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Geht nach Hause!

Homeoffice [Quelle: pixabay.com]

Quelle: pixabay.com

Keine Dienstreisen und Messen, Konferenzen und Großraumbüros – stattdessen Homeoffice für alle? Distanz prägt unser neues Arbeitsleben. Gibt es ein Zurück ins Büro? Stirbt das Geschäftsessen? Und wie lange müssen wir die öden Videomeetings noch ertragen? Viele Manager schaffen bereits erste Tatsachen.

Heinz Gerhäuser hat in seinem Leben ein paar ausgezeichnete Ideen gehabt. Er erhielt den Bayerischen Maximiliansorden und das Bundesverdienstkreuz, ist Ehrenbürger der oberfränkischen Stadt Waischenfeld – und zählt zu denen, die das Musikformat mp3 erfunden haben, eine Technologie zur Kompression von Audiodaten, die das Bereitstellen von Musik in Internet überhaupt erst ermöglicht hat. Über eine andere wegweisende Idee von Gerhäuser wird hingegen heute kaum noch gesprochen: den Tele-Service Fränkische Schweiz.

Gerhäuser hat zum Zoom-Meeting ins Dachgeschoss seines Hauses im Ortsteil Saugendorf geladen – und erinnert sich an den Aufbau des vielleicht ersten Coworking-Space weltweit vor mehr als 25 Jahren: "Ich habe mich gefragt, ob all die Pendelei wirklich sein muss, nur um sich auch an seinem Arbeitsplatz an den Computer zu setzen und Dateien zu bearbeiten." Gerhäuser leitete damals, 1994, ein Forschungsinstitut an der Universität Erlangen, 45 Minuten entfernt von Waischenfeld-Saugendorf.

Und es entstand ein Projekt, das ihm bundesweit Aufmerksamkeit bescherte. Er stattete die Ferienwohnung eines benachbarten Bauernhofs mit allen technischen Standards aus, die die damalige Zeit zu bieten hatte, etwa eine ISDN-Verbindung mit der Übertragungsrate von 64 Kilobit pro Sekunde. Und siehe da, es funktionierte: Die ersten drei Mitarbeiterinnen hatten viel zu tun; im Bauernhofbüro entstanden Einladungskarten für Geburtstagsfeiern, Flyer für Restauranteröffnungen, aber auch der Fraunhofer-Jahresbericht 1995. "Die neue Arbeitswelt, in die uns die Coronakrise heute zwingt – wir hatten sie schon damals umgesetzt", sagt Gerhäuser. Sein Credo seit einem Vierteljahrhundert: "Das Büro muss in Kinderwagenentfernung liegen."

Katalysator des Trends

Kein Zweifel: Die Coronakrise hat auch unsere Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Die Zahl der Geschäftsreisen sank fast auf null, Flughäfen, Bahnhofshallen und Autobahnen standen plötzlich leer, Kongresse, Messen, Vorstandsklausuren wurden abgesagt. Stattdessen richteten sich die Büromenschen mit ihren Laptops zu Hause ein, vor ihren Bücherwänden, an ihren Küchentischen, in ihren Sofaecken. Und sie gewöhnten sich schnell und gern daran: Umfragen zeigen, dass die meisten Heim arbeiter mit der neuen Situation sehr zufrieden sind. Und – bleibt es jetzt dabei?

Bernd Leukert, Technikvorstand der Deutschen Bank, sagt: "Wir reden seit Jahren über Work-Life-Balance, warum sollen Kolleginnen und Kollegen nicht auch künftig flexibel von zu Hause aus arbeiten?" Andere Unternehmen sind bereits einen Schritt weiter. Twitter-Chef Jack Dorsey hat angekündigt, dass seine Mitarbeiter nach dem Ende des Lockdowns ihren Arbeitsplatz wählen dürfen. Und der Personalchef des französischen Autokonzern PSA, Xavier Chéreau, teilte mit: "Die Arbeit auf Distanz soll die Norm für alle Geschäftsbereiche werden, die nicht direkt mit der Produktion verbunden sind." Die Büromitarbeiter des Konzerns, zu dem auch die deutsche Marke Opel gehört, sollen nur noch ein bis anderthalb Tage pro Woche an ihrem Arbeitsplatz erscheinen.

