Partner von:

Das Leben liegen

Erschöpft [Quelle: unsplash.com, Fred Mouniguet]

Quelle: unsplash.com, Fred Mouniguet

Immer mehr Menschen kündigen ihren Job. Lying flat nennt sich die Bewegung. Sie meint: Arbeit darf nicht das Wichtigste im Leben sein.

Es ist ein neuer Blickwinkel, eine neue Perspektive, aus der und über die Cassady Rosenblum vergangenen Sommer einen Gastkommentar für die amerikanische Zeitung The New York Times verfasst: "Aus meiner Sicht, hier unten auf dem Teppich, sehe ich ein System, (…) das sich aufzulösen beginnt", schreibt sie. Und selbst wenn es sich nicht auflösen würde, wenn alles wieder normal werden würde, wie auch immer dieses Normal aussähe, habe sie, Rosenblum, kein Interesse daran, weiter daran mitzuwirken. Das System, über das Rosenblum auf dem Teppich liegend sinniert, ist die Arbeit.

Ein dreiviertel Jahr später, ein Anruf bei Rosenblum. Sie ist 30 Jahre alt, eine Frau, die viele Jahre davon ausging, ein ehrgeiziger Mensch zu sein, die studierte, um als Lehrerin 70 Stunden die Woche zu arbeiten, bis ihr Körper vor dieser Aufgabe kapitulierte und sie zwang, sich etwas anderes zu suchen. Sie wird dann Produzentin beim Radio, News, News, News, der Nachrichtentakt ist gnadenlos, Rosenblum kapituliert erneut, sie kündigt. Inmitten der "Kakofonie des 24-Stunden-Nachrichtenzyklus‘" sei ihr die Sinnhaftigkeit der Arbeit verloren gegangen, erzählt sie jetzt. Lying flat nennt sie "das Gefühl ihrer Generation", und ja, mit der Entscheidung, das eigene Leben anders gestalten zu wollen, ist sie längst nicht mehr allein.

Welchen Stellenwert sollte Arbeit im Leben haben?

Pro Monat kündigt rund drei Prozent der Erwerbsbevölkerung in den USA ihre Jobs, während rund vier Prozent eine neue Stelle annehmen. Den Zahlen lässt sich nicht entnehmen, aus welchem Grund die Menschen kündigen. Und sie zeigen auch nicht, ob der neue Job entspannter, befriedigender, besser bezahlt ist. Was sie hingegen zeigen: Dass sich viele Menschen für eine andere Arbeit entscheiden. Als Rosenblum sich umentschied, ging es nicht nur darum, einfach rumzuliegen, oder, feiner ausgedrückt: den Müßiggang zu üben – sie hat vor allem den Wunsch, die unsinnige und unmenschliche Arbeit, die Bullshitjobs und die Scheißjobs, wie der Kapitalismuskritiker David Graeber sie nannte, endlich sein lassen zu können. Diese neue Überzeugung geht so weit, dass man in den USA von der Great Resignationthe Big Quit, der großen Kündigungswelle spricht. In dem Onlineforum Reddit haben sich unter #antiwork Millionen Unzufriedene zusammengefunden: Menschen, die mit ihrem Job hadern und Ideen austauschen, wie ein arbeitsfreies Leben gelingen kann.

In den USA, wie wohl in jedem Land weltweit, begannen sich viele während der Pandemie zu fragen, welchen Stellenwert die Arbeit im Leben haben sollte. Man wurde kritischer, man wurde unzufriedener. So unzufrieden, dass laut einer Umfrage von Microsoft fast die Hälfte aller Arbeitnehmerinnen und -nehmer weltweit erwägt zu kündigen. Sehnen sich auch die als arbeitsam geltenden Deutschen danach, flachzuliegen? 

"Auch hierzulande wollen viele langfristig nicht mehr so weiterarbeiten wie bisher", sagt der Arbeitspsychologe Hannes Zacher von der Universität Leipzig. Seit Dezember 2019 befragt er regelmäßig Erwerbstätige nach ihren Arbeitsbedingungen, nach ihrer Zufriedenheit im Beruf, nach ihren Kündigungsabsichten. Aus seinen Daten kann Zacher herauslesen, dass während der Pandemie vielen Menschen klargeworden sei, dass sie aus den Anstrengungen des Alltags austreten wollten. "Viele blicken jetzt mit etwas Distanz auf ihre Arbeit und fragen sich, ob sie das machen, was sie immer machen wollten."

