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"Es lohnt sich ein genaueres Hinsehen"

ZEIT ONLINE: Was hat die junge Frau gemacht?

Chaikevitch: Sie hat um Bedenkzeit gebeten und suchte am nächsten Tag das Gespräch mit ihrem Chef. Darin sagte sie, sie möchte das so nicht hinnehmen. Er stellte sich erneut quer und warf ihr Undankbarkeit vor. Sie stimmte trotzdem nicht zu und äußerte klar, dass sie von seinem Vertrauensbruch enttäuscht ist und dass sie sich gegebenenfalls anderweitig umsehen würde. Es war keine leichte Auseinandersetzung, aber am Ende setzte sie sich durch. Eine andere Kundin von mir fing vor ein paar Tagen einen neuen Job an und verhandelte trotz Corona ihr Traumgehalt. Ja, es gibt Firmen, die unter Corona sehr gelitten haben und leiden, aber es betrifft auch nicht alle Unternehmen. Als Mitarbeiterin sollte man ganz genau hinschauen, ob und inwiefern das Unternehmen durch Corona tatsächlich Umsätze verliert oder nicht.

ZEIT ONLINE: Was sagen Sie Frauen, die jetzt immer noch zögern, in die Verhandlung zu gehen?

Chaikevitch: Ich rechne ihnen etwas vor: Laut Statistischem Bundesamt verdienen Frauen bei gleicher Qualifizierung, gleicher Leistung und gleicher Tätigkeit weniger als ihre männlichen Kollegen, immerhin sechs Prozent.

Nimmt eine Frau das eigene Jahresgehalt und rechnet sechs Prozent hinzu, erhält sie das Gehalt, das ein Mann im Durchschnitt mehr verdient.

Ljubow Chaikevitch

ZEIT ONLINE: Das klingt erst mal nach keinem riesigen Unterschied.

Chaikevitch: Auf den ersten Blick nicht, aber es lohnt sich ein genaueres Hinsehen: Nimmt eine Frau das eigene Jahresgehalt und rechnet sechs Prozent hinzu, erhält sie das Gehalt, das ein Mann im Durchschnitt mehr verdient. Ich führe einmal eine konkrete Rechnung durch. Nehmen wir an, jemand verdient jährlich um die 48.000 Euro brutto in Vollzeit, das entspricht laut Statista dem deutschen monatlichen Durchschnittsgehalt bei Vollzeitbeschäftigung. Sechs Prozent mehr Gehalt würden zu einem Jahresbruttogehalt von etwas weniger als 51.000 Euro führen. Nehmen wir jetzt als Beispiel eine Frau (Steuerklasse 1, in Baden-Württemberg lebend, 30 Jahre alt, keine Kinder, gesetzlich versichert, kirchenzugehörig). Sie würde in diesem konkreten Fall um die 1.400 Euro netto mehr im Jahr verdienen, wenn sie wie ein Mann bezahlt würde. Zusätzlich würde sich die Gehaltserhöhung auch positiv auf ihre gesetzliche Rente auswirken. Diese Zahlen kann man für den eigenen, individuellen Fall mit diesem Brutto-netto-Rechner und diesem Zinsenrechner nachrechnen.

Nehmen wir nun an, die Frau würde das Geld nicht ausgeben, sondern zur Seite legen. Dann hat sie nach 35 Jahren fast 50.000 Euro gespart. Würde sie das Geld bei einem durchschnittlichen Prozentsatz von vier Prozent anlegen, kämen sogar um die 94.000 Euro zusammen (die Kapitalsteuer ist hierbei berücksichtigt). Frauen haben im Laufe ihres Arbeitslebens also ein kleines Vermögen verloren.

ZEIT ONLINE: Wenn Frauen sich Ihre Worte zu Herzen nehmen, werden Sie als Verhandlungscoach vielleicht eines Tages überflüssig.

Chaikevitch: In der Tat, dann wäre meine Vision erfüllt. Aktuell sind wir von diesem Ideal in Deutschland noch weit entfernt. Im Idealfall machen wir es irgendwann Island nach und legen gesetzlich fest, dass Männer und Frauen bei gleicher Tätigkeit das gleiche Gehalt bekommen müssen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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