Ist es nur eine Momentaufnahme – oder der Anfang vom Ende einer Arbeitswelt, die auf persönlichen Austausch gründete, auf Teamwork und Kollegialität, auf Teeküchenklatsch und Arbeitszeitkontrolle? Technisch möglich ist der Anwesenheitsverzicht schon lange; ein Trend wurde bisher nicht daraus. Die entscheidende Frage ist, ob die Coronapandemie der Katalysator einer Entwicklung ist, die sich seit Gerhäusers Bauernhofprojekt ankündigt – und nun die Abschaffung der Präsenzpflicht zur Folge haben wird. Aber wäre es überhaupt eine gute Idee, diese Lehren aus der Krise zu ziehen? Oder würden wir damit bloß die nächste Arbeits-Kulturrevolution ein paar Jahre später provozieren? Die Antwort auf diese Frage lautet: ja und nein. Und sie fällt anders aus als die Antwort nach der Zukunft der Geschäftsreise: Hier lässt sich bereits absehen, dass es einen Purzelbaum zurück in die Vor-Corona-Zeit nicht geben wird.

Eine Umfrage unter den 30 Dax-Konzernen im Land zeigt: Viele Manager denken darüber nach, die Arbeitswelt grundlegend umzustellen – und die Zahl der Dienstreisen auf Dauer zu verringern. Besonders deutlich wird der Chemiekonzern Covestro: "Unser Ziel wird sicherlich sein, die digitalen Möglichkeiten, die wir nun flächendeckend kennengelernt haben, intensiver zu nutzen und physische Dienstreisen so weit wie möglich durch virtuelle Meetings zu ersetzen."

Fernarbeit soll Geld sparen

Aber auch der Schreibtischalltag wird sich verändern. Telekom-Chef Tim Höttges berichtet, dass sich die Leistung seiner Callcenter-Mitarbeiter messbar verbessert habe, seit sie nicht mehr im Callcenter sitzen. Auch die Pünktlichkeit der Telekom-Techniker habe sich erhöht, seit sie ihre Routen von zu Hause aus planen und starten können. Die Deutsche Börse lässt wissen: "Corona hat gezeigt, dass die Kolleginnen und Kollegen auch im Homeoffice äußerst produktiv arbeiten." Deshalb wolle man diese Arbeitsform von nun an stärker fördern. Man habe "noch keine Zielquote“ festgelegt, aber "wir wollen die bisherige Quote von unter zehn Prozent signifikant erhöhen". Beim Chemieunternehmen BASF testen sie "Konzepte für Alternativen zum klassischen Büroarbeitsplatz“ – und bei Continental, Daimler oder Bayer gibt es bereits seit Jahren ein Recht auf mobiles Arbeiten, von dem die Mitarbeiter in Zukunft sicher noch stärker Gebrauch machen werden als bisher.

Manche Unternehmen sind schon aus Kostengründen gezwungen, den Anteil der Fernarbeit zu erhöhen. Die Deutsche Bahn etwa ist schwer getroffen: kaum Fahrgäste, weniger Güter auf der Schiene. Nun könnte der Staat mit rund fünf Milliarden Euro helfen. Im Gegenzug verspricht der Konzern zu sparen, etwa durch die "reduzierte Anmietung von Bürogebäuden für die Verwaltung" und den Ausbau der Telearbeit, heißt es in einer Unterlage der Bahn an den Bund. Für Personalvorstand Martin Seiler ist klar, dass die Arbeitswelt der Zukunft bei der Bahn "auf ein Mischmodell von mobiler Arbeit und Präsenztagen" hinauslaufen wird: "Nicht Anwesenheit ist ausschlaggebend, sondern das Ergebnis." Projektarbeit mag Präsenz erfordern, so Seiler, und mitunter wünschten Kollegen auch, tageweise im Büro zu arbeiten. Aber der Trend sei klar: mehr Heimarbeit als bisher.

