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"Wir sind besser, als wir glauben"

Digitalisierung Mann Start [Quelle: Pixabay.com, geralt]

Quelle: Pixabay.com, geralt

Der Deutschland-Chef von McKinsey erklärt, warum die deutsche Industrie Google, Amazon und Co. Paroli bieten kann. Aber die Digitalisierung stellt die ganze Arbeitswelt auf den Prüfstand.

Der Deutschland-Chef der Strategieberatung McKinsey, Cornelius Baur, verteidigt die deutsche Industrie gegen den Vorwurf, sie treibe die Digitalisierung zu halbherzig voran. Die amerikanischen Tech-Unternehmen Google, Amazon und Facebook beherrschten zwar die großen Schlagzeilen, aber wenn es um die Zukunft der Industrie gehe, zeigten sich noch immer die Stärken der deutschen Unternehmen, die oft mehr im Verborgenen schlummerten. In vielen wichtigen Zukunftsbranchen sei Deutschland führend, vor allem in der Fertigungs- und Automatisierungstechnik.

"Die amerikanischen Plattformen sind gut im Geschäft mit Endkunden", sagt Baur im Gespräch mit dieser Zeitung: "Wenn es aber um die Industrie 4.0 geht, dann guckt die Welt auf Deutschland." Während in Amerika viele Software-Entwickler im Scheinwerferlicht der Internetgiganten arbeiten würden, tüftelten in Europa und speziell in Deutschland ähnlich viele Entwickler eher im Verborgenen in der Industrie bei Autoherstellern und Maschinenbauern, wo sie von der breiten Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen würden, dabei seien das häufig Weltmarktführer in ihren Nischen.

"Wir sind nicht die Opfer der Digitalisierung", sagt Baur, auch wenn dieser Eindruck manchmal entstehe, weil sich amerikanische Unternehmen wie Tesla gerne in ihrer Rolle als Erneuerer feiern ließen. Die große Mehrheit der deutschen Manager habe die Bedeutung der Digitalisierung erkannt, das Thema stehe überall ganz oben auf der Agenda, sagt Baur, der seit fast vier Jahren das Deutschland-Geschäft von McKinsey leitet und seit mehr als 20 Jahren Unternehmen berät, vor allem aus der Automobilindustrie, der Elektronikbranche und im Anlagen- und Maschinenbau.

Der Druck aber wachse, die Digitalisierung stelle auf der ganzen Welt die Geschäftsmodelle fast aller Branchen auf den Prüfstand. Und viele Unternehmen spürten, wie neue Wettbewerber in ihre Domänen vordrängen. "Deutsche Unternehmen haben stark an ihrer Produktivität und Effizienz gearbeitet", sagt der Strategieberater. Immer mehr Maschinen in Fabriken würden mit Sensoren ausgestattet. Die Daten könnten helfen, die Maschinen vorausschauend zu warten. Kleinste Vibrationen könnten vorhersagen, dass bestimmte Bauteile ermüden und besser ausgewechselt werden sollten, bevor es zum Stillstand kommt.

Einen Großkonzern zu verändern ist schwierig

Häme über behäbige deutsche Großunternehmen, die sich nicht schnell genug wandeln würden, hält Baur für unangebracht: "Es ist schwieriger, einen Großkonzern zu verändern, als ein Start-up mit Digital Natives aufzubauen." Gerade für die deutsche Autoindustrie ist Baur "absolut optimistisch". Deren Erfolgsgeschichte sei noch lange nicht zu Ende. Sechs von zehn Patenten zum autonomen Fahren seien in Deutschland angemeldet; die deutschen Hersteller hätten genug Finanzkraft zur Erneuerung, und auch die Fähigkeiten der Mitarbeiter seien vorhanden.

Der Wettbewerb zwischen den großen Unternehmen konzentriere sich immer stärker darauf, wer die Datenflut, die überall anfällt, am besten auswerten kann. Wer wird die darin enthaltenen Schätze heben? "Die Digitalisierung und die Analyse der Datenmassen sind die Waffen im Wettbewerb", sagt Baur. Die deutsche Industrie habe eine gute Ausgangsposition. Zwar werten die amerikanischen Internetgiganten die Datenspuren ihrer Nutzer schon intensiv aus, und sie haben daraus auch lukrative Geschäftsmodelle entwickelt. Aber insgesamt stecke das Geschäft mit der analytischen Auswertung riesiger Datenmengen noch in den Kinderschuhen. Auch in der Industrie fielen große Datenmengen an: "Wir haben dafür die wichtigen Analysemethoden", sagt Baur, darin stecke enormes Potential: "Bislang nutzen die Unternehmen nur ein bis zwei Prozent der Daten, die bei der Nutzung ihrer Produkte anfallen", sagt Baur.

So manches deutsche Industrieunternehmen werde in der Digitalisierung unterschätzt. Dabei sei die richtige Richtung eingeschlagen, viele neue Geschäftsmodelle seien gerade in der Entwicklung. "Das kostet viel Geld", sagt Baur, "aber die Zahlen zeigen, dass die Unternehmen bereit sind, es für Forschung und Produktentwicklung auszugeben." Dafür werden derzeit händeringend Digitalprofis und Mathematiker gesucht, die sich mit der Analyse von Daten auskennen. Dass junge Digitaltalente nur noch zu hippen Start-up-Unternehmen in Berlin oder zu den großen amerikanischen Internetriesen gehen wollten, hält er für eine Mär. Das Bemühen, mehr Gründergeist in Großunternehmen zu holen, lässt sich derzeit tatsächlich vielerorten beobachten: Etliche Unternehmen haben spezielle Räume ("Labs") eingerichtet mit Tischkicker und Lümmelsofa, um etwas Gründeratmosphäre aufkommen zu lassen. Entscheidend sei letztlich etwas anderes: "Wir müssen jungen Digitaltalenten viel Freiraum gewähren", sagt Baur, "und außerdem den Zugang zu den wichtigen Entscheidern im Unternehmen."

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