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Karriere im Wahnsinnsmodus

Tesla Lenkrad Autoinnenraum [Quelle: Unsplash.com, Autor: David von Diemar]

Quelle: Unsplash.com, David von Diemar

Aus dem Nichts schießt Tesla in die Spitzenliga der beliebtesten Arbeitgeber. Im US-Konzern sehen Absolventen größere Wachstumschancen und mehr Innovationskraft als bei BMW, Daimler oder Volkswagen. Wer für Elon Musk arbeiten will, muss aber auch dessen Arbeitsethos teilen.



Wer gleichzeitig auf Bremse und Gaspedal tritt, kann bestimmte Tesla-Modelle in den Ludicrous Mode versetzen, auf Deutsch in etwa: Wahnsinnsmodus. Wer ihn aktiviert, beschleunigt in knapp drei Sekunden von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde. Erzählt Theresa Eggler von ihrem Berufseinstieg bei dem Autobauer, scheint es, als habe sie diesen Turboschalter auch für ihre Karriere gefunden: "Schon bevor ich bei Tesla anfing, dachte ich mir, dass hier schnell entschieden wird. Aber es ist alles noch viel schneller." Die Maschinenbauabsolventin der ETH Zürich, 25 Jahre alt, hält sich selbst zwar nicht für einen Autofan – und doch lockte sie das Inserat für ein Praktikum im derzeit entstehenden Tesla-Werk in Grünheide, die Aussicht, den Aufbau einer der größten Autoproduktionen des Kontinents aus der Nähe mitzuerleben. Gleich nachdem sie die Anzeige im Karrierenetzwerk LinkedIn entdeckte, bewarb sie sich. Sie bekam nicht nur den Praktikumsplatz, seit April ist die gebürtige Österreicherin nun auch fest angestellt bei Tesla. So schnell, wie ihre Karriere bislang verlief, so schnell könne sie in Grünheide Ideen umsetzen, erzählt Eggler. Heute besprochen, morgen gemacht. Das sei der Geist von Tesla-Chef Elon Musk: "Der beste Prozess ist kein Prozess", predige er der Belegschaft.

Es sind Geschichten wie die von Theresa Eggler, die derzeit viele junge Leute faszinieren. Einerseits. Andererseits aber erzählt man sich in der Branche, dass Tesla auf ein gutes Miteinander mit Arbeitnehmervertretern weniger Wert lege als die deutsche Konkurrenz. Das Problem: Zwar wissen immer mehr Deutsche, wie es ist, einen Tesla zu fahren. Wie es ist, dort zu arbeiten, weiß dagegen kaum jemand. Das Bild von Tesla lebt von seinen Produkten. Und vom Sendungsbewusstsein des Vorstandsvorsitzenden Elon Musk. Mit dem Bau der Fertigungsstätte vor den Toren Berlins, in der mittelfristig bis zu 12 000 Menschen Fahrzeugbatterien und Elektroautos produzieren sollen, ändert sich das abrupt. Tesla fordert die deutsche Autoindustrie nun auch auf dem Arbeitsmarkt heraus.

Konkurrenz deklassiert

Noch bevor das Werk in Grünheide fertig ist, kann Tesla einen ersten Triumph verbuchen: Das Unternehmen gehört bei potenziellen Bewerbern zu den beliebtesten des Landes. Das geht aus dem aktuellen Arbeitgeberranking der Employer-Branding-Beratung Universum hervor, das der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt. Mehr als 50 000 Studenten wurden dazu befragt, wo sie nach dem Abschluss am liebsten einsteigen würden. Tesla ging dabei in diesem Jahr zum ersten Mal ins Rennen – und deklassiert die deutschen Autokonzerne gleich in mehreren Kategorien.

Während vor allem kriselnde Konzerne derzeit mit rauen Methoden langjährige Mitarbeiter loszuwerden versuchen, buhlen aufstrebende Firmen um die begabtesten Hochschulabsolventen. Bei den Ingenieurwissenschaftlern landet Tesla aus dem Stand auf Platz zwei, nur Porsche finden sie als Arbeitgeber attraktiver. Auch unter den gerade für die Zukunft des Autobauens so wichtigen Informatikern hängt Tesla die direkte Konkurrenz ab und landet, nur von Google und Apple geschlagen, auf Platz drei. Ein ähnliches Bild herrscht bei Naturwissenschaftlern: Vor Tesla liegen die Max-Planck-Gesellschaft, Bayer und die Fraunhofer-Gesellschaft. Der erste Autokonzern folgt mit Porsche auf Rang zwölf. Bei Ökonomen ließen sich immerhin Daimler, Porsche und BMW nicht überholen. Tesla landet aber immerhin vor Audi und Volkswagen (VW) auf Platz fünf.