Es ist fast schon ironisch, dass ausgerechnet die innovationsgetriebene Technologiebranche von der Arbeitsweltdisruption kalt erwischt wird. Bei der deutschen Dependance von Microsoft dachten sie noch vor Wochen, die Zukunft der Arbeit bereits vorweggenommen zu haben. Der Softwarekonzern hat im vergangenen Jahr sein neues Büro am Kölner Rheinufer eröffnet und sich dabei an allen Grundsätzen des "New Work" orientiert: vielfältig gestaltete Räume mit frei wählbaren Arbeitsplätzen in Gemeinschaftsbüros, Rückzugszimmer, zu Geselligkeit einladende Kaffeeküchen, moderne Meetingräume, große und kleine. Die Idee: Jeder Mitarbeiter soll sich hier wohlfühlen, gern und lange arbeiten, allzeit bereit für zufällige Begegnungen, die der Kreativität und dem Unternehmen dienen. Wie hatte sich Steve Jobs einmal ausgedrückt? Die besten Ideen, so der Apple-Gründer, ergäben sich immer dann, wenn man "zufällig in jemand anderen hineinlaufe".

Was ist produktiver?

Und damit soll es jetzt vorbei sein? Nein, findet Claudia Hartwich. Es sei "ein Unterschied, ob man nicht ins Büro gehen muss oder nicht darf", sagt die Personalchefin von Microsoft Deutschland, und: "Das Büro als sozialer Ort mit Meetingraum und Kaffeebar – das finden viele gerade jetzt wünschens- und erstrebenswert." Hartwich glaubt, dass es nach der Pandemie zu einer hybriden, fluiden Form des Arbeitens kommen wird, dass die Mitarbeiter teils zu Hause, teils im Büro, teils in Coworking Spaces an ihren Laptops sitzen und sich vernetzen: "Es wird immer Orte geben müssen, an denen Menschen sich treffen, miteinander reden, Projekte besprechen oder bloß ein bisschen plaudern können."

Effizienzschub durch Heimarbeit

Dass Hartwich die Bedeutung des Büros so hoch einschätzt, ist übrigens kein Zufall: Vor sieben Jahren hat der Konzern Mitarbeiter ins Homeoffice schicken wollen – und Widerstand provoziert. Mehrere Niederlassungen in Deutschland sollten damals schließen; im Gegenzug wollte Microsoft einige Hundert Mitarbeiter zur Heimarbeit überreden. Doch die sperrten sich. Der Betriebsrat schritt ein. Die Büros in Bad Homburg, Böblingen und Hamburg blieben erst einmal erhalten.

Nicholas Bloom, Professor an der kalifornischen Universität Stanford, ist sich dennoch sicher: Eine Rückkehr zur Arbeitswelt vor Corona werde es nicht geben. Bloom ist so etwas wie der Guru aller Heimarbeiter, seit er im Jahr 2015 in einer Studie belegte: Wer von zu Hause aus arbeitet, ist nicht nur genauso effizient wie seine Kollegen im Büro – sondern noch viel effizienter. So jedenfalls das Ergebnis seiner Fallstudie über den chinesischen Reiseanbieters Ctrip, der seinen Mitarbeitern die Möglichkeit einräumte, auf Wunsch von zu Hause aus zu arbeiten. Bloom verglich die Produktivität der Mitarbeiter vor der Umstellung mit der danach sowie zwischen den Gruppen der Heimarbeiter und der Bürofreunde. Das Ergebnis: Die Heimwerker waren nach der Umstellung um 13 Prozent produktiver als vorher im Büro. Bloom hat nun Sorge, dass überstürzte Umstellung dank Corona den Blick auf diese Fakten verstellen könnte: "Derzeit wird die Arbeit von zu Hause mit niedriger Produktivität verbunden, was an der Anwesenheit der Kinder, der schlechten Ausstattung und dem Mangel an Freiwilligkeit liegt." Dennoch glaubt er, dass die Zwangslage seinem Anliegen dauerhaft hilft. Es sei einfach zu offensichtlich, dass das Wirtschaftsleben auch ohne Präsenzpflicht funktioniert.

