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Wie verändert der Posten den Menschen?

Wer verändert am Ende wen? Das Amt den Menschen oder der Mensch das Amt?

DE MAIZIÈRE Als Führungsperson wird man vom Amt geprägt. Und muss gleichzeitig den Willen haben, das Amt zu prägen. Beides wird nie vollständig gelingen. Es gibt in der Politik so Konvertiten, die wechseln das Amt und vergessen dabei vollständig, dass sie vorher ein anderes Amt hatten. Das ist ganz verdächtig. Davon halte ich nichts. Jedes Amt hat eine bestimmte Kultur, die verändert das Denken. Ein Innenminister denkt eher an Gefahren, ein Außenminister eher an Chancen. Wenn Sie sich vollständig von der Kultur, die Sie vorfinden, unterkriegen lassen, ist das nichts. Wenn Sie sie ignorieren, mit einer Hoppla-jetzt-komme-ich-Attitüde antreten, werden Sie ebenso scheitern.

KLEY Man muss den Anspruch haben, das Amt zu gestalten, auch in Unternehmen. Im Laufe meins Lebens habe ich gelernt, wie schwer das ist: Man prägt etwas, und dann kommt der Nachfolger und wirft alles wieder über den Haufen. Deswegen habe ich mir angewöhnt, Veränderungen nachhaltiger anzulegen, so dass sie nicht mehr rückbaubar waren – oder sie gleich sein zu lassen. Umgekehrt prägt das Amt zweifellos den Menschen: Sie stehen immer im Mittelpunkt, jeder will etwas von Ihnen, aus gutem Grund werden Ihnen Wege erleichtert, das macht etwas mit Ihnen, das können Sie nicht verhindern. Da hilft nur, sich immer wieder selbst zu erinnern: Das gilt dem Amt, nicht dir. Nimm's bloß nicht persönlich, und bleib du selbst. Das ist ganz wichtig, gerade wenn man seine aktive Laufbahn beendet und in den wie immer gearteten Ruhestand geht. Spätestens dann muss man es lernen. Traurig sind die Beispiele, die das nicht können, die nicht verstanden haben, dass der Applaus dem Amt gilt, nicht dem Menschen.

Länger als zehn Jahre sollte man einen Vorstandsposten nicht haben, fordern Sie, Herr Kley. In der Politik sind die Amtszeiten viel kürzer. Ist das gut oder schlecht?

DE MAIZIÈRE Sie müssen das Amt mit der Vorstellung antreten, als würden Sie ziemlich lange Minister bleiben, und zugleich wissen, dass Sie das, was Sie anfangen, als Minister vermutlich nicht mehr erleben. Man muss sich längerfristige Ziele vornehmen und darf nicht beleidigt sein, wenn es plötzlich vorbei ist. Als ich aus dem Innenministerium ins Verteidigungsministerium gewechselt bin, hatte ich einen Tag Bedenkzeit und einen Tag, um zusammenzupacken. Das ist brutal, aber das muss man akzeptieren.

KLEY Da haben wir es besser. Wir erleben als Vorstände oft noch, was aus dem wird, was wir angefangen haben. Ich finde, so sollte es auch sein. Jeder sollte so lange in seinem Job bleiben, dass er auch zumindest einen Teil der Folgen seiner Taten sieht – und nicht ein großes Design hinlegen und dann auf den Nachfolger zeigen, wenn es in die Brüche geht.

Denken Manager und Politiker im richtigen Leben wirklich langfristig? Geht es da nicht um den täglichen Börsenkurs, die nächste Wahl?

KLEY Für die Wirtschaft kann ich sagen, dass dieser Gedanke völlig danebenliegt. Das ist ein Zerrbild. Die meisten Kollegen verfolgen langfristige Ziele, denken an die Institution und nicht nur an sich selbst. In der Chemie- und Pharmabranche ginge das sowieso nicht. Da dauert die Produktentwicklung Jahrzehnte. In Autofirmen geht es auch immer über die Amtszeit eines einzelnen Vorstands hinaus.

DE MAIZIÈRE Es wird immer als Vorwurf formuliert, dass Politiker auf den nächsten Wahltermin schielen. Aber es ist Kern der Demokratie, dass es keine ewige Amtszeit gibt, dass die Bevölkerung eingreifen kann. Auch wird der Wunsch, wiedergewählt zu werden, oft als unanständige Form der Aufgabenvernachlässigung angesehen. Dabei ist es nun mal so in der Demokratie, dass ein Amt auf Zeit vergeben wird – und dass derjenige, der es innehat, auch wiedergewählt werden möchte. Dass die Opposition das krasse Gegenteil zu erreichen versucht, gehört dazu. Es darf nur nicht zum alleinigen Ziel werden, wiedergewählt zu werden, egal um welchen inhaltlichen Preis. Das führt dann weder zu guter Politik noch zu guter Führung – und man wird auch nicht wiedergewählt. Nach 28 Jahren Regierungserfahrung behaupte ich für die ganz große Mehrheit meiner Kollegen: Dass da einer sitzt und nichts weiter tut, als sich ans Amt zu klammern, das habe ich nur ganz ausnahmsweise erlebt.

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