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Pendeln ohne Ende

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Immer mehr Menschen nehmen lange Wege zur Arbeit auf sich. Aber viele schlittern unüberlegt ins anstrengende Pendlerdasein hinein. Dabei lohnt es sich, klug mit dem Arbeitgeber zu verhandeln. Denn von gesunden und zufriedenen Pendlern haben beide Seiten etwas.

Rund 16 Jahre ist sie gependelt, an vier Tagen in der Woche. Der ICE brauchte für die 230 Kilometer von ihrem Wohnort bis zu der Stadt, wo sich das Unternehmen befindet, etwa 70 Minuten. Hinzu kamen jeweils der Weg zum und vom Bahnhof, alles in allem mehr als zwei Stunden je Strecke. Wenn alles glatt lief, stand sie morgens um halb fünf auf und kehrte um 20 Uhr nach Hause zurück. Manchmal tobte aber auch ein Unwetter und sorgte dafür, dass ihr Zeitplan durcheinandergeriet. Oder ein Notarzteinsatz führte dazu, dass der Zug verspätet einlief.

Sie war als Beraterin in der freien Wirtschaft tätig. Seit kurzem ist sie in Altersteilzeit und froh darüber, dass sie nun nicht mehr so viel unterwegs ist. Denn je älter sie wurde und je länger sie pendelte, desto stärker spürte sie die Folgen. Jetzt kann sie entspannt über die Zeit erzählen. Ihren Namen möchte sie dennoch nicht in der Zeitung lesen, nennen wir die Beraterin deshalb einfach Frau Gerling. Mit den Jahren wurde Frau Gerling hochempfindlich gegenüber den kleinsten Störungen ihres perfekt durchorganisierten Lebens. Lange Zeit hatte sie ja morgens im Zug noch am Laptop gearbeitet und auf der Rückfahrt Krimis gelesen. "Von der ständigen Belastung taten mir die Augen weh", sagt sie. Das ist jetzt besser. Langsam lassen auch die anderen chronischen Beschwerden nach, die Kopfschmerzen, die andauernde Müdigkeit, die Unfähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren.

Andere Berufspendler schlafen schlecht oder haben Rückenschmerzen vom vielen Sitzen. Lange Wege zum Arbeitsplatz seien gerade für Ältere anstrengend, sagt Anette Haas vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dem wissenschaftlichen Arm der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Die Volkswirtin beschäftigt sich seit langem mit Pendlerströmen.

Vor allem die Hochqualifizierten nehmen lange Wege auf sich

Laut Statistischem Bundesamt haben diese zugenommen - seit 2004 um 11 Prozent. Wirtschaftlich starke Regionen wie München, Stuttgart, Mannheim, Frankfurt am Main, Hamburg und das Ruhrgebiet ziehen viele Pendler an. Es seien vor allem die Hochqualifizierten, die lange Wege zur Arbeit auf sich nähmen, beobachtet Haas: "In dieser Gruppe gibt es auch mehr Fernpendler als unter Menschen mit Berufsausbildung oder ohne Abschluss." Fernpendler haben mehrmals in der Woche einen Arbeitsweg von mehr als einer Stunde oder mehr als 50 Kilometern.

In Ballungsräumen sind die Mieten stark gestiegen. So lebt manche Familie außerhalb von München, weil sie in der Stadt keine bezahlbare Wohnung findet. Früher ließen sich Paare dort nieder, wo der Mann eine passende Stelle gefunden hatte. "Dass mehr Menschen als früher dauerhaft pendeln, liegt auch daran, dass Frauen heute besser ausgebildet sind und sich einen adäquaten Job wünschen", sagt Haas. So war es auch bei Beraterin Gerling. Ihr Partner hat an ihrem Wohnort eine feste Stelle; auch die Kinder sind dort verwurzelt. Doch sie fand keine gutbezahlte Arbeit, die ihrer Qualifikation entsprach. Als sie sich Ende der neunziger Jahre für ein Unternehmen entschied, das 230 Kilometer entfernt lag, galt sie als Exotin. Da war sie schon über vierzig. „Mit fünfzig Jahren nimmt die Bereitschaft zum längeren Pendeln bei Männern und Frauen ab", sagt Haas. "Mit zunehmendem Alter versuchen viele Arbeitnehmer, den Job zu wechseln, um den Arbeitsweg zu verkürzen."

