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Das virtuelle Klassenzimmer

Mann, Laptop, Sofa, E-Learning, Homeoffice [Quelle: unsplash.com, Autor: Linkedin Sales Navigator]

unsplash.com, Linkedin Sales Navigator

In Zeiten des krisenbedingten Stillstands sind die Deutschen bildungswilliger als je zuvor. Doch wer ist der individuell richtige Anbieter? Das Handelsblatt verrät, worauf es ankommt.

Morgens betritt Mike Große im Nadelstreifen-Anzug und blauer Krawatte das Gebäude. Punkt 8 Uhr beginnt für den Banker der nächste Unterricht seiner halbjährigen Schulung zum Social Media Manager. Im Foyer trifft Große zwei Mitglieder seiner Projektgruppe, mit denen er sich für zehn Uhr verabredet, um am gemeinsamen Kommunikationskonzept für ein Start-up zu tüfteln – da wird das Trio plötzlich in den Klassenraum in der ersten Etage gebeamt.

Richtig gelesen: gebeamt. Denn wer sich da trifft, sind die Avatare der Kursteilnehmer des Weiterbildungsanbieters WBS. Sie bewegen sich zu Hause am Computerbildschirm durch ein virtuelles Schulungszentrum. Ihr Seminarleiter kann per Mausklick alle digitalen Figuren der angehenden Social Media Manager in einem Raum versammeln, etwa zu seiner morgendlichen Auftaktlektion. Kleiner Vorteil: Meist sind alle pünktlich. Denn wer sich verspätet, muss mit seinem Avatar an allen anderen vorbeigehen. WBS-Chef Joachim Giese weiß: "Und das ist in der 3D-Welt genauso peinlich wie im echten Klassenraum."

Knapp 560 Kurse mit rund 8.000 Teilnehmern laufen derzeit bei WBS in der simulierten Schulungsumgebung. Tendenz: steigend. Anzug und Krawatte oder Jeanshemd, Brille, Mütze – jeder Besucher der WBS-Akademie gestaltet seine Figur, wie es ihm gefällt. Das eigene Gesicht lässt sich per Videokamera über dem Avatar einblenden. Auf diese Weise lassen sich echte Gespräche führen, ob Smalltalk im Foyer oder bei der gemeinsamen Arbeit am Projekt. Große ist begeistert vom virtuellen Campus des größten deutschen Bildungsanbieters. "Das ist keine technische Spielerei, sondern dahinter steckt ein ganzheitliches Lernkonzept." Sein Urteil zählt, im Laufe seiner Karriere als Führungskraft in der Finanzwirtschaft hat er einige klassische Seminare absolviert.

Virtuelle Weiterbildung wird derzeit stark nachgefragt. Knackten die rund 250 am deutschen E-Learning-Markt tätigen Unternehmen 2018 die Marke von einer Milliarde Euro Jahresgesamtumsatz, lassen die Folgen der Corona-Pandemie die Web-Trainings erst so richtig boomen.

Fit für die Arbeitswelt nach Corona wollen viele werden. Erst recht diejenigen, die unter Kurzarbeit leiden oder von Kündigung betroffen sind. Ihnen allen bietet sich die Chance, sich von zu Hause mit digitalen Arbeitsweisen vertraut zu machen und neues Wissen zu erwerben. "Eine Riesen-Bildungswelle schwappt gerade über Deutschland", sagt Ulrich Schmid, Geschäftsführer des MMB Instituts in Essen, der die deutsche E-Learning-Wirtschaft aufmerksam beobachtet. Die Zugriffszahlen auf das Angebot an Onlinelektionen kommerzieller Schulungsanbieter sind im Schnitt um 30 Prozent seit Ausbruch der Krise gestiegen, schätzt Schmid.