Zwei Drittel der Deutschen denkt über einen Jobwechsel nach

Laut einer aktuellen Studie des Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Gallup war die Bereitschaft, den Job zu wechseln, unter deutschen Beschäftigten tatsächlich noch nie so hoch wie jetzt. Jeder vierte Beschäftigte ist demnach auf dem Absprung und will in einem Jahr nicht mehr bei seinem derzeitigen Arbeitgeber sein, zeigt die Umfrage. Die Wechselbereitschaft der Arbeitnehmer in Deutschland ist laut den Verantwortlichen der Befragung zum ersten Mal sogar höher als in den Vereinigten Staaten. Eine andere Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass sogar zwei Drittel der Deutschen darüber nachdenken, die Arbeitsstelle zu wechseln. Bei den 18- bis 24-Jährigen überlegen demnach rund drei Viertel, den Job zu wechseln, nahezu die Hälfte von ihnen plant dies bereits aktiv. Und fast 60 Prozent der Jüngeren wären bereit, für ein zufriedenstellenderes Arbeitsleben auf Gehalt zu verzichten.

Ist die Lying-flat-Bewegung ein spontaner, informeller Arbeiterstreik? "Möglich", sagt Jannike Stöhr, die Menschen in Deutschland durch ihr Berufsleben coacht. Stöhr ist Wirtschaftswissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Personal und Organisation, als Coachin erlebt sie, "dass viele Menschen unter ihrer Arbeit leiden". Richterinnen, Digitalberater, Personalerinnen, vor allem Akademiker kämen zu ihr, ach, sie könne da alle möglichen Berufe aufzählen, sagt Stöhr. Allen gemein ist, dass der Job sie total fertig mache, dass sie sich wünschten, da nicht mehr mitmachen zu müssen. Sie klagten über fehlende Wertschätzung, fehlenden Gestaltungsspielraum, fehlende Sinnhaftigkeit. Die 36-Jährige hört ihnen zu, ermutigt sie, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, Probleme in der Firma anzusprechen. Und manchmal sagt sie auch: "Widersetze dich oder steige aus!" Unter der Arbeit, meint Stöhr, sollte doch niemand leiden.

Wie Cassady Rosenblum weiß auch Jannike Stöhr, wie es ist, den Job zu kündigen. Und wie Rosenblum ist sie auch mit der Gewissheit groß geworden, Karriere machen zu wollen. Nach dem Studium arbeitete Stöhr als Personalerin für einen großen Automobilkonzern. Es gab zwei Momente – ein Todesfall in der Familie und die Krebserkrankung einer Kollegin –, die Stöhr fragen ließen: Bin ich eigentlich wirklich zufrieden? Was fehlt mir? Stöhr musste feststellen, dass sie nicht zufrieden war. Nie gewesen war. "Das ist ja Irrsinn, dachte ich dann, dass ich mein Zufriedensein immer weiter in die Zukunft verschiebe."

Die Kündigung sei ihr nicht leichtgefallen, erzählt sie. Stöhr verdiente viel, lebte in einer schönen Wohnung, fuhr ein neues Auto, belegte Fitnesskurse, urlaubte auf anderen Kontinenten. Zu kündigen bedeutete auch, zu verzichten. Stöhr entschied sich trotzdem für eine Auszeit, traf radikale Entscheidungen: Sie verkaufte ihren Besitz, gab ihre Wohnung auf, reduzierte ihren Konsum und machte sich auf die Suche nach dem Beruf, der sie wirklich zufrieden machen würde. Das Jahr beschreibt Stöhr rückblickend als eine "Pilgerreise" durch die Arbeitswelt. Über diese Reise schrieb sie das Buch Das Traumjobexperiment.

Auch Cassady Rosenblum begann, den Kapitalismus zu hinterfragen. "Wir werden unter Druck gesetzt, hektisch zu arbeiten und zu produzieren, damit wir hektisch konsumieren können", meint sie. Rosenblum sah jedoch nicht mehr ein, weshalb sie die überteuerte Miete in Boston zahlen sollte, sie wollte auch kein Geld mehr für teure Fitnessstudios oder Business-Lunches ausgeben. Druck, Hektik, Belastung, Konsum – dass Rosenblum überhaupt darauf kam, diese Dinge zu hinterfragen, liegt ausgerechnet an einem Chinesen, der 2016 seinen Job kündigte und begann, in sozialen Netzwerken über sein neues Dasein zu philosophieren. Das Phänomen wurde in China unter dem Namen Tangping bekanntlying flat ist davon abgeleitet.