Paradies für Faulpelze?

Dass es eine Coronakrise brauchte, um die Heimarbeit geschäftsfähig zu machen, liegt auch daran, dass sich die Geister in dieser Frage bisher oft entlang der Hierarchiegrenzen schieden. So ergab eine Studie der TH Köln, dass die Vorliebe fürs flexible Arbeiten abnimmt, je befehlsgewaltiger ein Mitarbeiter ist. Offenbar ist bis heute eine Sorge verbreitet, die Boris Johnson, damals Bürgermeister von London, seinen Mitarbeitern hinterherrief, als er sie im Jahr 2012 wegen der Olympische Spiele für einige Wochen in die Heimarbeit verabschiedete: Die Arbeit von zu Hause, so Johnson, sei "ein Paradies für Faulpelze".

Kontakt mit anderen von Bedeutung

Dabei ist Blooms Produktivitätsstudie inzwischen mehrfach bestätigt worden. Auch eine aktuelle Befragung des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) kommt zu dem Schluss, dass viele Beschäftigte mit der Arbeit im Homeoffice überwiegend zufrieden sind und ihren Output höher einschätzen: Knapp 40 Prozent der im April Befragten fühlen sich produktiver als bei der Arbeit vor Ort; knapp 15 Prozent schätzen ihre Produktivität sogar wesentlich höher ein. "Die pauschalen Bedenken gegen die Arbeit von zu Hause sind offenbar unbegründet", bilanziert Studienleiter und FIT-Vizechef Wolfgang Prinz. Andererseits "heißt das nicht zwangsläufig, dass Homeoffice für alle die Produktivität insgesamt steigert", so Prinz weiter: Während die Hälfte der Teilnehmenden die Produktivität ihres Teams gleich hoch betrachtet, verteilt sich die andere Hälfte auf höhere und niedrigere Einschätzungen (je 25 Prozent).

Der unklare Befund deutet an, was auch einige amerikanische Studien nahelegen: Als "kreatives Umfeld" zur Beförderung von Ideen und Innovationsprozessen bleibt die Büroarbeit bedeutsam. Der Informatiker Alex Pentland hat am Human Dynamics Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) sogenannte Sociometer entwickelt: Fitnessarmbändern ähnliche Bändchen, die Bewegungen, Kontakte und Gespräche aufzeichnen. Mit ihrer Hilfe kann Pentland seine empirische Sozialforschung, sonst meist das Resultat von Befragungen, auf unmittelbar erfasste Daten gründen. Eine erste Erkenntnis des Einsatzes in der Vertriebsabteilung eines Pharmakonzerns: Am erfolgreichsten, gemessen am Wert ihrer jährlichen Abschlüsse, waren Mitarbeiter, die mit besonders vielen anderen Mitarbeitern in Kontakt waren und dabei besonders oft die Grenzen zwischen Abteilungen überschritten, kurz: die nicht im eigenen Saft schmorten und im Sinne von Steve Jobs zufällige Begegnungen provozierten.

Stephan Derr müssten die aktuellen Heimarbeitsfantasien der großen Konzerne eigentlich Sorgen bereiten. Derr leitet das Deutschlandgeschäft des US-Büroeinrich ters Steelcase, der für viele internationale Konzerne Büroflächen gestaltet, Möbel, Regale und Tische entwirft. Gut 1000 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen in Rosenheim und München; Deutschland ist, gleich nach den USA, der zweitgrößte Markt des Unternehmens. "Es werden nach der Krise bestimmt mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten als vorher", sagt Derr, "aber in der derzeitigen Euphorie werden auch viele Nachteile übersehen."