Einsatz von KI

IT-Themen stehen für viele Interessenten ganz oben auf der Liste. Aber auch praktische Führungsfragen in Coronazeiten sind beliebt. Stephan Gingter ist Präsident des Berufsverbands für Training, Beratung und Coaching (BDVT) in Köln. Er weiß, dass es vielfach vor allem darum geht, sich Know-how anzueignen, um aus der Ferne zu führen: Wie etwa lassen sich Teamgeist und Motivation erzeugen? Oder mehr über agile Arbeitsmethoden wie Selbstorganisation erfahren. Gingter schildert: "Die Veränderung wird als Chance gesehen, und Führungskräfte wollen wissen, wie sie die Eigenverantwortung ihrer Mitarbeiter stärken können und sich vernetzte Arbeit realisieren lässt." Angesichts des wegbrechenden Seminargeschäfts in Hotels und Tagungszentren warnt er aber auch: "Das Risiko ist gerade groß, dass Weiterbildungsanbieter analoge Inhalte nur in digitale Hüllen packen."

Wie aber lässt sich die jeweils passende Online-Fortbildung finden? Zumal die Formatfülle groß, das Angebot somit riesig ist – vom Podcast eines Fachautors bis zur Vorlesung aus dem Hochschul-Hörsaal. Auch die Preisspanne variiert von kostenlosen Angeboten bis zu mehreren Tausend Euro pro Modul – etwa für einen akademischen Ab-schluss an einer Privatuni (siehe Checkliste).

Zumindest was kostenpflichtige E-Learning-Angebote betrifft, hilft ein Blick in die Datenbank der staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU). Unter www.zfu.de finden sich aktuell 3.700 zugelassene Fernlern- und Fernstudienangebote. "Die sind fachlich und didaktisch geeignet", sagt Sarah Widany, Abteilungsleiterin beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE). Die Expertin schränkt aber ein: "Nur weil geprüftes Onlinetraining draufsteht, ist der Erfolg nicht garantiert."

Dass die Trainingsnachfrage derzeit groß ist, macht sich auch auf den externen Trainingsplattformen von SAP bemerkbar. Seit die rund 50 SAP-Bildungszentren weltweit wegen des Coronavirus geschlossen sind, geht es online hoch her. Michaela Lämmler, Chefin der externen SAP-Schulungsplattform für Kunden und Partner, hat das Trainingsangebot gerade für jedermann online gratis zugänglich gemacht.

Momentan lernen auf "open SAP" bereits rund 950.000 Menschen weltweit virtuell. Vor allem geht es um den Erwerb von IT-Wissen. Bis zu 10.000 Menschen gleichzeitig verfolgen jeweils die aufgezeichneten Vorlesungen zu Robotik, Java-Programmierung oder Blockchain-Technologie. Der Mix aus Solidarität und geschicktem Marketing lohnt sich für das Dax-Unternehmen. In der Walldorfer Zentrale des Softwarekonzerns kursieren derzeit Wetten, wann sich der Millionste Teilnehmer registrieren lässt.

Eva Zauke ist als Chief Knowledge Officer zuständig für die Wissensvermittlung. Sie weiß, dass Mitarbeiter in der Coronakrise vor allem so etwas wie einen Notfallkoffer benötigen. "Wir müssen besonders Führungskräfte schnell befähigen, von zu Hause aus ihr Team zu leiten." Und weil ein Bild oft mehr als 1.000 Worte sagt, werden Mitarbeiter mit akuten Fragen zu Führung, Sicherheitsthemen oder Richtlinien zum Arbeitsschutz auf der zentralen Weiterbildungsplattform zu verschiedenen Videoclips geführt. "Hier gibt es die Kernbotschaften in je fünf Minuten. So sitzt der Mitarbeiter nicht stundenlang vor dem Monitor, um zu erfahren, was er wissen muss", sagt Zauke. Auf ein leicht verdauliches Bildungshäppchen im Comic-Stil folgt etwa noch eine kurze Frage mit drei Antwortmöglichkeiten. Kurzcheck: alles verstanden?

Wer dann mehr wissen möchte, für den steht weiterführendes multimediales Material zur Verfügung: von den Grundlagen der Motivationstheorie bis zum Trainingsvideo zur empathischen Gesprächsführung.

Apropos passender Schwierigkeitsgrad und Vertiefung: Einen neuen Weg geht die Haufe-Akademie mit ihrem "Learning Experience"-Angebot, kurz LXP. Maschine statt Mensch lautet das Konzept dahinter. Will heißen: Während klassische Plattformen Fortbildungswilligen Kurse zuweisen, die ein Personalentwicklungsprofi als passend für sie erachtet, kommt bei LXP Künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz.

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