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Sie haben Besseres verdient

Wohlstand, Ausruhen, Luxus, Chillen [Quelle: unsplash.com, Autor: Danny Kekspro ]

Quelle: unsplash.com, Danny Kekspro

Traumberuf Luftfahrtingenieur, Herzenswunsch Eventmanager? Die Pandemie zwingt viele Arbeitnehmer, sich beruflich neu zu orientieren. Der Gehaltsreport zeigt, wie viel Geld für wen in welchen Branchen und Berufen drin ist – und mit welchen Stärken Sie punkten können.

Claudia Picker sagt, sie arbeite rund ums Jahr sehr gern, ganz besonders aber an einem Tag im März: immer dann, wenn sie und ihr Team 10.000 E-Mails an alle außertariflichen Mitarbeiter und leitenden Angestellten versenden. Betreff: "Total Rewards Statement".

Es ist ein sechsseitiges Dokument, in dem Picker auflistet, wie viel genau der jeweilige Mitarbeiter bei Bayer verdient – eine freundliche Erinnerung des Leverkusener Pharmakonzerns, wie sehr er seine Arbeitnehmer wertschätzt: Grundgehalt, Boni, Altersvorsorge, Dienstwagen – da kommt für manche ganz schön was zusammen. Und die Zahlen beeindrucken. In den Tagen nach dem Versenden der Mail bekommt Picker, die bei Bayer den Bereich Vergütung und Zusatzleistungen leitet, jedes Jahr digitale Fanpost von ihren Kollegen: "Die Mitarbeiter freuen sich zu sehen, wie viel das Unternehmen für sie ausgibt", sagt Picker.

Ihre Transparenzinitiative und die Reaktionen zeigen: Die Deutschen wissen nicht viel über Löhne und Gehälter. Sie überfliegen ihre monatliche Abrechnung, der Blick wandert schnell zur Summe, die überwiesen wird – aber wirklich entschlüsseln (ver)mag das komplexe Zahlenwerk aus Steuern, Sozialabgaben, Abzügen, Beiträgen und Aufrollungsdifferenzen kaum jemand.

Dabei könnte dieses Wissen buchstäblich Gold wert sein, zumal für viele jüngere Arbeitnehmer. Sie erleben derzeit, was in ihrem bisherigen Berufsleben nicht vorkam: eine Wirtschaftskrise mit höchstpersönlichen Folgen. Im August waren 636.000 Menschen mehr arbeitslos als noch vor einem Jahr; die Zahl der Kurzarbeiter lag bei 5,36 Millionen. Und eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages unter mehr als 8.000 Unternehmen ergab, dass jeder zehnten Firma die Insolvenz droht.

Zwar gibt es Grund zur Hoffnung, dass die Krise nur kurz ausfällt und die Politik die schlimmsten Härten abfedert. Doch das Gefühl der Sicherheit ist erst mal weg, die Verlustangst da – und vor allem haben sich die Vorzeichen verändert. Plötzlich sind auch gut ausgebildete Arbeitnehmer nicht mehr heiß Umworbene, die in Zeiten des Fachkräftemangels ihren Personalern Bedingungen stellen. Sondern nur noch der bilanzielle Ballast der Controller. Und es ist, als kehrte sich damit die Beweislast um: Nicht mehr die Chefs müssen unterstreichen, was ihnen der Angestellte wert ist. Sondern die Angestellten müssen ihren Chefs gegenüber ihre Gehälter und geldwerten Vorteile rechtfertigen. Müssen kämpfen, um ihren Job zu behalten – und um den kleinen Bonus betteln, den sie bereits vor Jahresfrist vereinbart hatten. Müssen ihren Aufstieg im Unternehmen vertagen und um den schon sicher geglaubten Job bei der Konkurrenz bangen.

