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Der Weg zum Dax-Vorstand

Mann auf dem Weg zur Arbeit [Quelle: pexels.com, Autor: Andrea Piacquadio]

Quelle: pexels.com, Andrea Piacquadio

Eine exklusive Auswertung von 191 Lebensläufen zeigt: Das klassische Anforderungsprofil an Topmanager verliert an Bedeutung. Worauf es den Dax-Konzernen jetzt ankommt.

Sie sind deutscher Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieur bei einem Dax-Konzern, jünger als 49 Jahre und haben sich in den vergangenen zwölf Jahren bis zur Führungsebene unterhalb der Chefetage hochgearbeitet? Dann zählten Sie zu den aussichtsreichsten Kandidaten für einen Vorstandsposten in der obersten Börsen-Liga, eventuell sogar für den Chefsessel.

Bislang jedenfalls. Doch das klassische Profil neuer Spitzenmanager verliert an Bedeutung. Das zeigt eine Auswertung von 191 aktuellen Vorstandsbiografien der 30 Dax-Konzerne von Adidas bis Volkswagen durch die Personalberatung Odgers Berndtson.

Die wichtigste Erkenntnis des Dax-Reports, der alle zwei Jahre erhoben wird und dem Handelsblatt exklusiv vorliegt: Erstmals wurden von Herbst 2019 bis Frühjahr 2021 mehr neue Dax-Vorstände von außerhalb angeworben als aus den eigenen Reihen befördert. Von den 44 Newcomern ist mit 43 Prozent weniger als die Hälfte ein Eigengewächs der Konzerne.

Das Anforderungsprofil an die Kandidaten befindet sich gerade im rasanten Wandel. Coronakrise, Klimawandel, hybride Arbeitswelt – frische Ideen und neue Kompetenzen sind nötig, um die Herausforderungen zu meistern. Wer sich gestern noch für Kohlekraftwerke engagiert hat, empfiehlt sich nicht für die Energiewende. Wer bislang Dieselautos vermarktete, dem fehlt die Expertise in Sachen grüne Mobilitätskonzepte.

Langsam erweitern die Unternehmen ihren Suchradius.

Katja Hanns-Terrill Geschäftsführerin von Odgers Berndtson

Zu den externen Aufsteigern zählen Sabine Bendiek, neue Personalchefin bei SAP und zuvor Geschäftsführerin von Microsoft Deutschland, und Matthias Heinzel, vormaliger Spartenchef beim Chemiekonzern Dupont, der kürzlich in den Vorstand von Merck gewechselt ist. Katja Hanns-Terrill, Geschäftsführerin von Odgers Berndtson, bestätigt: "Langsam erweitern die Unternehmen ihren Suchradius." Zwar kommen noch immer knapp 80 Prozent der neuen Vorstände aus der eigenen Branche.

Aber statt aus der zweiten Reihe der Konkurrenz in die Chefetage befördert zu werden, könnten neue Dax-Vorstände auch aus dem Mittelstand oder sogar aus Start-ups aufsteigen, sagt Hanns-Terrill. Doch was zeichnet die neue Managergeneration aus? Der Dax-Report zeigt fünf Trends:

Trend 1: Größere Internationalität gewünscht

Der Führungszirkel von Deutschlands größten börsennotierten Unternehmen wird internationaler – und weiblicher. Mit einem Auslandsstudium oder einer Entsendung durch den Arbeitgeber im Lebenslauf allein lässt sich immer seltener punkten.

Rund 40 Prozent der aktuellen Newcomer stammen aus dem Ausland und bringen internationale Berufserfahrungen mit.

Das ist ein Plus von fünf Prozent im Vergleich zu 2019. Insgesamt pendelt sich der Ausländeranteil in den Dax-Vorständen bei 35 Prozent ein.

Davon kommen die meisten Manager aus den USA und Großbritannien, aber auch aus Nachbarländern wie Österreich, Frankreich oder den Niederlanden.

