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Ist es gut, wenn Kollegen Freunde werden?

Freunde Kollegen lachend arbeiten Teamwork [Quelle: unsplash.com, Autor: Brooke Cagle]

Quelle: unsplash.com, Brooke Cagle

Für manche gilt das Prinzip, Arbeit und Freizeit strikt zu trennen. Aber vielen gelingt das nicht. Und Corona macht den Umgang mit "Frollegen" sogar noch komplexer.

Das Wort "Frollegen" ist eine eigenwillige Kreation, die wohl niemand ernsthaft verwendet. Was nicht bedeutet, dass es das Phänomen, das sie beschreibt, nicht gäbe: Frollegen sind Menschen, die gleichzeitig Freunde und Kollegen sind. Ob diese Art Beziehung erstrebenswert ist, darüber scheiden sich die Geister. Die einen können sich nichts Besseres vorstellen, als den größten Teil ihres Alltags, denn das ist unsere Arbeit nun mal, mit Freunden zu verbringen. Die anderen halten es mit dem alten Grundsatz "Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps": Arbeit und Freizeit gehören streng getrennt.

Beide Parteien haben ihre Gründe. Denn ob es sinnvoll ist, mit Kollegen befreundet zu sein, oder nicht, lässt sich pauschal nicht bewerten. "Generell ist es natürlich erst einmal positiv, Freunde zu finden, egal, wo", sagt Sabine Hommelhoff, Wissenschaftlerin am Lehrstuhl für Psychologie im Arbeitsleben der Universität Erlangen-Nürnberg. Vieles spräche zudem auch dafür, ausgerechnet mit Kollegen befreundet zu sein: Man verbringt viel Zeit miteinander, hat oft gemeinsame Interessen. Zudem haben Studien gezeigt, dass Mitarbeiter, die mit Kollegen befreundet sind, zufriedener sind, seltener kündigen und besser arbeiten.

Doch Freundschaft am Arbeitsplatz hat auch ihre Tücken. Nachdem die Forschung sich lange mit deren positiven Seiten beschäftigt habe, gehe es nun zunehmend auch um problematische oder zumindest komplizierte Aspekte, sagt Hommelhoff. Nehme man die Ergebnisse all dieser Studien zusammen, könne man sagen, dass Freundschaften am Arbeitsplatz "meistens schön, manchmal schmerzlich" seien. Denn diese Art der Beziehung kann durch äußere Umstände erschwert werden.

Die klassischen Konflikte, die unter befreundeten Kollegen entstehen können, hätten oft mit Status zu tun, sagt Hommelhoff. Eine Person wird befördert, eine andere nicht – da kann Neid ins Spiel kommen. Auch wenn die eine gut mit dem Chef zurechtkäme, die andere dagegen nicht, sei das häufig schwierig. Von Freunden erwartet man Loyalität, doch die kann mit den Arbeitsverpflichtungen kollidieren. Streit könne es deshalb auch geben, wenn eine Person mehr Informationen habe als die andere: "Es kann ja sein, dass ich etwas auf der Arbeit nicht an meinen Kollegen weitergeben darf. Aber ist der Kollege auch mein Freund, ist das ein Konflikt, denn als Freund würde ich es ihm natürlich sagen."

Diese plötzlichen Hierarchiegefälle seien für manche Freundschaften schwer zu verarbeiten, sagt Hommelhoff. Einige gingen daran zu Bruch. Eine Geschichte habe sie besonders überrascht: "Eine Frau schrieb in unserer Studie, sie habe eine Beförderung ausgeschlagen, um die Beziehung zu ihren Kolleginnen nicht zu gefährden." Darüber habe sie lange nachgedacht, sagt die Psychologin. Und sich gefragt, ob Männer ebenfalls so handeln würden. Studien gebe es dazu keine, doch seien gerade Chefinnen oft unbeliebt. Das habe diese Frau vielleicht vermeiden wollen.

In einer Gesellschaft, in der mehr Menschen allein leben, nehmen Freundschaften, die immer schon wichtig waren, einen noch höheren Stellenwert ein. Viele moderne Arbeitgeber hätten das verstanden, sagt Hommelhoff: "Ich sehe immer mehr Stellenanzeigen, die mit einer freundschaftlichen Atmosphäre in ihrem Unternehmen werben." Die Wissenschaftlerin sieht das kritisch: "Eine Freundschaft entwickelt sich ja mit der Zeit, das kann nicht erzwungen werden."

Einige Menschen fühlten sich unter Druck gesetzt, sich mit den "richtigen" Kollegen anzufreunden, in der richtigen Clique zu sein. Außerdem entstehe so möglicherweise ein falscher Eindruck der tatsächlichen Arbeitsatmosphäre: "Kontrolle und Hierarchien gibt es ja immer noch, auch wenn alles so kumpelig scheint."