Und nicht nur der Kapitalismus sei schuld, glaubt Rosenblum. Auch der Klimawandel bringe viele Menschen ins Grübeln. Eine ungewisse Zukunft im Blick und apokalyptische Gefühle, die bei viel zu hohen Temperaturen in Arktis und Antarktis oder Waldbränden in Kalifornien schon mal aufkommen können, führten bei vielen dazu, das Leben anders zu bewerten. Lying flat als eine Art Widerstand für einen gesünderen Planeten.

Lying flat, auch ein Zeichen für eine Depression?

Rosenblum hat keine Lust mehr, sich an einem System zu beteiligen, das sowieso rückgängig gemacht werden sollte. Vor gut einem Jahr entschied sie, zurück zu ihren Eltern nach West Virginia zu ziehen. In Davis, ein kleiner Ort in den Bergen, in dem 674 Menschen leben, lebe sie nun zufrieden, wie sie sagt.

"Erfolg ist weniger wichtig als Lebensglück und Zufriedenheit. Und damit haben die Menschen gar nicht so unrecht", sagt der Arbeitspsychologe Hannes Zacher. Er ist der Ansicht, dass sich Mitarbeiter in Zukunft noch weniger an Unternehmen binden werden. Dieser sogenannte "Wertewandel", der oft im Zusammenhang mit jüngeren Generationen genutzt wird, betreffe auch ältere Angestellte. Bei etwa sechs Prozent lag die Kündigungsrate hierzulande im vergangenen Jahr, weiß er. Und: "Die Idee, dass Arbeit besser sein könnte, findet man über alle Berufsgruppen hinweg."

Während Hannes Zacher der Meinung ist, dass Lying flat im Grunde auch ein Zeichen für eine Depression sei – "morgens nicht mehr aus dem Bett kommen, total platt sein – das nimmt auch in Deutschland zu" –, spricht Cassady Rosenblum lieber von hibernation, "einem Winterschlaf im Leben, aus dem wieder Neues entstehen kann". Seit ihrem Umzug in die Provinz übt sich Rosenblum nun in der "Perfektionierung der Kunst des Verandasitzens", wie sie sagt, berichtet ab und zu für die Lokalzeitung oder liest Aufsätze des Ökonomen John Maynard Keynes, der 1930 schrieb, dass die Menschen in hundert Jahren – also ungefähr jetzt – nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten würden. "Warum machen wir das nicht?", fragt Rosenblum, ihre Stimme ist lauter geworden.

Und während Rosenblum auf der Veranda sitzt und liest und schreibt und nachdenkt, empfängt sie E-Mails und Nachrichten aus dem ganzen Land. Von Pflegekräften, Ärzten, Finanzexpertinnen, von allen möglichen Berufsgruppen, von Menschen, die sich ausgebrannt fühlen und ebenfalls aussteigen wollen. Menschen, die sich gegenseitig zum Streik ermutigen. Weil sie ein Leben leben wollen, in dem Arbeit nur einen Teil darstellt. Und nicht umgekehrt.

Korrekturhinweis: In einer vorherigen Version waren die Kündigungszahlen in den USA missverständlich eingeordnet. Um die Entwicklungen des amerikanischen Arbeitsmarktes genauer aufzuzeigen, haben wir die entsprechende Passage ergänzt.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentar (1)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

  1. Anonym

    Langfristig ist diese Entwicklung für unsere Gesellschaften fatal. Klar kann man sich von einigen materiellen Dingen zwischenzeitlich entsagen, aber schon alleine durch den demografischen Wandel und unsere ausgeprägten Sozial- und Gesundheitssysteme ist diese Überlegung vollkommen naiv. Natürlich sieht es in den USA etwas anders aus, aber auch dort leben die Menschen länger, brauchen eine umfassende Versorgung. Wer weniger verdient, wird auch weniger ansparen bzw. einzahlen - wenn dann einmal die Not da ist, ist es aber schon zu spät.