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Hohe Ansprüche trotz Krise

Anders gesagt: Es geht ein Riss durch die deutsche Wirtschaft, sowohl was Branchen, als auch was Berufsgruppen anbelangt. Viele bangen um ihre Jobs; anderen geht es wie Frank Bothe: Sie schmeißen mitten in der Pandemie ihren Job hin – und finden prompt etwas Neues.

Gehalt Autobranche [Quelle: WirtschaftsWoche]

Bothe, 41, Speditionskaufmann mit Masterabschluss in Logistik, optimiert seit Jahren als freischaffender IT-Berater die Software seiner Kundenunternehmen. Er war weltweit unterwegs, ständig in Kontakt mit den Menschen vor Ort: "Es war absehbar, dass das in der Pandemie unmöglich werden würde", sagt Bothe. Also warf er im Mai die Brocken hin, sah sich nach einer festen Anstellung um – und wurde vom einst mit Kameras groß gewordenen IT-Konzern Konica Minolta prompt zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Bothe stellte – Krise hin, Krise her – hohe Ansprüche: prima Gehalt, Dienstwagen, flexible Arbeitszeiten. Und siehe da: Konica Minolta nickte alles ab.

Bothes Beispiel zeigt: So wie es in jeder konjunkturellen Hochphase ein paar Branchen gibt, denen es nicht so gut geht, so gibt es auch in jeder Krise ein paar Berufsgruppen und Branchen, die profitieren. Und das kann sich lohnen für Findige und Wendige: "Die Stabilität des alten Jobs aufzugeben, das lassen sich viele Experten derzeit teuer bezahlen", sagt Gehaltsexpertin Seibel.

Gehalt Logistikbranche [Quelle: WirtschaftsWoche]

Doch auch weniger spezialisierte Arbeitskräfte können in der Krise mit Gehaltsverhandlungen erfolgreich sein, meint Anja Henningsmeyer. Sie unterrichtet seit sechs Jahren Angestellte, Vorgesetzte, Unternehmer und Freiberufler, wie sie im Berufsleben erfolgreich kommunizieren. Ihr Schwerpunkt: Gehaltsverhandlungen.

Henningsmeyer weiß, wie schwierig es ist, dem Arbeitgeber mehr Geld abzutrotzen. Zumal jetzt, in der Krise, wenn die Spielräume der Betriebe einschränkt sind. "Steht ihr Arbeitgeber tatsächlich so schlecht da, dass er keine zusätzlichen Zahlungen verkraftet", rät die Expertin, "verlangen Sie etwas, was ihn nichts oder nur sehr wenig kostet." Das können zusätzliche Urlaubstage sein. Oder interne Aufmerksamkeit: "Verlangen Sie etwa, dass Sie die nächste Präsentation vor einem wichtigen Gremium halten." Solche ideellen Goodies wirken sich zunächst nicht finanziell aus, können aber langfristig nützlich – und monetarisierbar – sein.

Die Strategie könnte sich aktuell etwa in Industriebetrieben auszahlen, deren Produktion nur schleppend wieder in Gang kommt. Die Gehaltssteigerungen im Maschinenbau deuten aktuell auf geringe Spielräume der Arbeitgeber hin. So legte das Mittelmanagement im Finanzbereich im Vergleich zum Vorjahr kaum zu: 117.864 Euro inklusive Boni. In den Personalabteilungen waren es im Mittel 120.294 Euro.

Wer allerdings in einer Branche beschäftigt sei, die eher zu den Krisengewinnern zähle – Software oder Online-Handel zum Beispiel –, könne sich auch in der unsicheren Wirtschaftslage mehr Geld einhandeln, sagt Verhandlungstrainerin Henningsmeyer. Wichtig seien dabei vor allem zwei Dinge: erstens eine gute Vorbereitung, zweitens eine gute Leitidee.

Jeder Mitarbeiter, der in Gehaltsverhandlungen einsteigt, sagt Henningsmeyer, sollte wissen, welche Gehälter marktüblich sind und sich Lohndaten wie die des WiWoGehaltsreports ansehen. Und eine Vorstellung davon entwickelt haben, wie er seinem Arbeitgeber und Vorgesetzten helfen kann. Eben dafür könne er mehr Geld fordern. "Es bringt nichts, zu referieren, was für tolle Projekte Sie in den vergangenen Jahren abgeschlossen haben", warnt Henningsmeyer: "Argumentieren Sie, was Sie jetzt und in Zukunft leisten können."

