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120.000 Euro für zwei Mails am Tag

Langeweile, Jo,b Schreibtisch, Schlafen [Quelle: pexels.com, Autor: Andrea Piacquadio]

Quelle: pexels.com, Andrea Piacquadio

Es ist ein großes Tabu des Büroalltags: Manche Angestellte haben kaum etwas zu tun. Selbst hochbezahlte Anwälte klagen über Langeweile. Wie kann das sein?

Menschen glauben Erzählungen. Die von der modernen Arbeitswelt geht so: Wir arbeiten am Limit. Machen Überstunden, sind gehetzt, flexibel und ständig erreichbar. Verdichtung und Effizienz sind die Gebote der Stunde. Dabei immer schön kreativ bleiben. Die Sinnfrage stellen wir nach Feierabend, tagsüber funktionieren wir. 

In dieser Erzählung steckt viel Wahrheit. Aber sie ist nicht vollständig. Es gibt krasse Ausnahmen.

Daniel beispielsweise verdient 120.000 Euro im Jahr. Der junge Wirtschaftsanwalt – zwei Prädikatsexamen, ein Doktortitel – gehört damit zu den bestverdienenden 5 Prozent der Deutschen. Entsprechend viel arbeitet er, allerdings nur auf dem Papier. Vor Corona ging er um 9 Uhr ins Büro und verließ es um 21 Uhr, jetzt hat er dasselbe Pensum im Homeoffice. Trotzdem sitzt der Frankfurter abends manchmal in seiner Wohnung und fragt sich: "Was habe ich heute eigentlich den ganzen Tag gemacht?" Die Antwort: "Eigentlich habe ich nur zwei Mails geschrieben."

Ein Topverdiener, der fürs Nichtstun bezahlt wird? In Großkanzleien komme das immer mal wieder vor, sagt Daniel, der seinen echten Namen lieber verschweigt. Nicht Faulheit, sondern strukturelle Gründe seien dafür verantwortlich, dass er immer wieder Zeit vertrödeln müsse. Er arbeite einem Partner der Kanzlei zu und warte dann oft stundenlang auf Rückmeldung. Die komme dann in Form handschriftlicher Anmerkungen, die er abtippen müsse. Ineffizient sei das, aber durchaus gewollt, vermutet er, denn die Arbeitsstunden können dem Mandanten in Rechnung gestellt werden.

Daniels Kanzlei ist spezialisiert auf Unternehmensübernahmen, phasenweise sei da natürlich sehr viel zu tun. Es müsse dann schnell gehen, auch spät am Abend. Aber an vielen Tagen bummelten er und seine Kollegen vor sich hin, weil die Arbeit am Nachmittag erledigt sei, aber Präsenz bis in die Abendstunden erwartet werde. Ein Einzelfall? "Ein Bekannter hat hier in Frankfurt bei einem Konkurrenten angefangen", sagt Daniel. "Er ist seit acht Monate da und hat seit acht Monaten nichts zu tun."

Nur 15 effektive Stunden in der Woche?

Was wohl ein Fernfahrer, der stundenlang konzentriert hinter dem Steuer sitzen muss und keine Pause zu viel machen darf, zu solchen Fällen sagt? Und die Kassiererinnen und Kita-Erzieherinnen, die in ihren Jobs ständig unter Beobachtung stehen?

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ein Großteil der Beschäftigten hat mehr als genug zu tun, manche arbeiten bis zur Selbstaufgabe, die psychischen Probleme sind keine Einbildung. Aber da ist eben auch der Mitarbeiter eines großen Energieversorgers, der vom Leerlauf im Büroalltag berichtet, der ihn zum Nachrichtenlesen im Internet verleite. Die ehemalige Agenturmitarbeiterin, die kündigte, weil sie so wenig zu tun hatte. Und der neue Angestellte eines Softwarekonzerns, der sich in die Trainings-Workshops aus der Ferienwohnung am Mittelmeer heraus einloggt, ohne dass sein Chef etwas ahnt.

Manche Bummelei mag der Corona-Zeit geschuldet sein, manche wird für Außenstehende durch die neuen Homeoffice-Regelungen auch erst sichtbar. Allerdings schlug das Thema schon lange vor der Pandemie hohe Wellen: Im August 2013 schrieb der amerikanische Anthropologe und Kapitalismuskritiker David Graeber in einem Internetbeitrag über das "Phänomen der Bullshit-Jobs". Er behauptete darin, dass ein erheblicher Teil der Bürojobs im Prinzip völlig überflüssig sei, weil sie keinen Sinn erfüllten oder auch in viel kürzerer Zeit erledigt werden könnten. "Es ist, als würde sich jemand sinnlose Tätigkeiten ausdenken, nur damit wir ständig arbeiten", schrieb er. Auch Arbeitsmarktökonomen äußern seit mehreren Jahrzehnten den Verdacht, dass Mitarbeiter "shirken", also bummeln, weil der Chef sie nicht ständig überwachen könne.