Etwa die Arbeitsbedingungen, die derzeit an vielen zweckentfremdeten Esstischen herrschten. "Für ein paar Wochen kann man das schon mal machen", sagt Derr, "aber wer dauerhaft so arbeitet, hat mit Anfang 30 einen kaputten Rücken." Viele Unternehmen würden derzeit die Kosten des flexiblen Arbeitens unterschätzen, sagt Derr: "Langfristig liefe das ja darauf hinaus, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern zwei oder drei Arbeitsplätze finanzieren würden." Dadurch würden die Einsparungen, die sich viele Unternehmen derzeit vom Wegfall von Büro flächen versprächen, womöglich in Mehrkosten verwandeln.

So oder so, die junge Coworking-Branche scheint als Verlierer der Arbeitsweltdisruption vorerst festzustehen, unglücklich eingeklemmt zwischen Homeoffice und Büroarbeitsplatz: Kein einziger Dax-Konzern signalisiert bisher einen Mehrbedarf für ausgelagerte Schreibtischplätze.

Übung in Schizophrenie

Besonders klar scheint der Trend bei den Geschäftsreisen zu sein: weniger Trips, mehr Telefonkonferenzen. Tobias Ragge spürt die Nachhaltigkeit und Wucht der Entwicklung sehr deutlich. Der Chef des Kölner Onlinereiseunternehmens HRS arbeitet bereits seit Wochen in seinem Haus im noblen Süden der Millionenstadt, nicht wie sonst in den Flughafenlounges der Welt oder in der schick durchgestylten Firmenzentrale am Hauptbahnhof. Und er muss sich jetzt erst mal sammeln: "Corona ließ unser Geschäft auf fast auf null einbrechen."

Ragge lebt davon, dass Firmenkunden weltweit, darunter Chinas Onlineriese Alibaba und der US-Computerkonzern Apple, über HRS Hotels reservieren und umfangreiche Dienste dazubuchen: Preisverhandlungen mit den Übernachtungsketten, die Überwachung von Reisebestimmungen, automatische Abrechnungen. Doch seit Januar verbieten viele dieser Firmen ihren Mitarbeitern Geschäftsreisen, zuerst in China, dann in Italien und Deutschland, zuletzt in den USA.

Für Ragge ist es beinahe schon eine Übung in Schizophrenie: Was ihm geschäftlich zu schaffen macht, erlebt er im eigenen Arbeitsalltag als "Produktivitätsschub": Er stellte HRS konsequent auf Heimarbeit um – und erfährt seither am Beispiel seiner selbst, wie gut Unternehmen von HRS organisierte Reisen und persönliche Treffen durch Videokonferenzen und digitale Zusammenarbeitsprogramme wie Confluence ersetzen können. Alle Mitarbeiter erscheinen jetzt pünktlich zu Gruppenterminen. Und "wir kommen schneller zu Ergebnissen, seit mehr denn je über Abteilungsgrenzen hinweg zusammen gearbeitet wird".

Mit Erleichterung meint Ragge inzwischen aber auch die Grenzen der digitalen Kollaboration erkannt zu haben: Es entwickelten sich "nur schwer kreative neue Ideen", das gehe eben "fast nur bei persönlichen Treffen". Noch problematischer seien Onlinebesuche bei Kunden: "Virtuelle Termine funktionieren bestenfalls bei langjährigen Partnern." Auf diesem Wege Neugeschäft zu akquirieren sei fast unmöglich. Seinen Kunden ergeht es offenbar ähnlich. Nachdem die Zahl der Geschäftsreisen im April auf fünf Prozent des Vorjahreswerts abgesackt war, ist sie inzwischen wieder auf 15 Prozent gestiegen, "in Ländern wie China sogar auf 35 Prozent", freut sich Ragge.

