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Bewerbung vom Ghostwriter

Schreibtisch Tastatur Ghostwriting [Quelle: Unsplash.com, Autor: rawpixel]

Quelle: Unsplash.com, rawpixel

Der Arbeitsmarkt erholt sich, doch Jobsuchenden fällt es schwer, sich richtig zu bewerben. Agenturen bieten an, die komplette Bewerbung anzufertigen. Doch verbessert das wirklich die Chancen?

Stefan Gerth macht gern das, wovor es vielen Jobsuchenden graut: Bewerbungen schreiben. Er und sein Team verfassen und formatieren jeden Monat 800 Anschreiben und Lebensläufe. Gerth ist Gründer der Agentur Die Bewerbungsschreiber und bringt im Namen von Angestellten, Ingenieuren, Vertrieblern, Chefärzten oder Managern zu Papier, warum gerade sie der beste Kandidat für die offene Stelle sind. "Wir sind überzeugt, dass Bewerber durch uns eine höhere Chance haben, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden", sagt Gerth.

Die Zahl seiner Kunden ist durch Corona um ein Fünftel gestiegen. Auch die Konkurrenz profitiert: Schließlich mussten in der Krise viele Beschäftigte durch Entlassungen ihren Job wechseln. Und derzeit wollen sich viele neu orientieren, auch weil die Firmen wieder vermehrt einstellen.

Ob Entlassung oder Neuorientierung: "Vielen Bewerbern fällt es schwer, die nötige Klarheit über ihre Berufserfahrung im Lebenslauf zu schaffen und ein Anschreiben zu verfassen, das neugierig auf den Menschen hinter einer Bewerbung macht", sagt Bernd Slaghuis, Karrierecoach aus Köln. Ghostwriter versprechen Abhilfe: mehr Qualität, weniger Standardphrasen.

Doch können Bewerbungsservices das leisten? Kommen Jobsuchende so noch glaubwürdig rüber? Welche Anbieter gibt es und was kostet das Ganze? Das Handelsblatt gibt Antworten.

Welche Anbieter gibt es – und wie erkenne ich einen guten?

Wer nach Bewerbungsservices sucht, findet zahlreiche Dienstleister mit ähnlich klingenden Namen. Zu den Bekannten zählen Die Bewerbungsschreiber, Richtiggutbewerben.de, Online-Bewerbungsportal, Gekonnt Bewerben, Bewerbungsservice.de oder TT-Bewerbungsservice.

Bei Richtiggutbewerben verfassen 30 Ghostwriter pro Monat nach eigenen Angaben eine "deutlich vierstellige" Zahl an Bewerbungen. Die Bewerbungsschreiber lassen von 30 Experten rund 800 anfertigen. Beim Online-Bewerbungsportal sind es sechs Personen, die monatlich 80 Unterlagen schreiben. Till Tauber von TT-Bewerbungsservice arbeitet allein als Freiberufler und schafft "eine mittlere zweistellige Zahl".

Zu den Ersten im Markt zählen Die Bewerbungsschreiber aus Bochum, die Gerth 2012 gründete. Bundesweit bekannt wurde der Düsseldorfer Anbieter Richtiggutbewerben vergangenes Jahr, weil die Gründer in der TV-Show "Die Höhle der Löwen" Carsten Maschmeyer von einem Investment überzeugten.

Der Bewerbungsexperte Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader rät zu Anbietern, die länger im Markt sind und es ermöglichen, persönlich mit dem Ghostwriter zu sprechen. "Gute Dienstleister bieten mindestens eine Verbesserungsrunde an." Kunden sollten die Anbieter fragen, in welchen Branchen sie sich auskennen.

Wie funktionieren Bewerbungsservices?

Jobsuchende müssen auf den Portalen zumindest ihren Lebenslauf und die Stellenanzeige hochladen, für die sie sich interessieren. Dann schreiben die Profis los. "Das ist so einfach wie online Essen bestellen", sagt Bilal Zafar, CEO von Richtiggutbewerben. Bei TT-Bewerbungsservice müssen Klienten auch Fragebögen zum Werdegang und zur Bewerbungsmotivation ausfüllen. Bei vielen Anbietern können die Kunden direkt mit dem Ghostwriter sprechen.