Gehälter sind Geheimwissen

Das Problem: Vielen Arbeitnehmern fehlen noch immer Anhaltspunkte, um einschätzen zu können, was sie dem Arbeitgeber wert sein sollten. Sie kennen die Gehälter der Kollegen und Kolleginnen nicht, ahnen höchstens, was die Konkurrenz zahlt. Und die Personaler auf der anderen Seite des Verhandlungstisches haben oft mit dem schieren Chaos zu kämpfen. Laut Gehaltsberater Pacher gibt es immer noch viele Firmen, die über keine kohärente Gehaltsstruktur verfügen. Bei Mittelständlern wüssten häufig nur wenige Menschen über die Entlohnung Bescheid: "Die Geheimhaltung geht mitunter so weit, dass die Gehälter bestimmter Mitarbeitergruppen auf Computern ohne Internetzugang abgelegt sind, auf die nur ganz wenige Zugriff haben." Der Grund: Es ist nicht erwünscht, dass Führungskräfte voneinander wissen, was sie verdienen. Die Chefs wollen nicht, dass große Gehaltsgefälle publik werden und sich so ihre Verhandlungsspielräume einengen.

Gehalt Konsumgüterindustrie [Quelle: WirtschaftsWoche]

Zugleich fordern immer mehr Bewerber einen Gehaltsvergleich. Das zeigt etwa eine Umfrage der E-Recruiting-Plattform Softgarden unter gut 4.000 Bewerbern: Rund 51 Prozent der Befragten würden eine transparente Gehaltsstruktur begrüßen. Auch gaben mehr als ein Drittel der Bewerber an, sie würden gerne schon in der Stellenanzeige erfahren, mit welchem Gehalt sie rechnen könnten. Nur jeder zehnte Bewerber stößt bislang auf eine geldklare Ausschreibung.

Gefragt zum Berufseinstieg [Quelle: WirtschaftsWoche]

Anders als hierzulande, ist das Gehalt in Ländern wie Schweden oder Norwegen kein Tabuthema. Jeder Bürger kann dort die steuerpflichtigen Einkommen seiner Nachbarinnen und Arbeitskollegen, seiner Chefin oder Lieblingspromis herausfinden. In Schweden genügt ein Anruf beim Finanzamt. In Norwegen sind die Daten seit Herbst 2001 sogar im Internet einsehbar. Zwei norwegische Ökonominnen haben die Folgen der Transparenzoffensive untersucht. Das Ergebnis: Die Löhne der Niedrigverdiener stiegen um 4,8 Prozent. Doch die Durchsichtigkeit hat auch Schattenseiten. Die Ökonomen Zoe Cullen und Ricardo Perez-Truglia kommen in einer Studie zu dem Schluss, dass Beschäftigte durch transparente Gehälter demotiviert werden, wenn sie weniger als ihre Kollegen verdienen. Ein Ergebnis, das ein Team um den Ökonomen David Card bestätigt hat. In Kalifornien konnten die Bürger seit 2008 die Gehälter der Staatsangestellten, darunter auch die der Mitarbeiter der University of California, einsehen. Die Universitätsangestellten, die unter dem Mediangehalt lagen, waren nach der Publikation mit ihrer Bezahlung und Arbeit unzufrieden – und geneigt, den Job zu wechseln.

Große Konzerne, hohe Löhne

Wer in Deutschland wissen will, ob er angemessen bezahlt wird, ist auf Vergleichswerte wie den Gehaltsreport angewiesen. Und sollte wissen, dass sich die Gehälter zwischen Männern und Frauen immer noch unterscheiden. Zuletzt lag der Verdienstrückstand der Frauen bei 20 Prozent. Die Lücke ist deshalb so groß, weil Frauen häufiger in Teilzeit oder in schlecht bezahlten Branchen arbeiten und weniger karriereorientiert sind, erläutert Seibel von Korn Ferry: "Wenn man Positionen in der gleichen Branche, mit gleicher Verantwortung und ähnlichen Aufgaben vergleicht, liegt der Unterschied nur noch bei zwei bis drei Prozent."

Nicht nur das Geschlecht wirkt sich auf das Gehalt aus. "Tendenziell können große Unternehmen höhere Gehälter zahlen als kleine und mittelgroße Betriebe", sagt Seibel. Laut dem Gehaltsreport der Onlinestellenbörse Stepstone zahlen große Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern 18 Prozent mehr als das errechnete Durchschnittsgehalt. Wer bei einem Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeiter arbeitet, muss dagegen mit durchschnittlich zehn Prozent weniger als der Schnitt auskommen. Entscheidend ist auch die Region, in der jemand arbeitet. Während sich das Durchschnittsgehalt in Hessen auf 64.335 Euro beläuft, liegen die Bruttogehälter in strukturschwachen Gegenden deutlich niedriger, in Mecklenburg-Vorpommern etwa bei 45.135 Euro.

Die Berufserfahrung schlägt vor allem bei Akademikern zu Buche. Sie starten in den ersten beiden Jahren mit 46.093 Euro, erzielen mit mehr als 25 Jahren Berufserfahrung ein mittleres Gehalt von 94.493 Euro. Nichtakademiker schaffen nach einem Vierteljahrhundert im Job 59.544 Euro.

Wo Leistung sich lohnt [Quelle: WirtschaftsWoche]

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