Statistischer Schatz

Wie langfristig die Folgen einer Rezession auf das Gehaltsgefüge sind, konnte zuletzt etwa der deutsche Ökonom Hannes Schwandt von der Northwestern-Universität bei Chicago belegen. Er verglich die Einkommen und Karriereschritte verschiedener Jahrgänge. Sein Ergebnis: Die Einstiegsgehälter sind in der Krise im Schnitt geringer, unabhängig von der Branche oder der Fachrichtung. Und die Nachteile wirken fort, sind selbst 15 Jahre später noch nachweisbar.

Natürlich unterscheidet sich die Dimension der Einbußen von Branche zu Branche, von Berufsgruppe zu Berufsgruppe. Diesmal trifft es besonders die Luftfahrt, den Tourismus und das Veranstaltungsgewerbe, während Arzneimittelentwickler und Onlineversender sogar profitieren. Was also tun? Abwarten? Wechseln? Die Füße stillhalten? Oder seinen Aufstiegswillen gerade jetzt bekunden?

Welche Branchen trotz der Krise gut zahlen, was Sie in Ihrem Job verdienen sollten und wie Sie auch in der Rezession Ihr Gehalt am besten verhandeln – das verrät der WirtschaftsWoche-Gehaltsreport. Die Unternehmensberatung Korn Ferry hat für die exklusive Analyse 220.000 Datensätze aus 503 Unternehmen ausgewertet – ein statistischer Schatz, weil Korn Ferry von einem großen Teil der deutschen Wirtschaft damit beauftragt wurde, Gehälter zu klassifizieren und zu vergleichen: Die Daten beruhen nicht auf Befragungen von Angestellten, sondern auf einer Auswertung der Gehaltszettel von Dax-, MDax- und SDax-Firmen sowie bedeutenden Mittelständlern. Erfasst werden in den Branchen Automobil, Chemie, Industrie, Konsumgüter und Pharma je neun Unternehmensbereiche, von der Produktion bis zum Marketing.

Das vielleicht wichtigste Ergebnis: "In vielen Unternehmen steht eine Nullrunde bevor", sagt Christine Seibel, Vergütungsexpertin bei Korn Ferry. Die Firmen würden aktuell oft nur Beförderungen oder herausragende Leistungen mit einem Gehaltsplus honorieren: "Insgesamt werden die Gehälter nicht so schnell steigen", wie noch vor ein paar Monaten angenommen. Das ergibt sich aus der Fortschreibung der eingesammelten Lohndaten, aber auch aus einer Befragung von 49 deutschen Unternehmen im Mai: Rund die Hälfte will in diesem Jahr keine Gehaltserhöhungen gewähren, knapp ein Fünftel erwägt gar, die Löhne zu kürzen. Auch für 2021 würden die meisten Unternehmen "sehr zurückhaltend" planen, sagt Seibel.

Preisdruck in der Autobranche

Aber an den Zahlen ist auch abzulesen, wie unterschiedlich Branchen und Arbeitnehmer betroffen sind. In der Chemieindustrie etwa sieht es ganz gut aus: Das Mediangehalt (Gehalt in der Mitte der Gruppe – die Hälfte der Beschäftigten verdient mehr, die andere Hälfte weniger als das Mediangehalt) ist im Vergleich zum Vorjahr um 2,9 Prozent gestiegen. Nur die Pharmaindustrie legte mit 3,2 Prozent sogar noch etwas mehr zu (siehe Grafik).

Selbst in absoluten Zahlen liegt die Chemiebranche in fast allen Berufsgruppen vorn: Die hohen Tarifabschlüsse wirken sich auch auf die außertariflichen Gehälter aus. So verdienen Mitarbeiter im Mittelmanagement oder erfahrene Experten in der Personalabteilung 115.581 Euro zuzüglich Boni; in der Produktion sind es sogar knapp 2.000 Euro mehr. Auch für Hochschulabsolventen lohnt der Einstieg in die Chemiebranche besonders: Für Informatiker sind 84.807 Euro Grundgehalt drin. Im Qualitätsmanagement 82.016 Euro.

