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"In vielen Vororten leben nur noch Gutverdiener"

Gehalt, Geld, Geldscheine [Quelle: unsplash.com, Autor: Christian Dubovan]

Quelle: unsplash.com, Christian Dubovan

In Kleinmachnow wohnen Spitzenverdiener, in Raunheim sind die Verdienste der Einwohner hingegen gesunken: Ein Experte erklärt, wie solche Entwicklungen zustande kommen.

Neue Daten der Bundesagentur für Arbeit, die ZEIT ONLINE exklusiv ausgewertet hat, zeigen, wie viel die Einwohnerinnen und Einwohner in allen 4.252 Gemeinden und Gemeindeverbänden Deutschlands verdienen – und wie groß die Gehaltsunterschiede sind. Andreas Peichl, Leiter des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, erklärt, wo Menschen wohnen, die besonders viel Geld verdienen und wo ein geringes Gehalt kein Problem ist, weil die Miete niedrig ist.

ZEIT ONLINE: Wir sehen in der Auswertung, dass die Gehälter in den vergangenen 20 Jahren im Mittel um 7,3 Prozent gestiegen sind. Was hat Sie an den Daten überrascht?

Peichl: Dass die Gehälter in Deutschland gestiegen sind, hat mich wenig überrascht. Aber wie stark die Unterschiede in einigen Regionen sind, hätte ich so nicht erwartet.

ZEIT ONLINE: Weshalb sind die Gehälter denn so stark gestiegen?

Peichl: Vor allem der wirtschaftliche Aufschwung, den Deutschland in den zehn Jahren vor der Pandemie erlebt hatte, hat dazu beigetragen. Anfang der Zweitausenderjahre sind die Gehälter erst noch gesunken, da gab es eine Rezession. Nach den Hartz-Reformen haben viele Arbeitslose Jobs mit niedrigen Löhnen übernommen, dann kam es zur Finanzkrise. Doch danach entwickelte sich die Wirtschaft in Deutschland extrem gut, auch wurde der Mindestlohn eingeführt und die Gewerkschaften handelten starke Tarifverträge aus – und die Gehälter stiegen immer weiter an. Nur eben nicht überall.

ZEIT ONLINE: Schauen wir uns die Daten genauer an. Bemerkenswert sind beispielsweise die Orte Brome und Betzendorf, die nur 17 Kilometer trennen. Die Bewohner in Brome verdienen 1.700 Euro mehr als die in Betzendorf. Wie kommt es dazu? 

Peichl: Meistens lässt sich das mit der Industrie erklären. Brome liegt noch im Einzugsgebiet der Volkswagen-Werke bei Wolfsburg, da arbeiten viele Bewohnerinnen und Bewohner des Ortes. Betzendorf hingegen ist hinter der Landesgrenze in Sachsen-Anhalt, dort gibt es deutlich weniger gut zahlende Arbeitgeber. Und so ist es mit vielen Gemeinden. 

Wo weniger verdient wird, wird auch weniger ausgegeben.

Andreas Peichl, Wirtschaftsforscher

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hat das für die jeweiligen Orte? 

Peichl: Dort, wo weniger verdient wird, wird auch weniger ausgegeben. Lokale Unternehmen haben es dann schwer. Denn wie sollen sie bestehen, wenn ihre Kundschaft in Zeiten der hohen Inflation weniger Produkte kauft oder Dienstleistungen beauftragt? Auch ziehen tendenziell mehr Menschen aus diesen Gemeinden weg, um in anderen Orten bessere Jobs zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Ein anderes Beispiel aus den Daten: Die Gehälter der Menschen im sächsischen Drebach sind im Mittel um 35 Prozent gestiegen, die der Bewohner des hessischen Raunheims um 17 Prozent gesunken. Wie erklären Sie sich das? 

Peichl: Diese Unterschiede liegen vor allem an Unternehmen, die eine Region verlassen oder an der Inflation. Es geht sozusagen um die realen Löhne und die sind in Raunheim gesunken, weil dort die Kosten für Wohnraum oder Lebensmittel stärker gestiegen sind als die Gehälter der Anwohnerinnen und Anwohner. Manche Menschen haben dort heute also weniger Geld zur Verfügung als vor 20 Jahren.

Gemeinden werden aufgewertet, wenn dort viele Besserverdienende leben.

Andreas Peichl, Wirtschaftsforscher

ZEIT ONLINE: In anderen Gemeinden, vor allem in Vororten, ist das anders. Die Anwohner von Kleinmachnow in Brandenburg verdienen mehr als früher – und im Mittel sogar 1.388 Euro mehr als Menschen in Berlin.

Peichl: Oft ist es so, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinden rund um Großstädte besonders viel verdienen. Also auch im Vergleich zu den Städtern. Das liegt vor allem daran, dass sie wie in Kleinmachnow bei Konzernen wie Ebay arbeiten oder in die Stadt pendeln und dort gut dotierte Jobs haben. Übrigens liegen laut der Daten acht von zehn Gemeinden, in denen die Menschen mit den deutschlandweit höchsten Gehältern leben, in Bayern. Eben weil es alleine in München sieben Dax-Konzerne gibt, keine andere Stadt oder Region in Deutschland kann da mithalten. Das wirkt sich natürlich stark auf die Gehälter in der Stadt und im Umland aus.