Ganz klar: "Nach zwei Monaten Krisenmanagement kümmern sich immer mehr Unternehmen wieder verstärkt um neues Geschäft", sagt Franziskus Bumm, Deutschlandchef der Geschäftsreisebürokette FCM. Vor allem der Vertrieb der Unternehmen drängt auf eine Belebung. "Kein Verkäufer will jetzt 50 Zoom-Calls aufsetzen", sagt Ragge, "alle wollen persönlich zum Kunden."

Praktisch tot

Doch auch wenn Manager nun wieder öfter ihre Koffer packen werden, "die Zahl der Geschäftsreisen wird frühestens 2023 den Wert von 2019 erreichen", meint Carsten Spohr, Chef der Lufthansa, die den Anzugträgern an Bord rund die Hälfte ihrer Erträge verdankt. Fraport-Chef Stefan Schulte ist noch pessimistischer: "Es könnte deutlich länger dauern." Der Chef von Deutschlands größtem Geschäftsreiseflughafen will sogar nicht ausschließen, dass die alten Fluggewohnheiten niemals zurückkommen.

Die größte Lücke in den Geschäftsreisebetrieb reißt das fehlende Messe- und Kongressgeschäft: "Bis es eine Impfung gegen Corona gibt, ist das praktisch tot", fürchtet Ragge. Allein dadurch fällt rein rechnerisch ein Drittel aller Dienstreisen weg. Und ob die Branchen- und Expertentreffs nach zwei, drei Jahren Coronapause wieder so groß dimensioniert werden können wie ehedem, ist mindestens fraglich.

Der Verband der deutschen Messewirtschaft übt sich in Zuversicht. Geschäftsführer Jörn Holtmeier bezeichnet den persönlichen Kontakt von Ausstellern und Besuchern "als zutiefst menschliches Verhalten". Auch erspare eine Messe, während der sich viele Geschäftskontakte bündeln ließen, einem Manager viele Einzelreisen. Doch so viel Optimismus wie Holtmeier bringt sonst kaum ein Manager auf. Selbst wenn Corona eines Tages heilbar sein sollte und die Reisebeschränkungen wegfielen, erwarten viele, deutlich weniger zu reisen. Zumal die Krise viele Unternehmen dazu anhält, ihre Lieferketten zu überdenken, sich deutlich lokaler zu organisieren als bisher.

Auch dürften kostspielige Interkontinentaltrips notwendigen Sparanstrengungen zum Opfer fallen. "Wenn ein Unternehmen nach der Krise unter höheren Schulden leidet, spart es auch an den Reisekosten"; sagt Inge Pirner, Reisemanagerin beim IT-Dienstleister Datev und Vizepräsidentin des Verbands Deutsches Reisemanagement. Sie ist sich sicher: "Künftig werden Buchungssysteme automatisch fragen, ob eine Reise wirklich notwendig, ob eine Videokonferenz stattdessen möglich ist."

Die Flugpreise steigen

Zumal nach der Krise mit höheren Flugpreisen zu rechnen sein wird. Ein führender Lufthanseat rechnet mit einem Plus von bis zu 20 Prozent – nicht zuletzt wegen der höheren Kosten für Hygiene und als Ausgleich für den Einnahmeausfall, der Airlines entsteht, wenn sie ihren Passagieren künftig mehr Sicherheitsabstand einräumen müssen. Einen Vorgeschmack auf das, was erwartbar ist, gibt eine Übersicht der Airbus-Marktforschungstochter Skytra. Danach sind die Preise infolge des leicht anziehenden Fluggeschäfts von Asien nach Nordamerika und Europa in den vergangenen Wochen um rund ein Drittel gestiegen.

Auch die Entwicklung der Technik dürfte ihren Teil zum Einbruch des Geschäftsreiseverkehrs beitragen. Tatsächlich hat sich die Videokonferenztechnologie, obwohl schon seit der Einführung des "Picturephones" von AT&T im Jahr 1970 marktreif, in den vergangenen Jahren entscheidend weiterentwickelt.

