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Ganz schön schlagfertig

Mann Rote Boxhandschuhe Boxen Nahaufnahme [Quelle: Pexels.com, Autor: Andrea Piacquadio]

Quelle: Pexels.com, Andrea Piacquadio

Nur wenige schaffen es, auf Angriffe oder Geringschätzung geschickt zu reagieren. Aber das lässt sich lernen.

Es ist ein Klassiker der Geringschätzung in deutschen Arztpraxen und Krankenhäusern. Kommt eine Arzthelferin oder ein Arzthelfer zur Blutabnahme, fragt mancher Patient irritiert: "Ist denn kein Arzt da?" Auch Medizinerinnen bekommen diese Frage mitunter zu hören, dann ist sie so gemeint: Ist kein männlicher Arzt da, der mich behandeln kann? In solchen Fällen hilft Schlagfertigkeit, die Fähigkeit, direkte oder subtile Angriffe locker zu parieren. Rhetorisch ist das aber nicht jedem gegeben. Und fast jeder kennt dieses Gefühl: Ich weiß schon, was ich auf diese oder jene blöde Bemerkung sagen könnte – aber leider ist es mir erst Stunden später eingefallen und nicht, als es darauf ankam.

Marie-Theres Braun hat Trost parat, sie sagt: "Schlagfertigkeit kann man üben. Es braucht nur etwas Zeit." Die Kommunikationsberaterin und Rhetoriktrainerin aus Stuttgart hat hohe Erwartungen, wenn es darum geht, die kleinen und großen verbalen Scharmützel des Berufsalltags beizulegen. Geistreich, gelassen und deeskalierend solle das passieren, sagt sie. Leicht gesagt. Die Nachfrage nach solchen Fähigkeiten ist aber groß, das Angebot an Schlagfertigkeitsliteratur und allerlei Seminaren zum Thema üppig. Mitunter versprechen sie, "nie mehr sprachlos" zu sein. Oder "geniale Konterstrategien". Aber das ist etwas anderes. Vermeintliche Schlagfertigkeitsklassiker für jede Situation – "Sie sprechen hörbar, aber nicht verstehbar" oder "So habe ich das auch mal gesehen. Als ich noch so naiv war" – lösen Konflikte nicht auf, sondern setzen sie fort.

Die Psychologin und Mentaltrainerin Anke Precht rät zu einer gewissen rhetorischen Wehrhaftigkeit am Arbeitsplatz. Aufwendig ist das nicht. Wenn man sich zwei, drei zweisilbige Wörter zurechtlege, die man "herausfeuern" kann, "dann hat man immer eine passende Erwiderung parat, wenn man blöd angemacht wird", sagt sie. Ihre Vorschläge: Aha! Sieh an! So, so. Ach, echt? "Da guckt das Gegenüber oft blöd. Damit ist das Thema durch."

Marie-Theres Braun rät zu Souveränität selbst im verbalen Clinch. Deshalb trug ein Vortrag, den sie gerade auf der digitalen Hannover Messe mit der Bamberger Rhetoriktrainerin Pia Bussinger hielt, auch den Titel "Schlagfertig ja, unverschämt nein". Für sie kann der Schlüssel zu gesunder Schlagfertigkeit in zwei Wörtern stecken: "gerade weil". Mit ihnen ließe sich so manche Zumutung oder Fehleinschätzung zurechtrücken. Zum Beispiel von jenen Kollegen, denen in Besprechungen gesagt wird, sie seien ja aus einer anderen Abteilung und könnten dieses oder jenes gar nicht beurteilen. Gerade weil man aus einer anderen Abteilung sei, könne man neue Perspektiven einbringen und womöglich zu einer Lösung beitragen – so könnte die Replik aussehen. Bei dem bloßgestellten Pfleger und Blutabnehmer vom Beginn würde das dann so klingen: Gerade weil ich Pfleger bin, mache ich das öfter als viele Ärzte und deshalb auch sehr gut. Es geht darum, einen Punkt oder Teilsatz eines Einwands aufzugreifen und ihn mit einem Sachargument geschickt zu kontern. Schon ist der Angriff pariert.

Dass das funktioniert, war schon vor größerem Publikum zu sehen. In der Start-up-Fernsehsendung "Die Höhle der Löwen", die jungen Unternehmen eine Bühne und die Aussicht auf Investoren bietet, musste sich der gewiefte Medienunternehmer Georg Kofler mal mit diesen zwei Wörtern ausbremsen lassen. Er hatte einer Teilnehmerin, die ein Kopfkissen gegen Flachschädel bei Säuglingen auf den Markt bringen wollte, sinngemäß geantwortet: Das sei keine gute Idee, weil es sich um ein medizinisches Produkt handele und die Zulassungsverfahren dafür immer furchtbar zäh seien. Sein knappes Urteil: Nein, danke, das wird nichts. Die Teilnehmerin entgegnete: Gerade weil es ein medizinisches Produkt sei, habe sie als Erstanbieterin einen Vorteil gegenüber Wettbewerbern. Die brauchten nämlich noch länger, um mit einem solchen Kissen ans Ziel zu kommen. Treffer!

Pia Bussinger empfiehlt eine weitere Technik, die in drei Wörtern zusammengefasst werden kann und etwas internationaler daherkommt: Touch, Turn, Talk. Es gehe darum, das eigene Anliegen zu lenken, ohne seinen Gesprächspartner aus den Augen zu verlieren. "Touch" steht dafür, Verständnis zu zeigen oder einen Einwand anzusprechen, "Turn" führt zum eigenen Standpunkt, "Talk" zur ausführlichen Argumentation in eigener Sache. "Man hört auf, direkt hochzugehen, und reagiert erst mal auf den anderen", sagt sie. Auch sie findet: "Man setzt sich am ehesten durch, wenn man respektvoll ist."

Die simple Zustimmung als dritte Schlagfertigkeitstechnik lässt sich im Berufsalltag vermutlich am schnellsten umsetzen. Es geht darum, seinem Gegenüber den Wind aus den Segeln zu nehmen. Klagt der Kollege zum Beispiel in der morgendlichen Fahrgemeinschaft: "In deinem Auto sieht's aus wie in einem Schweinestall" – dann ließe sich antworten: "Stimmt, können wir jetzt losfahren?" Marie-Theres Braun berichtet, dass man mit den Kontrolleuren im öffentlichen Nahverkehr Stuttgarts gar nicht mehr über die hohen Ticketpreise streiten könne, seitdem diese ein Kommunikationstraining absolviert hätten. Sie stimmten einfach zu, schon ist die Luft raus.

Fehlt nur noch, die eigene Stimme in den Griff zu bekommen, wenn man sich angegriffen fühlt. Denn dann verändert sich die Stimmlage schnell. Und zwar nicht gerade zum Vorteil. Die Rhetoriktrainerin rät zu einer simplen Technik in der Körpermitte: "Einfach die Wampe lockerlassen, dann klingt die Stimme super entspannt."

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