Viele Mitarbeiter hätten Angst, zu sehr vom Unternehmen vereinnahmt zu werden, gehe es dort allzu freundschaftlich zu. Denn Unternehmen handeln nicht vollkommen selbstlos: Auch sie wollen von einer guten Arbeitsatmosphäre profitieren. Und die Kollegen als Freunde zu haben könnte im Umkehrschluss bedeuten: Wer Freunde bei der Arbeit hat, braucht keine Freizeit mehr.

Wo Freundschaften fast verlangt werden, geht es demnach nicht immer nur um Nächstenliebe, sondern auch um Nutzen. Genau darin bestehen Freundschaften aber gerade nicht. Das zumindest sagt die Sozialpsychologie, deren Definition von Freundschaft die meisten Menschen vermutlich zustimmen würden: Freundschaften sind hiernach Beziehungen, in denen es ausschließlich um das Wohl des anderen geht. Für Dinge, die man dem anderen gibt, erwartet man keine Gegenleistung. Es ist deshalb vollkommen unerheblich, ob die andere Person einem irgendwann einmal nützen könnte.

Beziehungen zu diesem Zweck gibt es, sie können auch durchaus gut sein, aber Freundschaften sind es nicht. Nutzbeziehungen mit Kalkül zu betreiben ist außerdem gar nicht so einfach. Eine kanadische Studie habe gezeigt, sagt Hommelhoff, dass Leute, die allein aus Nutzengründen netzwerkten, sich oft schmutzig fühlten. Häufig sei es zudem so, dass Mitarbeiter auf gezielten Networking-Events doch nur bei den Menschen stünden, die sie ohnehin mögen.

Abgesehen von wahren Freundschaften, sei es aber durchaus sinnvoll, für eine positive Atmosphäre bei der Arbeit zu sorgen, sagt Hommelhoff. Die ist derzeit, während der Corona-Isolation, viel schwieriger herzustellen als normalerweise. Eine gute Atmosphäre werde nämlich zum Beispiel dadurch begünstigt, dass die Mitarbeiter nicht alle im Homeoffice seien. Während zwangloser Treffen in der Kaffeeküche könnten unter normalen Umständen enge kollegiale Beziehungen, möglicherweise sogar Freundschaften entstehen.

Über Telefon- oder Videokonferenzen ist das natürlich deutlich schwieriger. Noch wichtiger als die Beziehung zu den Kollegen sei das Verhältnis zur Führungskraft: "Man sollte deshalb beim Rekrutierungsprozess nicht nur die Arbeit anschauen, sondern auch, ob die Beziehungsebene stimmt. Passt die Chemie schon im Vorstellungsgespräch nicht, sollte man sich eine Zusage gut überlegen."

Wo die Grenze zwischen guter, enger Zusammenarbeit und einer echten Freundschaft verläuft, ist schwer zu sagen. Ab wann eine Freundschaft beginnt, entscheidet letztlich jeder für sich. Und wie in Beziehungen außerhalb der Arbeit wird es auch hier Situationen geben, in denen der eine die Beziehung als Freundschaft, der andere nur als Bekanntschaft wahrnimmt. Ein paar Indizien gibt es trotzdem: Freunde treffen sich vermutlich auch nach der Arbeit. Ein kritischer Moment sei außerdem, wenn jemand das Unternehmen verlasse, sagt Hommelhoff. Hat man sich danach noch etwas zu sagen?

Ein Begriff, der oft falle, wenn es um Freundschaften am Arbeitsplatz gehe, sei der des "mixed blessing" – ein zweifelhafter Segen, sagt die Wissenschaftlerin. Denn wenn man sich versteht, hat Freundschaft am Arbeitsplatz viele gute Seiten: Es hilft, eine Vertrauensperson zu haben, die auch ein offenes Ohr für die privaten Probleme hat.

Das ist auch schön für das Unternehmen selbst. Wer gerne zur Arbeit geht, weil er dort auch Freunde trifft, hat eine positivere Einstellung - zumindest normalerweise. Wenn in Corona-Zeiten mit der Fahrt zur Arbeit auch die Treffen mit den Freunden bei der Arbeit wegfallen, ist das umgekehrt doppelt bitter. Generell gilt: Wenn es zu Streit kommt, kann das die Arbeitsatmosphäre extrem belasten. Das sei nicht unbedingt ein Grund gegen Freundschaften am Arbeitsplatz, sagt Hommelhoff: "Es ist nur wichtig, dass man sich darüber im Klaren und darauf vorbereitet ist."

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