Noch vor Kurzem waren Übertragungsverzögerungen oder Tonstörungen so verbreitet, dass viele Teilnehmer mitunter lieber aufs Telefon zurückgriffen. Und gewiss, nach Wochen der Verbannung ins Homeoffice tritt parallel zur explosionsartigen Verbreitung von Videokonferenzen ein Phänomen auf, das nach dem derzeit beliebtesten Anbieter "Zoom-fatigue" genannt wird: eine unerträgliche Müdigkeit des vernetzten Heimarbeit-Daseins. Denn anders als etwa im Fall qualitativ hochwertiger Podcasts sind die Stimmen in Videokonferezen uneditiert – weshalb schon kleine Geräusche im Hintergrund eines Sprechers sich in den Vordergrund drängen und stören.

Auch behindern Netzwerkprobleme die Klarheit der Wortbeiträge: Das Zuhören ist anstrengend, weil das Unterbewusstsein laufend Hör- und Sinnlücken schließen muss. Und schließlich stört eine Verzögerung zwischen der Bild- und Textspur die nicht verbale Metakommunikation: Gespräche, denen ein Nicken fehlt, ein aufmunternder Blick, ein zustimmendes "Hhm-Hhm", missglücken gern.

Dennoch glauben viele Forscher, dass die Nachteile der Videokommunikation durch Routine und durch die stetige Verbesserung der Technologie immer unbedeutender werden. Wissenschaftler der Universität Hannover etwa testeten die Kreativität von Menschen bei der Darstellung von Gegenständen mithilfe einer begrenzten Auswahl von Farben und Formen. Die Teilnehmer kamen dafür in Gruppen entweder in einem Konferenzraum, einem Videochat oder einer Telefonschalte zusammen – und ihre Ergebnisse wurden anschließend von einer anderen Gruppe in Bezug auf ihre Kreativität beurteilt. Das Ergebnis: Die Werke der telefonisch zusammengeschalteten Teilnehmer wurden unterdurchschnittlich beurteilt. Aber zwischen den Werken der beiden anderen Gruppen stellte man keinen Unterschied fest.

Revolutionen scheitern ganz banal

Wolfgang Prinz vom Fraunhofer-Institut FIT glaubt: "Wenn wir noch ein paar technische Weiterentwicklungen abwarten, dürften die Unterschiede zwischen echten und virtuellen Teams bald kaum noch messbar sein." Er tüftelt mit seinen Mitarbeitern derzeit vor allem an Werkzeugen, die jene Art von Hintergrundkommunikation ermöglichen sollen, die für Großraumbüros so typisch sind: der Zuruf einer erstaunlichen Nachricht, die Frage nach der gemeinsamen Pause. "Virtuelle Teams brauchen ein Medium, dass dauerhaft im Hintergrund angeschaltet ist und von allen mitgehört wird."

So also sieht sie aus, die Arbeitswelt nach Corona: weniger Dienstreisen, mehr digitalisierte Meetings, viel Arbeit von zu Hause, aber kein Tod der Bürokultur.

Für Heinz Gerhäuser wäre es so etwas wie ein später Triumph. Er habe es nie bereut, sich für ein Leben auf dem Land entschieden zu haben, sagt der gebürtige Münchner: "In der technologischen Welt der Gegenwart sollten viel mehr Menschen die Chance bekommen, diesen Schritt zu gehen."

Doch seine Lebenserfahrung lehrt ihn auch, dass Entwicklungen, die unvermeidlich scheinen, zuweilen an Banalitäten scheitern. Der von ihm initiierte, später ausgegründete Teleservice wuchs in den ersten Jahren rasant, unter einem ambitionierten Geschäftsführer entstanden 20 Arbeitsplätze. "Aber dann platzte die Dotcom-Blase", sagt Gerhäuser, "und plötzlich brach die Finanzierung weg." Heute ist Deutschlands einst wohl erster Coworking Space wieder eine Ferienwohnung – und die Revolution von damals nur noch eine Erinnerung.

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