Jeder vierte Neuzugang in der Führungsriege ist eine Frau; 33 Vorständinnen finden sich aktuell. Auch das ist mit 17 Prozent eine leichte Steigerung um drei Prozentpunkte im Vergleich zu 2019.

Jede zweite von ihnen besitzt einen ausländischen Pass. Die prominenteste von ihnen ist Belén Garijo. Die spanische Medizinerin ist seit Mai 2021 Chefin des Pharmakonzerns Merck und die erste Managerin, die diese Position im Dax allein innehat.

Sich aus den Talentpools anderer Länder weibliche Verstärkung zu holen sei zunehmend beliebt, beobachtet Headhunterin Hanns-Terrill. Allerdings ist das nicht immer von Erfolg gekrönt, wie das Beispiel SAP zeigt.

Eine Doppelspitze aus dem deutschen Manager Christian Klein und der Amerikanerin Jennifer Morgan, die zuvor das Nordamerika-Geschäft des Softwarekonzerns geleitet hatte, war 2020 nach nur sieben Monaten gescheitert.

Trend 2: Branchenwechsler willkommen

Ein Viertel der Vorstände mit ausländischer Staatsangehörigkeit sind Quereinsteiger. Zum Vergleich: Bei den deutschen Vorständen ist es nur ein Fünftel, die etwa vom Energiesektor in die Autoindustrie oder von der Konsumgüter- in die Pharmabranche wechseln – und an der neuen Wirkungsstätte Impulse zum Beispiel in Sachen Elektromobilität oder E-Commerce einbringen. Bestes Beispiel der neuen Vorstandsgeneration ist Sarena Lin.

Sie hat vor Kurzem das Personalressort beim Pharma- und Agrochemiekonzern Bayer übernommen. Die Managerin besitzt sowohl die amerikanische als auch die taiwanische Staatsbürgerschaft. Die 50-Jährige kam von Elanco Animal Health; bei dem US-Hersteller von Tiermedikamenten war sie im Executive Committee für die Bereiche "Transformation and Technology" zuständig war. Zuvor arbeitete sie in leitenden Positionen unter anderem bei der Unternehmensberatung McKinsey.

Trend 3: Immer mehr Jobhopper

Gerade Vorstandsneulinge aus anderen Ländern profitieren offenbar von einem unsichtbaren Karriere-Turbo, vor allem wenn sie weiblich sind: Ausländische Führungskräfte insgesamt brauchen durchschnittlich 8,3 Jahre, um sich in einem Unternehmen bis in die Chefetage vorzuarbeiten. Das sind vier Jahre weniger als ihre deutschen Kollegen.

Ausländische Managerinnen sind im Durchschnitt sogar nur sechs Jahre an Bord, bevor sie eine der Top-Management-Positionen angeboten bekommen – nur halb so lang wie deutsche, männliche Vorstandsaufsteiger. Wesentlich jünger sind die Frauen, die es in die Konzernspitze schaffen, allerdings trotz ihrer kürzeren Betriebszugehörigkeit nicht: Das Durchschnittsalter neuer Vorstände beträgt, unabhängig vom Geschlecht, weiter 52 Jahre.

Headhunterin Hanns-Terrill weiß: "Die neuen Vorständinnen haben zuvor ein paar Mal den Arbeitgeber gewechselt, um voranzukommen." Dabei konnten sie den Umstand für sich nutzen, dass etlichen Dax-Konzernen im Mittelbau eigene weibliche Talente fehlen. Geschickte Job-Hopperinnen wie Sarena Lin dürften in Zukunft öfter im Führungszirkel anzutreffen sein. Denn erst 14 der 30 Dax-Unternehmen haben ihre Zielquoten in puncto Frauen auf Vorstandsebene erfüllt. Dem Druck der Quotenregelung folgend, haben Bayer, Deutsche Bank und Eon ihren Frauenanteil im Vorstand seit der letzten Erhebung 2019 aufgestockt.