Gründer Gerth empfiehlt das: Je mehr Informationen der Kunde liefere, desto passgenauer könne man die Bewerbungsunterlagen anfertigen. Richtiggutbewerben will die Unterlagen nach drei Tagen liefern, das Online-Bewerbungsportal und Die Bewerbungsschreiber brauchen in der Regel vier, TT-Bewerbungsservice fünf Tage. Einige Dienstleister bieten auch einen 24-Stunden-Service an.

Viele ermöglichen eine Feedbackschleife: Der Kunde kann Anmerkungen zu Inhalt und Design machen, die Überarbeitung dauert dann ein bis zwei Tage. Die Anbieter liefern die Unterlagen bei Bedarf auch in englischer Sprache. Jobsuchende erhalten die Bewerbung als PDF-Datei und Word-Dokument, die sie dann auch für andere Bewerbungen weiter anpassen können. "Meinen Service sehe ich vor allem als Hilfe zur Selbsthilfe", sagt Anbieter Tauber.

Die Unterschiede liegen im Detail: Das Online-Bewerbungsportal und Die Bewerbungsschreiber optimieren den Lebenslauf auch für sogenannte CV-Parser – mit diesen Programmen sortieren immer mehr Firmen eingegangene Bewerbungen automatisiert vor. Bei Richtiggutbewerben können Kunden 30 Tage lang beliebig oft Änderungen vornehmen lassen. Zudem bekommen sie das Lieferdatum schon bei der Bestellung genannt.

Ist es legitim, wenn Manager einen solchen Service nutzen?

Auch Manager brauchen in Bewerbungsfragen Nachhilfe. Oftmals falle es erfahrenen Führungskräften sogar schwerer, die Vergangenheit aussagekräftig und gut strukturiert aufs Papier zu bringen, als dem Berufseinsteiger, sagt Coach Slaghuis. Je nach Anbieter sind 20 bis 40 Prozent der Kunden Manager. "Führungskräfte schätzen an unserer Dienstleistung, dass wir auf dem neuesten Stand der Bewerbungserstellung sind", sagt Dirk Hanusch, Geschäftsführer des Online-Bewerbungsportals.

Konkurrent Tauber ergänzt, dass Manager froh seien, eine "unparteiische Perspektive" auf die Unterlagen zu bekommen. Er erhalte häufig Lebensläufe mit 15 Seiten. Das rufe bei keiner Personalabteilung Begeisterung hervor – "so kompetent und motiviert der Mensch hinter den Dokumenten auch sein mag".

Richtiggutbewerben-Chef Zafar erklärt, Führungskräfte seien es gewohnt zu delegieren – "auch die Erstellung ihrer Bewerbung". Und Bewerbungsprofi Gerth beobachtet, dass gerade Manager keine Zeit dafür hätten, eine Bewerbung zu verfassen. "Viele unserer Kunden wie Ingenieure oder ITler haben auch keinen Bezug zur Sprache, und es fällt ihnen schwer, über sich selbst zu schreiben."

Was kostet die Bewerbung vom Ghostwriter?

Die Preise staffeln sich nach der beruflichen Erfahrung: Für Azubis und Berufsanfänger liegen sie niedriger als für Manager. Bei Richtiggutbewerben müssen Führungskräfte für Anschreiben, Lebenslauf und Deckblatt 160 Euro zahlen, die Expressbearbeitung kostet 60 Euro zusätzlich. Die Bewerbungsschreiber rufen 200 Euro auf, TT-Bewerbungsservice nimmt 240 bis 300 Euro.

Beim Online-Bewerbungsportal reicht die Preisspanne von 70 bis 1170 Euro. Das teuerste "Complete-Executive-Paket" enthält neben Lebenslauf und Anschreiben die eigene Homepage, eine E-Mail-Signatur sowie die Überarbeitung des Xing- und LinkedIn-Profils. Das ist viel Geld: Allerdings können Bewerber die Ausgaben über die Steuererklärung als Werbungskosten absetzen.

Wie gut ist die Bewerbung der Ghostwriter?

Die Anbieter werben mit hohen Weiterempfehlungsraten und guten Bewertungen ihrer Kunden. Das Online-Bewerbungsportal verspricht, dass durch seine Ghostwriter die Chancen "signifikant steigen". Die Bewerbungsschreiber geben an, dass 75 Prozent der Klienten zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, Richtiggutbewerben spricht gar von 86 Prozent. Vom Werbeversprechen bleibt in der Praxis nicht so viel übrig: Bewerbungsexperte Hesse hat vor einiger Zeit die Unterlagen von Richtiggutbewerben und Die Bewerbungsschreiber getestet.