Anthropologe Graeber ist überzeugt: Statt der vertraglich vereinbarten 40 Stunden würden viele Menschen effektiv nur 15 Stunden die Woche arbeiten. Darüber spreche in unserer Hochleistungsgesellschaft nur kaum jemand. Schließlich garantieren Überstunden und selbst Erschöpfung bei Kollegen und Freunden Anerkennung. Graebers Text, der ursprünglich als Polemik gedacht war, löste etwas aus. Extrem viele Leser hätten sich dankend bei ihm gemeldet, weil er die geheime Wahrheit ausgesprochen habe, schreibt er in einem später zu dem Thema erschienenen Bestseller. Graeber sieht sich als Tabubrecher. 20 bis 40 Prozent der Jobs seien verzichtbar, schreibt er.

Für Unternehmen ist diese Behauptung ein Affront. Schließlich verwenden sie enorme Energie und hohe Beraterhonorare dafür, effizienter und produktiver zu werden. Jeder Trödler schmälert den Gewinn. Und dann soll es im Jahr 2020 noch Personal geben, das die Arbeitstage in der Kaffeeküche und im Internet verbummelt?

Unternehmen sprechen nicht gerne über dieses Thema. Schließlich deutet Trödeln im Büro auf schlechtes Management oder eine schlechte Auftragslage hin. Die Personalchefin eines Dax-Konzerns erklärt sich letztlich zu einem Gespräch bereit, allerdings nur unter der Bedingung, anonym zu bleiben. In ihrem Unternehmen arbeiten viele Tausend Mitarbeiter. Kann da überhaupt sichergestellt werden, dass für alle immer genug zu tun ist? "Ob jeder produktiv ist in der Maschine, das können wir nicht erkennen, das dürfen wir auch gar nicht", gesteht die Managerin ein und verweist auf arbeitsrechtliche Grenzen der Mitarbeiterüberwachung. Keylogger, Software also, die Mausbewegungen und Tastaturanschläge überwachen kann, sind hierzulande verboten, zumindest solange der Betriebsrat nicht ausdrücklich einwilligt. Wie viel in ihrem Unternehmen geleistet werde, werde dennoch genau erfasst, allerdings auf Team- und nicht auf Mitarbeiterebene, sagt sie. "Das wäre für den einzelnen Mitarbeiter sonst auch viel zu viel Druck."

Wie viel wird gebummelt?

Natürlich gebe es Beschäftigte, die mit der Digitalisierung nicht Schritt halten könnten und für ihren Job nicht mehr geeignet seien. Bevor diese Kollegen aber in der Versenkung abtauchten, würden Weiterbildungen organisiert oder neue Beschäftigungen für sie gesucht. Große Bummelei? Gebe es in dem Konzern nicht. "Grundsätzlich herrscht bei uns immer das Gefühl, es gibt zu wenige Mitarbeiter und nicht zu viele", sagt sie.

Was aber ist nun richtig? Existiert ein nennenswerter Anteil von Mitarbeitern, die zu wenige Aufgaben bekommen oder schlicht faul sind? Es steht Aussage gegen Aussage. Was also sagen Studien und Statistiken?

Das Verrückte ist: Solche Statistiken existieren nicht. Beim Statistischen Bundesamt gibt es zwar eine "Zeitverwendungserhebung", sie geht bei der Arbeitszeit aber nicht ins Detail. Die Statistiker in Wiesbaden wissen lediglich, dass ein Vollzeiterwerbstätiger hierzulande zuletzt auf dem Papier etwa 41 Stunden pro Woche gearbeitet hat, Teilzeitkräfte gut 19 Stunden. Beim Sozio-ökonomischen Panel, der detailliertesten Haushaltsbefragung im Land, antwortet man auf die Frage, was die Leute während ihrer Arbeitszeit genau machen: "Das weiß kein Mensch." Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kommt in einer Umfrage zu dem Schluss, dass der Stress im Job immer weiter steigt. Seit die Corona-Pandemie den Arbeitsalltag umkrempelt, geben viele Menschen zudem zu Protokoll, im Homeoffice sogar mehr zu arbeiten als sonst im Büro. Nachzuprüfen ist das nicht. Auch der DGB hat in seiner Erhebung erst gar nicht gefragt, ob es auch Beschäftigte gibt, die sich langweilen.

