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Wenn der Chef nicht mehr Boss trägt

Bild Uhr Anzug Zeit Chef [Quelle: Jeremy Beadle, unsplash.com]

© Jeremy Beadle, unsplash.com

Sich im Beruf richtig anzuziehen – das ist schwer. Lieber die sichere Anzug-Kostüm-Rüstung? Oder mal auf den Dresscode pfeifen? Ein Blick in die Büros.

"Egal wie man sich kleidet, man teilt dadurch immer etwas mit und sei es, dass man auf die Kleider, die man trägt, keinen Gedanken verschwendet", sagt die Münchener Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken. Kleidung ist mächtig – wer will, kann durch seinen Stil sofort auffallen. Oder aber in der Menge untergehen, frei nach dem Motto: Bloß nicht negativ in Erscheinung treten. Könnte ja sein, dass der Chef einen schief anschaut, wenn man es mal etwas extravaganter versucht. Bei manchem reichen da schon bunte Socken, wobei das Kriterium bunt für viele schon erfüllt ist, wenn etwas nicht schwarz oder dunkelblau ist.

Mann macht es da meist so: Hemd, gern blau oder eben klassisch weiß, dazu eine Jeans ohne Löcher oder ausgefallene Waschung – der Sitz ist zweitrangig, solange sie nicht offenkundig zu weit, zu eng, zu kurz oder zu lang ist. Abgerundet wird das Outfit dann mit irgendwelchen Lederschuhen in gedeckter Farbe, denen ein Hauch von Business anhängt, obgleich manche unter einem Anzug getragen ein Sakrileg darstellen.

Geltende Regeln befolgen

Apropos Anzug: Will ein Mann auf Nummer Sicher gehen, ist der Zweiteiler die scheinbar einfachste Wahl. Ein Anzug ist Uniform und Rüstung zugleich, man präsentiert sich als Teil einer ganzen Riege von Anzugträgern. Modetheoretikerin Barbara Vinken drückte es gegenüber dem Magazin "Brand eins" einmal so aus: "Der Anzugträger signalisiert, dass es ihm nicht um Äußerlichkeiten gehe, sondern um Leistung, Seriosität, Zuverlässigkeit. Man stellt nicht eigene Regeln auf, sondern kennt und befolgt die geltenden." Freilich kann ein exzellent sitzender Maßanzug, der entsprechend getragen wird, auch schlicht Wohlstand symbolisieren. In der Regel ist der Anzug aber weiterhin Arbeitskleidung, ob er nun gut sitzt – oder überhaupt passt –, wird gerne geflissentlich ignoriert. Einen Sparkassen-Berater etwa erwartet der Kunde nach wie vor im Anzug anzutreffen, lediglich die Krawatte hat ihre Hochphase hinter sich.

Sich absetzen als Solitär

Andere wollen bewusst aus der grauen Masse herausstechen. Im Silicon Valley etwa, so suggeriert die äußere Nonkonformität, sind Individualisten am Werk. Die angestrengt-unangestrengt damit beschäftigt sind, optisch bloß nicht unterzugehen. Milliardär Mark Zuckerberg hat seine grauen T-Shirts zum Anzugersatz erhoben und wie einst Steve Jobs mit seinem schwarzen Rollkragenpulli als Markenzeichen etabliert, sozusagen als Marke auf zwei Beinen. Auch deutsche Vorstände blicken in Richtung Silicon Valley, das Naive als Land der unbegrenzten Mode-Möglichkeiten verkennen. Viele wollen diesen Geist auch versprühen; das nennen sie dann Spirit. Schließlich wird allerorten gepredigt, wie wichtig Start-up-Mentalität sei und dass man fortan agil arbeiten müsse. Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche gefällt sich schon seit Jahren darin, ostentativ in Sneakers, Jeans und Sakko aufzutreten – "Casual Business", wenn man so will. Dass sein Vorstands-Pendant bei der Allianz, Oliver Bäte, rote Schuhe mit Konzern-Branding sein Eigen nennt, verheimlicht dieser auch nicht gerade.

Aus dem Baukasten

Freiheit kann anstrengend sein. In modischen Zeiten, in denen alles möglich zu sein scheint, sind Menschen verunsichert bei der Wahl ihrer Kleidung. Modomodo, Outfittery und Co. haben aus diesem Trend ein Geschäft gemacht. Ihr Versprechen: Ein Outfit zusammenstellen, mit dem man nicht schief angeschaut wird und im Idealfall noch punktet. Online kann man sein "Stilprofil" angeben und anklicken, welche Schuhe, Jacken- oder Hosen-Arten man gerne trägt, daraus stellen die Stil-Berater der Unternehmen eine Box zusammen, die wenig später zu Hause ankommt. Der Erfolg der Start-ups zeigt: Offenbar haben viele Männer wenig Interesse daran, sich mit dem eigentlich sehr persönlichen Thema Mode wirklich auseinanderzusetzen. Gut gekleidet ins Büro gehen wollen sie natürlich trotzdem. Privat dürfen es dann gerne auch Flipflops auf ausgefranster Jeans und beliebigem T-Shirt sein.

Beratung für alles und jeden

Was online funktioniert, klappt seit Jahren auch offline prächtig. Allerlei Hochglanzmagazine preisen regelmäßig die neusten Modetrends an und zeigen den geneigten Lesern, wie die entsprechenden Outfits vermeintlich funktionieren. Da kann man schon mal den Überblick verlieren, wobei es natürlich durchaus diskutabel ist, ob das bloße Aufgreifen jedes neuen Trends von allzu viel Stil-Bewusstsein zeugt. Wer will, kann sich aber auch Hilfe an die Hand nehmen: Stil- oder Farbberater gibt es zuhauf, gerne tingeln diese mit ihren Kunden auch persönlich durch die Klamotten-Geschäfte – Beratung am offenen Herzen sozusagen oder eben "Personal Shopping". Eine Frankfurter Beraterin verspricht den "Schritt in eine besser gekleidete Zukunft", um sich in jeder Situation gut gekleidet und nicht verkleidet zu fühlen. Da ist er wieder, der Wunsch nach Sicherheit.

Abgewetzt, aber adelig

In der Elitenforschung ist es eine Binse, dass sich die Reichen hochwertig einkleiden, stilsicher für alle möglichen Gelegenheiten. Sie müssen nicht erst nachschlagen, was unter "Black Tie" firmiert, und halten Manschettenknöpfe zum Fünf-Uhr-Tee für so selbstverständlich wie den frisch gebrühten Earl Grey. Wer drin ist in diesen geschlossenen Kreisen, der protzt nicht mit seinem Prunk, sondern übt sich im Understatement. So wie der fränkische Schlossbesitzer, dessen abgewetzte Sakkoärmel nur von Lederflecken zusammengehalten scheinen und der dessen ungeachtet mit adliger Arroganz antritt. "Natürlich können Sie im Prinzip anziehen, was Sie wollen", erklärt der Karriereberater dem Jungspund, der sich darüber wundert, bei der Beförderung abermals übergangen worden zu sein. "Aber schauen Sie sich genau an, wie diejenigen sich anziehen, die Chefs werden wollen oder es geworden sind." Kleider machen Leute und manchmal eben auch Karrieren. Nicht jeder sieht, dass der Kaiser nackt dasteht.

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