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Geht nach Hause!

Homeoffice [Quelle: pixabay.com]

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Keine Dienstreisen und Messen, Konferenzen und Großraumbüros – stattdessen Homeoffice für alle? Distanz prägt unser neues Arbeitsleben. Gibt es ein Zurück ins Büro? Stirbt das Geschäftsessen? Und wie lange müssen wir die öden Videomeetings noch ertragen? Viele Manager schaffen bereits erste Tatsachen.

Heinz Gerhäuser hat in seinem Leben ein paar ausgezeichnete Ideen gehabt. Er erhielt den Bayerischen Maximiliansorden und das Bundesverdienstkreuz, ist Ehrenbürger der oberfränkischen Stadt Waischenfeld – und zählt zu denen, die das Musikformat mp3 erfunden haben, eine Technologie zur Kompression von Audiodaten, die das Bereitstellen von Musik in Internet überhaupt erst ermöglicht hat. Über eine andere wegweisende Idee von Gerhäuser wird hingegen heute kaum noch gesprochen: den Tele-Service Fränkische Schweiz.

Gerhäuser hat zum Zoom-Meeting ins Dachgeschoss seines Hauses im Ortsteil Saugendorf geladen – und erinnert sich an den Aufbau des vielleicht ersten Coworking-Space weltweit vor mehr als 25 Jahren: "Ich habe mich gefragt, ob all die Pendelei wirklich sein muss, nur um sich auch an seinem Arbeitsplatz an den Computer zu setzen und Dateien zu bearbeiten." Gerhäuser leitete damals, 1994, ein Forschungsinstitut an der Universität Erlangen, 45 Minuten entfernt von Waischenfeld-Saugendorf.

Und es entstand ein Projekt, das ihm bundesweit Aufmerksamkeit bescherte. Er stattete die Ferienwohnung eines benachbarten Bauernhofs mit allen technischen Standards aus, die die damalige Zeit zu bieten hatte, etwa eine ISDN-Verbindung mit der Übertragungsrate von 64 Kilobit pro Sekunde. Und siehe da, es funktionierte: Die ersten drei Mitarbeiterinnen hatten viel zu tun; im Bauernhofbüro entstanden Einladungskarten für Geburtstagsfeiern, Flyer für Restauranteröffnungen, aber auch der Fraunhofer-Jahresbericht 1995. "Die neue Arbeitswelt, in die uns die Coronakrise heute zwingt – wir hatten sie schon damals umgesetzt", sagt Gerhäuser. Sein Credo seit einem Vierteljahrhundert: "Das Büro muss in Kinderwagenentfernung liegen."

Katalysator des Trends

Kein Zweifel: Die Coronakrise hat auch unsere Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Die Zahl der Geschäftsreisen sank fast auf null, Flughäfen, Bahnhofshallen und Autobahnen standen plötzlich leer, Kongresse, Messen, Vorstandsklausuren wurden abgesagt. Stattdessen richteten sich die Büromenschen mit ihren Laptops zu Hause ein, vor ihren Bücherwänden, an ihren Küchentischen, in ihren Sofaecken. Und sie gewöhnten sich schnell und gern daran: Umfragen zeigen, dass die meisten Heim arbeiter mit der neuen Situation sehr zufrieden sind. Und – bleibt es jetzt dabei?

Bernd Leukert, Technikvorstand der Deutschen Bank, sagt: "Wir reden seit Jahren über Work-Life-Balance, warum sollen Kolleginnen und Kollegen nicht auch künftig flexibel von zu Hause aus arbeiten?" Andere Unternehmen sind bereits einen Schritt weiter. Twitter-Chef Jack Dorsey hat angekündigt, dass seine Mitarbeiter nach dem Ende des Lockdowns ihren Arbeitsplatz wählen dürfen. Und der Personalchef des französischen Autokonzern PSA, Xavier Chéreau, teilte mit: "Die Arbeit auf Distanz soll die Norm für alle Geschäftsbereiche werden, die nicht direkt mit der Produktion verbunden sind." Die Büromitarbeiter des Konzerns, zu dem auch die deutsche Marke Opel gehört, sollen nur noch ein bis anderthalb Tage pro Woche an ihrem Arbeitsplatz erscheinen.