Beide seien zwar fehlerfrei, würden die Formalia erfüllen. Doch für Hesse war die Schrift zu klein, die Texte waren ihm zu lang, die Formulierungen zu floskelhaft. "Die getesteten Anschreiben grenzen an Selbstbeweihräucherung. Sie sind blutleer und zeigen keine echte, glaubwürdige Begeisterung des Jobsuchenden", sagt Hesse. Dennoch schätzt er die Chance, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, als gar nicht so schlecht ein.

Die-Bewerbungsschreiber-Gründer Gerth habe die Kritik ernst genommen, sagt er. Aber: "Es gibt keine Bewerbungsbibel, die sagt, wie es gemacht werden muss. Wir glauben, dass wir den richtigen Weg gewählt haben, aber davon wird sich nicht jeder Experte überzeugen lassen."

Karrierecoach Slaghuis berichtet von Klienten aus seinen Coachings, mit denen er die Unterlagen von Bewerbungsservices überarbeiten müsse, weil sie nicht zum neuen Job geführt hätten. Einige könnten sich mit den Unterlagen und den Formulierungen nicht richtig identifizieren. Fazit: Bewerbungsservices sind eine erste gute Hilfe, sollten vom Bewerber selbst aber kritisch hinterfragt und angepasst werden.

Wie kommt die Bewerbung vom Profi bei Personalern und Experten an?

Rechtlich gesehen ist es erlaubt, den Rat von Profis einzuholen. Ein Bewerber dürfe zur Erstellung der Bewerbungsunterlagen fremde Hilfe in Anspruch nehmen, sagt Arbeitsrechtler Alexander Bredereck aus Berlin. Solange der Ghostwriter nicht übertreibe, sei das kein Täuschungsversuch.

Der Berliner Bewerbungsexperte Hesse vergleicht die Unterstützung durch einen Bewerbungsservice damit, einen Handwerker zu beauftragen oder zum Friseur zu gehen. "Warum sollte man sich bei einer Bewerbung nicht der Hilfe eines Profis bedienen dürfen?"

Karrierecoach Slaghuis dagegen ist skeptisch: "Die intensive Selbstreflexion und Beschäftigung mit dem eigenen Lauf des Lebens ist viel entscheidender, als am Ende das perfekt formulierte und chic designte Dokument zu kaufen." Jede Bewerbung sollte neben Fachwissen und Berufserfahrung auch ein erstes Bild der Persönlichkeit vermitteln. "Ein Bewerbungsschreiber, der mit standardisierten Textbausteinen arbeitet, kann dies nicht leisten."

Auch einige Personaler sehen die Arbeit von Ghostwritern kritisch. Spätestens beim Vorstellungsgespräch falle auf, wenn die Bewerbung nicht selbst geschrieben sei, sagt Thomas Lurz, Personalchef der Modefirma s.Oliver. Sich helfen zu lassen sei in Ordnung. Doch "die komplette Bewerbung schreiben zu lassen empfinde ich eher als schlechtes Signal".

Um solche Reaktionen zu vermeiden, sollten Jobsuchende nicht zugeben, dass ein Profi die Unterlagen angefertigt hat, sagen Fachleute. Experte Hesse rät Bewerbern, gelassen zu reagieren und etwa zu antworten, dass ein befreundeter Personaler über die Unterlagen geschaut habe. Bewerbungsschreiber Gerth sieht das naturgemäß anders: "Wer 200 Euro für seine Bewerbungsunterlagen ausgibt, zeigt dem Personaler doch, dass er den Job unbedingt haben will."

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Der nächste logische Schritt. Mittlerweile wird man ja dazu getrieben mehr Zeit für Bewerbungsunterlagen zu investieren als sich für den eigentlichen Job zu qualifizieren. Warum soll man Tage für Bewerbungsworkshops verbringen, nur für eine Bewerbung? Der Mehrwert für den neuen Chef ist null, ich lerne dabei nichts was mir im Beruf weiterhilft. Dann doch einfacher jemanden damit bezahlen. Wenn's passt, braucht man's ja nur ein mal im Leben.

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