Nicht so Beraterin Gerling. Auch Karriere-Trainerin Melanie Schumacher aus Bonn beobachtet, dass für ihre Kunden Berufspendeln eine Option ist. Sie hat sich darauf spezialisiert, Menschen ab fünfzig zu beraten. Viele ihrer Kunden wollen Stellen im mittleren Management. Diese Posten, für die sie ausgebildet sind, "gibt es nicht mehr in der Fülle, jedenfalls nicht bei angemessener Bezahlung", sagt Schumacher. So suchen manche ihrer Kunden erst mal in der Nähe ihres Wohnortes, bis sie dann einsehen, dass sie flexibler sein müssen. Das kann bedeuten, ein niedrigeres Gehalt zu akzeptieren oder eine andere Form der Anstellung "oder mehrere Tage in der Woche hundert Kilometer pro Strecke zum Arbeitsort zu fahren", sagt Schumacher. "Das ist eine Pille, die sie schlucken."

Nicht einfach ins Pendlerdasein hineinschlittern

Das klingt bitter, dabei kann Pendeln das Leben bereichern. Die Beraterin betont, dass die Arbeit ihr Spaß gemacht hat. "Es ist schön, an zwei Orten zu wohnen und deren Chancen zu nutzen", sagt der Psychologe Valentin Nowotny aus Berlin. Er erzählt von einer Frau, die früher nie Zeit fand zum Handballspielen. Nun lebt sie wegen des Berufs ein paar Tage in der Woche in einer anderen Stadt und hat sich dort bei einem Handball-Verein angemeldet. Nowotny berichtet von Werbefachleuten, denen der Arbeitgeber montags und donnerstags teure Flüge zum Unternehmen und nach Hause finanziert. Die Flüge sind so eine Art Statussymbol - ein Zeichen dafür, wie viel Wertschätzung ihnen entgegengebracht wird. Auch das dürfte zur Zufriedenheit beitragen. "Wer für eine höhere Position engagiert wird, hat mehr Spielraum zum Verhandeln", sagt der Berater und Coach.

Verhandeln lohnt sich. Viele Menschen übersehen das. Sie schlittern einfach so hinein ins jahrelange Pendeln. Sie nehmen eine Stelle an, für die sie umziehen müssten. Nach der Probezeit ziehen sie dann aber doch nicht um. Oder sie sagen spontan und bedingungslos ja zum Pendeln, weil sie vielleicht Angst haben, die Stelle zu verlieren. Dabei müssten sie sich mit den Folgen ihrer Entscheidung auseinandersetzen - mit ihrem Chef, dem Partner oder der Partnerin, den Kindern.

Nach ein paar Wochen oder Jahren finden sie sich im Dauerstress wieder. "Ein deutliches Warnsignal ist, wenn jemand das Pendeln gar nicht mehr ertragen kann", sagt Nowotny. Wenn die Erkältung oder Hautkrankheit gar nicht mehr weggeht, Muskeln und Nervensystem dauerhaft überreizt sind, wenn jeder Tag sich anfühlt wie ein Montag, spätestens dann ist es nach Nowotnys Meinung Zeit, die Situation neu zu bewerten.

Homeoffice-Tage einfordern

Bei Anzeichen eines Erschöpfungssyndroms sollte man den Vorgesetzten um eine Unterredung unter vier Augen bitten. Wer eine Stelle antritt und dafür pendeln muss, sollte die Bedingungen dafür aushandeln, sobald er eine feste Zusage hat. Ansonsten eignen sich Mitarbeitergespräche dazu. Sie finden in vielen Unternehmen regelmäßig statt. Bloß nicht herumjammern, rät Valentin Nowotny. "Stattdessen würde ich sagen: 'Wir sollten jetzt mal darüber sprechen, wie ich meine Arbeitsfähigkeit optimieren kann.'" Davon haben beide Seiten etwas, der Mitarbeiter und das Unternehmen.