Improvisation statt Planung

Gerade bei technologieaffinen Bewerbern sieht Tina Smetana die größte Begeisterung: "Tesla steht für Innovation und Start-up-Denken. Das ist für junge Talente, die etwas bewegen wollen, sehr attraktiv", sagt die Deutschlandchefin von Universum. Bei BMW, Daimler und VW dürften sich deshalb die Sorgen mehren, dass der Wettbewerb um ambitionierte Softwareentwicklerinnen und Produktionsingenieure noch härter werden dürfte. "Das ist genau die Zielgruppe, die für die deutschen Automobilhersteller ebenfalls hochinteressant wäre", sagt Smetana.

Um die Tesla-Begeisterung zu verstehen, lohnt ein Blick an die Hochschulen selbst. Zum Beispiel fast 50 Kilometer von der Teslastraße in Grünheide entfernt, an die TU Berlin. Dort lehrt und forscht Franz Dietrich am Fachgebiet Handhabungs- und Montagetechnik und baut mit Kollegen ein Zentrum für Batterieforschung auf. Studenten lernen hier von der chemischen Zusammensetzung über den Aufbau bis zur effizienten Produktion den gesamten Herstellungsprozess von Akkuzellen. Seine Absolventen seien in der Industrie gefragt, sagt Dietrich. "Der Markt ist deutschlandweit eng. Die Unis können gar nicht so viele Leute ausspucken, wie gebraucht werden." Tesla sei längst nicht der einzige Arbeitgeber, der sich für seine Studenten interessierte. Allerdings der, der auf die größte Gegenliebe stoße. Der Professor zitiert aus einer Umfrage, die er in seinem Fachbereich durchgeführt hat: Von Tesla erwarten die Berufseinsteiger von morgen, dass sie dort innovativ, kreativ und in schlanken Strukturen arbeiten können und dass das Motto "Engineering first", also das Primat der Ingenieurwissenschaften, gelte.

Eigentlich sind das genau die Werte, die auch die Hersteller in Stuttgart, München und Wolfsburg für sich in Anspruch nehmen. Aus Sicht vieler Absolventen bezieht sich dieser Perfektionismus aber noch zu oft auf das falsche Produkt, zudem fehlt der mitreißende Größenwahn von Weltraumeroberer Musk. Bei Daimler oder Volkswagen wird zudem heftig um die richtige Antriebsart, also Verbrenner oder Elektro, gerungen. Das schreckt manche Bewerberin ab – und macht es Tesla leicht, mit einer simplen Botschaft zu punkten: Wir sind neu, wir bauen Elektroautos, sonst nichts.

Theresa Eggler hat schon während ihres Studiums verfolgt, was sich bei Tesla tut: Das Unternehmen mit seinen vernetzten und teilautonomen Fahrzeugen hat sie vor allem als Technologieunternehmen wahrgenommen, "nicht als klassischen Autobauer". Das passte zu ihrem Maschinenbaustudium, wo sie viel über IT und Roboter lernte, eher wenig über Verbrennungsmotoren. Als Projektingenieurin war sie bei Tesla anfangs vor allem mit dem Bau der Werkshallen beschäftigt, jetzt kümmert sie sich um die Produktionsanlagen. Eggler ist eine von über 100 Uniabsolventen, die Tesla für das Werk Grünheide schon eingestellt hat. Derzeit seien noch Hunderte offene Stellen ausgeschrieben, weitere sollen in den kommenden Monaten hinzukommen, heißt es bei Tesla. Gerade für die Batteriezellproduktion würden "sehr viele neue Mitarbeiter" gebraucht.

Zu einem vollständigen Bild des Arbeitgebers Tesla gehören aber nicht nur Erfahrungen von einer Berufsanfängerin wie Eggler, sondern ebenso die von Menschen, die dort länger gearbeitet haben – und irgendwann ausgestiegen sind. Auch sie betonen meist ihre Wertschätzung, benennen aber auch die Schattenseiten. Ein ehemaliger Tesla-Manager, der inzwischen bei einem deutschen Autokonzern arbeitet, schwärmt von der direkten Kommunikation: Sehe man ein Problem, sei es selbstverständlich, sofort mit jemandem zu sprechen, der dieses Problem beheben könne – und sei es, indem man den Chef selbst kontaktiere. Bei seinem jetzigen Arbeitgeber hingegen fühlten sich Vorgesetzte sofort angegriffen, sobald man die Hierarchie umgehe.

Allerdings, so der hochrangige Manager, dürfe man sich bei Tesla nur wenige Fehler erlauben. Man dürfe den Druck nicht unterschätzen. "Man arbeitet sich kaputt, besonders, wenn das Ende eines Quartals näher rückt", so der Manager. Damit Musk seine Investoren mit möglichst guten Zahlen beeindrucken kann, zähle jedes Auto, das bis zur Frist ausgeliefert sei. Am Ende der Monate März, Juni, September und Dezember habe er deshalb nicht vor Mitternacht das Büro verlassen. Und es erst wieder geschafft, an Heiligabend bei seiner Familie zu sein, nachdem er Tesla verlassen hatte. Es gebe, so der Manager, kaum jemanden, der sein gesamtes Arbeitsleben dort verbringe – außer Musk, versteht sich.

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