In der Automobilindustrie sieht es düsterer aus. Die großen Hersteller zahlen weiterhin ordentlich, aber vor allem kleine Zulieferer stehen unter Druck, nicht erst seit Beginn der Coronakrise. Die Preisdrückerei der Konzerne belastet die Gehaltsentwicklung; das Mediangehalt legte im Vergleich zum Vorjahr nur um 0,9 Prozent zu. Die weiteren Aussichten? Trübe. In einer Umfrage des Verbands der Automobilindustrie gaben sechs von zehn Zulieferern an, Personal abbauen zu wollen. Und auch an den Gehältern derer, die ihren Job behalten, dürfte gespart werden.

Vertriebsmitarbeiter verdienen über alle Branchen hinweg mehr als Mitarbeiter in anderen Berufsgruppen: Mittelmanager und erfahrene Experten erhalten hier aktuell ein Grundgehalt von 112.148 Euro. Ganz klar: "Der Vertrieb ist der Ort für alle, denen es ums Geldverdienen geht", sagt Expertin Seibel. Im Gegenzug müssten die Mitarbeiter mit "enormem Druck" klarkommen; große Teile des Gehalts sind oft an den Erfolg gebunden. Gerade bei akademischen Berufseinsteigern und Facharbeitern in Leitungsfunktionen hängt viel von den Erträgen ab. Erreichen Mitarbeiter ihre Ziele, summiert sich der Bonus auf durchschnittlich 15,7 Prozent des Gehalts. Bei Mittelmanagern im Vertrieb sind es sogar 16,3 Prozent – mehr als in allen anderen untersuchten Berufsgruppen.

Das bedeutet auch: In der Krise dürften die Gehälter der Verkäufer am deutlichsten sinken. Zumal die Boni in deutschen Konzernen immer seltener allein an persönliche Leistungen geknüpft sind, immer öfter auch an allgemeine Unternehmenskennzahlen. In den vergangenen Jahren haben etwa die Deutsche Bahn, Bosch und Bayer ihre Vergütungssysteme geändert und individuelle Erfolgsvergütungen ganz gestrichen. Der Grund: Die Unternehmen wollen mehr "Teamgeist statt Einzelkämpfertum fördern", sagt Sebastian Pacher, Vergütungsexperte bei der Beratung Kienbaum. Hinzu kommt, dass die Messbarkeit von individueller Leistung schwierig ist, hängt sie doch immer auch vom Arbeits- und Lebensumfeld, also sozialen Bedingungen und Faktoren, ab. Besondere Verdienste Einzelner versuchen Arbeitgeber daher nicht im Gehalt, sondern "eher mit sonstigen Leistungen – Firmenwagen, BahnCard, Kinderbetreuung – abzubilden", sagt Korn-Ferry-Expertin Seibel.

Die Extras sollen Spezialisten anlocken, um die auch in der Krise heftig geworben wird: Informatiker etwa, die insbesondere in der Chemie- und Konsumgüterindustrie gut verdienen. Sie zeichnen seit Jahren für den Gehaltsanstieg bei akademischen Berufseinsteigern und Fachkräften in Leitungsfunktionen verantwortlich. Gerade für Softwareentwickler oder spezielle Analysten seien Betriebe seit 2015 bereit gewesen, viel zu zahlen, sagt Seibel (siehe Grafik).

Und Corona könnte den Trend verstärken. Einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung zufolge, schätzen 92 Prozent von 200 befragten Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft, dass das Virus die digitale Transformation in Unternehmen beschleunige. Dazu braucht es die richtigen Mitarbeiter. Vor allem Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss und Facharbeiter in Leitungsfunktionen im IT-Bereich können ordentlich verdienen. Ihre Gehälter mit einem Medianwert von knapp 80.000 Euro liegen deutlich höher als die Verdienste von Mitarbeitern in anderen Berufsgruppen. Logistiker (72.782 Euro) etwa oder Personaler (76.494 Euro) müssen sich mit deutlich weniger begnügen.

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