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Stress-Test

Kaffee [Quelle: pixabay.com, Stocksnap]

Quelle: pixabay.com, StockSnap

Schneller, höher, profitabler – und neuerdings auch noch achtsamer? Mit immer neuen Rezepten versuchen sich Manager von ihrem täglichen Jobdruck zu befreien. Christian Rickens und Thomas Tuma ergründen, was wirklich hilft.

Selbst Anti-Stress-Profis haben bisweilen Stress. Auch sie müssen in hyperventilierenden Zeiten wie heute immer erreichbar sein. Gerade sie. Als der Kölner Topmanager Frank Behrendt in der vergangenen Sonntagnacht vom Handelsblatt angemailt wird, wann man mit ihm mal über seine Zweitkarriere als Burn-out-Coach und das große Thema Work-Life-Balance plaudern könne, kommt die Antwort innerhalb kürzester Zeit. Um exakt 22.56 Uhr. Behrendt hat ja auch nie gefordert, abends das Handy auszuschalten oder Job und Privatleben strikt zu trennen. Findet er nicht mehr zeitgemäß. "Man muss nur wissen, wo der Aus-Knopf ist." Warum soll man die Arbeit nicht sogar mit in den Urlaub nehmen? Er findet es entspannter, dort zweimal am Tag auf Mails zu antworten, als am Ende der Ferien vor einem Berg unbeantworteter Anfragen zu stehen.

Mit solchen Thesen hat er es in kürzester Zeit zu einigem Ruhm gebracht. Es war im vergangenen Herbst, als der Chef eines Branchenmagazins – Behrendt war da noch Vorstand der Kommunikationsagentur Fischer Appelt – ihn fragte, was er eigentlich für Drogen nehme. Er sei immer so gut drauf, das müsse doch Gründe haben. Und weil Behrendt nicht nur schnell redet, sondern auch schnell denkt, hat er beim Friseurbesuch in seiner Heimat Köln-Rodenkirchen mal eben zehn Gebote zu Papier gebracht. Eine halbe Stunde reichte. Vor ihm war noch eine Dauerwelle dran. "Mach dir jeden Morgen klar, dass wir im Job nur Monopoly für Erwachsene spielen!" stand da zum Beispiel. Also: "Sich selbst nicht so wichtig nehmen." Oder: "Schaff dir Atempausen während des Arbeitstags!" Oder auch: "Abendessen mit Geschäftspartnern minimieren", weil es kaum etwas gebe, was man nicht auch beim Lunch besprechen kann, wodurch man abends wiederum mehr Zeit für die Familie hat. Punkt zehn seiner Liste dürfte überhaupt der elektrisierendste für viele seiner Fans geworden sein: "Liebe deine Familie, deine Freunde, dich selbst und das Leben. Aber nie deinen Job."

Behrendts Ad-hoc-Hilfe verbreitete sich via Netz schneller, als man "viraler Erfolg" buchstabieren kann. Ein 16-jähriger Junge habe ihm zum Beispiel geschrieben, dass sein Vater, ein hohes Tier in einem Dax-Konzern, erst einen Familienrat einberufen und sich seither immer einen Nachmittag in der Woche freigenommen habe für ihn. Von der Mama habe er sogar einen Blumenstrauß bekommen, erzählt Behrendt, als Dankeschön fürs reanimierte Familienleben. Dass Behrendt solche Begeisterung provoziert, kann nicht nur mit seinen Allerweltsweisheiten zu tun haben, sondern ist vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass er ein paar Probleme mal "ganz authentisch, anfassbar und pragmatisch auf den Punkt gebracht" habe, wie er das selbst sieht: "Das sind ja hundert Prozent meine eigenen Erfahrungen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wenn ich die Leute damit ein bisschen zum Nachdenken bringe, ist das doch schon was."

"Dabei haben wir verlernt, einfach mal auf uns selbst zu hören."

