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Schluss mit Aufräumen!

Schreibtisch Unordnung Chaos [© drubig-photo - Fotolia.com]

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Heute schon das Mail-Postfach aufgeräumt? Und den Schreibtisch? Vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Denn ein ordentlicher Arbeitsplatz gilt zwar als vorbildlich. Aber einige Studien sagen etwas anderes.

Wenn Angela Cooper von ihrem Hang zur Unordnung im Büro erzählt, dann wird es schnell bildlich: "Ich baue einfach gerne Stapel. Papierstapel auf dem Schreibtisch, auf dem Boden, überall", berichtet die 44-Jährige, die seit neun Jahren eine Akademie für die chinesische Kampfkunst-Technik Qigong in Wien führt. "Mittlerweile habe ich das im Griff, aber im Studium war es ganz schlimm. Ich habe zeitgenössischen Tanz studiert, und meine Freunde haben immer gelästert: Angela studiert das nur, damit sie lernt, möglichst elegant über ihre Stapel zu steigen."

In der Tat hatte Unordnung im Arbeitskontext lange Zeit einen denkbar schlechten Ruf: Laut einer vielzitierten Studie des Fraunhofer-Instituts verbringen Angestellte etwa zehn Prozent ihres Arbeitstages damit, nach den richtigen Dokumenten zu suchen oder Störendes aus dem Weg zu räumen. Ordnungssysteme digitaler und analoger Art halten eine ganze Branche am Leben; sogar professionelle Aufräumer gibt es, die Beschäftigte buchen können – zum Grundreinemachen im Büro. Die "Ablage" gilt als lästig, aber auch als tugendhaft. Und mittlerweile mehren sich sogar Bürokonzepte, die überhaupt nur dann funktionieren, wenn Arbeitnehmer jeden Abend ihren Schreibtisch leer räumen – weil sie am nächsten Morgen ganz woanders sitzen könnten. "Desk Sharing" heißt das dann oder "Clean Desk Policy".

Ob aber das Stapeln von Papieren auf dem Schreibtisch oder auch das wahllose Abspeichern von Dokumenten auf dem Desktop und das Nichtlöschen von E-Mails wirklich derart zu verdammen sind, ziehen neue Erkenntnisse immer mehr in Zweifel. Es mehren sich kritische Studien, die der Ordnung und Struktur den Kampf ansagen. Sie propagieren, dass das Aufräumen die Kreativität abwürgt und die Produktivität hemmt.

Wenn die chaotische Umgebung hilft

Psychologen haben Erklärungen dazu gesammelt, warum und wie Unordnung die Menschen in der Arbeitswelt beim Denken unterstützen kann. "In Situationen, in denen man nicht weiß, wie man zu einer Lösung kommen soll, kann es helfen, in einer chaotischen Umgebung zu sein", sagt Siegfried Preiser. Er ist Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin und auf Kreativitätsforschung spezialisiert. "Ideen entstehen leichter, wenn verschiedene Hirnareale miteinander in Verbindung treten. Wenn wir beispielsweise ein Bild auf dem Cover einer herumliegenden Zeitschrift sehen, das überhaupt nicht im Zusammenhang mit dem steht, woran wir gerade arbeiten, kann das gerade deshalb zu einem neuen Einfall führen."

Nicht das Bürochaos an sich sei eigentlich entscheidend, sondern die Assoziationen, die die Unordnung auslösen könne. "Denselben Effekt kann prinzipiell auch ein Spaziergang erzeugen, bei dem ich in der Natur anderen Bildern, Geräuschen oder Gerüchen ausgesetzt bin als im Büro", erklärt der Psychologe. Und es komme auch nicht von ungefähr, dass manche Menschen die besten Ideen unter der Dusche haben. "Weil sie dort im Zweifel über ganz andere Dinge nachdenken als über ihre gegenwärtige berufliche Problemstellung. Probleme, die wir gerade wälzen, sind aber im Hinterkopf immer präsent. Und zack: Stellt sich unter der Dusche eine neue Verknüpfung her, an die wir anderswo nie gedacht hätten."

Den Effekt des unordentlichen Büros konnten die amerikanischen Wissenschaftler Kathleen Vohs, Joseph Redden und Ryan Rahinel von der University of Minnesota auch in einem Experiment zeigen: Von einer Probandengruppe setzten sie die Hälfte in ein aufgeräumtes, die andere in ein unaufgeräumtes Konferenzzimmer. In beiden Zimmern lagen Arbeitsmaterialien auf dem Tisch. Im ordentlichen Raum war alles in Mappen abgeheftet, die am Rand des Tisches in einer Reihe lagen. Im unordentlichen Zimmer lagen Zeitschriften und Papiere wild durcheinander über den ganzen Konferenztisch und auf dem Boden verteilt. Die Probanden sollten sich vorstellen, sie arbeiteten für einen Tischtennisball-Hersteller, der möglichst viele alternative Nutzungsmöglichkeiten für Pingpong-Bälle entwickeln möchte: andere, als einfach nur Tischtennis damit zu spielen. Eine Jury bewertete hinterher die Vorschläge ob ihrer Kreativität – ohne zu wissen, welche Ideen aus welchem Raum stammten. Das Ergebnis: Die Teilnehmer, die in dem chaotischen Zimmer arbeiteten, hatten signifikant mehr kreative Ideen. Auch die meisten von der Jury als besonders ausgefallen bewerteten Ideen stammten von ihnen.

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