wir sind ein tolles Team und tragen weiße Hosen und grüne Poloshirts. Das führt durchaus zu peinlichen Verwechslungen, wenn die zierliche Ärztin von arroganten Patienten als medizinische Fachkraft eingestuft wird. Wir gehören zusammen. Oder doch nicht so richtig?

Und die Gendergerechtigkeit?

In der Kleiderfrage ist das mit der Gleichberechtigung so eine Sache, Stichwort Wetter. In konservativen Branchen müssen sich Männer auch bei 35 Grad im Schatten in einen Anzug quälen. In der klimatisierten Konferenz kein Problem, beim Geschäftsessen läuft dann – ähm – die Suppe. In dieser Hinsicht haben es Frauen mit Kleidern, luftigen Blusen und Tops unterm Blazer leichter und farbenfroher. Muss auch mal sein. Dass modisch bewegte Frauen sich deutlich besser austoben können als der ewige Anzugträger, lässt sich als weitereren Vorteil verbuchen, und der ist sogar temperaturunabhängig.

Wir müssen übers Alter reden

Das alte 50 ist das neue 40, und Sneaker tragen alle. Verschwanden früher ganze mittelalte Generationen in einem Nichts von Beige von Kopf bis Fuß, gekrönt von einer Perlenkette oder grauen, austauschbaren Anzügen, ist das zum Glück aufgehoben. Die Frankfurter Stilberaterin Sabine Wachtel formuliert das ironisch und polemisiert dagegen, dass Frauen ab dem vierzigsten Geburtstag Mittelmaß aufgezwungen wird: "Wir sollen darin versinken – mittellange Röcke, mittellange Haare, mittellange Fingernägel, mittellange Mäntel. Nicht weit bis zur Mittelohrentzündung, sage ich immer." Es jetzt in die andere Richtung zu übertreiben, ist nie eine gute Idee: Nichts macht so alt, als sich verkrampft auf berufsjugendlich zu trimmen. In Würde älter werden und sich neckische Tattoos ins faltige Dekolleté stechen lassen oder sich im Kleiderschrank der Kinder zu bedienen – verträgt sich das wirklich? Blümchenkleid zu derben Boots: Das sieht an einer 20-Jährigen bombig aus. Aber an ihrer Mutter, die um ihren Etat kämpft und in diesem Aufzug auch darum, kompetent zu wirken?

Bewährt und nie verkehrt

"Das Kleid tut nichts für dich", lautet ein Lieblingssatz des Designers Guido Maria Kretschmer, der mit seiner Endlos-Doku "Shopping Queen" Quotengarant ist. Wann aber tut ein Kleid, ein Outfit etwas für jemanden? Das ist eine Frage der Körperkontur, der Schnittführung und des persönlichen Geschmacks. Fühlt sich jemand im weinroten Pullunder rundum wohl und gut angezogen, strahlt er das auch aus, ungeachtet des Zeitgeistes. Was gar nicht geht: Zu eng, zu kurz, zu nackt – weniger ist hier auf keinen Fall mehr. In der Kürze liegt nicht die Würze, weder bei Rock- noch Hosensäumen. Shorts sind schön beim Training. Nackte Männerbeine im Büro? Jutta Ditfurth findet das okay. Aber ist die Haltung der Politikerin mehrheitsfähig oder untragbar? Zu tiefe Einblicke und Ausblicke im Berufsleben zu gewähren macht angreifbar. Bewährt hat sich das noch nie.

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