ZEIT ONLINE: Macht das Bayern attraktiv für Besserverdienende aus anderen Bundesländern? 

Peichl: Auf jeden Fall. Denn einerseits gibt es dort gut bezahlte Arbeitsplätze, andererseits beeinflussen Unternehmen wie Allianz, BMW oder Siemens natürlich die ganze Gegend. Die hohen Gehälter erzeugen eine Kaufkraft, von der auch viele anderen Unternehmen in der Region profitieren. Und diese ziehen dann wiederum mehr Menschen an, die Arbeit suchen. Auch werden Gemeinden aufgewertet, wenn dort viele Besserverdienende leben – da hat dann die Kommune mehr Geld zur Verfügung, um in Kitas, Busverbindungen oder den Bahnhof zu investieren.

"Der Osten holt auf"

ZEIT ONLINE: Gibt es eine Bewegung raus aus der Stadt, rein in den Speckgürtel, wenn man nur genug Geld verdient?

Peichl: Ja und nein. Viele Vororte sind besonders beliebt, in München ist das beispielsweise Grünwald vor den Toren der Stadt. Doch auch innerhalb der Großstädte gibt es Viertel, die immer attraktiver für Besserverdienende werden. Dort ist die Durchmischung aber noch stärker als in den Vororten.

ZEIT ONLINE: Wie haben sich die Vororte verändert?

Peichl: Wenn mehr Besserverdienende dorthin ziehen, steigen die Preise für Immobilien aber auch Dienstleistungen vor Ort – vom Frisör bis zum Bäcker und dem Gasthaus. Das führt dazu, dass sich mittelfristig die Bevölkerung verändert und dort dann vorwiegend nur noch Gutverdiener leben.

In touristischen Regionen verdienen die Menschen oft wenig. 

Andreas Peichl, Wirtschaftsforscher

ZEIT ONLINE: Ganz anders sieht es in Orten wie Binz auf der Insel Rügen oder in Seiffen im Erzgebirge aus. Wie kommt es, dass Menschen, die dort wohnen, so wenig verdienen?

Peichl: Regionen wie diese sind besonders strukturschwach. Binz lebt praktisch nur vom Tourismus und der Gastronomie – und in beiden Branchen verdient man eher wenig. Seiffen ist ein Kurort. Dort arbeiten typischerweise viele Servicekräfte, die einen geringen Lohn erhalten. Angefangen bei der Putzkraft im Hotel bis zur Pflegerin in der Kurklinik. Hinzu kommt, dass beide Orte in Ostdeutschland liegen und dort immer noch deutlich weniger verdient wird als im Westen des Landes. 

ZEIT ONLINE: Doch der Osten holt auf: Dort sind die Gehälter in den vergangenen 20 Jahren im Mittel um 17,8 Prozent gestiegen. Im Westen nur um 5,5 Prozent.

Peichl: Das ist eine logische Entwicklung. Der Osten ist auf einem viel niedrigeren Niveau gestartet als der Westen. Im Osten verdiente man in Vollzeit laut Ihrer Auswertung im Jahr 2002 durchschnittlich nur 2.498 Euro brutto. Ein Anstieg um 17,8 Prozent klingt viel, aber von so einem niedrigen Gehalt ausgehend ist das nicht so stark. Die Gehälter im Osten sind gestiegen, weil der Mindestlohn eingeführt und erhöht wurde. Außerdem haben die ostdeutschen Bundesländer vom Aufschwung profitiert, deshalb ist dort die Arbeitslosigkeit stark gesunken. Doch man verdient im Westen immer noch monatlich 687 Euro mehr. Da hilft es nur bedingt, wenn sich im Osten Unternehmen wie Tesla und Intel ansiedeln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Gehälter in den nächsten Jahrzehnten angleichen. 

ZEIT ONLINE: Die Daten zeigen auch, dass Menschen auf dem Land weniger als in den Städten und im Umland verdienen. Wird das so bleiben? 

Peichl: Davon gehe ich aus. Die Gehälter auf dem Land werden auch weiter niedriger sein als in den Städten und im Umland, weil dort mehr Unternehmen sitzen und die Infrastruktur besser ist. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, denn die Lebenshaltungskosten auf dem Land sind niedriger als in der Stadt und im Speckgürtel. Man braucht dort also auch weniger Gehalt, um denselben Lebensstandard zu haben wie jemand in der Stadt.

Miete ist bei fast allen Menschen der größte Kostenpunkt. 

Andreas Peichl, Wirtschaftsforscher

ZEIT ONLINE: Also ist es egal, ob ich mit wenig Geld auf dem Land oder mit viel in einer Großstadt lebe?