Zu den Vielfalts-Nachzüglern hingegen zählen Heidelberg Cement, Infineon und Linde sowie Deutsche Wohnen, MTU und Delivery Hero. Das zweite Führungspositionen-Gesetz wird aber auch bei ihnen den Trend zu mehr Vorständinnen beschleunigen: Denn Dax-Unternehmen mit mehr als 2000 Mitarbeitern müssen künftig mindestens eine Frau in ihren Vorstand berufen, falls ihr Gremium aus mehr als drei Personen besteht. Ansonsten drohen Strafen.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, befürwortet diese erweiterte Frauenquote: "Auch die Unternehmen werden letztlich davon profitieren, denn viele Studien zeigen, dass diverse Vorstände erfolgreicher sein können, vor allem, um die wichtige Transformation der deutschen Wirtschaft voranzubringen", sagte er dem Handelsblatt.

Trend 4: Naturwissenschaftlerinnen auf dem Vormarsch, Auslaufmodell Jurist

Egal, ob Frau oder Mann – ein Studium der Wirtschaftswissenschaften ebnet Kandidaten den Weg in die Chefetage eines Dax-Konzerns immer noch am besten. Zwei Drittel der Männer und 55 Prozent der Frauen im obersten Führungskreis haben dieses Fach studiert. Dagegen zählen Juristen, aber auch Ingenieure eher zu den Auslaufmodellen. Der Anteil der Rechtsexperten geht seit 17 Jahren stetig zurück auf aktuell sieben Prozent.

Und nur noch 13 von hundert Vorständen sind Ingenieure – allesamt Männer. Überrascht ist Personalberaterin Hanns-Terrill von der Tatsache, dass "trotz der umfassenden digitalen Transformation Informatiker im Vorstand der Dax 30 kaum eine Rolle spielen". Mit dem Vormarsch der weiblichen Managerinnen ändert sich jedoch der akademische Background der Vorstände weiter: Nach einem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften prädestiniert sie am zweithäufigsten ihr naturwissenschaftliches Studium für den Sprung an die Konzernspitze.

18 Prozent haben Mathematik, Physik oder Chemie studiert, bei den Männern sind es nur elf Prozent. Die promovierte Physikerin Victoria Ossadnik, beim Energiekonzern Eon zuständig für die IT-Strategie, Mathematikerin Renate Wagner, Personalchefin der Allianz, oder auch die promovierte Chemikerin Melanie Maas-Brunner als Chief Technology Officer von BASF zählen zur neuen Riege der Naturwissenschaftlerinnen in den Führungsgremien.

Trend 5: Doktortitel kein Muss mehr

Weniger Wissenschaftlichkeit, mehr praktische Erfahrung scheint die Forderung der Aufsichtsräte an neue Vorstandsmitglieder: Seit 2005 ist der Anteil der Doktoren unter den Spitzenmanagern um zwei Drittel auf aktuell 27 Prozent gesunken.

Erstmals seit Beginn der Auswertung haben unter den Vorstandsneulingen ebenso viele promoviert, wie einen Master of Business Administration (MBA) vorweisen – jeweils ein Viertel. Zu ihnen zählt wiederum Bayer-Personalchefin Sarena Lin. Neben ihren Abschlüssen in Computerwissenschaften und internationalen Beziehungen hat sie einen MBA der Elite-Universität Yale.

Kommilitonen aus aller Welt, reale Fallbeispiele im Unterricht, Professoren mit starken Wirtschaftsbeziehungen: Das alles macht MBA-Studiengänge attraktiv. Headhunterin Hanns Terrill erklärt die Beliebtheit so: "Neben der nachlassenden gesellschaftlichen Anerkennung der Promotion vor allem im Bereich der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften sprechen der Praxisbezug und die besseren Möglichkeiten, den zusätzlichen akademischen Abschluss parallel zum Berufsleben zu erwerben, für den MBA-Titel."

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