In Wahrheit besteht der Stress mit dem Stress ja tatsächlich auch darin, dass wir uns in seine Bewältigung so gerne reinstressen. Dass ständig neue Therapien und Strategien entwickelt werden, von Ausdauersport bis Achtsamkeit, von Powernapping bis Sabbatical-Euphorie.  Und dass man sich mit jedem Trend, dem man blind folgt, womöglich wieder ein Stück weiter selbst aus den Augen verliert. "Wir versuchen, unsere Stressprobleme über den Kopf zu regulieren, über Regeln und kognitive Kontrolle. Dabei haben wir verlernt, einfach mal auf uns selbst zu hören", sagt der auf Führungskräfte spezialisierte Hamburger Psychotherapeut Thorsten Kienast.

Wo der wahre Schlüssel zur Bekämpfung von als belastend empfundenem Stress ja gerade in der Selbsterkenntnis liegt: Was will ich? Was kann ich? Wer bin ich? Im bisweilen schmerzhafteren Umkehrschluss lauten die Fragen: Wer bin ich nicht? Was kann ich nicht? Das Erfrischende an Behrendts steilen Thesen ist ihre radikale Subjektivität. Da hat einer aus seiner Lebenserfahrung als Manager heraus geschrieben, was sich für ihn in seinem Berufsleben gut angefühlt hat – und verstößt damit gegen mindestens ein halbes Dutzend Anti-Stress-Dogmen.

Beispiel Erreichbarkeit: Kaum eine Podiumsdiskussion zum Thema Zukunft der Arbeit kommt ohne barmende Wortbeiträge aus, in denen die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit beklagt wird, der unterschwellige Zwang zur ständigen Erreichbarkeit, die dadurch fehlenden Erholungspausen. Die ersten Konzerne löschen bereits automatisch während des Urlaubs eingehende E-Mails (Daimler) oder schalten die Weiterleitung der elektronischen Post aufs Smartphone nach Dienstschluss aus (Volkswagen). Und da stellt sich einer wie Behrendt einfach hin und schreibt, was Tausende Manager in Deutschland ähnlich empfinden dürften: dass es weniger Stress bereitet, im Urlaub jeden Tag ein paar Minuten E-Mails zu lesen, als zwei Wochen lang nicht zu wissen, was sich während des Urlaubs im Büro so alles zusammenbraut.

Beispiel Motivation: Nach gängiger Lehrmeinung empfindet derjenige Stress als weniger belastend, der Sinn in seiner Arbeit erkennt, sie für wichtig und bedeutend hält. Und Behrendt erklärt für sich mal kurz das Gegenteil für richtig: dass ihm sein Job gerade deshalb so leichtfällt, weil er ihn als Spiel empfindet, als "Monopoly für Erwachsene". Mensch, ärgere dich nicht!

Beispiel Schlaf: Stressmediziner sind sich einig, dass kaum ein Faktor stressbedingte Erkrankungen so sehr beschleunigt wie Schlafmangel. Aber Behrendt hat für sich beschlossen, dass es Wichtigeres gibt als Schlaf, zum Beispiel das gemeinsame Frühstück mit den Kindern. Weshalb er, so behauptet er, im Zweifel lieber mit dem Nachtzug nach Hause fährt, als fern von zu Hause ins Hotel einzuchecken.

Behrendt rührt damit an ein Grundproblem der Stressbekämpfung, das in der Wissenschaft durchaus erkannt wird: Stress ist so individuell wie die Menschen, die ihn erleben. Mit Stress fertigzuwerden erfordert vor allem Selbsterkenntnis durch Selbstreflexion. Doch daran hapert es gerade bei Managern besonders häufig. Manager denken lösungsorientiert: Das Problem soll vom Hof, und zwar pronto. Dieses Bedürfnis wird bereitwillig bedient von einer Betüddelungsindustrie aus Seminaren und Workshops, Medien und Unternehmensberatungen, die unter wechselnden Modebegriffen ebenso wechselnde Patentrezepte gegen den Stress empfehlen. Dabei ist keines dieser Rezepte wirklich falsch. Es ist eher die kollektive Verabsolutierung, in der das Problem liegt.

Wären all die Anti-Stress-Strategien erfolgreich, das Krankheitsbild müsste längst verschwunden sein aus Mitteleuropa wie Pest oder Tollwut. Doch das Gegenteil ist der Fall. In den letzten Jahren hat sich der Stress rhetorisch und medizinisch erst so richtig breitgemacht in unserer Gesellschaft. Die Zahl der Fehltage durch Burn-out ist seit 2005 rapide angestiegen.

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