Peichl: Im Grunde ja, wenn man bedenkt, dass man auf dem Land, abgesehen von Gemeinden im Speckgürtel, deutlich weniger Miete zahlen muss als in der Stadt. Und das ist bei fast allen Menschen der größte Kostenpunkt. Ein großer Teil des Gehalts der Menschen geht für die Miete drauf. Auf dem Land kann man also einiges einsparen und muss gleichzeitig zum Beispiel weniger für Lebensmittel oder Restaurantbesuche ausgeben.

ZEIT ONLINE: Wenn das Leben auf dem Land so attraktiv ist, warum ziehen trotzdem so viele Menschen aus den Dörfern weg?

Peichl: Das liegt oft an der geringeren Lebensqualität. Häufig fehlt es auf dem Land an Freizeitmöglichkeiten, an der ausreichenden Versorgung durch Ärztinnen und Ärzte, manchmal auch ganz simpel an guten Internetverbindungen oder an gewissen Jobs – leider gibt es beispielsweise kaum Professorenstellen in der unmittelbaren Nähe von Skipisten. Wenn dann auch noch die Infrastruktur fehlt, um gut mit Bussen oder der Bahn in die Stadt zu kommen, wird das Leben dort für viele unattraktiv.

"Putins Überfall hat viele Menschen in Deutschland ärmer gemacht"

ZEIT ONLINE: Geringes Gehalt, hohe Miete, auch das gibt es, zum Beispiel auf Sylt oder Norderney. Wie ist das möglich?

Peichl: Das ist für die Betroffenen natürlich besonders schwierig. Während dort einige Menschen Ferienhäuser oder Wohnungen besitzen, aber selbst nicht in der Gegend leben, arbeiten die Bewohnerinnen und Bewohner der Inseln oft in der Hotellerie oder Gastronomie. In diesen Jobs verdienen sie in der Regel wenig und haben es dann auch noch schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Denn die Preise für den Wohnraum sind durch die Ferienhäuser ziemlich hoch.

ZEIT ONLINE: Wann wird Ungleichheit gefährlich für eine Region?

Peichl: Konflikte entstehen ab dem Punkt, an dem sich Menschen mit niedrigen Gehältern die hohen Mieten nicht mehr leisten können, während die Besserverdiener einfach an Wohnraum kommen. Doch nicht nur bei den Mieten, auch bei den Preisen im Allgemeinen zeigt sich das. Sobald die einen ohne Probleme in die umliegenden Cafés und Restaurants gehen und die anderen sich nichts mehr davon leisten können, ist das eine gefährliche Entwicklung. Wenn sich also die Einkommen so weit voneinander entfernt haben, dass ein Zusammenleben schwierig wird.

Es braucht gezielte Hilfen für diejenigen, die zu wenig Gehalt bekommen.

Andreas Peichl, Wirtschaftsforscher

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich das verhindern?

Peichl: Im Moment vor allem dadurch, dass der Staat Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen unterstützt. Und zwar nicht durch einen unsinnigen Tankrabatt, der pauschal alle Autofahrerinnen und Autofahrer subventioniert. Auch nicht durch ein 9-Euro-Ticket oder eine Gasumlage, die alle gleichzeitig entlastet. Sondern durch gezielte Hilfen für diejenigen, die gerade unter der hohen Inflation leiden und eben zu wenig Gehalt bekommen. Es muss darum gehen, Menschen zu entlasten, die das wirklich brauchen. Solche Entlastungspakete, wie die Bundesregierung sie nun wohl für Rentnerinnen und Studierende plant, könnten helfen. Vor allem jetzt, da auch noch der Strompreis stark steigen wird.

Wie sich die Gehälter entwickeln, entscheiden wir.

Andreas Peichl, Wirtschaftsforscher

ZEIT ONLINE: In den vergangenen 20 Jahren sind die Gehälter gestiegen, seit der Corona-Pandemie sinken sie wieder. Inflation, Krieg, Klimakrise. Muss man damit rechnen, dass die Verdienste nun dauerhaft weniger werden?

Peichl: In der Pandemie sind die realen Gehälter vor allem durch die Kurzarbeit gesunken, jetzt kommt die hohe Inflation hinzu. Doch wie sich das weiterentwickelt, entscheiden wir. Es muss allen klar sein, dass Putins Überfall auf die Ukraine einen großen Teil der Menschen in Deutschland ärmer gemacht hat. Jetzt muss einiges getan werden, damit wir den aktuellen Lebensstandard halten können. Wenn wir dazu nicht bereit sind, werden viele Menschen in Zukunft spürbar weniger Geld haben als heute. 

ZEIT ONLINE: Sollten wir uns nicht ohnehin vom aktuellen Lebensstandard verabschieden? Wenn viele verzichten, könnte das Land für alle gerechter werden.

Peichl: Nicht unbedingt – der Krieg macht uns zwar alle ärmer – aber nur um ein paar Prozent, wenn wir nun richtig reagieren. Außerdem muss uns klar sein, dass wenn alle nichts haben, es zwar keine Ungleichheit gibt, aber auch keinen Wohlstand mehr. Und gerecht wäre das auch nicht.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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