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Ehrgeiz und Konkurrenzdenken

Ein zentraler Stressfaktor für Leistungssportler ist der Erfolgsdruck: 2008 haben Sie bei Olympia in Peking "nur" Bronze geholt, obwohl Sie sich ganz auf Gold fokussiert hatten. Ist der Weg nach ganz oben nur mit diesem grenzenlosen Ehrgeiz zu schaffen, der auch dazu führt, dass man die Verleihung einer Bronze-Medaille als "Tortur" empfindet?

Natürlich braucht man sehr viel Ehrgeiz, um es nach oben zu schaffen. Ich hätte nach Peking auch sagen können: "Ok, das war's. Das war meine größte Chance." Aber dafür bin ich einfach nicht der Typ. Jeder geht mit Rückschlägen anders um – für mich war aber klar: Jetzt erst recht, ich gebe alles, was in mir steckt, um die Goldmedaille vier Jahre später zu holen. Damals habe ich auch gelernt, auf meinen Körper zu hören, denn ich hatte einfach ein bisschen zu viel gemacht.

Vier Jahre später hat es dann in Rio de Janeiro geklappt. In einem Moment kamen alle Erfahrungen zusammen, die ich in meiner Karriere bis dahin gemacht hatte. Das heißt: Ehrgeiz ist das Eine, aber Durchhaltevermögen ist noch wichtiger. Als Sportler bist du immer ehrgeizig. Aber durchzuhalten, egal in welcher Situation, ist mit das Schwierigste.

Ich bin sehr dankbar, dass ich mit meiner Familie immer ein tolles Team hinter mir hatte: meinen Papa als Trainer, meinen Onkel Bruno als Mental-Coach, meine Mama im Hintergrund, die alles andere organisiert hat, und meinen Bruder, der als Sportler auch immer ein Vorbild für mich war. Mein Umfeld hat sehr viel dazu beigetragen, dass ich immer am Ball geblieben bin.

Es gab eine Zeit, in der Sie durch die Aussagen mancher Kollegen Ihrer Mannschaft in eine Außenseiterrolle gerieten und in den Medien der Anspruch formuliert wurde, Sie vom Turn-Olymp zu verdrängen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich sage immer: Neid muss man sich hart erarbeiten. Trotzdem ist es anstrengend, mit neidischen Leuten umzugehen: Ich habe den Sport gemacht, weil ich ihn liebe, habe für meine Träume vom Olympiasieg alles gegeben, Fleiß und Disziplin investiert. Umso härter ist es dann, wenn in der Presse oder auch persönlich solche Aussagen getroffen werden.

Doch für mich und mein Team war klar, dass es nur einen Weg gibt. Der hieß: zuhause großwerden und nicht aufs Internat gehen. Der hieß: nach dem Abi nicht zu Bundeswehr gehen, wie das viele Leistungssportler machen, sondern sich selbst über die Erfolge, über Sponsoren finanzieren. Damit bin ich unabhängig geblieben und musste mir von niemandem sagen lassen, was ich zu tun und zu lassen habe. Denn letztendlich bin ich der Sportler und weiß am besten, was gut für mich ist. Wenn ich zum Beispiel gemerkt habe, dass es mir an einem Tag dreckig geht und es keinen Sinn macht, zu trainieren, dann bin ich der Turnhalle auch mal ferngeblieben, habe mich erholt und am nächsten Tag wieder weitergemacht. Diese Entscheidungsfreiheit war für mich sehr wichtig.

Andere aber hatten nicht das Privileg, ihr Ding zu machen, haben sich in Abhängigkeiten begeben und waren dementsprechend frustriert, wenn ich gesagt habe: Ich komme nicht ins Trainingslager, weil es für mich gerade keinen Sinn macht, weil ich mich erholen oder auf die Schule konzentrieren muss. So kamen Neid und Eifersucht auf.

Natürlich war es schade, dass wir in der Mannschaft kein so tolles Arbeitsklima hatten: Es hätte das Training und die Vorbereitung angenehmer gemacht. Aber Turnen ist und bleibt eine Individualsportart. Es geht darum, dass jeder Einzelne am Gerät seine Leistung bringt; das wird anschließend addiert und ergibt das Mannschaftsergebnis. Wenn das Team also nicht ganz so harmonisch ist, ist das nicht dramatisch. Letztendlich muss jeder sein Ding machen. Das stand bei mir immer im Fokus.

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