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Wie funktioniert Führung in Politik und Wirtschaft?

Das Vorurteil besagt: Die Politik richtet sich nach Meinungsumfragen wie der Manager, der nur auf den Aktienkurs starrt.

DE MAIZIÈRE Das mag kurzfristig so sein, aber mittelfristig werden die gewählt, die längerfristige Konzepte verfolgen. Andererseits: Wenn man Meinungsbilder der Bevölkerung vollständig ignoriert, dann ist man in der Demokratie nicht gut aufgehoben. Das ist kein Plädoyer für Zeitgeistrittertum. Aber Sie können nicht alle Fragen gegen die Mehrheit der Bevölkerung entscheiden. Das wird außerhalb der Politik wenig verstanden.

Es gibt Gegenbeispiele wie die Agenda 2010, die Gerhard Schröder als Kanzler gegen eigene Partei und Demoskopie durchgesetzt hat.

DE MAIZIÈRE Stimmt. Auch die Rente mit 67 ist stabil gegen eine Mehrheit der Bevölkerung entschieden worden, trotzdem halte ich sie für richtig. Die Kernenergie hatte vermutlich nie eine Mehrheit hinter sich, der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr genauso wenig, Steuererhöhungen haben wahrscheinlich überhaupt nie die Zustimmung der Mehrheit. So etwas müssen Sie auch durchsetzen können. Die Gelehrten erkennen darin den Unterschied zwischen Politik und Staatskunst. Aber Sie können das nicht immerzu und unentwegt machen.

KLEY Die Meinungsumfragen kann man durchaus mit dem Aktienkurs in der Wirtschaft vergleichen. Ich habe mir das tägliche Auf und Ab der Börse oft gar nicht mehr angeschaut. Mein Interesse galt immer der langfristigen Wertschöpfung im Unternehmen. Ich brauche auch keinen Hedgefonds dafür zu erkennen, was richtig und was falsch ist. Manchmal können Sie bewusst andere Entscheidungen treffen, als die Aktionäre es sich gerade wünschen. Allerdings sollten Sie im Nachhinein auch recht damit behalten, sonst wird es eng. Aber kontinuierlich gegen den Willen der Aktionäre zu handeln, das geht nicht.

Ihre Interpretation von Führung ist eher altmodisch, fast militärisch, Sie reden von klaren Hierarchien und Verantwortlichkeiten. Ist das nicht das Gegenteil von dem, wie die junge Generation heute arbeiten möchte?

DE MAIZIÈRE Die Digitalisierung wird da viel verändern, manche Hierarchiestufen wird es so vielleicht nicht mehr geben. Aber es gibt eine persönliche Verantwortung. Es gibt Mitarbeiter, die wollen zu ihrem Chef aufschauen, die wollen Respekt vor ihm haben. Ich glaube, dass es bestimmte ewig gültige Regeln gibt, dass man sich anständig verhält, dass man die Menschen mag und ihnen respektvoll begegnet, verantwortlich handelt und dass man lobt und tadelt – all das mag altmodisch sein, aber es wird auch in zwanzig Jahren noch eine Erfolgsbedingung guter Führung sein.

KLEY Eigenschaften wie Anstand sind altmodisch und zugleich höchst modern. Verantwortung wird gerade von der jüngeren Generation eingefordert. Haltung, dass man nicht umfällt, wenn der Gegenwind bläst. Diese Werte halte ich für zeitlos und dringend notwendig.

DE MAIZIÈRE Sie können es ja auch anders nennen, damit es nicht mehr so altmodisch klingt. Corporate Social Responsibility, Compliance. Da habe ich nichts dagegen. Aber was sich dahinter verbirgt, ist nicht neu. 

KLEY Was sich ändert, sind Führungstechniken. Was man heute unter Agilität versteht, dass alles schneller und offen sein muss, ist für Entwicklungsprozesse erfunden worden. Dort macht es auch Sinn. Plötzlich muss alles agil sein. Früher hat man durchlässig dazu gesagt. Dieser Unterschied zwischen Haltung und Techniken ist wichtig. Unsere Techniken stehen vielleicht nicht an der Speerspitze der Entwicklung. Unsere Haltung aber, die ist zeitlos modern.

Das Gespräch führten Sebastian Balzter und Georg Meck. 

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