Ist es nur eine Momentaufnahme – oder der Anfang vom Ende einer Arbeitswelt, die auf persönlichen Austausch gründete, auf Teamwork und Kollegialität, auf Teeküchenklatsch und Arbeitszeitkontrolle? Technisch möglich ist der Anwesenheitsverzicht schon lange; ein Trend wurde bisher nicht daraus. Die entscheidende Frage ist, ob die Coronapandemie der Katalysator einer Entwicklung ist, die sich seit Gerhäusers Bauernhofprojekt ankündigt – und nun die Abschaffung der Präsenzpflicht zur Folge haben wird. Aber wäre es überhaupt eine gute Idee, diese Lehren aus der Krise zu ziehen? Oder würden wir damit bloß die nächste Arbeits-Kulturrevolution ein paar Jahre später provozieren? Die Antwort auf diese Frage lautet: ja und nein. Und sie fällt anders aus als die Antwort nach der Zukunft der Geschäftsreise: Hier lässt sich bereits absehen, dass es einen Purzelbaum zurück in die Vor-Corona-Zeit nicht geben wird.

Eine Umfrage unter den 30 Dax-Konzernen im Land zeigt: Viele Manager denken darüber nach, die Arbeitswelt grundlegend umzustellen – und die Zahl der Dienstreisen auf Dauer zu verringern. Besonders deutlich wird der Chemiekonzern Covestro: "Unser Ziel wird sicherlich sein, die digitalen Möglichkeiten, die wir nun flächendeckend kennengelernt haben, intensiver zu nutzen und physische Dienstreisen so weit wie möglich durch virtuelle Meetings zu ersetzen."

Fernarbeit soll Geld sparen

Aber auch der Schreibtischalltag wird sich verändern. Telekom-Chef Tim Höttges berichtet, dass sich die Leistung seiner Callcenter-Mitarbeiter messbar verbessert habe, seit sie nicht mehr im Callcenter sitzen. Auch die Pünktlichkeit der Telekom-Techniker habe sich erhöht, seit sie ihre Routen von zu Hause aus planen und starten können. Die Deutsche Börse lässt wissen: "Corona hat gezeigt, dass die Kolleginnen und Kollegen auch im Homeoffice äußerst produktiv arbeiten." Deshalb wolle man diese Arbeitsform von nun an stärker fördern. Man habe "noch keine Zielquote“ festgelegt, aber "wir wollen die bisherige Quote von unter zehn Prozent signifikant erhöhen". Beim Chemieunternehmen BASF testen sie "Konzepte für Alternativen zum klassischen Büroarbeitsplatz“ – und bei Continental, Daimler oder Bayer gibt es bereits seit Jahren ein Recht auf mobiles Arbeiten, von dem die Mitarbeiter in Zukunft sicher noch stärker Gebrauch machen werden als bisher.

Manche Unternehmen sind schon aus Kostengründen gezwungen, den Anteil der Fernarbeit zu erhöhen. Die Deutsche Bahn etwa ist schwer getroffen: kaum Fahrgäste, weniger Güter auf der Schiene. Nun könnte der Staat mit rund fünf Milliarden Euro helfen. Im Gegenzug verspricht der Konzern zu sparen, etwa durch die "reduzierte Anmietung von Bürogebäuden für die Verwaltung" und den Ausbau der Telearbeit, heißt es in einer Unterlage der Bahn an den Bund. Für Personalvorstand Martin Seiler ist klar, dass die Arbeitswelt der Zukunft bei der Bahn "auf ein Mischmodell von mobiler Arbeit und Präsenztagen" hinauslaufen wird: "Nicht Anwesenheit ist ausschlaggebend, sondern das Ergebnis." Projektarbeit mag Präsenz erfordern, so Seiler, und mitunter wünschten Kollegen auch, tageweise im Büro zu arbeiten. Aber der Trend sei klar: mehr Heimarbeit als bisher.

Es ist fast schon ironisch, dass ausgerechnet die innovationsgetriebene Technologiebranche von der Arbeitsweltdisruption kalt erwischt wird. Bei der deutschen Dependance von Microsoft dachten sie noch vor Wochen, die Zukunft der Arbeit bereits vorweggenommen zu haben. Der Softwarekonzern hat im vergangenen Jahr sein neues Büro am Kölner Rheinufer eröffnet und sich dabei an allen Grundsätzen des "New Work" orientiert: vielfältig gestaltete Räume mit frei wählbaren Arbeitsplätzen in Gemeinschaftsbüros, Rückzugszimmer, zu Geselligkeit einladende Kaffeeküchen, moderne Meetingräume, große und kleine. Die Idee: Jeder Mitarbeiter soll sich hier wohlfühlen, gern und lange arbeiten, allzeit bereit für zufällige Begegnungen, die der Kreativität und dem Unternehmen dienen. Wie hatte sich Steve Jobs einmal ausgedrückt? Die besten Ideen, so der Apple-Gründer, ergäben sich immer dann, wenn man "zufällig in jemand anderen hineinlaufe".

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