Nur wer tief wühlt, bekommt zumindest vage Einblicke in den Arbeitsalltag der Deutschen. Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung baten Beschäftige vor einigen Jahren, tagsüber in kurzen Abständen zu notieren, was sie gerade tun. Während 23 Prozent der Zeit, in der die Probanden arbeiteten, gaben sie an, noch einer zweiten Tätigkeit nachzugehen. Sie aßen etwas, surften im Internet, telefonierten, tranken Kaffee oder hörten Radio. Im Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, der allerdings schon acht Jahre alt ist, fanden sich 13 Prozent der Beschäftigten fachlich unterfordert. 5 Prozent gaben zu, nicht genug zu tun zu haben.

In der Krise steigt die Nicht-Arbeit

Die besten Daten zur Bummelei stammen aus den Vereinigten Staaten. Dort führen viele Arbeitnehmer eine Art Arbeitstagebuch. Zusätzlich zu Essenspausen verbringen die Beschäftigen demnach im Schnitt 34 bis 50 Minuten mit anderen Dingen als Arbeit, was bis zu 10 Prozent der regulären Arbeitszeit entspricht, errechnete der deutsch-amerikanische Arbeitsmarktforscher Michael Burda. In Geld umgerechnet, ist das eine ganze Menge. Der Forscher stieß zudem darauf, dass die Bummelei in Krisenzeiten zunimmt. "Verhielten sich die Deutschen wie die Amerikaner, müsste man in der gegenwärtigen Krise mehr Nichtarbeit am Arbeitsplatz beobachten", folgert der Ökonom. Ob es wirklich so ist - man weiß es nicht.

Unter dem Strich bleibt das erstaunliche Ergebnis: In einem Land, in dem jede produzierte Schraube statistisch erfasst wird, bleibt der Arbeitsalltag, immerhin ein erheblicher Teil der Lebenszeit, eine Blackbox.

Es gibt viele gute Gründe, das zu ändern und die Sache genauer zu erforschen. Unternehmen verschwenden derzeit womöglich viel Arbeitskraft, weil sie gar nicht mitbekommen, wie viele Beschäftigte sich unterfordert oder unnütz fühlen. Und auch für die Beschäftigten ist ständiges Däumchendrehen kein Vergnügen. Nicht nur Stress, sondern auch Langeweile kann krank machen. Im Fall von chronischer Unterforderung sprechen Mediziner von "Boreout". Durch das Problem könne es "zu Schlafproblemen, Konzentrationsproblemen und depressiver Symptomatik kommen, bei denen wiederum eine psychotherapeutische Behandlung ratsam ist", sagt Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Das genaue Ausmaß des Phänomens ist auch ihm nicht bekannt. Denn Boreout ist bislang nicht als klinische Diagnose anerkannt.

Am Ende führt das alles zu der Frage, ob es nicht eine Option wäre, die Arbeitszeit zu verkürzen - dann aber straff durchzuarbeiten. Lasse Rheingans, der Inhaber und Geschäftsführer der IT-Agentur Digital Enabler ist genau davon überzeugt und hat die Konsequenzen gezogen: Weil er sicher ist, dass seine fünfzehn Angestellten nicht acht Stunden am Stück kreativ durcharbeiten können, hat er die Arbeitszeit vor drei Jahren auf täglich fünf Stunden verkürzt. "Ich musste unnötige Luft aus dem Ballon lassen", sagt er. Vor Corona arbeiteten die Agenturmitarbeiter von 8 bis 13 Uhr. Jetzt sind sie im Homeoffice und können sich die fünf Stunden frei einteilen. Die Präsenzpflicht ist Geschichte. Den Mitarbeitern gefalle das. Und seinem Unternehmen habe das Experiment nicht geschadet, beteuert Unternehmer Rheingans. Zwar sei ein solches Modell sicher nicht in allen Branchen denkbar. Zumindest in einigen geht es aber offenbar.

Das hat sich auch Daniel, der Frankfurter Wirtschaftsanwalt, gedacht. Er hat gekündigt und wechselt zu einer kleineren Kanzlei. Dort hofft er auf mehr Mandantenkontakt und weniger Hängepartien im Büro. "Ich werde künftig nicht weniger arbeiten", sagt er, "aber weniger bei der Arbeit sein".

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    2 Mails pro Tag? Schön wäre es, bei mir sind es zwei pro Monat, bei 100 k Jahresgehalt :-(

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