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Führen durch Flunkern

Kaffeetasse Chef Karriere© Pablo Varela – unsplash.com

© Pablo Varela – unsplash.com

Der ehrbare Kaufmann als Leitmotiv des Wirtschaftslebens ist nur noch ein Gespenst der Vergangenheit. In der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts zählen nicht Anstand und Sitte, Ehrlichkeit und Offenheit. Im Gegenteil. Studien zeigen: Wer nie lügt, schadet sich selbst, seinen Kollegen – und seiner Karriere.

Als Unternehmerin taugte Elizabeth Holmes wenig. Als Selbstvermarkterin war sie ein Genie. Im Mai 2015 sprach die damals 31-Jährige auf der Abschlussfeier der US-Universität Pepperdine – und verband dabei ihre Lebensgeschichte mit Karrieretipps.

Mit 19 habe sie ihr Chemiestudium an der Stanford-Universität abgebrochen, um sich darauf zu konzentrieren, die Medizin zu revolutionieren: zuerst alleine in einem Kellerraum, nun mit knapp 1000 Mitarbeitern in einem Bürogebäude im Silicon Valley.

Dort, so Holmes, prange als tägliche Erinnerung an ihre beiden Geheimrezepte – "purer Wille und harte Arbeit" – ein Schild an der Wand: "Erfolg ist nicht das Ergebnis einer Spontanzündung. Du musst dich selbst in Brand setzen." Zweifler, Skeptiker und Kritiker, so die Gründerin weiter, seien kein Grund zur Sorge, sondern sichere Indizien für den nahenden Durchbruch: "Wenn du etwas tust, das du liebst, ist Ablehnung ein Zeichen dafür, dass du auf dem richtigen Weg bist."

Ist das noch Selbstsicherheit oder schon Wahnsinn? Jedenfalls muss man über viel kriminelle Energie, große Chuzpe und verdammt gute Nerven verfügen, um eine Karriere wie Elizabeth Holmes hinzulegen. Sie hat jahrelang die hart arbeitende Gründerin simuliert, bei Investoren mehr als 700 Millionen Dollar Risikokapital eingesammelt, auf Konferenzen eine medizinische Revolution proklamiert und sich selbst gern in eine Reihe mit Apple-Gründer Steve Jobs gestellt – und dabei genau gewusst: Mein Geschäftsmodell beruht auf einer Lüge.

Holmes behauptete, ein kleiner Piekser in den Finger und ein paar Tröpfchen Patientenblut reichten, um zahlreiche medizinische Tests vornehmen zu können – und pries ihr selbst entwickeltes Gerät als eine Art Befund- und Behandlungswunder. Heute weiß man: Sie handelte mit reiner Fantasieware. Ihr Unternehmen Theranos, ein Kunstwort aus den Begriffen "Therapie" und "Diagnose", existiert nicht mehr. Und Holmes muss sich vor Gericht verantworten.

Ein falsches Umfeld

Die Geschichte der (einst) jüngsten Milliardärin der Welt wird in den USA wieder heiß diskutiert, seit vor wenigen Wochen auf dem Bezahlsender HBO die Dokumentation "The Inventor" anlief. Darin zeichnet Dokumentarfilmer Alex Gibney die Geschichte vom Aufstieg und Fall einer Unternehmerin nach, deren vermeintliche Heldensaga vor allem von der Wirtschaftspresse jahrelang dankbar aufgenommen und verbreitet wurde – bis einem "Wall Street Journal"-Redakteur namens John Carreyrou Zweifel kamen und er den Betrug in mehreren Texten aufdeckte.

Sicher, Elizabeth Holmes ist das Beispiel einer besonders dreisten, perfekt inszenierten Lüge. Und doch steht sie stellvertretend für eine Zeit, in der es um die Wahrheit schlecht bestellt ist. In E-Mails und Chatnachrichten flunkert es sich leichter als im persönlichen Gespräch. Der Topos von der digitalen Disruption eröffnet ungesundem Optimismus ein weites Feld – wer am "next big thing" tüftelt, sollte kein übertriebenes Maß an Realitätssinn verspüren.

Psychologen wissen zu begründen, dass eine wohlwollende Lüge bisweilen besser ankommt als die bittere Wahrheit. Und ausgerechnet jene, die theoretisch eine Vorbildfunktion innehaben, bedienen sich oft praktisch der Lüge als Machtinstrument. Kurzum: Die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts ist für Ehrlichkeit, Anständigkeit und Offenheit nicht gemacht. Wer nie lügt, schadet sich selbst, seinen Kollegen – und seiner Karriere. Auch wenn es keiner gerne zugibt.

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