Als Frau Gerling Ende der neunziger Jahre ihre neue Stelle antrat, war Pendeln eher ungewöhnlich. "Mein Arbeitgeber betrachtete das als Entgegenkommen", sagt sie. Entsprechend groß war die Bereitschaft zu Zugeständnissen, ohne dass sie dafür in harte Verhandlungen treten musste. Das Unternehmen gewährte ihr den Freitag für Heimarbeit und bezahlte die BahnCard 100 für Freifahrten in ganz Deutschland. "Von jungen Leuten, die jetzt eingestellt werden, wird Pendeln ganz selbstverständlich erwartet", hat Schumacher beobachtet. Dennoch ist es aus ihrer Sicht wichtig, über Zugeständnisse zu sprechen, die den Dauerstress abpuffern. Etwa über den Homeoffice-Tag. Hat das Unternehmen in der Nähe des Wohnortes eine Repräsentanz, könne man anbieten, dort ein oder zwei Tage in der Woche zu arbeiten und nur drei Tage in die weit entfernte Stadt zu fahren.

Viele Kompromisse sind möglich. "Gerade Hochqualifizierte legen Wert darauf, flexible Zeitarrangements auszuhandeln", sagt Anette Haas vom IAB. „Können Überstunden so geleistet werden, dass mal ein ganzer freier Tag herausspringt - statt zweimal vier Stunden abzubummeln? Kann das Arbeitsvolumen so geplant werden, dass etwa am Freitagnachmittag pünktlich Schluss ist?" Beraterin Gerling hatte sich zum Beispiel ausbedungen, dass sie während ihres Urlaubs nicht durch Anrufe und Mails gestört werden durfte, von Notfällen abgesehen. Das klappte auch, und so waren die Ferien ein Kraftquell für sie. "Für Pendler und natürlich für andere auch ist es wichtig, dass sie mal völlig abschalten können", sagt sie. Denn sonst war ihre gesamte Woche durchgetaktet, auch die Freizeit. Termine beim Arzt nur am Freitag, private Besuche nur am Freitag- oder Samstagabend. Den Sonntag hielt sie sich frei, weil am Montag wieder der Wecker schrillte. "Während all der Jahre war ich kaum mal im Theater oder in der Oper", sagt sie.

Einen Ausgleich für das lange Sitzen finden

Gerade für Pendler jenseits der fünfzig kann der Bewegungsmangel zu einem großen Problem werden. Während ihre Kollegen nach der Arbeit noch durch die Straßen schlendern oder schwimmen gehen, quetschen sie sich in beengte Verkehrsmittel. Das viele Sitzen trägt nach Beobachtungen von Valentin Nowotny dazu bei, den Stresspegel weiter zu erhöhen. Berufspendler sollten dagegenhalten, mal eine Station früher aus der S-Bahn aussteigen und laufen, meint er.

Ab und zu mit einem anderen Verkehrsmittel zur Arbeit zu fahren helfe auch, den Pendlertrott zu durchbrechen. "Ich würde mit dem Arbeitgeber aushandeln, dass er eine Mitgliedschaft in einem Fitness-Center bezahlt, am Wohnort und am Arbeitsort", sagt er. "Optimal wäre ein Personal Trainer, der den Mitarbeiter dabei unterstützt, einen Ausgleich zu finden für das lange Sitzen." Solche Leistungen zu finanzieren sei für den Arbeitgeber attraktiver, als ein höheres Gehalt zu zahlen.

Werden in Zukunft also immer mehr Menschen über immer weitere Strecken pendeln? Anette Haas vom IAB hat festgestellt, dass in den vergangenen Jahren auch zunehmend Personen mit Berufsausbildung oder ohne Abschluss lange Arbeitswege in Kauf nehmen. Schon jetzt werden bei Hochqualifizierten die Arrangements immer ungewöhnlicher, steigen Menschen montags ins Flugzeug, um von deutschen Großstädten aus Büros in Brüssel oder Paris zu erreichen. Zu Hause sind sie nur am Wochenende. Anderen sind ihre Familie und ihre Lebensbalance so wichtig, dass sie für ein niedrigeres Gehalt am Wohnort arbeiten. Anette Haas prognostiziert: "Die Mobilitätsbereitschaft wird gerade bei jüngeren Menschen zunehmen, wenn der Job ein gutes Einkommen und Karrierechancen verspricht."

Die ehemalige Beraterin Gerling ist froh über das finanzielle Polster, das sie sich durch das jahrelange Pendeln erarbeitet hat. Ihr neues, ruhiges Leben entschädigt sie für den Dauerstress. Sie war schon mehrmals im Theater und in der Oper. Jetzt will sie eine neue Fremdsprache lernen.

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